ZF Nutzfahrzeuge China : ZF: Wie Chinas Elektro-Lkw-Boom zur Chance für Friedrichshafen wird

ZF LKW blau Testfahrzeug

ZF will sein Geschäft mit Lastwagen und Bussen ausbauen – und sieht im rasanten Aufstieg chinesischer Elektro-Lkw nicht nur ein Risiko für die deutsche Autoindustrie, sondern auch neue Chancen für den Zulieferer aus Friedrichshafen.

- © ZF

Der Friedrichshafener Technologiekonzern ZF will sein Nutzfahrzeuggeschäft zu einer tragenden Säule des Konzerns ausbauen. Schon heute erwirtschaftet die Sparte Commercial Vehicle Solutions (CVS) knapp acht Milliarden Euro Umsatz. Auf seiner aktuellen Unternehmensseite beziffert ZF den Jahresumsatz der Division auf 7,8 Milliarden Euro. Rund 27.000 Menschen arbeiten dort, verteilt auf 60 Produktionsstandorte. Das Portfolio reicht von Antriebs- und Fahrwerktechnik über Bremsen und Lenkungen bis hin zu Fahrerassistenzsystemen und digitalen Lösungen.

Konzernchef Mathias Miedreich machte bei einer Online-Pressekonferenz deutlich, welchen Stellenwert das Geschäft mittlerweile besitzt. Rund ein Fünftel des ZF-Umsatzes entfalle auf die Nutzfahrzeugsparte. Bis zum Ende des Jahrzehnts soll der Umsatz nach seinen Angaben auf etwa neun Milliarden Euro steigen.

Die Bedeutung des Unternehmens im internationalen Lastwagenmarkt beschreibt Miedreich mit einer Beobachtung von einer Reise nach Indien. Er habe dort festgestellt, dass praktisch kein Truck ohne eine Komponente von ZF gebaut werde. Ob Antrieb, Bremssystem, Fahrwerk oder Lenkung: Der Zulieferer ist in zahlreichen Fahrzeugplattformen vertreten.

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ZF kämpft sich mit Nutzfahrzeugen aus dem Pkw-Druck

Die stärkere Konzentration auf das Nutzfahrzeuggeschäft kommt nicht zufällig. ZF steckt seit Jahren in einem tiefgreifenden Umbau und muss zugleich seine Profitabilität verbessern und seine hohe Verschuldung reduzieren. 2025 erzielte der Konzern einen Umsatz von 38,8 Milliarden Euro nach 41,4 Milliarden Euro im Vorjahr. Die bereinigte EBIT-Marge verbesserte sich zwar auf 4,5 Prozent, unter dem Strich stand wegen einer milliardenschweren Sonderbelastung im Bereich Elektromobilität jedoch ein Verlust von rund 2,1 Milliarden Euro. Ende 2025 beschäftigte ZF weltweit gut 153.000 Menschen.

2026 zeigen die Sanierungsmaßnahmen erste weitere Ergebnisse. Bereits im ersten Quartal stieg die bereinigte EBIT-Marge auf 4,7 Prozent. In den ersten drei Monaten erwirtschaftete ZF 9,4 Milliarden Euro Umsatz. Gleichzeitig lag die Nettoverschuldung Ende März weiterhin bei rund 10,2 Milliarden Euro.

Ein Elektro-Lkw als Symbol für den Umbruch im Nutzfahrzeugmarkt: ZF baut sein Geschäft mit Lastwagen und Bussen aus und sieht im Boom chinesischer E-Lkw neue Chancen für den Zulieferer aus Friedrichshafen.

- © ZF

ZF wettet auf Hybrid, Software und schwere Lkw

Das erklärt, weshalb der Konzern Bereiche mit guten Margen und Wachstumsperspektiven priorisiert. Das klassische Pkw-Geschäft soll zwar weitergeführt werden, doch nach Miedreichs Worten verspricht das Geschäft mit schweren Nutzfahrzeugen höhere Margen. Die Zukunft liege deshalb in einer klareren Priorisierung.

Dabei geht es längst nicht mehr ausschließlich um Komponenten für Dieselfahrzeuge. Elektrische Achsen, Hybridantriebe, softwarebasierte Fahrzeugfunktionen sowie integrierte Brems- und Lenksysteme sollen einen immer größeren Anteil des Geschäfts ausmachen.

Warum der Hybrid-Lkw für ZF plötzlich wichtig wird

Nutzfahrzeugvorstand Andreas Moser wirbt dabei ausdrücklich für Technologieoffenheit. ZF arbeitet sowohl an klassischen als auch an hybriden und vollelektrischen Antriebslösungen. Insbesondere dem Hybridantrieb schreibt das Unternehmen für schwere Lkw kurzfristig erhebliches Potenzial zur CO₂-Minderung zu.

Ein Schlüsselprodukt ist das für schwere Nutzfahrzeuge entwickelte Getriebesystem TraXon 2 Hybrid. Nach Berechnungen von ZF auf Grundlage des europäischen VECTO-Verfahrens kann ein Plug-in-Hybrid im Fernverkehr die CO₂-Emissionen um bis zu 47 Prozent reduzieren. Im Verteilerverkehr seien unter geeigneten Einsatzbedingungen sogar Einsparungen von bis zu 73 Prozent möglich. ZF geht zudem davon aus, dass sich die Mehrkosten gegenüber einem Dieselfahrzeug unter bestimmten Bedingungen innerhalb von weniger als zwei Jahren amortisieren können.

Das Unternehmen fordert deshalb, solche Fahrzeuge bei der Lkw-Maut stärker zu berücksichtigen und Technologieprojekte zu fördern. Gerade für Speditionen seien nicht nur die Anschaffungskosten ausschlaggebend, sondern vor allem die Kosten über die gesamte Nutzungsdauer eines Fahrzeugs.

Andreas Moser treibt bei ZF das Geschäft mit schweren Nutzfahrzeugen voran – mit Elektroantrieben, Hybridtechnik und Software für den Lkw-Markt.

- © ZF Friedrichshafen AG

China baut den Elektro-Lkw-Markt um

Derzeit genießen emissionsfreie schwere Nutzfahrzeuge in Deutschland einen besonders großen Mautvorteil. Batterieelektrische und bestimmte wasserstoffbetriebene Fahrzeuge mit mehr als 4,25 Tonnen technisch zulässiger Gesamtmasse bleiben nach Angaben von Toll Collect bis zum 30. Juni 2031 von der Maut befreit. Plug-in-Hybride fallen nicht automatisch unter diese vollständige Befreiung.

Der politische Druck zur Dekarbonisierung wächst zugleich. Nach den verschärften europäischen CO₂-Vorgaben müssen die durchschnittlichen Emissionen neuer schwerer Nutzfahrzeuge gegenüber den jeweiligen Referenzwerten bis 2030 um 45 Prozent, bis 2035 um 65 Prozent und ab 2040 um 90 Prozent sinken.

ZF zwischen China-Druck und neuer Lkw-Chance

Besondere Aufmerksamkeit richtet ZF auf China. Miedreich bezeichnet den Aufstieg chinesischer Unternehmen ausdrücklich als Bedrohung für die deutsche Automobilindustrie. Für einen Zulieferer, der Komponenten unabhängig von der Marke des fertigen Fahrzeugs verkaufen kann, eröffne dieselbe Entwicklung allerdings Chancen.

Wie schnell sich der chinesische Markt verändert, zeigen aktuelle Zahlen der Internationalen Energieagentur IEA. 2025 wurden in China mehr als 400.000 Elektro-Lkw verkauft. Damit entfielen mehr als 90 Prozent der weltweiten Verkäufe elektrischer Lastwagen auf die Volksrepublik. Etwa jeder vierte neu verkaufte Lkw in China war elektrisch. Bei schweren Lastwagen erreichte allein der batterieelektrische Antrieb einen Marktanteil von 28 Prozent.

Die häufig zitierte Aussage, mehr als 30 Prozent aller chinesischen Lkw seien bereits elektrisch unterwegs, wäre deshalb zu weitgehend. Belegt ist vielmehr der sehr hohe Anteil bei den Neuverkäufen, insbesondere bei schweren Lkw. Das International Council on Clean Transportation beziffert den Marktanteil batterieelektrischer schwerer Lastwagen für 2025 ebenfalls auf 28 Prozent beziehungsweise rund 225.000 Fahrzeuge.

Der Elektro-Lkw-Boom, der ZF helfen könnte

Noch bemerkenswerter ist die Struktur des Marktes. Nach Angaben der IEA kamen 2025 fast 30 Prozent der in China verkauften Elektro-Lkw von neuen Herstellern, die gar keine konventionellen Modelle mit Verbrennungsmotor im Programm haben. Zugleich wurden mehr als 90 Prozent der weltweit produzierten Elektro-Lkw in China gefertigt. Das verschafft chinesischen Herstellern bei Batterien, Produktionsvolumen und Lieferketten erhebliche Skalenvorteile.

Genau darin liegt das Risiko für etablierte deutsche Fahrzeughersteller – und gleichzeitig die Chance für einen globalen Systemlieferanten wie ZF. Wenn chinesische Marken Marktanteile gewinnen, kann der Konzern versuchen, auch deren Fahrzeuge mit Bremsen, Lenkungen, Achsen, Antriebstechnik und Software auszurüsten. Bereits heute macht China einen beträchtlichen Teil des ZF-Geschäfts aus: 2025 erzielte der Gesamtkonzern dort einen Umsatz von 5,7 Milliarden Euro.

IAA: In Hannover zeigt ZF, worauf der Konzern jetzt setzt

Wie weit die Hersteller technologisch inzwischen sind, dürfte wenige Tage später auf der IAA Transportation in Hannover sichtbar werden. Die Nutzfahrzeugmesse öffnet vom 15. bis 20. September 2026; der 14. September ist als Pressetag vorgesehen.

ZF will dort nicht nur elektrische und hybride Antriebslösungen präsentieren. In Halle 21 zeigt das Unternehmen unter anderem neue Systeme für automatisiertes Fahren, vernetzte Lkw und Anhänger sowie sichere Software-Updates aus der Ferne. Ein von ZF entwickeltes 360-Grad-Sicherheitskonzept verknüpft Sensorik, Bremsen und Lenkung zu einem Gesamtsystem und soll zugleich die Grundlage für höhere Automatisierungsstufen schaffen.

Damit zeigt sich auch, worauf Miedreich mit seiner Forderung nach Priorisierung zielt. ZF will weniger darauf setzen, welche einzelne Antriebsart am Ende den Markt dominiert. Entscheidend soll vielmehr sein, an möglichst vielen künftigen Nutzfahrzeugplattformen beteiligt zu sein – ob diese vollelektrisch, hybrid oder vorerst noch mit Verbrennungsmotor fahren.

Der rasante technologische Aufstieg Chinas erhöht dabei den Druck auf die deutsche Automobilindustrie. Für ZF könnte er sich zugleich als zusätzliche Geschäftsmöglichkeit erweisen. Voraussetzung ist, dass der Zulieferer seine Technologien auch bei den Herstellern unterbringt, die künftig einen größeren Anteil des Weltmarkts kontrollieren.

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