ZF Friedrichshafen Schulden : ZF gegen den Schuldenberg: Warum der Autozulieferer seine Airbag-Sparte plötzlich behalten will
ZF Friedrichshafen hält vorerst an seiner Sicherheitssparte Lifetec fest. Der verschuldete Autozulieferer stoppt damit die Verkaufspläne für das Geschäft mit Airbags, Gurten und Lenkradsystemen.
- © ZF GroupDer hoch verschuldete Autozulieferer ZF Friedrichshafen vollzieht bei seiner Sicherheitssparte Lifetec einen bemerkenswerten Kurswechsel. Nach mehreren Jahren, in denen ein Verkauf, der Einstieg eines Investors oder ein Börsengang als mögliche Zukunft für das Geschäft mit Airbags, Sicherheitsgurten und Lenkrädern galten, soll Lifetec nun vorerst vollständig im Konzern bleiben. Für die deutschen Standorte bringt die Entscheidung mehr Klarheit. Eine Rückkehr zu den alten ZF-Strukturen ist allerdings ebenso wenig vorgesehen wie eine Garantie, dass ein Verkauf dauerhaft ausgeschlossen ist.
Finanzvorstand Michael Frick machte die neue Linie bei der Vorstellung der Halbjahreszahlen 2026 öffentlich. ZF habe entschieden, dass Lifetec „bis auf Weiteres vollständig im Besitz von ZF verbleiben“ werde. Der Konzern bezeichnet die Sparte als erfolgreiches Geschäft mit attraktivem finanziellem Potenzial und verweist insbesondere auf die langfristigen Perspektiven im weltweiten Markt für passive Sicherheitssysteme. Gleichzeitig soll Lifetec weiterhin operativ eigenständig arbeiten.
Damit ist die jahrelange Suche nach einer neuen Eigentümerstruktur zunächst gestoppt. Ein endgültiger Schlusspunkt unter die Verkaufspläne ist die Entscheidung aber nicht. Schon die Formulierung „bis auf Weiteres“ lässt ZF Spielraum. Frick erklärte zudem, dass die eigenständige Tochter stärker auf Effizienz und Ergebnisverbesserungen ausgerichtet werden soll. Wo es wirtschaftlich sinnvoll sei, sollen Synergien mit dem ZF-Konzern genutzt werden. Dadurch könnten sich später erneut strategische Optionen für Lifetec eröffnen.
ZF Lifetec: Aus dem Verkaufskandidaten wird wieder ein Konzernbaustein
Die Neuordnung der Sicherheitstechnik beschäftigt ZF seit Jahren. Im Oktober 2022 leitete der Konzern die Herauslösung der damaligen Division Passive Sicherheitssysteme ein. Mit dem sogenannten Carve-out sollte das Geschäft rechtlich und organisatorisch eigenständiger werden und damit unterschiedliche Zukunftswege ermöglichen. Im März 2024 kündigte ZF schließlich den neuen Namen ZF Lifetec an. Damals erklärte der Konzern ausdrücklich, dass neben einer weiteren eigenständigen Entwicklung auch andere strategische Möglichkeiten geprüft würden.
2024 wurde die Vorbereitung auf einen möglichen Eigentümerwechsel noch konkreter. Reuters berichtete im April jenes Jahres, ZF habe BNP Paribas, Citi und Goldman Sachs damit beauftragt, Möglichkeiten für einen Verkauf oder einen Börsengang auszuloten. Damals wurde für die Sparte eine Bewertung von mehr als drei Milliarden Euro angestrebt.
Zu einem Abschluss kam es nicht. Das Handelsblatt berichtete Ende Juli 2026 im Zusammenhang mit dem Kurswechsel von unterschiedlichen Preisvorstellungen im Verkaufsprozess. Damit trifft ZF eine Entwicklung, die viele europäische Autozulieferer beschäftigt: Einerseits benötigen Konzerne Kapital und wollen ihre Portfolios vereinfachen, andererseits erschweren die schwache Autokonjunktur, hohe Transformationskosten und die Unsicherheit über die künftige Marktentwicklung große Transaktionen.
Airbag-Sparte statt Elektrokrise: Warum Lifetec für ZF plötzlich zählt
Dass ZF die Tochter nicht um jeden Preis abgeben will, lässt sich auch mit deren wirtschaftlicher Bedeutung erklären. Lifetec erzielte 2025 nach Unternehmensangaben einen Umsatz von 4,7 Milliarden Euro. Rund 34.000 Beschäftigte arbeiten für das Unternehmen. Lifetec war Mitte 2026 mit 48 Standorten in 21 Ländern vertreten und bezifferte seinen Anteil am weltweiten Umsatz in den eigenen Kernproduktkategorien auf mehr als 20 Prozent. Zum Portfolio gehören Airbag-, Sicherheitsgurt- und Lenkradsysteme für Fahrzeuge vom Volumensegment bis zur Oberklasse.
Bemerkenswert ist dabei, dass sich der Umsatz gegenüber 2023 kaum verändert hat: Schon für 2023 hatte ZF rund 4,7 Milliarden Euro für die damalige Sicherheitssparte ausgewiesen. Bei der Vorstellung der Marke Lifetec bezeichnete der Konzern das Geschäft als einen strukturellen Wachstumsmarkt, der weniger stark von den Veränderungen der Antriebstechnologie abhängig sei als andere Teile der Autoindustrie.
Genau dieser Punkt gewinnt angesichts des Umbaus der Branche an Bedeutung. Ein Airbag, Sicherheitsgurt oder Lenkradsystem wird grundsätzlich unabhängig davon benötigt, ob ein Auto von einem Verbrennungsmotor, einem Elektromotor oder einem Hybridantrieb bewegt wird. Zwar verändern automatisiertes Fahren und neue Innenraumkonzepte die technischen Anforderungen an Rückhaltesysteme, sie machen passive Sicherheit aber nicht überflüssig.
Lifetec arbeitet deshalb bereits an Systemen für Fahrzeuge, in denen Insassen künftig flexiblere Sitzpositionen einnehmen könnten. Im Juni 2026 stellte das Unternehmen beispielsweise ein Konzept mit mehreren aufeinander abgestimmten Airbags für stark zurückgelehnte Komfortpositionen vor. Die Module sollen laut Lifetec ab 2028 serienreif sein. Dabei sollen unter anderem Airbags im Sitz- und Fußbereich verhindern, dass ein Insasse bei einem Unfall unter dem Sicherheitsgurt hindurchrutscht.
Neue EU-Regeln: Warum Sicherheitstechnik für Autozulieferer wichtiger wird
Auch regulatorisch bleibt Fahrzeugsicherheit ein wichtiges Thema. Mit der EU-Verordnung 2019/2144 wurden die Sicherheitsanforderungen für neue Fahrzeuge erheblich ausgeweitet. Seit dem 7. Juli 2024 müssen alle neu zugelassenen Fahrzeuge bestimmter Klassen in der Europäischen Union unter anderem zusätzliche Sicherheits- und Assistenzsysteme erfüllen. Weitere Vorgaben werden schrittweise bis 2029 eingeführt.
Diese EU-Regeln betreffen zum großen Teil aktive Sicherheits- und Assistenzfunktionen und dürfen daher nicht mit einer direkten gesetzlichen Absatzgarantie für Lifetec-Produkte gleichgesetzt werden. Sie zeigen jedoch einen übergeordneten Trend: Regulierungsbehörden erhöhen weltweit die Anforderungen an den Schutz von Fahrzeuginsassen und anderen Verkehrsteilnehmern. Lifetec selbst nennt verschärfte Sicherheitsbestimmungen neben Elektrifizierung, automatisiertem Fahren und neuen Innenraumkonzepten als einen der Faktoren für künftige Geschäftsmöglichkeiten.
Alfdorf im Fokus: Was ZFs Lifetec-Entscheidung für den Standort bedeutet
Für Baden-Württemberg ist die Entscheidung insbesondere wegen des Werks in Alfdorf im Rems-Murr-Kreis von Bedeutung. Der Standort ist das größte deutsche Lifetec-Werk und beschäftigt nach aktuellen Unternehmensangaben rund 1600 Menschen. Dort befindet sich ein zentrales Forschungs- und Entwicklungszentrum mit umfangreichen Testanlagen. Außerdem werden in Alfdorf Komponenten für Sicherheitsgurte hergestellt.
Der Standort hat eine lange Tradition in der Sicherheitstechnik. Seine Wurzeln reichen bis zum früheren Unternehmen Repa zurück. In den 1970er-Jahren beteiligte sich der US-Konzern TRW an dem Hersteller; später wurde das Geschäft Teil von TRW. ZF wiederum übernahm TRW im Jahr 2015. Damit kamen auch die Aktivitäten in Alfdorf zum Friedrichshafener Konzern.
Neben Alfdorf unterhält Lifetec in Deutschland Standorte in Aschaffenburg, Aschau am Inn und Laage. Aschaffenburg konzentriert sich unter anderem auf die Entwicklung von Lenkradsystemen und Fahrerairbags, während in Aschau und Laage unter anderem Gasgeneratoren für Airbags gefertigt werden. Die Unternehmensseite nennt rund 950 Beschäftigte in Aschau und rund 630 in Laage.
ZF Lifetec spart weiter: Warum der Verbleib im Konzern keine Entwarnung ist
Dass Lifetec im ZF-Konzern bleibt, bedeutet für die Belegschaften allerdings nicht das Ende der Sparmaßnahmen. In Alfdorf sollen 2026 nach lokalen Medienberichten rund 90 Stellen entfallen. Frühere Planungen hatten zunächst einen größeren Kreis potenziell betroffener Arbeitsplätze genannt. Das Unternehmen verfolgt zugleich das Ziel, die Kosten am Standort deutlich zu senken.
Bereits im Zusammenhang mit der Ausgliederung hatten IG Metall und Betriebsräte Vereinbarungen für die vier deutschen Lifetec-Standorte abgeschlossen. Die Gewerkschaft erklärte 2024, dass dabei unter anderem die Tarifbindung und wichtige kollektivrechtliche Regelungen abgesichert worden seien. Damals arbeiteten nach Gewerkschaftsangaben rund 4000 Menschen an den vier deutschen Standorten.
Die neue Eigentümerentscheidung löst somit nicht die grundlegenden Kostenprobleme der Branche. Lifetec soll zwar bei ZF bleiben, muss aber gleichzeitig eigenständiger, effizienter und profitabler arbeiten.
9,8 Milliarden Euro Schulden: Wie ZF seinen Umbau finanzieren will
Der Strategiewechsel bei Lifetec ist vor allem vor dem Hintergrund der Finanzlage des Mutterkonzerns bemerkenswert. ZF meldete für das erste Halbjahr 2026 einen Umsatz von 19,3 Milliarden Euro. Das waren nominell zwei Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum. Gleichzeitig verbesserte sich das bereinigte operative Ergebnis deutlich: Das bereinigte EBIT stieg von 853 auf 964 Millionen Euro, die entsprechende Marge von 4,3 auf 5,0 Prozent. Auch der bereinigte freie Cashflow legte auf 989 Millionen Euro zu.
Die Schulden bleiben dennoch eine zentrale Herausforderung. Ende Juni 2026 lag die Nettoverschuldung bei rund 9,8 Milliarden Euro. Gegenüber Ende 2025 hat ZF damit Fortschritte gemacht, der Schuldenberg ist aber weiterhin erheblich. Gleichzeitig sank die Zahl der Beschäftigten im Konzern auf 149.675, davon 47.068 in Deutschland.
Für zusätzliche Entlastung soll deshalb ein anderer großer Verkauf sorgen. ZF hat vereinbart, sein Geschäft mit Fahrerassistenzsystemen an Harman International abzugeben. Der vereinbarte Unternehmenswert liegt bei 1,5 Milliarden Euro. Rund 3750 Beschäftigte sollen im Zuge der Transaktion zu Harman wechseln. Der Abschluss wird für die zweite Jahreshälfte 2026 erwartet und steht noch unter dem Vorbehalt notwendiger Genehmigungen. ZF hat ausdrücklich erklärt, dass die Einnahmen aus dem Verkauf zur Reduzierung der Finanzverbindlichkeiten beitragen sollen.
ZF gegen den Schuldenberg: Warum Lifetec nun Teil der Lösung sein soll
Damit zeichnet sich eine veränderte Sanierungsstrategie ab. ZF muss nicht mehr zwingend eine profitable Sicherheitssparte abgeben, um kurzfristig Liquidität zu schaffen. Stattdessen kann der Konzern zunächst auf die operative Ertragskraft von Lifetec setzen und die Verschuldung durch bessere Ergebnisse, freien Cashflow und gezieltere Verkäufe anderer Aktivitäten reduzieren.
Für Lifetec bedeutet die Entscheidung deshalb weder die Rückkehr in die Vergangenheit noch eine endgültige Festlegung für die Zukunft. Die Tochter bleibt eigenständig, gehört aber weiterhin vollständig ZF. Ein späterer Partner, Teilverkauf oder Börsengang bleibt grundsätzlich denkbar. Vorerst setzt Friedrichshafen jedoch darauf, dass eine profitable Sicherheitssparte in einem langfristig relevanten Markt für den Konzern mehr Wert schafft, wenn sie behalten statt unter ungünstigen Bedingungen verkauft wird.