Chinesische Autos in Europa : Chinas Autoindustrie: Der große Sprung nach Europa hat einen wunden Punkt

BYD-Autos am Hafen zur Ausfuhr – Chinas Antwort auf Überproduktion im Elektroauto-Sektor.

Chinas Autoexporte steigen rasant – für Hersteller wie BYD, Geely und Chery wird Europa immer wichtiger.

- © BYD

Chinas Autoindustrie erlebt derzeit eine Entwicklung, die auf den ersten Blick widersprüchlich wirkt: Während Hersteller wie BYD, Geely und Chery ihre internationale Expansion beschleunigen und in Europa, Südostasien oder Lateinamerika immer stärker auftreten, schwächelt ausgerechnet der mit Abstand wichtigste Markt – China selbst. Die jüngsten Verkaufszahlen zeigen, dass die Auslandsoffensive längst nicht mehr ausschließlich Ausdruck der Stärke chinesischer Hersteller ist. Sie wird zunehmend auch zu einer wirtschaftlichen Notwendigkeit.

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China Automarkt bricht ein: Warum die Exportoffensive jetzt zur Pflicht wird

Im Juli 2026 gingen die Pkw-Verkäufe in China nach Angaben der China Passenger Car Association (CPCA) gegenüber dem Vorjahresmonat um 21,1 Prozent auf rund 1,47 Millionen Fahrzeuge zurück. Damit schrumpfte der Markt bereits den zehnten Monat in Folge. Gleichzeitig stiegen die Fahrzeugexporte aus China um 88,2 Prozent auf 923.000 Einheiten.

Die Diskrepanz zwischen Binnenmarkt und Exportgeschäft ist inzwischen enorm. Dabei ist allerdings eine wichtige methodische Einschränkung zu beachten: Die CPCA-Zahlen umfassen auch Fahrzeuge ausländischer Marken, die in China produziert werden. Es handelt sich bei den Exportzahlen daher nicht ausschließlich um Autos chinesischer Marken. Reuters zufolge zeigt sich das Muster aus sinkenden Inlandsverkäufen und stark steigenden Exporten jedoch auch bei den heimischen Herstellern selbst.

Als Gründe für die Schwäche nennt die CPCA unter anderem hohe Kraftstoffpreise, die insbesondere Fahrzeuge mit klassischen Verbrennungsmotoren belasten, sowie eine anhaltend schwache Nachfrage im Segment günstiger Limousinen. Hinzu kommen die gedämpfte Konsumstimmung und die seit Jahren äußerst aggressive Preiskonkurrenz zwischen den Herstellern.

Chinas Autoexporte explodieren, während der Heimatmarkt Käufer verliert

Wie groß die Probleme inzwischen sind, zeigt der Blick auf das erste Halbjahr 2026. Die Inlandsverkäufe lagen in diesem Zeitraum laut Reuters um rund 2,3 Millionen Fahrzeuge beziehungsweise 20 Prozent unter dem Vorjahresniveau. Diese Differenz entspricht ungefähr der gesamten Zahl der Neuwagenzulassungen in Japan im selben Zeitraum. Gleichzeitig nahmen Chinas Fahrzeugexporte in den ersten sechs Monaten um 71 Prozent zu.

Eine schnelle Rückkehr zu früheren Wachstumsraten gilt keineswegs als sicher. HSBC-Analystin Yuqian Ding rechnet zwar damit, dass sich die Nachfrage mit dem Start neuer Modellzyklen ab Ende August oder im September stabilisieren könnte. Eine schnelle V-förmige Erholung hält sie jedoch für wenig wahrscheinlich.

Für Chinas Hersteller erhöht das den Druck, außerhalb des Heimatmarktes zusätzliche Absatzmöglichkeiten zu erschließen. Bill Russo von der Shanghaier Unternehmensberatung Automobility verweist in diesem Zusammenhang auf die Kombination aus hohen Produktionskapazitäten, wettbewerbsfähigen Lieferketten und inzwischen technologisch ausgereiften Fahrzeugen. Die internationale Expansion entwickelt sich damit von einer Wachstumsoption zu einem zentralen Bestandteil der Unternehmensstrategien.

BYD braucht Europa: Der E-Auto-Riese kämpft mit Rückgängen in China

Besonders deutlich wird diese Entwicklung beim Marktführer BYD. Nach Reuters-Daten gingen die Verkäufe des Unternehmens in China in den ersten sieben Monaten 2026 um 35 Prozent zurück. Gleichzeitig stiegen die Verkäufe außerhalb Chinas gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 79 Prozent. Brasilien und Großbritannien entwickelten sich dabei 2026 zu den größten Einzelmärkten von BYD außerhalb Chinas.

Damit bekommt das Auslandsgeschäft für BYD eine völlig neue Bedeutung. Es dient nicht mehr nur dazu, zusätzliches Wachstum zu erzeugen, sondern kann Rückgänge im Heimatmarkt zumindest teilweise ausgleichen.

Auch strukturell hat sich Chinas Stellung im weltweiten Autohandel grundlegend verändert. Seit 2023 ist das Land nach Angaben von Reuters der weltweit größte Fahrzeugexporteur – eine Position, die zuvor lange von Japan gehalten wurde.

BYD steht exemplarisch für Chinas neue Auto-Offensive: Während der Heimatmarkt schwächelt, wird Europa für den E-Auto-Riesen immer wichtiger.

- © Lars Penning / dpa / picturedesk.com

Chinesische Elektroautos rollen nach Europa – und gewinnen rasant Marktanteile

Besonders intensiv ist der Wettbewerb inzwischen in Europa. Nach Daten von Counterpoint Research hielten japanische Hersteller im ersten Quartal 2026 rund zwölf Prozent des europäischen Pkw-Marktes. Chinesische Hersteller steigerten ihren Anteil innerhalb von vier Jahren dagegen von etwa drei auf 16 Prozent.

Bei elektrifizierten Fahrzeugen ist ihre Position noch stärker. Counterpoint berichtet für das erste Quartal 2026, dass chinesische Hersteller inzwischen fast ein Drittel der europäischen EV-Verkäufe stellten. BYD war dabei unter den großen Marken der am schnellsten wachsende Anbieter und steigerte seine europäischen EV-Verkäufe gegenüber dem Vorjahresquartal um 108 Prozent.

Gleichzeitig wächst der Markt, in dem chinesische Hersteller besonders konkurrenzfähig sind. In der Europäischen Union erreichten reine batterieelektrische Fahrzeuge im ersten Halbjahr 2026 bereits einen Marktanteil von 20,7 Prozent nach 15,6 Prozent im Vorjahreszeitraum. Insgesamt wurden rund 1,22 Millionen neue batterieelektrische Pkw zugelassen. Plug-in-Hybride kamen zusätzlich auf einen Anteil von 9,8 Prozent.

Damit entsteht für chinesische Hersteller eine günstige Ausgangslage: Europas Markt bewegt sich stärker in Richtung jener Antriebstechnologien, in denen Unternehmen wie BYD umfangreiche Erfahrungen bei Batterien, elektrischen Antrieben, Software und kostengünstiger Produktion aufgebaut haben.

EU-Zölle reichen nicht: BYD verlagert den Angriff nach Europa

Die Europäische Union versucht seit 2024 mit zusätzlichen Ausgleichszöllen auf in China produzierte batterieelektrische Fahrzeuge auf staatliche Subventionen zu reagieren. Für BYD beträgt der zusätzliche Zoll nach der geltenden EU-Regelung 17 Prozent, für die Geely-Gruppe 18,8 Prozent und für SAIC 35,3 Prozent. Die Maßnahmen wurden für fünf Jahre eingeführt.

Doch die chinesischen Hersteller reagieren darauf zunehmend mit Lokalisierung statt ausschließlich mit Exporten.

BYD plant, im vierten Quartal 2026 in seinem neuen Werk im ungarischen Szeged mit der Fahrzeugmontage zu beginnen. Das Werk soll die erste Pkw-Produktionsstätte des Konzerns in Europa werden. Die geplante Fabrik in der Türkei wurde dagegen vorerst zurückgestellt, während sich BYD auf den Produktionsaufbau innerhalb Europas konzentriert.

Chery und Geely bauen sich in Europa fest

Chery verfolgt einen ähnlichen Ansatz. Der Konzern ist über ein Joint Venture mit dem spanischen Hersteller Ebro an der ehemaligen Nissan-Fabrik in Barcelona beteiligt und baut seine europäischen Aktivitäten weiter aus. Zusätzlich eröffnete Chery im April 2026 in Barcelona ein europäisches Operationszentrum sowie ein Forschungs- und Entwicklungszentrum.

Auch Geely setzt verstärkt auf Kooperationen und lokale Produktion. Eine Partnerschaft mit Ford soll unter anderem die Fertigung von Geely-Modellen im spanischen Valencia ermöglichen.

Im ehemaligen Nissan-Werk in Barcelona baut Chery gemeinsam mit Ebro seine Präsenz in Europa aus.

- © Nissan

Europas Hersteller bekommen es mit Chinas nächster Autowelle zu tun

Für etablierte europäische und japanische Hersteller bedeutet diese Entwicklung, dass chinesische Wettbewerber immer weniger als reine Importeure auftreten. Sie bauen Vertriebsnetze auf, investieren in Forschung und Entwicklung, schließen Kooperationen mit europäischen Unternehmen und verlagern Teile ihrer Produktion nach Europa.

Counterpoint erwartet, dass chinesische Hersteller bis 2030 auf mehr als 20 Prozent des gesamten europäischen Pkw-Marktes kommen könnten. Im Markt für Elektrofahrzeuge prognostiziert das Analysehaus einen Anteil von 29 Prozent. Handelsbarrieren könnten das Wachstum zwar verlangsamen, nach Einschätzung der Analysten aber nicht grundsätzlich stoppen.

Damit verändert sich auch die Interpretation des chinesischen Exportbooms. Die stark steigenden Auslandsverkäufe sind zweifellos ein Zeichen für die internationale Wettbewerbsfähigkeit der Hersteller. Gleichzeitig sind sie aber eine Reaktion auf Überkapazitäten, Preisdruck und eine deutlich schwächere Nachfrage im chinesischen Heimatmarkt.

Für BYD, Geely, Chery und andere Hersteller wird der Erfolg in Europa und weiteren Auslandsmärkten deshalb immer wichtiger. Die eigentliche Herausforderung besteht nun darin, das rasante Exportwachstum dauerhaft in ein profitables internationales Geschäft zu verwandeln. Denn je stärker der chinesische Heimatmarkt schwächelt, desto weniger ist die globale Expansion eine freiwillige Wachstumsstrategie – und desto mehr wird sie zur Voraussetzung dafür, vorhandene Produktionskapazitäten auszulasten und das bisherige Wachstumstempo aufrechtzuerhalten.

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