Autoindustrie : Stellantis stoppt die Elektro-Offensive: Milliardenabschreibungen, US-Fokus und der schleichende Abschied von Europa

Stellantis Investitionen in die USA, Stillstand in Europa

Während Stellantis in den USA massiv investiert, wird die Europastrategie zunehmend in Frage gestellt.

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Stellantis zieht die Reißleine – und stellt damit nicht nur seine Elektrostrategie infrage, sondern seine Zukunft in Europa. 22 Milliarden Euro werden abgeschrieben, die Dividende gestrichen, der Börsenwert hat sich seit Anfang 2025 mehr als halbiert. CEO Antonio Filosa spricht von einer notwendigen Kurskorrektur. Von Anpassung an den Markt. Doch was hier passiert, ist mehr als ein Strategiewechsel. Es ist das Eingeständnis, dass die Elektrostrategie seines Vorgängers Carlos Tavares gescheitert ist. Und es ist ein Warnsignal. Nicht nur für Stellantis. Sondern für die gesamte Autoindustrie.

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Stellantis geht den US-Weg

Denn mit diesem Schritt steht Stellantis nicht allein. Der Konzern folgt damit den US-Rivalen Ford und General Motors. Auch sie haben ihre Elektropläne zurückgefahren. Und auch bei ihnen war der Preis hoch: Ford schreibt 19,5 Milliarden US-Dollar ab. General Motors weitere 7,6 Milliarden US-Dollar. Denn Amerika tickt anders. Große Straßen. Große Autos. Und vorerst keine Elektro-Revolution.

Trotz massiver Förderungen kam der E-Auto-Markt nie richtig in Fahrt. Steuergutschriften von bis zu 7.500 Dollar – und dennoch liegt der E-Auto-Anteil 2025 noch immer unter zehn Prozent. Mit dem Regierungswechsel unter Donald Trump fehlt der politische Rückenwind für die Elektrifizierung. Förderungen entfallen, Subventionen werden gestrichen.

Stellantis orientiert sich am amerikanischen Kurs. Weniger Elektromobilität. Mehr Fokus auf den Verbrenner. Denn hier hat Stellantis ein größeres technisches Know-how. Und vor allem: deutlich höhere Margen. Jetzt beginnt Stellantis, sich von allem zu trennen, was noch vor wenigen Jahren als Investition in die Zukunft galt.

Ein Beispiel dafür ist der Verkauf der Beteiligung an einem gemeinsam mit LG Energy Solution betriebenen Batteriewerk in Kanada. 2022 flossen hier noch 3,7 Milliarden US-Dollar. Heute wird der Anteil für symbolische 100 Dollar abgegeben.

Auch in Europa wird gekürzt. Das Batterie-Joint-Venture Automotive Cells Company von Stellantis, Mercedes-Benz und TotalEnergies hatte Fabriken für Autobatterien in Kaiserslautern und im italienischen Termoli geplant. Jetzt werden beide Projekte gestoppt. Der Rückzug aus der Elektrostrategie wird bei Stellantis global eingeleitet.

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Fertigung bei Stellantis – während die Investitionen in den USA steigen, geraten europäische Produktionsstandorte unter Druck.

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Stellantis im Sinkflug

Der Kurswechsel ist riskant. Aber die Zeit drängt. Schon 2024 war ein schwarzes Jahr für Stellantis. Die Verkäufe brachen weltweit um 12 Prozent ein. Die Gewinne sogar um 70 Prozent. Und 2025 brachte keine Entlastung. In den ersten sechs Monaten setzt sich die Talfahrt fort: 13 Prozent weniger Umsatz, 7 Prozent weniger Verkäufe. Unterm Strich ein Verlust von 2,3 Milliarden Euro – schon vor den gewaltigen Abschreibungen im zweiten Halbjahr. Der Druck ist enorm. Die Krise wird zunehmend existentiell.

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Alle Marken von Stellantis auf einen Blick – ein Konzern mit enormer Breite, aber zunehmend divergierenden Strategien.

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Ciao Europa

Mit dem Strategiewechsel entfernt sich Stellantis aber auch zunehmend von Europa. Und damit von einem Markt, der bei Elektroautos weiterhin schnell wächst. 2025 wurden in Westeuropa rund 2,5 Millionen E-Autos neu zugelassen. Fast 30 Prozent mehr als im Vorjahr. Der Marktanteil liegt inzwischen bei über 21 Prozent.

Während der Markt wächst, verlagert Stellantis den Fokus. Die Investitionen gehen in die USA. 13 Milliarden Dollar für neue Werke, tausende Arbeitsplätze und fünf neue Modelle für den amerikanischen Markt. Ganz anders die Lage in Europa.

In Italien stand das Fiat-Werk bei Neapel Anfang Oktober für eine Woche still. 3.800 Beschäftigte warteten – nicht auf Teile, sondern auf Aufträge. In Frankreich ruhte die Produktion im Werk Poissy mehrere Wochen. In Spanien kam es zu Zwangspausen in Zaragoza und Madrid. Auch in Polen und Deutschland wurde die Fertigung zeitweise unterbrochen. Überall dasselbe Bild: Stillstehende Bänder. Kurzarbeit. Produktionsstopps zur Absatzanpassung. Während Europa pausierte, flossen die Milliarden nach Amerika.

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Das Stellantis-Werk in Turin steht exemplarisch für die angespannte Lage der europäischen Produktion.

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Stellantis investiert in die USA

Mehrere US-Standorte sollen für den USA-Fokus reaktiviert oder ausgebaut werden. In Illinois läuft das Werk Belvidere nach jahrelangem Stillstand wieder an. Künftig sollen dort neue Jeep-Modelle gebaut werden. In Indiana investiert Stellantis in die Produktion des neuen Motors. In Michigan werden Fertigungslinien für große SUVs umgerüstet. Und in Ohio entstehen neue Kapazitäten für einen mittelgroßen Pick-up.

Stellantis plant fünf neue Modelle – ausschließlich für den amerikanischen Markt. Groß. Leistungsstark. Pragmatisch. So, wie es die Kunden dort erwarten. Dazu gehören neue Pick-up-Trucks. Und ein neuer Vierzylinder-Verbrennungsmotor. Intern heißt er GMET4 EVO. Ausgelegt für Hybrid- und Range-Extender-Antriebe. Stellantis spricht von der größten Einzelinvestition in der mehr als hundertjährigen Geschichte des Konzerns.

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Der Wandel mit dem neuen Kapitän

Der Schwenk Richtung USA kommt nicht überraschend. Seit Juni 2025 führt Antonio Filosa den Konzern. Ein Manager mit starkem US-Profil. Mehr als 25 Jahre im Stellantis-Umfeld. Zuletzt Chef der Marke Jeep – und damit verantwortlich für das amerikanische Kerngeschäft. Mit seiner Ernennung war klar: Der Fokus würde sich Richtung USA verschieben. Genau das passiert jetzt.

Doch der Zeitpunkt ist heikel. In den USA liefen die Geschäfte zuletzt alles andere als rund: 2024 sanken die Verkäufe um 15 Prozent, und auch im ersten Halbjahr 2025 lag der Absatz mit knapp 600.000 Fahrzeugen zehn Prozent unter dem Vorjahr.

Stellantis riskante Wette

Vor allem bleibt aber die zentrale Frage offen: Wie lange wird der Verbrenner weltweit noch nachgefragt?

Selbst wenn das Verbrenner-Aus aufgeweicht oder verschoben wird, werden in Europa langfristig deutlich weniger Verbrenner fahren. Stellantis geht damit eine riskante Wette ein. Entweder das Verbrenner-Aus kommt nicht. Oder der Konzern akzeptiert den Rückzug aus dem europäischen Markt. Die dritte Option: bleiben. Aber mit zugekauften Komponenten, vor allem der Batterie. Und deutlich niedrigeren Margen.

Klar ist: Mit jedem Jahr, in dem Stellantis weiter auf den Verbrenner setzt, wächst der technologische Abstand zur Konkurrenz im Bereich Elektromobilität. Ob ein Autoriese auf Dauer mit klassischen Antrieben überlebensfähig bleibt, ist alles andere als sicher.

Spätestens am 21. Mai wird klar, wohin die Reise für Stellantis geht. Dann will CEO Antonio Filosa die neue Zukunftsstrategie des Konzerns vorstellen.