Porsche Strategie 2035 : Porsche: Warum der 911 zum Hoffnungsträger in der Elektro-Krise wird

Michael Leiters neben einem Porsche Modell

Der Porsche 911 entwickelt sich zum Hoffnungsträger des Sportwagenbauers: Während Porsche seine Elektrostrategie neu austariert, gewinnt der Verbrenner wieder an Bedeutung.

- © Porsche

Porsche steht vor einer der schwierigsten Neupositionierungen seiner jüngeren Geschichte. Jahrelang galt der Sportwagenhersteller als außergewöhnlich profitabel, seine Fahrzeuge als begehrte Luxusprodukte mit hohen Margen. Inzwischen hat sich das Bild deutlich verändert. Die Nachfrage ist zurückgegangen, vor allem in China kämpfen deutsche Premiumhersteller mit neuen Wettbewerbern, und der Hochlauf der Elektromobilität verläuft anders, als Porsche noch vor wenigen Jahren erwartet hatte.

Am 7. Oktober 2026 will Vorstandschef Michael Leiters deshalb bei einem Kapitalmarkttag genauer erläutern, wie Porsche bis 2035 wieder auf einen stabileren Wachstumspfad gelangen soll. Das Unternehmen bezeichnet die Neuausrichtung als „Sportwagenschmiede 35“. Schon im Vorfeld ist klar: Porsche will schlanker werden, Kosten reduzieren und sich stärker auf jene Fahrzeuge konzentrieren, mit denen sich hohe Preise und Margen erzielen lassen.

Leiters führt Porsche erst seit Januar 2026. Für den 54-Jährigen ist das Unternehmen allerdings kein unbekanntes Terrain. Bevor er Technikvorstand bei Ferrari und später Chef des britischen Sportwagenherstellers McLaren wurde, arbeitete er bereits mehr als 13 Jahre in verschiedenen Führungspositionen bei Porsche. Unter anderem war er für die Baureihen Cayenne und Macan verantwortlich.

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Der 911 boomt – während Taycan und Macan schwächeln

Wie groß der Handlungsdruck ist, zeigen die jüngsten Verkaufszahlen. Im ersten Halbjahr 2026 lieferte Porsche weltweit 122.306 Fahrzeuge aus. Das waren 16 Prozent weniger als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Besonders deutlich fiel der Rückgang in China aus: Dort wurden nur noch 14.501 Fahrzeuge an Kunden übergeben, ein Minus von 32 Prozent.

Bemerkenswert ist zugleich, welches Modell sich gegen den allgemeinen Abwärtstrend stemmt. Vom klassischen Porsche 911 wurden in den ersten sechs Monaten 30.534 Exemplare ausgeliefert – 19 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Der traditionsreichste Sportwagen des Herstellers gehört damit zu den wenigen Baureihen, deren Absatz deutlich wächst.

Bei den elektrischen Modellen sieht es schwieriger aus. Vom Taycan wurden im ersten Halbjahr 6.219 Fahrzeuge ausgeliefert, 25 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum. Beim Macan kamen insgesamt 35.315 Fahrzeuge zusammen. Davon entfielen 15.620 auf die vollelektrische Variante. Die gesamte Macan-Baureihe verzeichnete ein Minus von 22 Prozent. Porsche selbst verweist unter anderem auf den langsameren Hochlauf der Elektromobilität, das Ende von Förderprogrammen in den USA sowie einen starken Vergleichszeitraum des Vorjahres.

Porsche 911 aus dem Jahr 1963: Der Ur-Elfer legte den Grundstein für eine Sportwagen-Ikone, die bis heute wie kaum ein anderes Modell für die Marke Porsche steht.

- © Wikipedia

Porsches Elektro-Dilemma: Emotion lässt sich nicht einfach elektrifizieren

Damit wird ein Problem sichtbar, das weit über Porsche hinausgeht: Gerade im Luxus- und Sportwagensegment lässt sich die Attraktivität eines Verbrenners offenbar nicht automatisch auf ein elektrisch angetriebenes Fahrzeug übertragen. Sportwagen werden nicht in erster Linie gekauft, weil sie eine besonders effiziente Form der Fortbewegung darstellen. Klang, mechanische Rückmeldung, geringes Gewicht, Design, Markenidentität und Emotionalität spielen eine mindestens ebenso große Rolle.

Diese Herausforderung beschäftigt inzwischen die gesamte Luxusbranche. Reuters beschrieb Ende September 2026, wie traditionelle Hersteller versuchen, die Erwartungen jüngerer Käufer und die technologische Entwicklung mit den klassischen Merkmalen einer Luxusmarke zu verbinden. Gleichzeitig erhöhen chinesische Hersteller den Druck mit kurzen Entwicklungszyklen, umfangreicher Softwareausstattung und aggressiven Preisen.

Porsche gibt dem Verbrenner wieder mehr Gewicht

Porsche reagiert darauf mit einer bemerkenswerten Korrektur seiner bisherigen Strategie. Der Verbrennungsmotor soll länger eine wichtige Rolle spielen als ursprünglich geplant. Wie die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung berichtet, will Leiters beim Kapitalmarkttag unter anderem die Studie eines besonders exklusiven Supersportwagens präsentieren. Das Fahrzeug soll sich konzeptionell am 911 orientieren und einen Verbrennungsmotor erhalten. Diese konkreten Produktdetails hat Porsche vor dem Kapitalmarkttag allerdings noch nicht offiziell bestätigt.

Die Richtung passt jedoch zu den offiziell bekannten Plänen des Unternehmens. Porsche will sein Produktportfolio stärker an der tatsächlichen Kundennachfrage ausrichten und hat mehrere frühere Elektrifizierungspläne angepasst.

Besonders deutlich wurde der Strategiewechsel bei den Batterieaktivitäten. Porsche hatte ursprünglich eine eigene Produktion besonders leistungsfähiger Batteriezellen aufbauen wollen. Im August 2025 teilte das Unternehmen mit, den Ausbau der Produktion bei seiner Tochter Cellforce nicht weiterzuverfolgen. Als Gründe nannte Porsche unter anderem den langsameren Hochlauf der Elektromobilität und veränderte Rahmenbedingungen in China und den USA. 2026 ging das Unternehmen noch einen Schritt weiter: Im Rahmen der Konzentration auf das Kerngeschäft soll Cellforce nicht weitergeführt werden.

Der Boxermotor des Porsche 911 der Baureihe 997 steht für eine außergewöhnliche Leistungsbandbreite: vom 325 PS starken 3,6-Liter-Carrera bis zum 620 PS starken GT2 RS. Mit Direkteinspritzung, PDK und variabler Turbinengeometrie brachte Porsche in dieser Generation zudem mehrere technische Neuerungen in den 911.

- © Porsche

Cellforce-Aus: Die teure Korrektur der Batterie-Strategie

Allein die Neuausrichtung der Batterieaktivitäten belastete das operative Ergebnis 2025 laut Porsche mit rund 700 Millionen Euro. Weitere rund 700 Millionen Euro Belastung entstanden durch veränderte US-Importzölle.

Das heißt allerdings nicht, dass Porsche die Elektromobilität aufgibt. Im Gegenteil: Elektrofahrzeuge bleiben ein zentraler Bestandteil des Portfolios. Porsche kalkuliert für 2026 mit einem Anteil vollelektrischer Fahrzeuge zwischen 24 und 26 Prozent. Auch der elektrische Cayenne wird inzwischen an Kunden ausgeliefert.

Die Strategie wird deshalb weniger zu einer Rückkehr in die Vergangenheit als zu einem Versuch, mehrere Antriebswelten länger parallel anzubieten.

Die Cellforce Group sollte für Porsche Hochleistungs-Batteriezellen entwickeln und produzieren. Nach dem langsameren Hochlauf der Elektromobilität korrigierte Porsche jedoch seine Pläne und stellte den Ausbau der eigenen Zellproduktion wieder ein.

- © Cellforce

9.000 Stellen weniger: Porsche muss gleichzeitig sparen und investieren

Die Produktfrage ist nur ein Teil der Krise. Porsche baut auch seine Kostenstruktur erheblich um. Im Juli einigten sich Vorstand, Gesamtbetriebsrat, IG Metall und Arbeitgeberverband auf ein umfangreiches Zukunftspaket.

Bis 2035 sollen weitere 5.000 Stellen sozialverträglich wegfallen, vor allem durch natürliche Fluktuation, Altersteilzeit und freiwillige Aufhebungsverträge. Zusammen mit bereits zuvor angekündigten Maßnahmen summiert sich der geplante Stellenabbau nach Berechnungen von Reuters auf rund 9.000 Arbeitsplätze – ungefähr ein Fünftel der Belegschaft.

Gleichzeitig hat Porsche zugesagt, bis 2035 insgesamt 2,1 Milliarden Euro in die Standorte Zuffenhausen und Weissach zu investieren. Die Beschäftigungs- und Standortsicherung wurde ebenfalls bis Ende 2035 verlängert. Unter anderem sollen in Zuffenhausen langfristig weiterhin zweitürige Sportwagen gebaut und die Entwicklungsaktivitäten in Weissach gebündelt werden.

Die wirtschaftliche Lage bleibt dennoch angespannt. Im ersten Halbjahr 2026 erzielte Porsche einen Umsatz von 17,23 Milliarden Euro, gut fünf Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum. Das operative Ergebnis stieg zwar gegenüber dem von Sondereffekten belasteten Vorjahr auf 1,35 Milliarden Euro, doch die operative Umsatzrendite von 7,8 Prozent liegt deutlich unter den Werten, mit denen Porsche in seinen besonders erfolgreichen Jahren glänzte. Für das Gesamtjahr erwartet das Unternehmen derzeit einen Umsatz zwischen 35 und 36 Milliarden Euro sowie eine operative Rendite von 5,5 bis 7,5 Prozent.

China wird zur größten Bewährungsprobe für Porsche

Besonders schwierig ist die Lage auf dem chinesischen Markt. Dort verändern sich die Erwartungen an Premiumfahrzeuge mit hoher Geschwindigkeit. Neue chinesische Hersteller verbinden leistungsfähige Elektroantriebe mit digitaler Unterhaltung, Assistenzsystemen, kurzen Ladezeiten und vergleichsweise niedrigen Preisen.

Für Porsche trifft diese Entwicklung einen besonders empfindlichen Punkt. China war lange einer der bedeutendsten Einzelmärkte des Unternehmens. Inzwischen schrumpfen dort die Verkäufe erheblich. Porsche selbst spricht von einem schwierigen Marktumfeld und intensivem Wettbewerb, insbesondere bei rein elektrischen Modellen.

Damit entsteht für Leiters ein strategischer Zielkonflikt. Kurzfristig sprechen die Verkaufszahlen dafür, jene Eigenschaften stärker zu betonen, für die Porsche seit Jahrzehnten steht. Der Erfolg des 911 zeigt, dass klassische Sportwagen mit Verbrennungsmotor weiterhin eine zahlungskräftige Kundschaft erreichen.

Langfristig kann eine zu starke Orientierung an dieser Käufergruppe jedoch riskant werden. Die nächste Generation wohlhabender Kunden wächst insbesondere in China mit Marken auf, deren Identität nicht vom Verbrennungsmotor geprägt wurde. Für sie können Software, Vernetzung, Ladeleistung und digitale Funktionen ebenso entscheidend sein wie Motorenklang oder Zylinderzahl.

Michael Leiters muss Porsche für 2035 neu erfinden

Die eigentliche Aufgabe für Porsche besteht deshalb nicht darin, zwischen Elektroauto und Verbrenner schlicht einen Gewinner auszuwählen. Das Unternehmen muss herausfinden, wie sich jene Begehrlichkeit, die Modelle wie der 911 über Jahrzehnte aufgebaut haben, in eine neue technologische Ära übertragen lässt.

Genau daran dürfte sich entscheiden, ob die derzeitige Rückbesinnung auf exklusive, margenstarke Sportwagen tatsächlich zum Befreiungsschlag wird – oder nur Zeit gewinnt. Der Kapitalmarkttag am 7. Oktober wird deshalb mehr sein als die Vorstellung einer neuen Unternehmensstrategie. Michael Leiters muss erklären, wie Porsche gleichzeitig Tradition bewahren, neue Kundengruppen gewinnen und wieder deutlich profitabler werden will.

Für einen Sportwagenhersteller, dessen Erfolg seit jeher davon lebt, dass Menschen weit mehr für ein Auto bezahlen als für reine Mobilität notwendig wäre, ist das vielleicht die entscheidende Frage: Was muss ein Porsche im Jahr 2035 bieten, damit Kunden ihn nicht nur brauchen könnten – sondern unbedingt haben wollen?

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