Chinesische Autos Spionage : Chinesische Autos unter Verdacht: Wenn der Spion mitfährt
Moderne Autos sind längst rollende Computersysteme: Kameras, Mikrofone, GPS und Mobilfunk machen vernetzte Fahrzeuge zum neuen Sicherheitsrisiko – besonders bei Modellen aus China wächst das Misstrauen.
- © FM Forum Industriemedien (KI-generiert)Wer heute ein modernes Auto fährt, bewegt längst nicht mehr nur eine Maschine aus Motor, Fahrwerk und Karosserie. In vielen Modellen arbeiten Dutzende elektronische Steuergeräte, Kameras beobachten die Umgebung, Radarsensoren messen Abstände, Mikrofone ermöglichen Sprachsteuerung und Navigationssysteme bestimmen permanent den Standort. Über Mobilfunk, WLAN oder Bluetooth kommunizieren Fahrzeuge zudem mit Smartphones, Hersteller-Servern und anderen Diensten.
Das Auto ist damit zu einem mobilen Computersystem geworden. Für Fahrer bedeutet die Digitalisierung mehr Komfort und Sicherheit – sie eröffnet aber auch neue Möglichkeiten des Datensammelns und neue Angriffsflächen. Genau deshalb beschäftigen sich inzwischen Nachrichtendienste, Militärs und Cybersicherheitsbehörden mit einer Frage, die vor wenigen Jahren noch ungewöhnlich geklungen hätte: Kann ein Auto zum Aufklärungsinstrument werden?
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Chinesische Autos im Sicherheitscheck: Deutschland hält die Ergebnisse geheim
In Deutschland ist diese Frage längst Gegenstand konkreter Untersuchungen. Nach Recherchen von WDR und NDR analysierten das Bundesamt für Verfassungsschutz und die Zentrale Stelle für Informationstechnik im Sicherheitsbereich, kurz ZITiS, gemeinsam Fahrzeuge mehrerer chinesischer Hersteller. Untersucht wurde demnach unter anderem, welche Daten die Fahrzeuge erheben, in welchem Umfang dies geschieht und ob Informationen ins Ausland übertragen werden.
Was die Fachleute herausgefunden haben, bleibt allerdings unter Verschluss. Weder Verfassungsschutz noch ZITiS veröffentlichten eine technische Bewertung. Auch das Bundesinnenministerium erklärte lediglich, angesichts steigender Marktanteile chinesischer Autohersteller sei es notwendig, mögliche Risiken im Blick zu behalten. Zu Einzelheiten der technischen Analyse äußere sich die Bundesregierung nicht.
Damit besteht ein entscheidender Unterschied zwischen einem Risiko und einem Nachweis: Dass vernetzte Fahrzeuge technisch große Mengen sicherheitsrelevanter Informationen erfassen können, steht außer Frage. Öffentlich belegt ist durch die geheim gehaltene deutsche Untersuchung jedoch nicht, dass chinesische Hersteller ihre Fahrzeuge systematisch zur Spionage in Deutschland einsetzen. China weist entsprechende Vorwürfe zurück.
Fahrzeugdaten als Sicherheitsrisiko: Was moderne Autos alles sehen und senden
Für Sicherheitsbehörden reicht allerdings bereits die technische Möglichkeit aus, um Schutzmaßnahmen zu prüfen. Das Bundesverteidigungsministerium erklärte gegenüber WDR und NDR, grundsätzlich könnten alle Fahrzeugsensoren, die zur Ausspähung geeignet seien, aus Sicht der militärischen Sicherheit eine Bedrohung darstellen. Dazu zählten Kameras und Radar ebenso wie Mikrofone und Systeme zur selbstständigen oder ferngesteuerten Datenübertragung. Für bestimmte sicherheitsempfindliche Bereiche könne die Zufahrt deshalb eingeschränkt werden.
Nach den Recherchen gelten solche Einschränkungen beispielsweise an Liegenschaften des Bundesnachrichtendienstes. Auch beim Operativen Führungskommando der Bundeswehr in Schwielowsee bei Potsdam müssen Halter bestimmter chinesischer Fahrzeuge gesonderte Parkflächen nutzen.
Polen zieht die Grenze: Chinesische Autos dürfen nicht mehr überall hin
Andere europäische Staaten sind inzwischen weiter gegangen. Besonders deutlich reagierte Polen. Der Chef des polnischen Generalstabs, General Wiesław Kukuła, entschied im Februar 2026, in China produzierte Fahrzeuge von geschützten militärischen Anlagen auszuschließen. Der Generalstab begründete die Maßnahme ausdrücklich mit einer zuvor vorgenommenen Risikoanalyse zur zunehmenden Integration digitaler Systeme in Fahrzeugen und der Möglichkeit, Daten unkontrolliert zu erfassen oder zu verwenden.
Damit ist aus einer zunächst diskutierten Schutzmaßnahme ein tatsächliches Zufahrtsverbot geworden. Polen behandelt ein vernetztes Fahrzeug in der Umgebung militärischer Infrastruktur nicht mehr nur als Verkehrsmittel, sondern auch als potenzielles Sensorsystem.
Das ist deshalb relevant, weil sich aus einzelnen Datenpunkten langfristig ein erstaunlich detailliertes Bild ergeben kann. Wiederkehrende Fahrten können Bewegungsmuster sichtbar machen, Positionsdaten können Aufenthaltsorte dokumentieren, Kameras können Gebäude und Zufahrten erfassen. Für sich genommen müssen solche Informationen noch keinen Geheimniswert besitzen. In großer Menge und über längere Zeit kombiniert können sie für Nachrichtendienste jedoch interessant werden.
Großbritannien und chinesische Autos: Warum das Militär schweigt
In Großbritannien wird die Debatte ebenfalls geführt. Eine besonders aktuelle Antwort des britischen Verteidigungsministeriums zeigt, wie vorsichtig Behörden mittlerweile mit dem Thema umgehen.
Am 7. September 2026 bestätigte Verteidigungsstaatssekretär Luke Pollard im Parlament, dass das Ministerium Fahrzeuge verschiedener Hersteller beschafft – ausdrücklich auch chinesischer Marken. Gleichzeitig erklärte er, die Sicherheitsvorschriften berücksichtigten mögliche Gefahren durch alle Fahrzeugtypen unabhängig vom Herstellungsland. Risiken würden je nach Einsatzbereich behandelt. Welche konkreten Zugangsbeschränkungen oder Schutzmaßnahmen gelten, wollte das Ministerium nicht offenlegen, weil dies potenziellen Gegnern nutzen könne.
Die britische Antwort unterstreicht zugleich einen wichtigen Punkt: Das Problem vernetzter Fahrzeuge ist technisch nicht ausschließlich chinesisch. Nahezu alle großen Hersteller bauen heute Autos, die Daten erzeugen und drahtlos kommunizieren. Entscheidend für die sicherheitspolitische Bewertung sind deshalb nicht nur Kameras oder Mikrofone, sondern auch die Frage, wer Software kontrolliert, auf Server zugreifen kann, wo Daten verarbeitet werden und welcher Rechtsordnung der Hersteller unterliegt.
Chinas Geheimdienstgesetz: Der Paragraf, der Europas Misstrauen nährt
Im Fall chinesischer Unternehmen spielt dabei auch die chinesische Gesetzgebung eine Rolle. Artikel 7 des chinesischen National Intelligence Law verpflichtet Organisationen und Bürger dazu, staatliche Nachrichtendienstarbeit nach Maßgabe des Gesetzes zu unterstützen, zu helfen und mit ihr zusammenzuarbeiten. Die staatlichen Stellen sollen die beteiligten Personen und Organisationen dabei schützen.
Westliche Sicherheitsbehörden sehen solche gesetzlichen Verpflichtungen seit Jahren kritisch. Aus der Existenz des Gesetzes folgt allerdings nicht automatisch, dass ein bestimmter Autohersteller Daten für chinesische Geheimdienste liefert. Es erklärt vielmehr, warum Sicherheitsbehörden bei Technologien, die große Mengen potenziell sensibler Daten produzieren, zusätzlich auf die rechtlichen Rahmenbedingungen im Herkunftsland achten.
Tesla als Warnfall: Warum China selbst vernetzte Autos fürchtete
Dass Sicherheitsbedenken gegenüber vernetzten Autos keineswegs nur gegen China gerichtet werden, zeigt ausgerechnet die Volksrepublik selbst.
Bereits 2021 wurden Tesla-Fahrzeuge von einigen chinesischen Militäreinrichtungen ausgeschlossen. Hintergrund waren Sorgen über die in den Autos installierten Kameras. Auch Mitarbeitern einiger Regierungsstellen in Peking und Shanghai wurde nach damaligen Reuters-Recherchen untersagt, ihre Teslas innerhalb bestimmter Behördenkomplexe zu parken.
Tesla wies Spionagevorwürfe zurück. Firmenchef Elon Musk erklärte damals, sein Unternehmen würde geschlossen, wenn Fahrzeuge zur Spionage eingesetzt würden. Tesla begann zudem, in China erhobene Fahrzeugdaten innerhalb des Landes zu speichern.
Auto-Datenschutz in China: Wie Tesla zurück ins Vertrauen kam
2024 änderte sich die Situation teilweise: Eine chinesische Branchenorganisation veröffentlichte nach gemeinsam mit einem staatlichen Computer-Notfallzentrum durchgeführten Prüfungen eine Liste von 76 Fahrzeugmodellen, die chinesische Anforderungen an die Datensicherheit erfüllten. Dazu gehörten neben Fahrzeugen chinesischer Hersteller auch Teslas Model 3 und Model Y. Überprüft wurden unter anderem die Anonymisierung von außerhalb des Fahrzeugs aufgenommenen Informationen, Voreinstellungen zur Datenerfassung im Innenraum sowie die Verarbeitung bestimmter Daten im Fahrzeug.
Das Beispiel zeigt: Die Sicherheitsfrage entsteht grundsätzlich dort, wo Fahrzeuge ihre Umgebung beobachten, Daten speichern und mit externen Systemen kommunizieren.
USA verbieten China-Technik im Auto: Der harte Kurs gegen Connected Cars
Noch konsequenter als viele europäische Staaten haben die Vereinigten Staaten reagiert. Das US-Handelsministerium beschloss bereits im Januar 2025 weitreichende Einschränkungen für vernetzte Fahrzeugtechnik mit Verbindung zu China oder Russland.
Die Regel betrifft unter anderem Systeme für Mobilfunk-, Bluetooth-, WLAN- und Satellitenverbindungen sowie Software für automatisiertes Fahren. Nach Einschätzung des zuständigen Bureau of Industry and Security könnten solche Technologien im Fall eines missbräuchlichen Zugriffs dazu genutzt werden, sensible Daten zu gewinnen oder Fahrzeuge aus der Ferne zu manipulieren. Die Regel trat im März 2025 in Kraft; die zentralen Verbote werden stufenweise umgesetzt. Für Fahrzeuge des Modelljahrs 2027 greifen Einschränkungen für bestimmte Software und für Hersteller mit entsprechender Verbindung zu China oder Russland. Beschränkungen für betroffene Kommunikationshardware folgen später.
Die USA behandeln das Problem damit ausdrücklich als Risiko für die nationale Sicherheit und nicht lediglich als Datenschutzfrage.
Europa und Cybersecurity: Warum sichere Autos trotzdem Daten senden können
Auch in Europa existieren längst technische Vorgaben zur Cybersicherheit von Fahrzeugen. Die UNECE-Regelung R155 verpflichtet Hersteller zu einem systematischen Cybersecurity-Management. Sie verlangt, Risiken über den Lebenszyklus eines Fahrzeugs zu identifizieren und Schutzmaßnahmen gegen Cyberangriffe vorzusehen. In der Europäischen Union gelten entsprechende Anforderungen für neue Fahrzeugtypen seit Juli 2022 und für neu produzierte Fahrzeuge der betroffenen Kategorien seit Juli 2024.
Die Regulierung reduziert klassische Cyberrisiken, löst aber nicht jede geopolitische Frage. Ein Auto kann gegen externe Hacker gut abgesichert sein und trotzdem Daten an Server seines Herstellers übertragen. Cybersecurity, Datenschutz und staatliche Zugriffsmöglichkeiten sind deshalb unterschiedliche Ebenen desselben Problems.
Auch der Europäische Datenschutzausschuss beschäftigt sich seit Jahren mit vernetzten Fahrzeugen und hat eigene Leitlinien zur Verarbeitung personenbezogener Daten in Autos und Mobilitätsanwendungen veröffentlicht.
Chinesische E-Autos in Europa: Das Sicherheitsrisiko wächst mit dem Marktanteil
Die Sicherheitsdebatte gewinnt zusätzlich an Bedeutung, weil Fahrzeuge aus chinesischer Produktion auf Europas Straßen deutlich häufiger werden.
Nach Zahlen des europäischen Herstellerverbands ACEA wurden 2025 mehr als eine Million in China produzierte Pkw in die EU importiert. Sie machten rund sieben Prozent aller Pkw-Verkäufe in der Europäischen Union aus. Bei batterieelektrischen Autos stammte bereits etwa jedes fünfte verkaufte Fahrzeug aus chinesischer Produktion.
Parallel bleibt die wirtschaftliche Verflechtung Deutschlands mit China enorm. 2025 war die Volksrepublik mit einem Warenhandelsvolumen von 251,8 Milliarden Euro wieder Deutschlands größter Handelspartner. Deutschland importierte Waren im Wert von 170,6 Milliarden Euro aus China, während die Exporte nach China auf 81,3 Milliarden Euro zurückgingen.
Der Trend setzte sich 2026 fort. In den ersten fünf Monaten stiegen die deutschen Importe aus China gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 6,2 Prozent auf 72,4 Milliarden Euro. Gleichzeitig sanken die deutschen Exporte nach China um 14,5 Prozent.
Damit trifft die Sicherheitsdiskussion auf ein wirtschaftspolitisches Dilemma: China ist gleichzeitig Konkurrent, Absatzmarkt, Produktionsstandort und zentraler Handelspartner.
Spionage oder Vorsorge? Warum vernetzte Autos zur Machtfrage werden
Die Debatte über chinesische Autos dürfte deshalb weitergehen. Die entscheidende Frage lautet weniger, ob ein Fahrzeug theoretisch Daten sammeln kann – das können moderne Modelle praktisch aller Hersteller. Entscheidend ist, welche Daten tatsächlich erhoben werden, wo sie gespeichert werden, wer auf sie zugreifen kann und ob bestimmte Funktionen aus der Ferne kontrollierbar sind.
Für Militärgelände, Nachrichtendienststandorte oder besonders sensible Infrastruktur gelten dabei naturgemäß strengere Maßstäbe als für einen gewöhnlichen Supermarktparkplatz.
Dass Deutschland Fahrzeuge chinesischer Hersteller technisch untersuchen ließ, zeigt, dass die Sicherheitsbehörden das Risiko ernst nehmen. Dass die Ergebnisse geheim bleiben, verhindert allerdings eine öffentliche Bewertung darüber, wie konkret dieses Risiko tatsächlich ist.
Bislang gibt es daher zwei Wahrheiten gleichzeitig: Moderne vernetzte Autos besitzen ein erhebliches technisches Potenzial zur Datenerfassung. Und öffentlich vorliegende Informationen liefern bislang keinen Beweis dafür, dass chinesische Fahrzeuge in Deutschland systematisch als Spionageinstrumente eingesetzt werden.
Gerade diese Unsicherheit führt dazu, dass Sicherheitsbehörden vorsorgen. Polen setzt auf Verbote, Großbritannien auf nicht öffentlich erläuterte Schutzmaßnahmen, die USA auf weitreichende regulatorische Beschränkungen. Deutschland bleibt zurückhaltender – doch auch hier werden Autos auf sicherheitsrelevanten Liegenschaften längst nicht mehr nur danach beurteilt, welchen Motor sie haben. Sondern danach, was sie sehen, hören, speichern und senden können.