Digitale Vernetzung am Shopfloor : Benjamin Brockmann, Operations1: "Keine Widerstände, im Gegenteil"

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INDUSTRIEMAGAZIN: Herr Brockmann, wie stark vernetzt sind die Shopfloors produzierender Unternehmen denn heute schon? Geht es da längst kollaborativ zu?
Benjamin Brockmann: Mit der Connected Work Studie 2023 wollten wir mehr Licht in das Thema „vernetztes Arbeiten in der Produktion” bringen. Dazu hatten wir insgesamt 175 Spezialistinnen und Spezialisten aus dem Produktionsumfeld zum Status Quo, der Zukunft von Connected Work und den notwendigen Umsetzungsmaßnahmen befragt. Die Ergebnisse haben gezeigt, dass Connected Work zwar zunehmend wichtiger, bei Weitem aber noch kein Massenphänomen geworden ist: Nur 3 % der befragten Unternehmen gaben an, bislang vollständig papierlos zu arbeiten, während 18 % ausschließlich mit papierbasierten Prozessen arbeiten. 17 % bezeichnen sich als weitestgehend papierlos und immerhin 62 % sind es teilweise. Das zeigt aber auch, dass wir hier nach wie vor großen Nachholbedarf im deutschsprachigen Raum haben.
In welchem Umfang hielten Apps am Shopfloor in den letzten Jahren Einzug?
Brockmann: Wenn die Bestrebungen in Richtung Connected Work so eindeutig sind, stellt sich natürlich die Frage, welche Technologien bereits im Einsatz sind. Unsere Studie hat ebenfalls gezeigt, dass eine Reihe von digitalen Helfern schon heute aktiv auf dem Shopfloor zur Unterstützung operativer Mitarbeiter eingesetzt werden, allen voran ERP-Systeme (49 %) und mobile Apps (45 %). AR- und VR-Applikationen (14 %) sowie Wearables (15 %) sind vergleichsweise wenig im Einsatz.
Wie realisierten die wenigen Unternehmen bisher die papierlose Fertigung, waren das eher individuell gestrickte Lösungen?
Brockmann: Viele Unternehmen haben da auf die erwähnten „individuell gestrickten Lösungen” gesetzt, indem sie durch externe Dienstleister mit hohem Budgetinvest eigene Tools entwickeln lassen haben. Die Konsequenz auf Aufwand- und Kostenseite ist, dass diese Tools auch durch Updates gepflegt werden oder an zusätzlichen individuellen Bedürfnissen weiterentwickelt werden müssen. Zur Realisierung der papierlosen Fertigung „stricken” sich auch Unternehmen eigene Lösungen, die aus unterschiedlichsten Softwares verschiedener Hersteller bestehen. Das Problem hierbei ist, dass man mit einem instabilen System arbeitet, deren Workflows, Anbindungen etc. untereinander mit hohem manuellem Aufwand gepflegt und verwaltet werden müssen.
Welche Branchen sind Vorreiter der Kollaboration am Shopfloor?
Brockmann: Generell sind es Branchen, die viele mitarbeitergeführte Tätigkeiten in ihren Prozessen aufweisen und durch Digitalisierung Komplexitäten, nicht-wertschöpfende Tätigkeiten sowie Daten-Blindspots reduzieren möchten. Wir sprechen hier vom Maschinen- und Anlagenbau, Herstellern von Landwirtschafts- oder Baumaschinen aber auch Massenproduzenten unterschiedlichster Branchen, die nicht nur hochqualitative Produkte produzieren, sondern auch eine hohe operative Exzellenz erreichen wollen.
Von der Idee zum Produkt: Wie entstand die Connected Worker Plattform?
Brockmann: Daniel Grobe und ich studierten zusammen an der TU München und forschten gemeinsam am Fraunhofer Institut und lernten in dieser Zeit Anian Ziegler kennen. Auf Basis unserer Erfahrungen aus Forschung, Industrie und Unternehmensberatung entwickelten wir die Idee für die Software-Lösung Operations1. Operations1 wurde schließlich 2017 in Kooperation mit der TU München gegründet. Neben dem Augsburger Standort im Innovationspark bezogen wir 2020 neue Büroflächen in Frankfurt am Main.

Welche Produktivitätszuwächse sind durch Kollaborationsplattformen möglich?
Brockmann: Durch die Vernetzung der Mitarbeiter kann es zu erheblichen Produktivitätszuwächsen kommen, denn die Flexibilität von Unternehmen steigt enorm. Was unsere Kunden zeigen, ist, dass neue Mitarbeiter deutlich schneller produktiv sind, diese flexibler für unterschiedliche Tätigkeiten eingesetzt werden können und Prozesswissen nachhaltig gesichert wird. Die vermeintliche Eliminierung der „typischen Papierdokumentation“ geht also weit über die Effizienzgewinne durch weniger Dokumentenbearbeitung sowie Vermeidung manueller Datentransfers und Wegezeiten hinaus. Die unmittelbar messbaren betriebswirtschaftlichen Vorteile liefern jedoch auch starke Argumente, sich mit dem Thema der vernetzten Arbeit intensiv zu befassen. Bei unseren Kunden messen wir beispielsweise Reduktionen von 60 Prozent im Bereich Maschinenstillstandzeiten, siebenstellige Einsparungen durch Insourcing von Instandhaltungsdienstleistungen, einen Rückgang von Fehlerraten um 55 Prozent und allein Kosteneinsparungen im sechsstelligen Bereich durch Eliminierung der Papierdokumentation. Es lohnt sich also!
Welche Features sind denn besonders gefragt – das gemeinsame Taskmanagement?
Brockmann: Das kommt ganz auf den Kunden und seine Bedürfnisse an: Wichtig ist unseren Kunden einerseits, dass sie sehr einfach und ohne großen Einarbeitungsaufwand digitale Arbeitsanweisungen und Checklisten erstellen und Medien wie Bilder und Videos einbinden können. Zudem bietet unsere Software viele Möglichkeiten mit wenigen Klicks, die einzelnen Arbeitsschritte für Mitarbeiter zu definieren und zu steuern, um eine hohe Prozesssicherheit und Arbeitsfokus zu realisieren. Aber das von Ihnen genannte Incident Management bzw. Task Management wird sehr gerne von Kunden eingesetzt, um Probleme auf dem Shopfloor durch Echtzeit-Chatfunktion schnell und kollaborativ zu lösen.
Und welche Vorzüge bietet die Cloud?
Brockmann: Wir nutzen ein cloudbasiertes Software-as-a-Service Geschäftsmodell. Es gibt einen Wandel in der Industrie, der SaaS immer mehr zum Standard werden lässt. Das Unternehmen kann risikolos, d.h. ohne initialen Investitionsaufwand starten und die Software ist ohne jeglichen programmieraufwand sofort verfügbar. Im Vergleich zu On-Premises-Lösungen profitieren unsere Kunden durch das Cloud-Modell von kontinuierlichen Updates und Verbesserungen in unserer Software.
Welche Einarbeitungszeit braucht es in Plattformen?
Brockmann: Wir legen großen Wert auf eine intuitive und einfache Bedienbarkeit der Software für alle Anwender, so dass wir bei den Mitarbeitern auf dem Shopfloor eine möglichst kurze Einarbeitungszeit in das Tool sowie eine hohe Akzeptanz erreichen können. Wir erhielten erst kürzlich von einem Kunden aus dem Maschinen- und Anlagenbau das Feedback, dass unsere Software so verständlich ist, so dass Mitarbeiter nach einer 10-minütigen Einarbeitung bereits die Software vollumfänglich nutzen können.
Geht es auch um Gamification?
Brockmann: Nein, wir verfolgen aktuell mit der Software keine Gamification-Ansätze.
Trifft die Digitalisierung auf Widerstände in der Belegschaft? Wie rasch ecken Sie an?
Brockmann: Es gibt keine wirklichen Widerstände, ganz im Gegenteil. Nicht nur für ältere Mitarbeiter, sondern für alle Mitarbeiter gilt, in den Change-Management-Prozess frühzeitig eingebunden zu werden. Aus unserer Erfahrung sind die Mitarbeiter froh über die Einführung unserer Plattform. Abteilungsleiter berichten oft, dass ihre Mitarbeiter es gut finden, dass die mobilen Endgeräte wie Tablet und Smartphone, die sie sowieso schon privat nutzen, Einzug in das tägliche Arbeiten gefunden haben und Klemmbrett & Co. nicht mehr benutzt werden müssen. Durch den Einsatz unserer Connected Worker Plattform muss die Belegschaft Prozesse nicht von Grund auf neu lernen
Wie nutzen Unternehmen wie Trumpf Ihre Software?
Brockmann: Mit KraussMaffei Technologies haben wir erfolgreich die Mitarbeiter der Inbetriebnahme von den papierbasierten Tätigkeiten befreit und ihnen die Möglichkeit gegeben, ihre wertschöpfenden Tätigkeiten an der Maschine effizienter auszuführen. Dank Connected Work erhielten die operativen Mitarbeiter einen stärkeren Fokus. Denn: Während die Digitalisierungsbestrebungen in produzierenden Unternehmen sich stark auf die Vernetzung von Maschinen fokussieren, werden operative Kräfte, Werksmitarbeiter, häufig im digitalen Niemandsland allein gelassen. Das konnten wir mit unserer Software und der Digitalisierung der Prozesse bei KraussMaffei Technologies ändern. Die Vorteile, die KraussMaffei Technologies gewinnen konnte, liegen klar auf der Hand: Der Aufwand reduziert sich sowohl für den Mitarbeiter an der Maschine, der schrittweise durch die Inbetriebnahme geleitet wird, als auch für die Qualitätssicherung, welche die Checklisten erstellt, verwaltet und archiviert. So konnten 67 % des Dokumentationsaufwands im Werk Hannover eingespart werden.
Wo finden sich in Österreich Ihre Anwender?
Brockmann: Wir sind in mehreren österreichischen Bundesländern und Branchen vertreten. Wir haben Kunden in Oberösterreich, Wien, Steiermark, Kärnten bis hin zum Voralberg.
Kann die Software standortübergreifend eingesetzt werden?
Brockmann: Die Plattform deckt ein sehr breites Funktionalitätsspektrum ab, welches für die Inbetriebnahme und vielseitige weitere operative Prozesse wichtig ist. Durch die hohe Nutzerfreundlichkeit, Mehrsprachigkeit und technische Skalierbarkeit, kann die Plattform weltweit ausgerollt werden. Das hat sich zum Beispiel bei unserem Kunden KraussMaffei Technologies bereits bewährt. Hier war ja das Ziel, die Digitalisierung mitarbeitergeführter Prozesse als Bottom up-Projekt ausgehend von der Inbetriebnahme standortübergreifend über alle Produktionsprozesse hinweg auszurollen – darunter Montage, Qualitätsprüfung und Service sowie produktionsnahe Prozesse wie 5S-Prüfungen.
Wie halten Sie Ihre Plattform durch Updates in Schuss?
Brockmann: Wir sind hinsichtlich Feature-Entwicklung und Updates immer nah am Kunden und pflegen einen regelmäßigen Austausch. Kunden profitieren von kontinuierlichen kostenlosen Updates bestehender Funktionalitäten und haben natürlich die Möglichkeit die Software durch neue zukünftige Features nach ihren Bedürfnissen zu erweitern. Generell spielt unseren Kunden der Cloud-Ansatz in die Karten, denn sie profitieren von automatischen Updates und müssen keine eigenen Anstrengungen, die bei Updates von On-Premises-Lösungen auftreten, unternehmen.

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ZUR PERSON
Benjamin Brockmann ist seit 2017 CEO und Co-Founder bei Operations1. Er studierte von 2014 bis2016 an der TU München und forschte gemeinsam mit seinen Mitbegründern am Fraunhofer Institut, wo er auch die inhaltliche Grundlage für die Gründung durch seine Masterarbeit über Werkerinformationssysteme bekam. Weitere Erfahrungen sammelte er bei KPMG im Bereich IT & Finance Consulting sowie bei Arthur D. Little im Bereich Strategy, Innovation & Technology. In seiner Freizeit nutzt er gerne seine internationale Privatpilotenlizenz, um die Welt von oben zu sehen, und spielt Tennis.