Thyssenkrupp Stellenabbau Stahlindustrie : Stahlindustrie: Geopolitische Zeitenwende treibt Machtkampf um Thyssenkrupp
Als CEO López im vergangenen Jahr ankündigte, die indische Jindal-Gruppe wolle in die Stahlsparte einsteigen, klang das nach einem Befreiungsschlag. Bis heute ist daraus jedoch nichts geworden.
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Hoch über dem Ruhrtal, auf einem bewaldeten Hügel mit Blick auf den Baldeneysee, thront die Villa Hügel. Errichtet 1870 von Alfried Krupp – Symbol für den Aufstieg der Krupp-Dynastie und eines Industriekonzerns, der einst Deutschlands Stolz war. Doch heute, 150 Jahre später, ist von dieser einstigen Größe kaum noch etwas übrig.
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Rund 30 Kilometer nordwestlich, in Duisburg, reihen sich Hochöfen, Walzstraßen und Gleisanlagen über Kilometer aneinander. Tag und Nacht wird hier Erz geschmolzen, Stahl gewalzt, Material bewegt. Doch während die Anlagen weiterlaufen, steht die Zukunft der deutschen Stahlindustrie auf der Kippe.
Nur noch rund 34 Millionen Tonnen Rohstahl haben deutsche Unternehmen im Jahr 2025 hergestellt – fast neun Prozent weniger als im bereits schwachen Vorjahr. So wenig wie seit der Finanzkrise 2009 nicht mehr. Während in den USA neue Hochöfen geplant werden, schrumpft hierzulande die Erzeugung auf ein Niveau, das die wirtschaftliche Tragfähigkeit der Branche zunehmend infrage stellt.
Und kaum ein Unternehmen spürt die Folgen dieser Entwicklung so unmittelbar wie Thyssenkrupp. Als CEO Miguel López im vergangenen Sommer bekannt gab, dass der indische Konzern Jindal Steel den Einstieg in die Stahlsparte prüft, klang das nach einem Befreiungsschlag. Investitionen, Beschäftigungssicherung, grüne Transformation – all das schien plötzlich wieder möglich. Monate später ist von dieser Aufbruchsstimmung wenig geblieben. Der Deal mit Jindal ist nicht gescheitert. Aber er kommt nicht voran. Und genau das wird zum Problem.
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Energiepreise und Stahlimporte aus China setzen Stahlindustrie unter Druck
Hohe Energiepreise, sinkende Nachfrage und billige Importe aus China und Indien drücken auf die Margen der europäischen Stahlriesen. Laut Daten der Wirtschaftsvereinigung Stahl, dem Branchenverband der Stahlindustrie, ist die Auslastung der deutschen Stahlwerke auf unter 70 Prozent gefallen. Jede dritte in der EU verarbeitete Tonne Stahl wird bereits außerhalb Europas eingekauft. Die EU-Kommission hat vorgeschlagen, die Branche mit weiteren Zoll-Maßnahmen zu schützen. Beschlossen ist aber noch nichts.
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Für die Stahlsparte von Thyssenkrupp bedeutete das zuletzt einen deutlichen Rückgang: Der Umsatz sank im Geschäftsjahr 2024/25 um neun Prozent auf 9,8 Milliarden Euro.Gleichzeitig wächst der Druck zur Transformation. Der Umbau zur klimafreundlichen Produktion erfordert zusätzliche Milliardeninvestitionen – allein die geplante Direktreduktionsanlage kostet über drei Milliarden Euro.
Klar ist: Die Stahlsparte muss umfassend saniert werden. Von rund 26.000 Arbeitsplätzen dürften in den kommenden fünf Jahren etwa 11.000 wegfallen. Die Produktionskapazität in Duisburg wird von derzeit rund elf auf etwa neun Millionen Tonnen pro Jahr reduziert. Warum also wird ausgerechnet dieses angeschlagene Geschäft für einen indischen Investor interessant?
Der Sprung ins Premiumsegment
Anders als der deutsche Traditionskonzern ist Jindal bislang kaum im Premiumsegment vertreten. Hochfeste Spezialstähle für die Auto- oder Luftfahrtindustrie spielen im Portfolio bisher keine Rolle. Die Stärke des Konzerns liegt im Volumengeschäft – bei Baustahl für Straßen und Brücken ebenso wie bei Edelstahl für Konsumgüter oder Schienenstahl.
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Doch dabei will es Jindal nicht belassen. Der Konzern zielt auf den Einstieg ins Premiumgeschäft – und in den Markt für grünen Stahl. Im indischen Hisar läuft bereits eine Pilotanlage für Wasserstoffstahl - und im Oman soll bis 2028 eine Direktreduktionsanlage entstehen, die Vormaterialien für grünen Stahl – und, so die Phantasie: möglicherweise gleich direkt für Duisburg – produziert.
Jindal würde von den modernen Anlagen in Europa profitieren. Hinzu kommt Thyssens gewachsenes Kundennetz: von Maschinenbauern wie Siemens und Bosch über Verpackungshersteller wie Smurfit Kappa bis hin zu Großkonzernen aus dem Bau- und Energiesektor wie Hochtief und RWE. Doch was strategisch sinnvoll erscheint, wird im Detail schnell teuer.
Stolpersteine der Übernahme
Im Zentrum der Verhandlungen steht derzeit eine Altlast, die jeden möglichen Käufer abschreckt: die Pensionsverpflichtungen von Thyssenkrupp. Rund 2,5 Milliarden Euro lasten auf der Stahlsparte – Verpflichtungen aus Jahrzehnten, die nichts mit dem laufenden Geschäft zu tun haben, aber die Bilanz dauerhaft belasten. Hinzu kommt der enorme Investitionsbedarf. Um die Werke wettbewerbsfähig zu halten und den Umbau zur klimafreundlichen Produktion zu stemmen, sind weitere Milliarden nötig.
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Gleichzeitig wächst die Sorge vor weitergehenden Einschnitten. Jindal soll auf deutlich stärkere Einsparungen drängen, als sie bislang zwischen Thyssenkrupp Steel Europe und der IG Metall vereinbart wurden. Über die im Sanierungstarifvertrag festgelegten 11.000 Stellen hinaus könnten so weitere 2.000 bis 3.000 Arbeitsplätze wegfallen.
Ob Jindal Steel mit Thyssenkrupp der Sprung vom indischen Volumenanbieter zum europäischen Premiumproduzenten gelingt, entscheidet sich nicht allein in den Verhandlungsräumen der Konzerne. Am Ende entscheiden Aufsichtsrat, Gewerkschaften – und womöglich auch die Politik.
Denn für Deutschland und Europa geht es um mehr als einen Eigentümerwechsel. Es geht um die Kontrolle über ein Herzstück einer strategischen Schlüsselindustrie. Wer künftig über Kapazitäten, Investitionen und Lieferfähigkeit von Stahl entscheidet, gewinnt Einfluss auf ganze Wertschöpfungsketten – vom Maschinenbau bis zur Rüstungs- und Energieindustrie. In Zeiten von Handelskonflikten und wachsenden geopolitischen Rivalitäten ist das längst nicht nur eine wirtschaftliche, sondern eine strategische Entscheidung.