Robotik : Humanoide Roboter: Europas letzte Chance?
BMW testet im Werk Leipzig deutschlandexklusiv humanoide Roboter.
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Im BMW-Werk Leipzig beginnt der nächste Automatisierungssprung nicht hinter einem Schutzzaun. Sondern auf zwei Beinen.
Zwei schwarz-weiße Androiden vom Typ „Aeon“ des Züricher Herstellers Hexagon Robotics bewegen sich dort durch die Produktion. 1,65 Meter groß. Vollgepackt mit Sensoren. Sie bringen Material an die Linie. Sie montieren Hochvoltbatterien. Sie bewegen sich autonom durch die Produktionshalle. Sie lernen selbstständig dazu. Und sie lassen sich per Sprachbefehl anweisen. Nicht als reine Technikshow.
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BMW testet in Deutschland erstmals humanoide Roboter. Gleichzeitig baut BMW in München ein Kompetenzzentrum für „Physical AI in Production“ auf. Dort wird getestet, welche Systeme sich tatsächlich für die Produktion eignen. Denn selbst hochautomatisierte Werke stoßen an Grenzen.
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Im BMW-Stammwerk München liegt die Automatisierungsquote im Karosseriebau bereits bei 98 Prozent. Orangefarbene Industrieroboter schweißen, kleben, schrauben und verpressen Blechteile unter hohem Druck. Doch klassische erledigen exakt definierte Aufgaben. Wiederholbar. Präzise. Aber wenig flexibel.
Die neue Generation soll aus diesem Korsett ausbrechen.Sie sollen dort eingesetzt werden, wo Fabriken für Menschen gebaut wurden. An Werkbänken. An Regalen. An Montagelinien. Michael Ströbel, Prozessmanagement und Digitalisierung Produktion bei BMW, sagt dem Handelsblatt: "Ich rechne damit, dass in fünf Jahren Tausende solcher Roboter in Fabriken arbeiten könnten".
Die neue Industrie-Fantasie
Die Erwartung ist groß. Denn Europas Industrie steht vor einem strukturellen Problem. In vielen Bereichen fehlen heute schon Fachkräfte. Besonders dort, wo körperlich anstrengende, monotone oder repetitive Tätigkeiten erledigt werden müssen. Heben. Tragen. Sortieren. Montieren. Bis 2050, so schätzen Brancheninsider, könnte die Hälfte jener Menschen fehlen, die heute körperlich fordernde Arbeiten ausüben. Und: Wertschöpfung könnte - endlich - zurück nach Zentraleuropa kommen. Die Industrie sucht deshalb nach Maschinen, die nicht nur schneller sind. Sondern verfügbar. Belastbar. Flexibel. Doch während Europa testet, demonstriert China bereits Macht.
Der globale Wettlauf
Hangzhou, Ostchina, Ende Februar. Der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz steht vor humanoiden Robotern des chinesichen Humanroboterherstellers Unitree aus Hangzhou. Die Maschinen boxen. Sie bewegen sich auf zwei Beinen. Sie zeigen Kung-Fu-Einlagen. Aber sie sind auch eine geopolitische Botschaft. China zeigt, wie weit seine Robotikindustrie gekommen ist. In chinesischen Fabriken arbeiten bereits rund zwei Millionen Industrieroboter. Jedes Jahr kommen etwa 250.000 neue hinzu. Nach klassischen Industrierobotern und fahrerlosen Transportsystemen treiben nun chinesische Start-ups die humanoide Robotik voran. Namen wie Unitree, Agibot aus Shanghai oder Ubtech aus Shenzhen stehen für eine neue Dynamik. Was einst mit Hondas Asimo-Roboter in Japan seinen Anfang nahm, wird heute von China dominiert.
Und jetzt folgt die nächste Stufe: In Trainingszentren in Peking, Shenzhen oder Qingdao werden Roboter systematisch mit Daten gefüttert. Mladen Milicevic, Gründer des Robotikunternehmens Unchained Robotics aus Paderborn, beschreibt diese Trainingszentren im Manager Magazin so: „Das sieht aus wie früher in Nähfabriken." Nur wird hier versucht, massenhaft Daten zu generieren".
Auch der Halbleiterhersteller Infineon sieht das Rennen bereits global. Vorstandschef Jochen Hanebeck gibt sich keiner Illusion hin: „In Europa müssen wir jetzt schnell sein, um auch vorn mitzuspielen.“ Der Chipkonzern sieht in humanoiden Robotern ein neues Wachstumsfeld. Die zentrale Frage ist deshalb nicht mehr, ob humanoide Roboter kommen. Sondern: Wer kontrolliert den Markt? Wer besitzt die Daten? Wer setzt die Standards? Und wer verdient an der nächsten Automatisierungswelle? Adrian Reisch, Partner in der Consulting Practice von EY, warnt: „Wer zu spät skaliert, wird technologisch respektiert – aber wirtschaftlich abgehängt.“
Was die humanoiden Roboter heute können
Auf der Hannover Messe läuft ein humanoider Roboter über den Catwalk. Er ist mit einem Sicherheitsgurt befestigt. Zehn Schritte nach vorne. Ein Blick nach links. Ein Blick nach rechts. Ein Winken. Eine halbe Drehung. Dann zurück. Der Roboter heißt Agile One. Er stammt vom Münchner Unternehmen Agile Robots. Das Publikum klatscht. Die Ingenieure sind erleichtert. Alles funktioniert. Bettina Schön-Behanzin, Präsidiumsmitglied von Agile Robots, sagt: „Das nächste Level ist erreicht.“
Aber der Catwalk zeigt auch die Grenzen. Warum der Sicherheitsgurt? Schön-Behanzin sagt: „Die Entwicklung ist noch jung, und die ganze Branche steht noch ganz am Anfang.“
Bei Siemens in Erlangen wurde getestet, was humanoide Roboter unter realen Bedingungen leisten. Roboter des Londoner Start-ups Humanoid - Modell Alpha - hoben zwei Wochen lang schwarze Plastikboxen. Acht Stunden pro Tag. 60 Kisten pro Stunde. Von einem Stapel auf ein Förderband. Die Erfolgsquote lag bei über 90 Prozent - zu sehen auch auf der Hannover Messe. Das klingt gut. Aber in der Industrie sind zehn Prozent Fehlerquote ein Problem. In einigen Fällen griffen die Roboter daneben. In anderen Fällen gab es Sensorikprobleme. Für den dauerhaften Schichteinsatz reicht das nicht.
Der Hype und die Realität
Und dennoch boomt der Markt. Nach einer Analyse der Bank of America arbeiten derzeit mehr als 50 Firmen weltweit daran, eigene humanoide Roboter anzubieten. Auch Bosch positioniert sich in diesem Feld und kooperiert mit Neura Robotics aus Metzingen bei Stuttgart, Spezialist für kognitive Robotik. In Bosch-Werken sollen reale Bewegungsdaten gesammelt werden. Mitarbeiter tragen dafür Sensoranzüge. So sollen Roboter lernen, wie industrielle Bewegungen tatsächlich aussehen. Stefan Finkbeiner, Chef von Bosch Sensortec, erwartet den Markthochlauf in wenigen Jahren. „Der Massenmarkt wird aus meiner Sicht in circa fünf Jahren richtig loslegen“, sagt Finkbeiner.
Doch je größer die Erwartungen, desto lauter werden die Warnungen. Matthias Krinke, Gründer des Berliner Mobile-Robotik-Unternehmens PI4 Robotics, sagt: „Natürlich ist hier eine Blase entstanden.“ Vielleicht zehn von 200 Akteuren seien wirklich relevant. „Es wird eine massive Konsolidierung geben.“ Auch aus anderen Teilen der Szene kommt Kritik: „Es wird eine Menge Bullshit im Markt erzählt“, klagt ein Robotikgründer. Ein mannshoher Humanoider kostet schnell knapp 90.000 Euro. Ein klassischer Sechs-Achs-Roboter ist für viele Aufgaben deutlich wirtschaftlicher.
Europas strategische Chance
Trotzdem ist der Charme des Neuen groß. Europa hat eine Chance, sich jetzt in Stellung zu bringen. Um Wertschöpfung zu sichern. Im Maschinenbau. Der Mechatronik. Und der Sensorik. Nicht umsonst will sich Schaeffler vom klassischen Autozulieferer zur „Motion Technology Company“ entwickeln. Vorstandschef Klaus Rosenfeld sagt: „Wir sind bereit, uns zu verändern.“
Bosch bringt Fabrikdaten, Komponenten und Fertigungs-Know-how ein. Auch Infineon sieht einen neuen Markt für Sensoren, Leistungshalbleiter und Steuerungselektronik. Doch Qualität allein reicht nicht. Ohne europäische Roboterhersteller werden die hiesigen Zulieferer kaum Erfolg haben. Europa braucht mehr als nur Komponenten.
Es braucht Systemanbieter für intelligente, KI-basierte Automatisierung, vielleicht auch humanoide Robotik. Einer der global führenden Robotikhersteller und Innovationstreiber ist KUKA aus Augsburg. Reinhard Nagler, CEO von KUKA Österreich, sieht humanoide Robotik "nicht als schnellen Erlösbringer". Aber sehr wohl als mittelfristiges Innovations- und Lernfeld". Die Erkenntnisse könnten in mobile Robotik, Software, KI-Steuerung und Flottenmanagement einfließen.
Für den überwiegenden Teil industrieller Anwendungen jedoch gilt: Klassische Industrieroboter, Cobots und insbesondere autonome mobile Roboter sind heute klar überlegen. Bei aller Faszination: "Autonome mobile Roboter sind heute und auf absehbare Zeit die Arbeitstiere der Industrie." "Mit konkretem Nutzen und schnellem Return“, sagt Nagler.
Humanoide Roboter werden kommen. Aber sie sind nicht die kurzfristige Rettung der europäischen Industrie. Dafür sind sie heute zu teuer, zu unzuverlässig und zu schwer integrierbar. Aber sie sind ein möglicher Baustein in der Produktionswelt von morgen.