AI : Siemens-Manager: „Wir brauchen Industrial AI - keine Halluzinationen am Shopfloor“
Matthias Oppelt, Siemens Digital Industries: "Es braucht Leute, die mit dem Status quo unzufrieden sind"
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INDUSTRIEMAGAZIN: Herr Oppelt, wie sind Sie zu Ihrer aktuellen Rolle bei Siemens gekommen?
Matthias Oppelt: Mein Einstieg war 2008, nach meinem Bachelorstudium der Ingenieurwissenschaften an der TU Hamburg – mit Schwerpunkt auf Simulationsthemen und virtuellen Prototypen. Diese virtuelle-reale Welt hat mich von Anfang an gepackt. Über ein strategisches Projekt namens ‘Future of Industrial Operations’ bin ich ins CTO-Office gewechselt. Dort haben wir mit rund 50 Kunden besprochen, was Produktionsanlagen in 5 bis 10 Jahren auszeichnen muss – daraus ist meine heutige Abteilung entstanden: explorative, kundengetriebene Innovationen mit internen und externen Startups.
Wie begleiten Sie Kunden vom ersten Gespräch bis zur Lösung?
Oppelt: Wir steigen mit dem, was wir ‘Co-Visioning’ nennenm ein: ein zwei- bis dreistündiger Workshop mit den Menschen beim Kunden, die vorausdenken – nicht jene, die im Tagesgeschäft stecken, sondern die, die sich fragen: Welche Art von Produktion brauche ich in fünf Jahren? Was sind meine Herausforderungen? Gemeinsam entwickeln wir einen Nordstern, eine Vision. Im zweiten Schritt folgt ein Assessment direkt in der Anlage: Wo stehen wir heute, wo ist der größte Schmerz? Manchmal stellt sich heraus, dass der Traum gar keine Zukunftsmusik ist. Ich erinnere mich an einen Kunden, der als großen Wunsch ein MES-System nannte – ein Manufacturing-Execution-System. Meine Antwort: Das haben wir heute. Nicht jede Realisierung eines Traums muss fünf Jahre dauern.
Was beschäftigt die Industrie aktuell am meisten?
Oppelt: Ich führe diese Gespräche seit knapp vier Jahren, und die Themen haben sich verschoben. Am Anfang dominierte Supply-Chain-Resilienz. Disruption der Lieferketten, Stillstandszeiten vermeiden. Parallel dazu: Arbeitskräftemangel. Ich erinnere mich an einen Kunden, der sagte: „Red nicht von Talent. Bring mir jemanden mit zwei Armen, zwei Beinen und einem Kopf, den erkläre ich, was zu tun ist.“ Er hatte Linien stehen, weil er schlicht keine Arbeitspersonen mehr fand.
Dann kam KI – und das hat sich massiv beschleunigt. In der Industrie brauche ich dabei eine andere Qualität: Industrial AI muss zuverlässig, sicher, robust sein. Wenn ein Modell sagt „Produzier doch mal ein bisschen anders“ und es funktioniert nicht, sind die Folgekosten dramatisch. Keine Halluzinationen am Shopfloor – das ist kein Nice-to-have, das ist eine Grundvoraussetzung. Was konstant bleibt: Die Verantwortlichen müssen schneller und resilienter werden. Survival of the fittest bedeutet nicht der Stärkste – sondern der, der am besten passt.
Siemens-Manager Matthias Oppelt über Konzerngeschwindigkeit, die überraschen kann
Woran erkennen Sie, ob ein Unternehmen bereit ist, diesen Wandel wirklich anzugehen?
Oppelt: Es klingt banal, aber es hängt sehr viel an den Menschen. Es braucht Leute, die eine Vision haben, einen Drive – die mit dem Status quo schlicht unzufrieden sind und bereit sind, den ersten Schritt zu gehen, auch wenn der Weg noch nicht klar ist. „Ist schon alles gut, so wie es immer war“ ist heute keine Option mehr. Entscheidend ist die Offenheit gegenüber neuen Technologien und die Fähigkeit, sich eine Zukunft vorzustellen – denn nur dann kann ich planen, wie ich ihr näherkomme.
Siemens hat das Programm ‘Siemens for Startups’ gestartet. Was ist die Idee?
Oppelt: Ich sehe Startups aus drei Perspektiven. Erstens bauen sie Technologien, die in der Industrie einsetzbar sind – und wir können diese intern verproben, weil wir selbst ein Industrieunternehmen mit über 120 eigenen Werken sind. Dafür haben wir ‘Venture Clienting’ entwickelt: Wir machen den Onboarding-Prozess für Startups möglichst einfach: ein- bis zweiseitige Zusammenarbeitsvereinbarungen statt 70-seitige Rahmenverträge. Zweitens gewinnen Startups Zugang zu einem enormen Markt – Siemens-Technologie steckt in jeder dritten Maschine dieser Welt. Und drittens - das ist mir persönlich wichtig - Startups sind die Unternehmen von morgen. Ihnen zu helfen, schnell in den Scale zu kommen, ist auch eine Herzensangelegenheit für Europa.
Wie bringen Sie die unterschiedlichen Kulturen zusammen – ein Großkonzern wie Siemens und agile Startups?
Oppelt: Die Wahrnehmung kenne ich: Siemens, 300.000 Leute, prozessgetrieben, langsam. Aber auch das hängt von den Menschen ab, mit denen man redet. Es gibt bei uns genug Leute, die eine unglaublich hohe Geschwindigkeit fahren können. Wenn unsere Werke ein Problem identifizieren und wir das passende Startup finden, können wir innerhalb weniger Tage einen POC arrangieren. Gerade da helfen uns die etablierten Prozesse: Einmal richtig aufgesetzt, läuft das Onboarding schnell. Das Überbau-Programm ‘Siemens for Startups’ bietet einen zentralen Einstiegspunkt für Startups – egal ob für die Industrie, Buildings, Infrastruktur oder Mobility. Und wir suchen auch aktiv: Wenn wir ein Problem haben und ein passendes Startup kennen, gehen wir auf sie zu.
Siemens arbeitet auch mit NVIDIA zusammen. Was bedeutet das in der Praxis?
Oppelt: Wir arbeiten gemeinsam an autonomen, AI-gestützten Industrieoperationen. NVIDIA bringt Compute-Kraft und GPUs mit, wir die Industriedomäne: Automatisierung, Software, Prozesswissen. Konkret nutzen wir NVIDIA Omniverse als industrielles Metaverse. Unser Testfeld ist das Siemens-Werk Erlangen – unser eigener ‘Customer Zero’. Was mich besonders beeindruckt: die Technologieoffenheit direkt im Shopfloor. Die Werker schauen einem humanoiden Roboter beim POC zu und sagen: cool, der kann ja auch meine Aufgabe übernehmen. Kein Druckeraufstand, sondern echte Neugier.
Wie wird KI die Entscheidungen am Shopfloor verändern?
Oppelt: Der nächste Schritt ist Entscheidungsunterstützung: AI zeigt drei Szenarien mit Vor- und Nachteilen, der Mensch trifft die finale Entscheidung. Je mehr diese zur reinen Bestätigung wird, desto mehr gewinnen die Systeme Vertrauen – irgendwann schließt sich der Loop. Besonders fasziniert mich Physical AI: Wenn ich einem Roboter in 30 Sekunden erklären kann, was zu tun ist, und er das 8 Stunden lang tut – das ist ein echter Game Changer. Es zeigt mir auch, wie genial wir Menschen sind: Unsere Haptik, unser intuitives Verständnis – das ist bisher kaum replizierbar.
Was raten Sie einem mittelständischen Betrieb, der beim Thema KI noch am Anfang steht?
Oppelt: Erst mal die Hausaufgaben machen: IT und OT zusammenbringen und eine Durchgängigkeit der Daten herstellen. Cyber Security ist unausweichlich. Das hört sich nicht sexy an, aber ohne diese Basis kann ich den Vorteil von AI nicht nutzen. Meine Empfehlung: von Anfang an simulieren. Der digitale Zwilling sollte der Erstgeborene sein – erst dann kommt die physische Umsetzung. Und: Nicht jede Lösung muss ein komplexes KI-Modell sein. Das Expertenwissen darüber, was gebraucht wird, liegt immer noch beim Menschen.
Was würden Sie der KI am liebsten anvertrauen – persönlich, über die Industrie hinaus?
Oppelt: Das ist eine interessante Frage. Letztendlich geht es mir darum, dass mehr Menschen in die Fülle kommen. Das fängt bei Energie an: Wenn saubere Energie für alle verfügbar wäre, können wir unsere Wertschöpfungsketten ganz anders gestalten. Und AI könnte dazu beitragen, so etwas wie Frieden herzustellen – das klingt groß, aber am Ende ist das der Wunsch. Was ich mir persönlich wünsche: dass AI mir Dinge abnimmt, die ich heute täglich tue, damit ich mehr Zeit habe für das, was mich als Mensch ausmacht – zu reflektieren, wer wir wirklich sind und was uns auszeichnet.
ZUR PERSON
Matthias Oppelt ist Head of Explorative Customer-Driven Innovation bei Siemens Digital Industries.