Logimat 2026 Automatisierung KI : Intralogistik im Umbruch: KI, Robotik und neue Geschäftsmodelle treiben die Automatisierung voran
Auf der kommenden Logimat in Stuttgart zeichnet sich über die gesamten zehn Messehallen hinweg ein klares Bild ab: Flexibilität und Skalierbarkeit sind zu entscheidenden Kriterien geworden, denn Lagerbetreiber sind nach wie vor mit volatilen Marktanforderungen und wechselnden Kundenstrukturen konfrontiert.
Die Aussteller präsentieren dabei nicht nur Produktpremieren im dreistelligen Bereich, sondern zeigen auch einen Trend bei den Geschäftsmodellen: Neben cloudbasierten Softwarelösungen werden zunehmend auch Hardware-Komponenten und Komplettsysteme zur Prozessautomatisierung als Miet- und Leasinglösungen angeboten. Diese Entwicklung erleichtert insbesondere kleinen und mittelständischen Unternehmen den Einstieg in die Automatisierung der Intralogistik, da massive Kapitalinvestitionen nicht mehr zwingend notwendig sind.
Logimat 2026: Diese österreichischen Aussteller stellen in Stuttgart ihre Innovationen aus >>
Flexibilität als zentraler Nachfragetrend
Heimo Robosch, Executive Vice President bei Knapp, sieht trotz der herausfordernden wirtschaftlichen Rahmenbedingungen einen positiven Ausblick für die Branche. Die anhaltenden internationalen Konflikte und die damit verbundene wirtschaftliche Unsicherheit würden zwar das Investitionsverhalten vieler Unternehmen beeinflussen, gleichzeitig sei jedoch ein stabiler, teilweise sogar steigender Bedarf an Automatisierungslösungen zu beobachten. Als Gründe nennt er den zunehmenden Arbeitskräftemangel sowie den anhaltenden Kostendruck auf globale Lieferketten. „Trotz der herausfordernden Rahmenbedingungen sehen wir den Ausblick für unsere Branche – und besonders für Knapp – insgesamt positiv“, so Robosch.
Den zentralen Trend in der Anlagen- und Fördertechnik sieht er in der steigenden Flexibilisierung: „Lösungen, die sich schnell und effizient an veränderte Marktbedingungen anpassen und in die Systemlandschaft des Kunden nahtlos integrieren lassen.“ Denn Anforderungen wie „schnellere Lieferung, wachsendes Sortiment, höhere Individualisierung von Bestellungen und einfachere Integration von Retourenprozessen“ würden die Dynamik und Geschwindigkeit von Shuttle Systemen benötigen und erforderten generell einen höheren Automatisierungsgrad, meint Robosch. Entscheidend sei jedoch, dieses Thema nicht auf Basis von isolierten Technologien zu betrachten, sondern auf Basis von Gesamtkonzepten und dem Portfolio, das man seinen Kunden bieten kann.
Auch TGW Logistics setzt auf mobile Automatisierung als Spielbein neben den etablierten Technologien. Das Unternehmen konnte im Geschäftsjahr 2024/25 mit einem Auftragseingang von 1,5 Milliarden Euro ein historisches Hoch in seiner über 50-jährigen Geschichte erreichen. Auf der Logimat 2026 steht der neue Taschensorter SmartPocket im Fokus, der statt auf eine Schleppkette wie herkömmliche Ausführungen auf autonome mobile Roboter setzt und damit das Potenzial eines Game Changers mitbringe, der die Branche nachhaltig verändern könnte, heißt es auf Anfrage aus dem Unternehmen
Innovationen auf der Messe: Robotik, Dark Warehouse und neue Systeme
Als Innovationen auf der Logimat werden „vollkommen neuartige“, wabenbasierte Lager- und Kommissioniersysteme, flexible Robo-Pick-Lösungen sowie Shuttles für regalierten Lagersysteme genannt. Präsentiert werden außerdem neue und weiterentwickelte Serviceroboter für barrierefreie innerbetriebliche Transporte.
Auch im letzten Jahr gab es zahlreiche innovative Lösungen. Christoph Ecker, Geschäftsbereichsleiter Logistik und Supply Chain Management bei Fraunhofer Austria Research haben dabei „Lösungen zur verketteten Automatisierung im Sinne von Dark-Warehouse-Lagerkonzepten wie etwa Picking-Roboter, die direkt an ein automatisiertes Kleinteilelager angebunden sind“, beeindruckt, wie er im Dispo-Gespräch hervorhebt. Auch die kombinierten Lösungen aus Shuttle-Systemen und mobiler Robotik seien sehr interessant gewesen.
Für die kommende Logimat empfiehlt Ecker, besonders auf neue innovative KI-Lösungen zu achten, da im letzten Jahr in diesem Themenfeld sehr große Entwicklungsschritte stattgefunden hätten. Außerdem seien Automatisierungstechnologien wie kollaborative FTS- und AMR-Systeme, Picking-Roboter und Shuttle-Systeme immer einen Besuch wert. „Zusätzlich erhoffe ich mir persönlich einen Blick auf Best-Practice-Lösungen und -Vorträge, die Effizienzsteigerung in der Logistik mit sozialer und ökologischer Nachhaltigkeit verbinden.“
Lesen Sie hier die Kommentar-Serie von Fraunhofer-Manager Christoph Ecker "Spitzensport Logistik"
Mobile Robotik, Sicherheit und alternative Antriebe
Die Vorschau auf die Messe zeigt dabei eine besonders dynamische Entwicklung im Bereich der mobilen Robotik. Bei den Fahrerlosen Transportfahrzeugen, Autonomen Mobilen Robotern und Carrybots steht die Optimierung der Flottensteuerung und Transportleistung durch die Einbindung Künstlicher Intelligenz im Mittelpunkt. Die kontinuierliche Verbesserung der betrieblichen Sicherheit durch fortschrittliche Bilderfassung, Bildverarbeitung und Sensorik bildet dabei einen wichtigen Fokus. Dabei wird betont, dass die Sicherheitsstandards in Europa tendenziell strenger sind als in China oder den USA.
Die Flurförderzeug-Hersteller präsentieren unter anderem neu- und weiterentwickelte Fahrerlose Transportfahrzeuge sowie Neuerungen im Bereich alternativer Antriebe. Neue Modelle mit integrierter Lithium-Ionen-Batterie, neuartige Robotik-Fahrzeuge für autonomes Kommissionieren und periphere Komponenten wie Kamerasysteme für aktive Warn- und Assistenztechnologien werden vorgestellt. Zu sehen sein werden außerdem neueste Lithiumbatterie-Innovationen für stabilen Betrieb, hohe Sicherheit und nahtlose Integration in Robotiksysteme, neue Generationen biometrischer Zugangssysteme für Gabelstapler sowie erweiterte Telemetriesysteme.
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Im Bereich Verpackung und Verpackungstechnik zielt das aktuelle Produktspektrum einerseits auf Nachhaltigkeit durch Materialreduzierung, Right-Sized-Packaging, Kreislaufwirtschaft und Mehrwegverpackungen. Andererseits werden neueste Hochleistungs-Verpackungsstraßen und Umreifungsmaschinen mit optimierten Verbrauchskenndaten und hohen Durchsätzen gezeigt.
Im letzten Jahr haben humanoide Roboter auf der Logimat BesucherInnen angezogen. Dabei sollte ein humanoider Roboter das können, was ein Mensch kann: handeln, verstehen und entscheiden, so TGW-Chef Henry Puhl bei einer Diskussion zum Thema. „Handeln ist bei der Robotik schon gut umgesetzt, verstehen und entscheiden ist aber genauso wichtig.“
- © Nicolas MaackMarktdynamik: Globaler Wettbewerb und chinesischer Preisdruck
Grundsätzlich präsentiert sich der Markt für fahrerlose Transportsysteme und autonome mobile Roboter laut der Marktanalyse für „AGV AMR Robotics“ von STIQ mit über sechshundert Anbietern weltweit als außerordentlich fragmentiert. Das Jahr 2025 war demnach von gedämpfter Stimmung geprägt, hauptsächlich aufgrund von Unsicherheiten durch Zölle und Problemen im Automobilsektor, die bei Endnutzern zu einer gewissen Entscheidungslähmung führten. Für dieses Jahr herrscht wieder verbreiteter Optimismus, gestützt auf starke Auftrags-Pipelines und die Erwartung, dass viele aufgeschobene Projekte nun realisiert werden.
Ein wesentlicher Treiber für diesen Optimismus ist nach wie vor der anhaltende Mangel an verfügbaren Arbeitskräften und steigende Lohnkosten. In Ländern wie Japan verschärft der demografische Wandel diesen Druck zusätzlich, was zu erhöhten staatlichen Subventionen für Robotiklösungen in Lagern führt. Die Normalisierung der Rahmenbedingungen, insbesondere die Gewöhnung an die Zoll-Situation als neue Normalität, dürfte blockierte Investitionen wieder freisetzen. Zudem planen viele Kunden nach erfolgreichen Pilotphasen erste große Erweiterungen ihrer Flotten, was die positiven Erwartungen zusätzlich untermauert, wie der Report zeigt.
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Für Knapp wird die internationale Präsenz mit lokalen Niederlassungen zu einem Wettbewerbsvorteil. Executive Vice President Heimo Robosch betont, dass die breit aufgestellte internationale Präsenz es ermöglicht, in den jeweiligen Märkten flexibel und weitgehend unabhängig zu agieren. Dadurch könnten Kunden weltweit nicht nur wettbewerbsfähige Preise geboten werden, sondern auch starker lokaler Service und kontinuierliche Optimierungen über den gesamten Lebenszyklus ihrer Systeme hinweg.
Laut dem STIQ-Report spielen im globalen Wettbewerb chinesische Anbieter eine zunehmende Rolle. Der chinesische Inlandsmarkt leide unter massiven Produktionsüberkapazitäten und extremem Preisverfall, weshalb viele Anbieter verstärkt auf internationale Märkte drängen und dort sehr effektiv über den Preis konkurrieren. In Südostasien werden Taktiken wie Eins-plus-Eins-Angebote eingesetzt, bei denen Kunden beim Kauf eines Fahrzeugs ein zweites kostenlos erhalten, um sie langfristig zu binden. Selbst unter Berücksichtigung von Zöllen bleibe der Preisabstand zwischen chinesischen und westlichen Produkten oft so groß, dass chinesische Lösungen hochgradig wettbewerbsfähig bleiben.
Kommissionierung: Der größte Kostentreiber im Lager
Ein besonders kostenintensiver Bereich der Intralogistik ist die Kommissionierung, die einschließlich Einlagerung etwa zweiundfünfzig Prozent der Betriebskosten eines Lagers ausmacht, wie eine andere aktuelle Marktanalyse von STIQ zeigt. Dieser hohe Anteil erklärt sich laut dem Report „Picking Automation“ primär durch die Arbeitsintensität des Prozesses in herkömmlichen Lagern. Ein Artikel wird vom Wareneingang bis zum Warenausgang oft zehn bis fünfzehn Mal manuell berührt, wobei jeder dieser Berührungspunkte Kosten verursacht und den Margendruck erhöht. Die Kommissionierung erfordert in nicht-automatisierten Umgebungen massiven Personaleinsatz für das Gehen, Suchen und Greifen von Artikeln, während jeder Pick-Vorgang zusätzlich eine Verifizierung durch Scannen von Barcodes oder RFID-Tags erfordert.
Die hohe Personalfluktuation in der Lagerlogistik führt dabei zu erheblichen Kosten für kontinuierliche Rekrutierung und Einarbeitung neuer Kräfte. Hinzu komme die Fehleranfälligkeit manueller Kommissionierung, deren Identifizierung und Korrektur zusätzliche Kosten verursacht, so der Report. Die Entwicklung und der Einsatz von Technologien für das Each-Picking und Case-Picking zeigen deutliche Dynamik. Während stationäre Roboterarme für Einzelstücke bereits seit Mitte der 2010er Jahre existieren, gewinnen sie seit der Pandemie kommerziell erheblich an Bedeutung. Roboterlösungen für ganze Kartons sind eine neuere Entwicklung und befinden sich noch in einem frühen Stadium, so der STIQ-Report.
Pick-to-Light-Systeme stellen eine etablierte Technologie dar, die für viele Lagerbetreiber den ersten Schritt von rein manuellen Prozessen hin zu einer leichten Automatisierung darstellt. Diese Systeme können die Genauigkeit der Auftragsabwicklung auf über 99,9 Prozent steigern und damit Fehlerkosten signifikant senken. Neben der Fehlerreduzierung führen sie häufig zu einer Senkung der Lohnkosten um vierzig bis fünfzig Prozent und einer Steigerung der Pick-Rate um etwa vierzig Prozent. Besonders bei hochwertigen Gütern ist die Genauigkeit oft wichtiger als die reine Geschwindigkeit, da Fehlgriffe hier besonders teuer sind.
KI als Schlüsseltechnologie für adaptive Materialflüsse
Sysmat-Geschäftsführer Rainer Schulz beobachtet, dass klassische Automatisierungslösungen zunehmend an Grenzen stoßen, da sie auf statischen Regeln, festen Taktungen und vordefinierten Prozessketten basieren. "Künstliche Intelligenz hebt die Automatisierung im Lager und im innerbetrieblichen Transport auf ein neues Niveau, indem sie Materialflüsse adaptiv, lernfähig und vorausschauend steuert."
Im Zentrum der KI-gestützten Automatisierung steht laut Schulz die Fähigkeit, große Mengen heterogener Daten in Echtzeit auszuwerten. Sensorik, Steuerungen, Lagerverwaltungssysteme und Transporttechnik lieferten kontinuierlich Informationen über Bestände, Auftragslagen, Anlagenzustände und Verkehrsflüsse. KI-Algorithmen analysieren diese Daten, erkennen Muster und leiten daraus Entscheidungen ab, die deutlich über klassische Wenn-dann-Logiken hinausgehen. Materialflüsse werden nicht mehr nur ausgeführt, sondern aktiv optimiert, indem sich Prioritäten dynamisch anpassen, Engpässe antizipieren und Ressourcen intelligent verteilen lassen.
Als wesentlicher Anwendungsbereich gilt die Materialflusssteuerung in hochdynamischen Lagerumgebungen. KI-basierte Systeme koordinieren Fördertechnik, Shuttle-Systeme, autonome mobile Roboter und manuelle Arbeitsplätze in einem gemeinsamen Orchestrierungsansatz. Sie berechnen Auftragsreihenfolgen, Transportwege und Pufferstrategien fortlaufend neu, sobald sich Rahmenbedingungen ändern. Dadurch ließen sich Durchsatzleistung und Termintreue erhöhen, ohne zusätzliche Hardware installieren zu müssen, so Schulz.
Physical AI und autonome Systeme: Der nächste Entwicklungsschritt
Fraunhofer-Experte Christoph Ecker bewertet Agentic-AI-Anwendungen, die nicht nur analysieren, sondern zielorientiert und autonom handeln, am vielversprechendsten. „Solche Systeme optimieren Durchsatz, Servicelevel und Kosten in Echtzeit, disponieren Robotikflotten, priorisieren Picks dynamisch und steuern Materialflüsse adaptiv um Engpässe herum. Damit ermöglichen sie ein selbststeuerndes, resilientes Lager, das Produktivität steigert, Planungsaufwand reduziert und skalierbares Wachstum erlaubt“, analysiert Ecker.
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Zum Thema Physical AI und deren Einsatz in der Lagerrobotik äußert sich Ecker differenziert: „Ich denke, dass Physical AI vor allem für das Greifen von loser Ware aus einem Kleinladungsträger sowie für das autonome Fahren essenziell ist. Picking-in-Motion-Lösungen ließen sich unter der Voraussetzung, dass die Fahrwege bereits ausreichend breit gestaltet sind, gut in bestehende Lagerhallen integrieren. Bei Greenfield-Projekten lieferten aus seiner Sicht jedoch andere Automatisierungslösungen bessere Ergebnisse.