KI und Energie : „KI, Kilowatt & Kapital“: Wenn KI zur Infrastrukturfrage wird
Podiumsdiskussion bei „KI, Kilowatt & Kapital“: Expertinnen und Experten diskutierten, welche Rolle Österreich im europäischen Wettbewerb um Rechenzentren spielen kann – und warum Netze, Energie und Genehmigungen dabei entscheidend sind.
- © Arthur D. LittleKünstliche Intelligenz wurde lange als digitales Thema verhandelt. Es ging um Algorithmen, Software, Datenmodelle, technologische Souveränität und den Rückstand Europas gegenüber den USA und China. Doch je stärker KI in Unternehmen, Geschäftsmodelle und den Alltag integriert wird, desto deutlicher tritt ihre materielle Grundlage hervor. Hinter jeder Anwendung stehen Rechenzentren. Hinter Rechenzentren stehen Strombedarf, Netzanschlüsse, Grundstücke, Kühlung, Wasser, Abwärme, Kapital und Genehmigungen.
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Genau diese Verschiebung stand im Zentrum der Veranstaltung „KI, Kilowatt & Kapital“, zu der Arthur D. Little und Baker McKenzie in Wien geladen hatten. Die zentrale Frage des Abends lautete nicht, ob KI kommt. Diese Frage war für die Diskutierenden längst beantwortet. Es ging vielmehr darum, ob Österreich in der Lage ist, die dafür notwendige Infrastruktur rechtzeitig aufzubauen – und ob daraus ein Standortvorteil entstehen kann.
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KI wird zur Infrastrukturfrage: Warum im Hintergrund ein kleines Kraftwerk läuft
Hans-Peter Schmid, Partner bei Arthur D. Little Austria, brachte die Ausgangslage gleich zu Beginn auf den Punkt: KI sei nicht länger nur ein Technologie- oder Datenthema, sondern vor allem ein Infrastrukturthema. Die Nutzung von KI-Anwendungen wachse rasant. Was heute noch als punktuelle Unterstützung beim Schreiben von E-Mails, Erstellen von Präsentationen oder Analysieren von Daten erscheint, werde zunehmend in Standardanwendungen eingebaut. Damit entfalle für viele Nutzerinnen und Nutzer auch die bewusste Entscheidung, ob sie KI verwenden oder nicht. KI werde Teil der digitalen Grundausstattung.
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Diese Entwicklung hat Folgen. Denn jede Anfrage erzeugt Rechenleistung, und jede zusätzliche Rechenleistung erhöht den Energiebedarf. Schmid zeigte anhand von Modellrechnungen, wie stark dieser Bedarf je nach Art der Anwendung steigen kann. Eine einfache Anfrage ist vergleichsweise wenig energieintensiv. Komplexe Anwendungen, insbesondere mit Agentensystemen oder generierten Videos, können den Bedarf jedoch deutlich erhöhen. Seine zugespitzte Botschaft: Wenn KI künftig in großem Maßstab genutzt wird, läuft im Hintergrund gewissermaßen ein kleines Kraftwerk mit.
Rechenzentren-Boom: Warum Europas Top-Standorte an ihre Grenzen stoßen
Der Stromverbrauch ist dabei nur ein Teil des Problems. Rechenzentren brauchen geeignete Flächen, leistungsfähige Glasfaseranbindungen, stabile Netze und Kühlung. Auch Wasserverbrauch und Abwärme werden zu relevanten Standortfragen. Damit verändert sich die Logik der Standortwahl: Früher wurde Infrastruktur dorthin gebracht, wo Nutzer und Unternehmen saßen. Künftig werden Rechenzentren stärker dort entstehen, wo die notwendige Energie- und Netzinfrastruktur vorhanden ist.
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Europaweit sind die großen Rechenzentrumsstandorte bekannt: Frankfurt, London, Amsterdam, Paris und Dublin. Doch diese Märkte stoßen zunehmend an Grenzen. Flächen werden knapp, Netzanschlüsse sind begrenzt, Genehmigungen dauern, und die lokale Akzeptanz ist nicht selbstverständlich. Genau daraus könnte sich eine Chance für sogenannte Second-Tier-Standorte ergeben – also für Länder und Städte, die bislang nicht im Zentrum des europäischen Rechenzentrumsbooms standen, aber gute Voraussetzungen mitbringen.
Österreich als Rechenzentrumsstandort: Große Chance mit enormem Energiebedarf
Claire Dietz-Polte, Partnerin bei Baker McKenzie Berlin, beschrieb Österreich in diesem Zusammenhang als potenziell attraktiven Standort. Wien sei bereits ein etablierter Rechenzentrumsstandort. Auch andere österreichische Städte wie Linz, Graz oder Salzburg würden als mögliche Standorte diskutiert. Entscheidend seien mehrere Faktoren: Glasfaseranbindung, Internetknoten, verfügbare Grundstücke, Netzanschlusskapazitäten, politische Stabilität und Zugang zu erneuerbarer Energie. Hinzu komme Österreichs geografische Lage als möglicher Knotenpunkt Richtung Osteuropa.
Doch die Voraussetzungen allein reichen nicht. Die Größenordnung neuer Projekte verändert die Anforderungen massiv. Während ältere Rechenzentren oft im Bereich von 15 bis 20 Megawatt lagen, wurde am Abend über Projekte mit 200 bis 500 Megawatt gesprochen. Damit verschiebt sich die Debatte in eine andere Dimension. Solche Anlagen entsprechen nicht mehr einzelnen Gewerbeprojekten, sondern industrieller Großinfrastruktur.
Strombedarf durch KI: Zwischen realen Projekten und Goldgräberstimmung
Das zeigte sich besonders deutlich in der Diskussion über den Strombedarf. Michael Baminger, CEO der Salzburg AG, ordnete die Größenordnung ein: Österreich verbraucht derzeit etwas mehr als 70 Terawattstunden Strom pro Jahr. Bis 2040 wird mit einer Verdoppelung gerechnet – vor allem durch Elektrifizierung von Mobilität, Raumwärme und industrieller Dekarbonisierung. Der zusätzliche Bedarf durch KI und Rechenzentren ist darin noch nicht vollständig enthalten. Sollten relevante Teile der angemeldeten Projekte tatsächlich umgesetzt werden, käme ein spürbarer Mehrbedarf hinzu.
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Baminger warnte allerdings davor, jede Projektankündigung als gesicherte Realität zu betrachten. In seinem Versorgungsgebiet gebe es Anfragen, deren Leistungsbedarf in Summe der Spitzenlast im Netz entspreche. Doch nicht jedes Projekt werde tatsächlich realisiert. Ein Teil sei Projektentwicklung, ein Teil Absicherung von Optionen, ein Teil möglicherweise Goldgräberstimmung. Entscheidend werde sein, welche Vorhaben am Ende belastbare Geschäftsmodelle und Finanzierung aufweisen.
Rechenzentren in Wien: Abwärme wird zum entscheidenden Standortvorteil
Auch Peter Weinelt, Generaldirektor der Wiener Stadtwerke, verwies auf diese Diskrepanz zwischen angemeldeten Leistungen und tatsächlich realisierbaren Projekten. In Wien liege die Spitzenlast bei rund 2.200 Megawatt; die angemeldeten Leistungen für mögliche Projekte bewegten sich in ähnlichen Größenordnungen. Doch sobald es verbindlich werde, etwa durch Anzahlungen und konkrete Netzanschlussbestellungen, reduziere sich die Zahl der ernsthaften Projekte deutlich. Ein wesentlicher Grund sind lange Lieferzeiten: Bei Hochspannungsanschlüssen sei mit bis zu 48 Monaten zu rechnen.
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Weinelt lenkte die Debatte zudem auf einen Punkt, der in der öffentlichen Diskussion oft unterschätzt wird: Abwärme. Rechenzentren erzeugen große Mengen Wärme. Diese einfach über Kühlsysteme an die Atmosphäre abzugeben, sei aus seiner Sicht nicht mehr zeitgemäß. Sinnvoll seien Standorte, an denen Abwärme in bestehende Wärmesysteme eingespeist werden kann. Wien habe hier strukturelle Vorteile. Als Beispiel nannte Weinelt ein Rechenzentrum, dessen Abwärme zu einem erheblichen Teil für ein Krankenhaus genutzt werde. Solche Modelle verbesserten nicht nur die Effizienz, sondern auch die Akzeptanz vor Ort.
KI-Infrastruktur: Warum Energie allein nicht reicht
Damit wurde ein zentrales Motiv des Events sichtbar: Rechenzentren dürfen nicht isoliert geplant werden. Sie müssen Teil eines Energiesystems sein. Der Standort entscheidet nicht nur über Datenlatenz und Glasfaser, sondern auch über Netzbelastung, Strompreise, Wärmenutzung und gesellschaftliche Akzeptanz.
Aus Sicht der Politik ist genau diese integrierte Planung entscheidend. Energiestaatssekretärin Elisabeth Zehetner betonte, dass Rechenzentren durchaus Vorteile für das Stromsystem haben können. Sie weisen eine vergleichsweise gleichmäßige Last auf und können, richtig integriert, planbare Abnehmer sein. Gleichzeitig müssten Netze, Erzeugungsanlagen, Speicher und Wärmeinfrastruktur schneller ausgebaut werden. Genehmigungen seien dabei ein zentraler Engpass. Zehetner verwies auf Beschleunigungsmaßnahmen im Bereich erneuerbarer Energien und Netzinfrastruktur. Es brauche aber viele Bausteine, nicht nur eine einzelne Maßnahme.
Die Diskussion machte klar: Österreich hat nicht grundsätzlich zu wenig Energie. Aber es muss sie zur richtigen Zeit, am richtigen Ort und über ausreichend leistungsfähige Netze bereitstellen können. Genau hier liegt die eigentliche Herausforderung. Stromerzeugung allein genügt nicht, wenn Transportkapazitäten fehlen. Netze allein genügen nicht, wenn Genehmigungen zu lange dauern. Und Kapital allein genügt nicht, wenn Projekte technisch oder regulatorisch nicht bankfähig sind.
Rechenzentren finanzieren: Kapital ist da, aber nur für belastbare Projekte
Auf der Finanzierungsseite war der Tenor überraschend eindeutig: Am Kapital sollte der Ausbau nicht grundsätzlich scheitern. Vertreter aus dem Finanzbereich machten deutlich, dass Infrastruktur finanzierbar ist – aber nur, wenn Projekte professionell strukturiert sind. Banken stellen vor allem Fremdkapital bereit. Sie prüfen, ob es belastbare Erlösmodelle, verlässliche Abnehmer, gesicherte Netzanschlüsse und starke Sponsoren gibt. Besonders wichtig sind langfristige Abnahmeverträge. Ein Rechenzentrum mit einem großen, bonitätsstarken Nutzer ist aus Bankensicht ein anderes Risiko als ein Projekt mit einem kaum bekannten Cloud-Anbieter.
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Gleichzeitig gibt es für Rechenzentren noch keinen einheitlichen Finanzierungsstandard. Je nach Entwicklungsphase, Größe, Nutzerstruktur und Risiko kommen unterschiedliche Modelle zum Einsatz. In frühen Phasen sind Fonds und Infrastrukturinvestoren eher bereit, höhere Risiken zu tragen. Banken steigen typischerweise später ein, wenn zentrale Fragen geklärt sind. Auch das unterscheidet Rechenzentren von klassischen Immobilien- oder Energieprojekten.
KI-Zukunft in Österreich: Warum Netze und Genehmigungen zum entscheidenden Engpass werden
Der Abend zeigte damit eine klare Rangfolge der Engpässe. Kapital ist vorhanden, aber selektiv. Energie ist grundsätzlich verfügbar, aber nicht automatisch am richtigen Ort. Die entscheidenden Faktoren sind Netze, Genehmigungen, Standortplanung und die Integration in bestehende Energie- und Wärmesysteme.
Für Österreich ergibt sich daraus eine strategische Frage: Will das Land Rechenzentren nur als zusätzliche Stromverbraucher betrachten – oder als Teil einer industriepolitischen Standortstrategie? Die Antwort der Diskutierenden tendierte klar zur zweiten Variante. Digitale Souveränität, europäische Datenhaltung und Wertschöpfung sprechen dafür, Rechenzentren nicht pauschal als Belastung zu sehen. Aber sie müssen dort entstehen, wo sie systemisch sinnvoll sind.
Am Ende blieb weniger eine fertige Lösung als ein präziser Problemaufriss. KI braucht Kilowatt. Kilowatt brauchen Netze. Netze brauchen Genehmigungen. Und Kapital braucht Planungssicherheit. Wer künstliche Intelligenz wirtschaftlich nutzen will, muss deshalb über weit mehr sprechen als über Modelle und Software. Die Wettbewerbsfähigkeit der KI-Zukunft wird auch an Umspannwerken, Stromtrassen, Wärmenetzen und Behördenverfahren entschieden. Genau dort beginnt für Österreich die eigentliche Arbeit.