Kreislaufwirtschaft Österreich : Katharina Rogenhofer, KONTEXT Institut: "Die Abhängigkeit von kritischen Rohstoffen macht uns erpressbar“
Katharina Rogenhofer, KONTEXT Institut: „Kreislaufwirtschaft kann Pulsgeber in Österreich sein"
- © Matthias HeschlKreislaufwirtschaft beginnt für Katharina Rogenhofer nicht bei Abfall, sondern bei einer strategischen Standortfrage. Die Vorständin des KONTEXT Instituts stellt sie in einen größeren wirtschaftlichen Rahmen: Europa und Österreich stehen unter Druck, weil Energie- und Rohstoffabhängigkeiten in den vergangenen Jahren zu realen Kostenrisiken geworden sind. Öl und Gas wurden nach dem russischen Angriff auf die Ukraine zu Preistreibern, zuerst im Energiebereich, danach auch bei Gütern und Dienstleistungen. Rogenhofer verweist darauf, dass solche Schocks unmittelbar in der industriellen Produktion ankommen: Wer Energie teuer einkaufen muss, produziert teurer.
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Gleichzeitig wachsen jene Zukunftstechnologien, die für die nächste industrielle Etappe zentral sind: E-Autos, Photovoltaik, Wärmepumpen, Netzinfrastruktur und weitere Technologien der Elektrifizierung. China habe strategisch darauf gesetzt, solche Märkte aufzubauen und später weltweit zu beliefern. Für Europa stelle sich daher die Frage, wo die eigene Industrie künftig mitspielen will.
Rogenhofer verbindet diese Debatte mit einer grundsätzlichen Kritik an der linearen Wirtschaftsweise. „Keine andere Spezies auf der Welt produziert etwas, was keine andere Spezies dann aufbereiten kann“, sagt sie. Genau darin liege der Kern des Problems: Ressourcen würden am Ende weggeworfen, statt im Kreislauf gehalten zu werden.
Der große Hebel liegt im Material
Österreichs Ressourcenverbrauch wird stark von mineralischen Baustoffen geprägt. Gerade dort sieht Rogenhofer einen der größten Hebel für Kreislaufwirtschaft. Metalle, Biomasse und fossile Energieträger spielen ebenfalls eine Rolle, doch im Bau- und Materialsektor liege besonders viel Potenzial. Die österreichische Kreislaufwirtschaftsstrategie setzt ambitionierte Ziele: Der Materialfußabdruck pro Person soll deutlich sinken, die Zirkularitätsrate steigen. Aktuell sei Österreich davon aber noch weit entfernt.
Dass Kreislaufwirtschaft nicht nur Ressourcen spart, sondern auch wirtschaftlich wirken kann, zeigen laut Rogenhofer mehrere Studien des KONTEXT Instituts. Eine Modellrechnung zur Modernisierung ressourcenintensiver Sektoren kommt zum Ergebnis, dass der Materialverbrauch im Wohnbau um 29 Prozent sinken kann. Gleichzeitig seien Emissionssenkungen, sauberere Energieproduktion, niedrigere Outputpreise und eine stabile Wirtschaftsentwicklung möglich.
Damit verschiebt sich die Perspektive: Kreislaufwirtschaft ist nicht bloß eine zusätzliche ökologische Anforderung, sondern kann zu einem Modernisierungsprogramm für bestehende Industrien werden. Voraussetzung sind allerdings Rahmenbedingungen, die Investitionen ermöglichen und Sekundärmaterialien konkurrenzfähig machen.
Recycling als Exportchance
Ein weiterer Hebel liegt in Umwelt- und Recyclingtechnologien. Österreich verfügt hier über industrielle Stärken – von Sortier- und Aufbereitungsanlagen bis zu Recyclingverfahren. Rogenhofer sieht darin eine Exportchance. Wenn Österreich in diesen Bereichen stärker skaliert und sich als Anbieter von Recycling-Hubs positioniert, könnten Exporte, Investitionen, Arbeitsplätze und Wirtschaftsleistung steigen. Besonders die Abfallwirtschaft profitiere, die Effekte reichten aber weit darüber hinaus, etwa in den Maschinenbau und andere Branchen.
Der wirtschaftliche Nutzen entsteht nicht nur durch neue Anlagen. Er entsteht auch dadurch, dass Rohstoffe im Land gehalten und wiederverwendet werden. Europa exportiert heute in vielen Fällen Abfälle und verliert damit kritische Materialien, die bereits im Wirtschaftssystem vorhanden wären. Für Rogenhofer ist genau das eine strategische Schwäche: Wer Rohstoffe nicht abbaut, sie aber auch nicht im Kreislauf hält, verschärft seine Abhängigkeit.
Sicherheit durch weniger Abhängigkeit
Besonders deutlich wird der Sicherheitsaspekt bei kritischen Rohstoffen. Laut Rogenhofer ist bei der Hälfte der strategischen Rohstoffe Europas Versorgung stark gefährdet. Das bedeutet: Ein zentrales Element der Lieferkette hängt von sehr wenigen Lieferländern ab, teils mit einer Konzentration von mehr als 60 Prozent aus einem einzigen Land. Acht von 17 strategischen Rohstoffen würden von China kontrolliert - nicht zufällig, sondern als Ergebnis einer langfristigen industriepolitischen Strategie.
Für Österreich ist das relevant, weil die Exportwirtschaft direkt betroffen ist. Nach den von Rogenhofer präsentierten Analysen hängt rund die Hälfte der österreichischen Exporte in irgendeinem Produktionsschritt von kritischen Rohstoffen ab.
Kreislaufwirtschaft wird damit Teil der Sicherheits- und Resilienzpolitik. Materialeffizienz, Produktlanglebigkeit, Substitution kritischer Rohstoffe und die Nutzung vorhandener Materialien zählen zu den wichtigsten Hebeln, um Abhängigkeiten zu reduzieren. Rogenhofer formuliert es so: „Die Abhängigkeit von kritischen Rohstoffen als auch fossilen Energien macht uns erpressbar.“
Was die Politik liefern muss
Damit Kreislaufwirtschaft wirtschaftlich funktioniert, braucht es laut Rogenhofer politische Unterstützung. Pionierbetriebe nennen vor allem produktbezogene Materialeffizienz, Designanforderungen für Sekundärrohstoffe und Leitmärkte über öffentliche Beschaffung. Die öffentliche Hand könne in Österreich ein großer Hebel sein, weil sie erhebliche Mittel bewegt und damit Nachfrage für zirkuläre Produkte schaffen kann.
Dazu kommen technische und regulatorische Fragen: Gebäude müssen so geplant werden, dass Materialien rückgebaut und wiederverwendet werden können. Verbundmaterialien haben zwar oft gute Eigenschaften, erschweren aber die Demontage. Auch Daten werden wichtiger, etwa bei Batterien aus E-Autos, die nach ihrer Nutzung im Fahrzeug als stationäre Speicher weiterverwendet werden könnten. Ohne Informationen zum Lebenszyklus und Zustand einer Batterie bleibt dieses Potenzial begrenzt.
Ein weiteres Thema ist das Abfallrecht. Sekundärrohstoffe unterliegen oft höheren Auflagen als Primärrohstoffe. Das erschwert ihre Wettbewerbsfähigkeit und bremst Märkte aus, die für eine funktionierende Kreislaufwirtschaft notwendig wären.
Wertschöpfung vor Ort halten
Rogenhofer verbindet Kreislaufwirtschaft mit Energiepolitik. Wer industriell in Europa produzieren will, braucht leistbare Energie, erneuerbare Erzeugung, Netzausbau und Elektrifizierung möglichst vieler Prozesse. Ressourceneffizienz allein reicht nicht; sie muss Teil einer breiteren Strategie werden, die Energie-, Industrie- und Rohstoffpolitik zusammendenkt.
Der Nutzen liegt für sie auf mehreren Ebenen: stabilere Energiepreise, geringere Abhängigkeit, heimische Wertschöpfung, Wettbewerbsvorteile, Innovation und Arbeitsplätze vor Ort. Sanierungen, Photovoltaik, Wärmepumpen, Netzausbau und Recycling halten Wertschöpfung im Land, statt Milliarden für fossile Energieimporte abfließen zu lassen.
Rogenhofers Schlussfolgerung: „Kreislaufwirtschaft kann Pulsgeber in Österreich sein, wenn es um Wettbewerbsfähigkeit und Wohlstand geht.“ Europa dürfe Fehler der Vergangenheit nicht wiederholen – Technologien erforschen und entwickeln, sie dann aber anderswo skalieren lassen. Genau darin liegt die Chance: Wenn Österreich und Europa Kreislaufwirtschaft als Industriepolitik verstehen, kann daraus mehr entstehen als Ressourcenschonung.