Seltene Erden : Treibacher-Vorstand Greimel: Europas Rohstofflücke ist hausgemacht

Greimel

Treibacher-Vorstand Stefan Greimel: Rohstoffsicherung beginnt nicht allein im Bergbau

- © Matthias Heschl

Europas Rohstoffpolitik steht vor einem Widerspruch: Die Industrie braucht kritische Materialien für Hochleistungsstähle, Hartmetalle, Batterien, Chemie, Elektronik und Verteidigungstechnik. Gleichzeitig baut Europa zu wenig ab, verarbeitet zu wenig und verlässt sich in vielen Bereichen auf globale Lieferketten, die zunehmend politisch geprägt sind. Für Stefan Greimel, Vorstandsmitglied der Treibacher Industrie AG, ist die Versorgung mit strategischen Materialien deshalb nicht zuerst eine Frage des Marktes, sondern eine Frage von Wirtschaftspolitik und Geopolitik.

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Treibacher spricht aus einer Industrieperspektive, die tief in der Rohstoffverarbeitung verankert ist. Das Unternehmen mit Sitz in Althofen ist in Spezialbereichen der Metallurgie und Chemie tätig. Die Anwendungsfelder reichen von Ferrovanadium für hochwertige Stähle über Vorprodukte für die Pharmaindustrie, Seltene Erden, Wolframcarbid für die Hartmetallindustrie und Sicherheitspigmente bis zu Materialien für Bremsbeläge. In vielen dieser Bereiche spielen Elemente eine Rolle, die von der Europäischen Union als kritisch eingestuft werden.
 

Besonders sichtbar wird diese Strategie in einer neuen Recyclinganlage, in die Treibacher rund 130 Millionen Euro in Österreich investiert hat. Dort werden Katalysatoren aus der Erdölindustrie sicher entsorgt und daraus kritische Rohstoffe zurückgewonnen. Für Greimel ist das ein Beispiel dafür, dass Rohstoffsicherung nicht allein im Bergbau beginnt. Sie beginnt auch in der industriellen Fähigkeit, Materialströme zu schließen, komplexe chemische Prozesse zu beherrschen und Wertstoffe wieder in europäische Lieferketten zu bringen.

Kritische Materialien sind Geopolitik

Greimel formuliert drei Kernthesen. Erstens: Die Versorgung mit kritischen Materialien ist primär eine Frage von Wirtschaft und Geopolitik, erst danach eine Frage des Marktgeschehens. Zweitens: Europas Abhängigkeit ist hausgemacht, weil der Kontinent kaum abbaut und zu wenig verarbeitet. Drittens: Der Markt scheitert als Stratege – Versorgungssicherheit kostet.
Wie schnell Rohstoffmärkte politisch werden, zeigt Greimel am Beispiel Wolfram. Wolfram ist die Grundlage für Wolframcarbid, das wiederum für Bohrer, Fräsen und Schneidwerkzeuge im industriellen Einsatz benötigt wird. Auch sicherheitspolitisch ist der Rohstoff relevant. Die Preisentwicklung bei Wolframtrioxid habe zuletzt deutlich gezeigt, wie stark politische Spannungen auf die industrielle Versorgung durchschlagen können. Im Kontext des Konflikts zwischen den USA und China seien Stellschrauben bei der Versorgung angezogen worden. Für europäische Verarbeiter bedeutet das steigende Weltmarktpreise, höhere Finanzierungslasten und Unsicherheit bei langfristigen Kalkulationen.

Ähnlich kritisch ist die Lage bei Antimon. Der Rohstoff wird unter anderem in Flammschutzanwendungen und im Verteidigungsbereich eingesetzt. Europa ist beim Abbau vollständig auf außereuropäische Regionen angewiesen, nur ein Teil der Verarbeitungskapazitäten liegt auf dem Kontinent. Die Lehre daraus ist für Greimel klar: Wer kritische Rohstoffe braucht, kann sich nicht dauerhaft darauf verlassen, dass andere Regionen den Weltbedarf über den eigenen Bedarf hinaus decken.

Europas bequeme Abhängigkeit

Ein Teil des Problems liegt aus Sicht Greimels in der kurzfristigen Ausrichtung von Industrie und Gesellschaft. Eingekauft werde häufig nach aktueller Verfügbarkeit und aktuellem Preisniveau, nicht nach langfristiger Versorgungssicherheit. Die Seltene-Erden-Krise der Jahre 2010 bis 2012 habe bereits gezeigt, wie schnell Exportbeschränkungen globale Industrien unter Druck setzen können. Damals seien weltweit zahlreiche Projekte zur Exploration, Förderung und Verarbeitung Seltener Erden angestoßen worden. Als die Preise wieder sanken und China stärker exportierte, seien viele Projekte wieder zum Erliegen gekommen.

Diese Kurzfristigkeit schwächt Europa. Denn Rohstoffprojekte sind kapitalintensiv, technisch anspruchsvoll und langfristig. Wenn Unternehmen nicht davon ausgehen können, über Jahre hinweg verlässliche Erlöse zu erzielen, investieren sie nicht. Wird bei niedrigen Preisen wieder außerhalb Europas gekauft, bleiben heimische Projekte aus. Genau darin sieht Greimel das Versagen des Marktes als strategisches Instrument: Der Markt optimiert den Moment, aber nicht die Resilienz eines Industriestandorts.
Hinzu kommt ein gesellschaftlicher Widerspruch. Europa will dekarbonisieren, digitalisieren und industrielle Wertschöpfung halten, scheut aber oft jene Produktions- und Verarbeitungskapazitäten, die dafür notwendig wären. Rohstoffgewinnung, chemische Verarbeitung und metallurgische Prozesse beanspruchen Fläche, Energie und Akzeptanz. Wer die Produkte konsumiert, müsse sich aber auch zur Produktion bekennen, lautet die industriepolitische Konsequenz. Andernfalls entsteht eine Versorgungslücke, die nicht zufällig, sondern selbst verschuldet ist.

Widersprüchliche Ziele bremsen Projekte

Greimel verweist auch auf inkonsistente politische Zielsetzungen. Vanadium etwa ist ein kritischer Rohstoff und für hochwertige Stahllegierungen relevant. Eine ökologisch sinnvolle Quelle ist Stahlwerksschlacke, also ein Nebenprodukt aus der Stahlproduktion. Gleichzeitig steht die Stahlproduktion in Europa wegen Klimazielen und Emissionen unter Druck. Damit geraten Rohstoffsicherung und Dekarbonisierung in Konflikt, obwohl gerade die Nutzung solcher Nebenströme eine industrielle Kreislauflösung sein kann. Wenn politische Ziele einander blockieren, passiert am Ende gar nichts.

Die strategische Rohstofffrage ist damit auch eine Frage institutioneller Handlungsfähigkeit. Greimel nennt Japan als Beispiel. Dort existiert mit JOGMEC eine staatliche Einrichtung, die Mandat und Kapital hat, um Rohstoff- und Energieversorgung zu sichern. Sie unterstützt Exploration, organisiert strategische Reserven, vergibt Kredite und Garantien und geht Beteiligungen ein – gemeinsam mit privaten Unternehmen. Der Staat übernimmt damit nicht den Markt, sondern reduziert Risiken, die private Investoren allein nicht tragen können.

Für Europa wäre ein solcher Ansatz aus Greimels Sicht naheliegend. Einzelne Nationalstaaten sind häufig zu klein, um globale Rohstoffpolitik wirksam zu betreiben. Gerade Österreich kann zwar industrielle Kompetenz und einzelne Rohstoffbeispiele vorweisen, verfügt aber nicht über eine strategische Rohstoffagentur mit vergleichbarer Schlagkraft. Mehr europäische Koordination könnte helfen, Projekte früher zu ermöglichen, Reserven aufzubauen und Verarbeitungskapazitäten abzusichern.

Versorgungssicherheit hat einen Preis

Die zentrale Botschaft lautet: Rohstoffsicherheit ist nicht gratis. Sie erfordert Abnahmegarantien, Mindestpreise, strategische Reserven, Risikoabsicherung und industrielle Investitionen. Ohne solche Instrumente bleiben viele Projekte in Europa unwirtschaftlich, solange außereuropäische Anbieter kurzfristig günstiger liefern können. Doch der niedrigere Preis kann langfristig teuer werden, wenn Lieferketten reißen oder geopolitische Abhängigkeiten ausgenutzt werden.

Treibacher zeigt mit seiner Recyclinganlage, dass europäische Rohstoffstrategie nicht nur aus Bergbau bestehen muss. Sie umfasst auch Kreislaufwirtschaft, chemische Kompetenz, metallurgisches Know-how und die Fähigkeit, kritische Materialien industriell weiterzuverarbeiten. Genau diese Verarbeitungskapazitäten entscheiden darüber, ob Europa Rohstoffe nur importiert oder daraus eigene Wertschöpfung schafft.

Greimels Befund ist deshalb unbequem, aber klar: Europa hat sich in einer Versorgungslage eingerichtet, die lange funktioniert hat, weil andere Regionen geliefert haben. Doch diese Ordnung wird brüchiger. Wer industrielle Souveränität will, muss Rohstoffe nicht nur benennen, sondern sichern, verarbeiten und strategisch bewirtschaften.