Der Ausgangspunkt dieser Strategie reicht laut Wex weit zurück. Bereits 2008 habe Plansee den Schritt zur Rückwärtsintegration gesetzt. Ziel sei gewesen, sich im Wolfram-Sourcing unabhängiger von China zu machen. Plansee baute das Recycling systematisch aus, übernahm 2008 den US-Wolframpulverspezialisten GTP von Osram, entwickelte neue Recyclingtechnologien weiter, kaufte mit Tikomet Oy in Finnland zusätzliche Kompetenzen zu und baute mit der Übernahme des Schrotthändlers Stadler in Deutschland auch die dazugehörige Logistik auf. Heute sieht er darin einen klaren Wettbewerbsvorteil. Das recycelte Material habe einen vier- bis fünfmal kleineren CO2-Fußabdruck als Material aus der Mine und sichere die Unabhängigkeit von China. Rund 80 Prozent der Minenaktivitäten bei Wolfram liegen in China.
Lange Zeit habe das Land den Weltmarkt nicht nur dominiert, sondern auch mit seiner Politik geprägt: China habe den Markt phasenweise „geflutet“, woraufhin Projekte im Westen wirtschaftlich nicht mehr tragfähig gewesen seien. Wex verweist dabei auch auf Österreich: Selbst die Wolfram-Mine Mittersill sei zeitweise stillgelegt worden, weil das Preisniveau zu niedrig gewesen sei. Das Problem dabei: Eine Mine lässt sich rasch schließen, aber nur sehr langsam wieder hochfahren. Genau diese Trägheit des Systems spüre der Westen jetzt.
Warum der Westen jetzt unter Druck gerät
Die Lage hat sich nach seiner Schilderung in den vergangenen drei Jahren dramatisch verschärft. China habe seine Minenproduktion zurückgenommen, Lizenzen reduziert und sei im vergangenen Jahr vom Nettoexporteur zum Nettoimporteur geworden. "Aus China kommt nur mehr wenig raus“, sagt Wex. In der Folge sei der Wolfram-Preis innerhalb eines Jahres geradezu explodiert. Die Notierung sei von rund 400 bis 450 Dollar pro MTU (metric ton unit) auf mehr als 3.000 gestiegen. In diesem Umfeld steigen laut Wex einzelne Marktteilnehmer aus rohstoffintensiven Produkten aus, vor allem dort, wo die Margen gering sind. Bei bestimmten Vorprodukten sei Plansee im Westen inzwischen der letzte verbliebene Anbieter, der Kunden noch verlässlich versorgen könne. Als Beispiel nennt er Hartmetallstäbe, also jenes Formmaterial, aus dem später Werkzeuge gefertigt werden. Wettbewerber würden solche Produkte teils nicht mehr verkaufen, weil sie das knappe Material für die eigene Fertigung benötigten.
Wex zeichnet dabei ein Bild von China als strategisch denkendem Rohstoffakteur, der Wolfram am Heimmarkt um rund 20 Prozent günstiger anbietet als im Westen und damit die eigene Industrie stützt. Zum anderen sieht er in den jüngsten Exportrestriktionen bei verschiedenen Industriematerialien einen politischen Hebel, möglicherweise auch als Reaktion auf die US-Zollpolitik. Entscheidend sei für ihn aber etwas Grundsätzlicheres: China sichere sich seit Jahren gezielt jene Materialien, die es selbst für seine industrielle Entwicklung braucht, etwa Lithium oder Kobalt, und lege darüber hinaus Sicherheitsbestände an. "Diese langfristige Logik fehlt in Europa weitgehend", sagt Wex. Der Critical Raw Materials Act sei zwar ein Schritt, sagt er, doch daraus sei noch keine "operative Rohstoffstrategie" entstanden.