Baukosten Österreich 2026 : PORR: Wie Karl-Heinz Strauss den trägen Bau schneller machen will

Karl Heinz Strauss Porr Interview

PORR-Chef Karl-Heinz Strauss über die Frage, wie Bauen schneller, günstiger und klimafreundlicher werden kann.

- © Thomas Topf

Urbanisierung, Digitalisierung, Nachhaltigkeit und demografischer Wandel verändern die Bauwirtschaft grundlegend. Städte brauchen mehr leistbaren Wohnraum, Baustellen sollen effizienter, sicherer und klimafreundlicher werden. Gleichzeitig steht die Branche unter Druck: Der Gebäude- und Bausektor verursacht laut UNEP weltweit 34 Prozent der energie- und prozessbedingten CO₂-Emissionen; besonders Zement und Stahl bleiben zentrale Hebel für mehr Klimaschutz.

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Einer, der diese Veränderungen aus der Praxis kennt, ist Karl-Heinz Strauss. Er ist seit September 2010 Vorstandsvorsitzender der PORR AG. Das Unternehmen setzt unter anderem auf digitale Baustellen, Lean Construction, Recyclingbaustoffe und vorgefertigte Elemente. Mit dem System PORR LIVING sollen Wohnungen schneller, kostengünstiger und nachhaltiger gebaut werden; die PORR nennt dafür Baukosten von rund 2.000 Euro pro Quadratmeter auf Basis der Elementbauweise.

Über die Baustelle der Zukunft, künstliche Intelligenz, Robotik, leistbares Wohnen und die Frage, ob Europa im internationalen Innovationswettbewerb mithalten kann, haben wir mit PORR-Chef Karl-Heinz Strauss gesprochen. 

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KI am Bau: Wie die papierlose Baustelle Realität werden soll

Herr Strauss, was hat sich auf den Baustellen in den vergangenen fünf Jahren stärker verändert als in den Jahrzehnten davor?

Der gesamte Bauablauf ist deutlich prozessorientierter geworden. Es geht heute um Geschwindigkeit, Präzision und vor allem um Kommunikation. Viel mehr Menschen wissen viel mehr über den jeweiligen Projektstand. Entscheidend ist, dass alle Beteiligten zur richtigen Zeit die richtigen Informationen haben, damit sie bessere Entscheidungen treffen können. Das hat sich gravierend verändert.

Stichworte digitale Zwillinge, KI und datengetriebenen Baustellen: Wie weit sind wir von einer vollständig digitalisierten Baustelle entfernt?

Bei der PORR sprechen wir vor allem von der papierlosen Baustelle. Digitalisierung ist das Medium, das uns dorthin bringt. Wichtig ist, dass alle Beteiligten – vom Planer über Projektleiter, Bauleiter und Subunternehmer bis zum Bauherrn – zur richtigen Zeit auf die richtigen Informationen zugreifen können.

Im Planungs- und Kalkulationsbereich sind wir schon sehr weit. Dort läuft praktisch alles digital, Papierpläne gibt es kaum noch. Sobald ein Auftrag startet, wird auch der Bauablauf zunehmend digitalisiert. Bei uns läuft das unter Lean Construction. Dabei helfen mehrere Programme und Eigenentwicklungen, komplexe Abläufe auf der Baustelle übersichtlich darzustellen. Ziel ist, dass die Menschen auf der Baustelle einfacher und besser entscheiden können.

Künstliche Intelligenz gilt als großes Thema am Bau. Wo sehen Sie derzeit den größten wirtschaftlichen Nutzen: in der Planung, auf der Baustelle oder in der Verwaltung?

Man muss unterscheiden, wo KI eingesetzt wird. In der Verwaltung ist sie bereits sehr stark im Einsatz und entwickelt sich enorm schnell. Jedes Quartal passiert heute gefühlt so viel wie früher in mehreren Jahren.

Europa ist dabei in einer anderen Situation als etwa die USA oder China. Dort wird häufig zuerst entwickelt und danach reguliert. In Europa spielen Regulierung und Datenschutz von Anfang an eine sehr große Rolle. Deshalb müssen wir genau prüfen, mit welchen Systemen wir arbeiten und welche Daten wir verwenden.

Bei uns kommt KI bereits in der Planung, in der Projektentwicklung, bei Ausschreibungen und bei der Prüfung von Unterlagen zum Einsatz. Künftig werden Programme ganze Pläne, Protokolle und Dokumentationen eines Bauwerks erfassen und überprüfen können: Ist das, was geplant wurde, tatsächlich umgesetzt? Gibt es Protokolle, die etwas anderes festhalten als die reale Ausführung? Dieses Controlling beginnt gerade.

Wir setzen KI aber schon seit mehr als sieben Jahren ein, etwa in der Steuerabteilung für Umsatzsteuervoranmeldungen in Europa. Auch bei Maschinen und Geräten spielt KI eine Rolle. Wir haben im Konzern mehr als 60.000 Geräte und Maschinen, darunter über 10.000 Großgeräte. Über Telematiksysteme werden Daten gesammelt, ausgewertet und für Entscheidungen nutzbar gemacht. Auf der Baustelle kann man heute mit dem Handy zu einem Gerät gehen und relevante Informationen abrufen – von Sicherheitsdaten bis zu Prüfzertifikaten.

Im LeopoldQuartier in Wien zeigt PORR, wie Holz-Hybrid-Bauweise, Vorfertigung und nachhaltige Energieversorgung im urbanen Wohn- und Bürobau zusammenkommen.

- © Porr

Roboter auf der Baustelle: Wie Technik den Bau schneller machen soll

Wo entstehen dadurch die größten Effizienzgewinne?

Zunächst in der Verwaltung. Darüber hinaus aber auch in Logistik, Beschaffung und in den Prozessen auf der Baustelle. Die Zukunft des Bauens hängt aus meiner Sicht stark an drei Themen: Eigenpersonal, Logistik und Beschaffung.

Wir arbeiten an Plattformen, über die Anforderungen an den Einkauf zentral gesteuert werden. Es geht darum, Material besser zuzuordnen, Beschaffung resilienter zu machen und weniger abhängig von weit entfernten Märkten zu sein. Ein großer Teil der Waren, die wir kaufen, wiederholt sich regelmäßig. Wenn man diese Daten gut nutzt, kann man vorausschauender disponieren. Dadurch entstehen enorme Effizienzgewinne.

Wird ein Bauunternehmen künftig eher ein Technologieunternehmen mit Baustellen sein?

Ein Bauunternehmen bleibt ein Bauunternehmen. Aber es nutzt immer mehr Technologie. Bauen war immer schon die Anwendung verschiedenster Materialien, Prozesse und Technologien. In diesem Sinn wird der technologische Anteil größer. Trotzdem bleibt der Kern: Wir bauen. Und bei der PORR wollen wir möglichst viel selbst bauen.

Auf Baustellen kommen bereits Roboter zum Einsatz. Welche Tätigkeiten werden heute automatisiert – und welche könnten künftig dazukommen?

Heute geht es oft um Tätigkeiten, die für Menschen körperlich sehr belastend oder gefährlich sind. Dazu gehören etwa Überkopfarbeiten, Bohren in Decken oder Arbeiten an Brücken und Leitschienen. Es gibt Roboter, die Bohrlöcher setzen oder Vermessungsdaten aufnehmen. Auch Drohnen und mobile Geräte werden kombiniert, um Baustellen zu dokumentieren und zu vermessen.

Die nächsten Schritte werden humanoide Roboter sein, die einfache Trag- oder Sicherheitstätigkeiten übernehmen können. Das wird noch dauern, aber diese Entwicklung ist absehbar. Roboter werden nicht alles lösen, aber sie werden dort helfen, wo Arbeit gefährlich, schwer oder monoton ist.

Leistbares Wohnen und CO₂: PORRs Wette auf Recycling, Elementbau und neue Baustoffe

Sind Roboter auch eine Antwort auf den demografischen Wandel?

Sie sind ein Teil der Antwort, aber kein Allheilmittel. Der demografische Wandel bedeutet, dass wir weniger Arbeitskräfte haben werden. Deshalb brauchen wir gezielten Zuzug von Menschen, die hier arbeiten wollen, sich integrieren und etwas lernen wollen. Das gab es in Österreich immer wieder, etwa durch gezielte Arbeitsmigration.

Gleichzeitig müssen wir Ausbildung neu denken. Wissen ist heute leichter verfügbar, aber Können bleibt entscheidend. Wir müssen Menschen trainieren – fachlich, aber auch im Umgang mit einer sich ständig verändernden, automatisierten Arbeitswelt. Dazu gehört auch emotionale Intelligenz.

Ein weiterer Punkt sind hochspezialisierte Geräte. Eine moderne Walze kann heute Aufgaben übernehmen, für die früher mehrere Maschinen nötig waren. Dafür braucht es aber sehr gut ausgebildete Fachkräfte. Die Technik wird anspruchsvoller, nicht einfacher.

Die Bauindustrie steht wegen ihres hohen CO₂-Ausstoßes unter Druck. Wie groß ist der Hebel neuer Technologien?

Der Hebel ist groß. Man muss aber differenzieren: Oft werden Bestandsimmobilien der Bauindustrie zugerechnet, obwohl sie nicht direkt Teil des aktuellen Bauprozesses sind. Beim Bauen selbst sind Zement und Stahl zentrale CO₂-Treiber. Hier tut sich aber viel. Zement- und Stahlhersteller investieren stark in klimafreundlichere Verfahren.

Auch der Transport ist ein wichtiges Thema, weil auf Baustellen noch immer viel Diesel eingesetzt wird. Moderne Geräte verbrauchen deutlich weniger. Wir setzen auch HVO100 ein, also einen erneuerbaren Dieselkraftstoff, der deutlich geringere Emissionen verursachen kann. Außerdem testen wir gemeinsam mit Partnern Elektrogeräte und Wasserstoffbagger. In manchen Bereichen funktioniert das bereits gut, in anderen braucht es noch Entwicklung. Aber die Richtung ist klar: weniger fossile Energie, mehr Elektro- und Wasserstoffanwendungen.

Wie viel Potenzial steckt in Recyclingbaustoffen?

Sehr viel. Kreislaufwirtschaft ist für uns kein neues Thema. Wir machen das seit Jahrzehnten. Allein in Österreich sammeln wir große Mengen an Baurestmassen wie Beton, Asphalt, Holz und Ziegel, bereiten sie auf und führen sie wieder in den Kreislauf zurück.

Ein Beispiel ist unsere Asphaltmischanlage in Wien-Simmering. Technisch wäre in bestimmten Bereichen bereits sehr viel Recyclinganteil möglich. Die Frage ist aber immer auch, was gesetzlich zugelassen ist und welche Anforderungen an Haltbarkeit und Qualität gestellt werden. Wir arbeiten hier eng mit Institutionen und Behörden zusammen. Die Entwicklung ist positiv.

Auch bei Beton und Zement gibt es Fortschritte. Im Tunnelbau haben wir beispielsweise an einem Spaltmörtel ohne Zement gearbeitet. Solche Lösungen zeigen, wohin die Reise geht: Der CO₂-Fußabdruck muss deutlich kleiner werden.

Sie arbeiten auch mit künstlicher Intelligenz an neuen Rezepturen für Beton und Asphalt. Was bedeutet das konkret?

Jede Straße und jede Anwendung braucht eine etwas andere Rezeptur. Wenn man mehr Recyclingmaterial einsetzen will, muss man genau wissen, wie weit man gehen kann, ohne Qualität und Haltbarkeit zu gefährden. Früher waren dafür viele Chargentests nötig. Heute kann KI helfen, die maximal sinnvolle Menge an Recyclingmaterial zu prognostizieren. Gemeinsam mit der Universität Innsbruck arbeiten wir an solchen Anwendungen.

Ein weiteres Thema ist leistbares Wohnen. Welche Rolle spielt Elementbau dabei?

Elementbau ist ein wichtiger Ansatz, um günstiger, schneller und verlässlicher zu bauen. Dabei werden Teile vorgefertigt und auf der Baustelle zusammengefügt. Das erlaubt flexiblere Abläufe, bessere Planbarkeit und die Kombination unterschiedlicher Werkstoffe.

Für leistbares Wohnen ist das entscheidend. Wir wollen Wohnraum schaffen, der bei den Baukosten in Richtung 2.000 Euro pro Quadratmeter oder darunter kommt. Am Markt liegen die Kosten häufig deutlich höher. Elementbau und industrielle Vorfertigung sind unsere Antwort auf Wohnraumknappheit und steigende Baukosten.

Wie innovativ ist die Bauwirtschaft im Vergleich zu anderen Branchen?

Die Bauwirtschaft wird oft unterschätzt. In Patentstatistiken des Österreichischen Patentamts taucht das Bauwesen unter den Technologiefeldern auf; im Jahresbericht 2025 werden etwa für Oberösterreich 38 Erfindungen im Bereich Bauwesen ausgewiesen. In der Praxis sieht man Innovationen an vielen Stellen: bei Werkstoffen, bei Maschinen, bei digitalen Prozessen, bei Recycling und bei der Vorfertigung.

Wir testen zum Beispiel gemeinsam mit Liebherr einen Kranhaken, der mithilfe von RFID-Technologie Material erkennt. Solche Entwicklungen zeigen, wie stark Digitalisierung und klassische Bautechnik zusammenwachsen.

Das Wien Museum am Karlsplatz: PORR sanierte den denkmalgeschützten Haerdtl-Bau und erweiterte ihn um den markanten schwebenden Neubau über dem Altbestand.

- © Porr

Bauen 2035: Warum neue Materialien der größte Gamechanger werden könnten

Wenn Sie international vergleichen: Wer baut innovativer – Europa, China oder die USA?

China und die USA haben bei Geschwindigkeit und Umsetzung oft Vorteile. In China wird sehr schnell gebaut, weil Entscheidungen anders getroffen und umgesetzt werden. Auch in den USA gibt es ein stärker datengetriebenes Modell.

Die grundlegenden Innovationen kommen aber weiterhin sehr oft aus Europa. Unsere Herausforderung ist, aus guten Ideen schneller marktfähige Lösungen zu machen. Da sind die USA stark. China wiederum setzt eigene Ideen im großen Maßstab im eigenen Markt um.

Österreich spielt in der Bauwirtschaft international eine größere Rolle, als es die Größe des Landes vermuten lässt. Unsere Qualität, unsere Lösungsfähigkeit und unsere Ingenieurkompetenz werden geschätzt.

Wenn wir uns im Jahr 2035 wieder treffen: Welche Technologie wird das Bauen am stärksten verändert haben?

Ich glaube, dass wir bis 2035 eine sehr prozessorientierte Baukultur haben werden. Lean Construction wird viel stärker verankert sein. Alle Beteiligten werden digital eingebunden sein, jeder wird wissen, wo er steht, was er zu tun hat und welche Entscheidungen anstehen.

Die Baustelle wird weitgehend papierlos sein. Geräte werden mit Elektro-, Wasserstoff- oder anderen emissionsarmen Antrieben arbeiten. Der CO₂-Fußabdruck der Bauindustrie wird deutlich sinken.

Der größte Gamechanger könnte aber die Materialentwicklung sein. Durch KI und hohe Rechenleistung werden neue Materialien nicht mehr nur klassisch im Labor entwickelt, sondern auch digital berechnet und optimiert. Asphalt wird noch genauer auf den jeweiligen Bedarf abgestimmt sein, Recyclinganteile werden steigen, und Eigenschaften von Baustoffen werden im Vorhinein präziser bestimmbar sein. Das wird das Bauen stark verändern.