EU CO₂-Regulierung Automobilindustrie : Stellantis in der CO₂-Falle: Beinahe-Milliardenstrafe nur knapp verhindert
Stellantis-Tochter Leapmotor: Schlüsselrolle bei der Vermeidung milliardenschwerer CO₂-Strafen in Europa
- © StellantisIm Jahr 2025 stand der internationale Automobilkonzern Stellantis am Rande einer historischen finanziellen Strafzahlung wegen steigender CO₂‑Emissionen seiner Fahrzeugflotte in Europa. Eine in letzter Minute verabschiedete Lockerung der europäischen CO₂‑Regelung – insbesondere der Mechanismen zur Mehrjahres‑Mittelung der Emissionsleistung – verhinderte, dass dem Unternehmen allein auf dem italienischen Markt theoretische Strafzahlungen von mehr als 800 Millionen Euro auferlegt wurden. Ohne diese Anpassungen hätte sich das Risiko für Stellantis europaweit auf weit über eine Milliarde Euro jährlich summieren können, wie Branchenanalysen zeigen.
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Doch die aktuelle Entlastung ist keine nachhaltige Lösung, sondern eine Aufschiebung des Problems auf die kommenden Jahre, in denen die Regulatorik weiterhin verschärft wird. Politische Entscheidungen in Brüssel haben den Automobilherstellern zwar mehr Flexibilität eingeräumt, doch die strukturellen Herausforderungen für Hersteller wie Stellantis bleiben gewaltig.
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CO₂-Druck steigt: Warum Stellantis die EU-Ziele ohne Elektro-Schub kaum erreichen kann
Die europäischen CO₂‑Vorgaben für neue Pkw und leichte Nutzfahrzeuge sehen für den Zeitraum 2025–2029 jährliche Reduktionsziele vor, die die durchschnittlichen Flottenemissionen gegenüber 2021 um 15 % senken sollen. Dabei erlaubt eine jüngst verabschiedete Regeländerung, Emissionswerte über einen Mehrjahreszeitraum zu mitteln, statt jedes einzelne Jahr separat zu bewerten – ein Zugeständnis der EU an die Branche, um kurzfristige Strafzahlungen zu vermeiden.
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Trotz dieser Flexibilisierung bleiben die Vorgaben ambitioniert: Ab 2025 liegt der Zielwert für den durchschnittlichen Flotten‑CO₂‑Ausstoß bei rund 93,6 g/km, und bis 2030 soll dieser Wert um 55 % gegenüber dem Basisjahr gesenkt werden – was einen Zielwert von knapp 49,5 g/km bedeutet. Für viele Hersteller, deren Absatzvolumen weiterhin stark auf Verbrennungs‑ und Hybridfahrzeuge ausgerichtet ist, ist dieser Pfad praktisch unerreichbar.
Das Kernproblem für Stellantis ergibt sich daraus, dass das aktuelle Modellportfolio – trotz steigender Zulassungszahlen von elektrischen Fahrzeugen – die erforderlichen Emissionssenkungen nicht automatisch erfüllt, solange reine Elektrofahrzeuge nur einen geringen Anteil am Gesamtvolumen haben.
Milliardenrisiko für Stellantis: Studie zeigt dramatische Folgen zu hoher CO₂-Werte
Eine Studie des Marktforschers Dataforce hat die Situation aus Sicht des italienischen Marktes beleuchtet und eine mögliche Schadenshöhe berechnet, wenn die EU‑Regeln nicht angepasst worden wären. Danach hätte Stellantis im Jahr 2025 mehr als 800 Millionen Euro an Strafen allein in Italien anhäufen können – Fiat als historisch starke Marke auf dem italienischen Markt wäre der Hauptverursacher gewesen, noch vor Peugeot, Citroën, Jeep, Opel und Alfa Romeo.
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Auch auf europäischer Ebene hätten die potenziellen Strafrisiken astronomische Größen erreichen können: weit über eine Milliarde Euro pro Jahr, wenn man Pkw und leichte Nutzfahrzeuge zusammenzählt. Diese theoretischen Zahlen beruhen auf dem Szenario, dass Hersteller ihre Flottenemissionen nicht im erforderlichen Umfang unter die Grenzwerte senken können.
Branchenweit blieb die Elektrifizierungsrate bisher hinter den regulatorischen Erwartungen zurück. Laut Dataforce lag der durchschnittliche CO₂‑Ausstoß europäischer Neuwagen im Jahr 2025 noch deutlich über dem Zielwert von 93,6 g/km, und viele Hersteller blieben hinter den ambitionierten Vorgaben zurück.
Leapmotor wird zum Gamechanger: Wie Stellantis mit chinesischer Hilfe CO₂-Ziele erreichen will
Angesichts dieser regulatorischen Lage verändert sich die Rolle des chinesischen Elektroautoherstellers Leapmotor für Stellantis grundlegend. Bisher als eine von vielen New‑Energy‑Vehicle‑Marken wahrgenommen, entwickelt Leapmotor sich zu einem strategischen Instrument für Stellantis, um regulatorische Anforderungen in Europa zu erfüllen.
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Leapmotor konnte 2025 durch den Verkauf von 100 % batterieelektrischen Fahrzeugen CO₂‑Gutschriften für Stellantis generieren – Anfangs noch ein vergleichsweise bescheidener Betrag, doch mit großem Zukunftspotenzial.
Die Zahlen belegen das Wachstum: Nach Unternehmensangaben stiegen die globalen Auslieferungen von Leapmotor‑Fahrzeugen im Jahr 2025 auf fast 600.000 Einheiten, mehr als doppelt so viele wie im Vorjahr, und für 2026 strebt der Hersteller eine Million Fahrzeuge an, unterstützt von einer preisaggressiven Produktpalette.
Produktionsoffensive in Spanien: Warum Stellantis auf Leapmotor aus Zaragoza setzt
Ein zentraler Schritt in dieser Strategie ist der Aufbau der lokalen Produktion von Leapmotor‑Modellen in Europa. Stellantis und Leapmotor planen, Fahrzeuge in einem Stellantis‑Werk in Zaragoza, Spanien, zu fertigen. Diese Entscheidung dient mehreren Zielen:
- Vermeidung hoher EU‑Importzölle auf chinesische Elektroautos, die bis zu 30 % betragen können.
- Integration der produzierten Fahrzeuge in die europäische CO₂‑Bilanz von Stellantis, da lokal zugelassene E‑Fahrzeuge vollständig in die Flottenberechnung eingehen.
- Zugang zu nationalen Kaufanreizen und politischen Fördermaßnahmen, die lokal produzierte EVs attraktiver machen.
Nach Medienberichten soll die Produktion von Leapmotor‑Modellen wie dem B10 ab 2026/27 in Spanien starten, wodurch die Stückzahlen schrittweise hochgefahren werden können.
Milliarden durch Null-Emissionen: So rechnet Stellantis mit CO₂-Gutschriften aus E-Autos
Der Mechanismus hinter der EU‑Verordnung funktioniert mathematisch: Jeder zugelassene Null‑Emissionen‑Wagen kann die Emissionsüberschreitungen anderer Modelle ausgleichen. Wenn ein Hersteller wie Stellantis in einem Jahr eine große Anzahl emissionsfreier Fahrzeuge verkauft, sinkt der durchschnittliche Flotten‑CO₂‑Wert entsprechend, und potenzielle Strafzahlungen werden reduziert oder vermieden.
Im konkreten Fall von Leapmotor lassen sich mathematische Szenarien skizzieren: Würden zum Beispiel 200.000 lokal produzierte elektrische Fahrzeuge in einem Jahr zugelassen, könnte Stellantis theoretisch CO₂‑Gutschriften im Wert von rund 1,8 Milliarden Euro generieren – basierend auf der bisherigen Modellrechnung von Strafsatz‑Annahmen pro überschrittenem Gramm CO₂.
Noch in den frühen Produktionsjahren – etwa 2027 mit 40.000 Einheiten – wären entsprechende Credits begrenzter, doch bis das Werk in Zaragoza vollständig ausgelastet ist, könnten die jährlichen Emissionsgutschriften für Stellantis in Zukunft fast 2 Milliarden Euro erreichen, ohne dass es sich dabei um klassischen Umsatz handelt.
Pragmatische E-Strategie: Warum Stellantis auf externe Elektroautos statt Vollumstieg setzt
Für Stellantis ist die Nutzung von Leapmotor mehr als eine regulatorische Notwendigkeit. Sie bietet zwei zentrale Vorteile:
- Schnelle Erhöhung des Anteils emissionsfreier Fahrzeuge in Europa, ohne auf die interne Modell‑Elektrifizierung warten zu müssen.
- Finanzieller Puffer gegen steigende regulatorische Risiken, die sich in Form höherer Strafzahlungen und erhöhter Produktionskosten materialisieren könnten.
Die Stellantis‑Strategie spiegelt einen pragmatischen Ansatz wider: Eine vollständige und schnelle Umwandlung von etablierten Marken wie Fiat, Alfa Romeo, Peugeot oder Citroën zu 100 % elektrischen Herstellern ist kurzfristig nicht realistisch – weder technisch noch wirtschaftlich. Stattdessen sollen Emissionen durch eine große Menge emissionsfreier Fahrzeuge anderer Marken ausgeglichen werden.
Langfristiger Klimadruck: Stellantis fordert realistischere CO₂-Ziele trotz Netto-Null-Plan
Trotz dieser Maßnahmen bleibt die langfristige Herausforderung bestehen: Die EU‑Regulierer beabsichtigen, die Emissionsgrenzwerte bis 2030 weiter zu verschärfen, und die automobilen Hersteller stehen unter erheblichem Druck, ihre Flotten nachhaltig zu dekarbonisieren. Stellantis selbst hat ambitionierte langfristige Klimaziele formuliert: Nach seinem „Dare Forward 2030“‑Plan strebt der Konzern Netto‑Null‑CO₂‑Emissionen bis 2038 an und will bis 2030 einen bedeutenden Anteil an emissionsfreien Fahrzeugen erreichen.
Auch innerhalb der Industrie wächst der Ruf nach flexibleren CO₂‑Regeln, wie jüngste Stellungnahmen des Stellantis‑Managements zeigen. Konzernvertreter fordern realistischere Vorgaben, die sowohl Umweltschutzzielen als auch wirtschaftlichen Realitäten gerecht werden.