Volkswagen Auto Recycling : VW überrascht mit Recycling-Plan: So soll deutsches Werk dem Jobabbau entkommen
Seit der Umstellung auf reine Elektromobilität im Jahr 2019 ist das VW-Werk im sächsischen Zwickau zu einem zentralen Baustein in der E-Strategie des Konzerns geworden.
- © VolkswagenVolkswagen geht in Sachsen neue Wege: Im Werk Zwickau, bisher bekannt als Europas größtes E-Autowerk des Konzerns, beginnt der Autohersteller mit dem systematischen Recycling von Fahrzeugen. Das neue Geschäftsfeld wurde am Dienstagvormittag offiziell vorgestellt – und markiert eine strategische Reaktion auf mehrere Herausforderungen der Automobilbranche.
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Ab sofort sollen dort Fahrzeuge demontiert, Bauteile geprüft, Rohstoffe zurückgewonnen und Komponenten wiederverwendet werden. Ab 2027 will Volkswagen die Kapazität schrittweise ausbauen, um bis zum Jahr 2030 bis zu 15.000 Autos jährlich zu zerlegen. Der neue Fokus auf Kreislaufwirtschaft ist Teil der Vereinbarung mit der IG Metall, die im Rahmen des sogenannten „Weihnachtsfriedens“ Ende 2024 getroffen wurde.
Die Maßnahme soll nicht nur ökologische Vorteile bringen, sondern auch ökonomisch und strategisch wirken: Rohstoffe werden knapper, teurer und sind zunehmend geopolitischen Risiken ausgesetzt. Gleichzeitig verschärfen sich die gesetzlichen CO₂-Vorgaben in Europa. Dazu kommen sinkende Margen im E-Autogeschäft und Überkapazitäten in der Produktion.
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E-Mobilitäts-Traum geplatzt? VW-Werk Zwickau kämpft mit Auslastung
Zwickau war 2020 ein Symbol für den Aufbruch in die Elektromobilität. Damals stellte Volkswagen das Werk als erstes weltweit vollständig auf die Produktion vollelektrischer Fahrzeuge um. Heute jedoch ist klar: Die ursprünglichen Pläne konnten nicht eingehalten werden. Die Produktion liegt unter den vorgesehenen Kapazitäten, die Auslastung ist schwach.
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Ein wesentlicher Grund: Der „Weihnachtsfrieden“ führte zu einer massiven Umstrukturierung. Zahlreiche Modelle wurden aus der Produktion in Zwickau abgezogen und auf andere Werke verteilt. So wurde etwa die Produktion des ID.4 nach Emden verlagert, der ID.3 und das Schwestermodell Cupra Born sollten nach Wolfsburg umziehen. Zwischenzeitlich gab Volkswagen hier jedoch teilweise Entwarnung: Der Cupra Born werde weiterhin in Zwickau gebaut, die ID.3-Produktion bleibe zumindest vorerst erhalten.
Die Verlagerungen blieben für den Standort nicht folgenlos. Die Beschäftigtenzahl sank spürbar: Von über 11.000 Mitarbeitenden in der Hochphase verblieben aktuell nur noch etwas mehr als 8.000. Vor allem befristet Beschäftigte und Leiharbeiter mussten das Werk verlassen. Laut Konzernkreisen wird perspektivisch mit weiter sinkenden Zahlen gerechnet.
Recycling als Strategie: VW will teure Rohstoffe sichern und Abhängigkeiten verringern
Mit dem Einstieg in die Kreislaufwirtschaft versucht Volkswagen, dem Standort neue Perspektiven zu geben. Andreas Walingen, Leiter bei VW für Kreislaufwirtschaft, benennt die Beweggründe klar: Es gehe um „Rohstoff-Resilienz, Dekarbonisierung, Wirtschaftlichkeit und Beschäftigung“. Die Wiederverwendung von Rohstoffen solle einen Beitrag zur Unabhängigkeit vom globalen Rohstoffhandel leisten und gleichzeitig die Nachhaltigkeit der Fahrzeugproduktion erhöhen.
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Besonders bei Elektroautos spielt die Rückgewinnung von Ressourcen eine große Rolle – etwa bei Batterien, die wertvolle Metalle wie Lithium, Kobalt und Nickel enthalten. Diese Rohstoffe sind teuer, schwer verfügbar und häufig mit sozialen sowie ökologischen Problemen im Abbau verbunden.
Im Rahmen des neuen Geschäftsmodells plant VW daher nicht nur, verwertbare Materialien zurückzugewinnen, sondern auch ganze Fahrzeugteile nach Prüfung erneut in Umlauf zu bringen. So sollen beispielsweise geprüfte Bauteile in Gebrauchtfahrzeuge eingebaut oder als Ersatzteile verwendet werden.
| Material | Verwendung im Fahrzeug | Recyclingpotenzial |
|---|---|---|
| Stahl & Eisen | Karosserie, Fahrwerk, Motorblöcke | Hoch – kann eingeschmolzen und neu verwendet werden |
| Aluminium | Motorhauben, Felgen, Türen, Strukturbauteile | Sehr hoch – energieeffizient wiederverwertbar |
| Kupfer | Kabel, Elektromotoren, Elektrik | Hoch – wichtig für Elektromobilität |
| Kunststoffe | Innenverkleidungen, Stoßfänger, Armaturenbrett | Mittel – je nach Sorte, teilweise sortenrein recycelbar |
| Glas | Windschutzscheibe, Fenster | Eingeschränkt – oft in Spezialanlagen aufbereitet |
| Batteriematerialien | Lithium, Kobalt, Nickel, Graphit (bei E-Autos) | Hoch – aber komplex, spezielles Recycling notwendig |
| Gummi | Reifen, Dichtungen | Mittel – Runderneuerung oder Granulatverwertung möglich |
| Platinmetalle | Katalysator (z. B. Platin, Rhodium, Palladium) | Sehr hoch – wirtschaftlich wertvoll |
| Seltene Erden | E-Motoren, Leistungselektronik | Hoch – kritisch, aber Recycling noch aufwendig |
| Textilien & Schaumstoffe | Sitze, Dämmung, Teppiche | Gering – häufig thermische Verwertung oder Downcycling |
Hightech für Nachhaltigkeit: VW investiert Millionen in KI-gestütztes Recycling-Zentrum
Das Werk in Sachsen soll konzernweit als Vorreiter agieren. Volkswagen möchte Zwickau zu einem zentralen Kompetenzzentrum für Kreislaufwirtschaft entwickeln. Hier sollen Standards entstehen, die später auch auf andere Standorte übertragbar sind. Der Einsatz von künstlicher Intelligenz (KI) und digitalen Datenplattformen spielt dabei eine zentrale Rolle. Durch diese Technologien sollen Materialflüsse effizient erfasst, analysiert und optimiert werden – ein Schritt hin zu einer stärker automatisierten und datengetriebenen Wiederverwertung.
Für den Aufbau der nötigen Anlagen, Technologien und Prozesse plant Volkswagen Investitionen in Höhe von bis zu 90 Millionen Euro. Zusätzlich unterstützt der Freistaat Sachsen das Projekt mit bis zu 10,7 Millionen Euro. Sachsens Wirtschaftsminister Dirk Panter erklärte in Zwickau: „Die Diversifizierung des Standorts Zwickau stärkt die Zukunftsfähigkeit der sächsischen Automobilregion.“
Jobhoffnung mit Grenzen: Warum das VW-Recycling nur wenige Stellen sichert
Für die Belegschaft in Zwickau bringt das Projekt Hoffnung – aber auch eine ernüchternde Realität. Denn obwohl Volkswagen das Projekt als Beschäftigungssicherung verkauft, ist das Potenzial begrenzt. Rund 200 Arbeitsplätze sollen laut Unternehmensangaben durch den Aufbau der Kreislaufwirtschaft gesichert werden. Ursprünglich war in internen Plänen offenbar von deutlich mehr Stellen die Rede.
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Dies bedeutet: Das Recyclinggeschäft kann zwar zur Stabilisierung beitragen, wird aber kaum den Arbeitsplatzabbau der vergangenen Jahre kompensieren. Auch perspektivisch dürfte es keine vollständige Rückkehr zu alten Beschäftigungsniveaus geben. Die Automobilbranche befindet sich in einem tiefgreifenden Wandel – und die Transformation bringt strukturelle Veränderungen mit sich.
Recycling-Wettlauf mit Renault: VW muss in Zwickau technologisch aufholen
Mit dem Einstieg in die Kreislaufwirtschaft betritt Volkswagen allerdings kein Neuland. Der französische Konkurrent Renault hat bereits 2020 sein Werk in Flins bei Paris zu einer sogenannten „Refactory“ umgebaut. Dort werden jährlich bis zu 45.000 Fahrzeuge aller Marken recycelt, repariert und aufbereitet – deutlich mehr als die in Zwickau geplanten 15.000 Einheiten. Renault verfolgt damit einen ambitionierten, markenübergreifenden Ansatz und positioniert sich ebenfalls als Vorreiter im Bereich nachhaltiger Automobilproduktion.
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Volkswagen muss sich mit seinem Modell also sowohl technologisch als auch in der Skalierung behaupten. Langfristig könnte es aber von Vorteil sein, dass Zwickau über bestehende Kompetenzen in der Fahrzeugproduktion und -logistik verfügt. Die Integration von Recyclingprozessen in ein aktives Fahrzeugwerk bietet Synergien, die etwa die Ersatzteilversorgung, Logistikwege oder Qualitätsstandards betreffen.