Stellantis Brampton Werk Schließung : Stellantis lässt Brampton hängen: Kanada kämpft um ein Autowerk
Der Jeep Compass sollte ursprünglich im Stellantis-Werk Brampton in Kanada gebaut werden. Nun soll die Produktion nach Belvidere im US-Bundesstaat Illinois wandern.
- © StellantisDie Zukunft des Stellantis-Werks im kanadischen Brampton wird zunehmend ungewiss. Der Autokonzern prüft nach Angaben der kanadischen Gewerkschaft Unifor sowohl eine mögliche Schließung als auch einen Verkauf des Standorts in der Provinz Ontario. Eine endgültige Entscheidung ist allerdings bislang nicht gefallen. Das Unternehmen hat auch keine formelle Mitteilung über eine Werksschließung abgegeben. Die Diskussion fällt in eine Phase erheblicher handelspolitischer Spannungen zwischen Kanada und den USA, die insbesondere die eng verflochtene nordamerikanische Automobilindustrie unter Druck setzen.
Unifor teilte am 14. August 2026 mit, Stellantis habe die Gewerkschaft bereits am 12. August darüber informiert, Gespräche mit einem anderen Unternehmen über einen möglichen Verkauf des Werks aufnehmen zu wollen. Nach dem geltenden Tarifvertrag müsste Stellantis mindestens ein Jahr im Voraus über eine tatsächliche Schließung oder einen Verkauf informieren. Eine solche formelle Anzeige liegt nach Angaben der Gewerkschaft bislang nicht vor. Damit handelt es sich derzeit um eine Prüfung verschiedener Optionen und nicht um einen bereits beschlossenen Rückzug aus Brampton.
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Jeep Compass geht nach Illinois: Brampton verliert seine Zukunftsrolle
Für die Beschäftigten dauert die Unsicherheit damit weiter an. Mehr als 2.200 Mitglieder der Unifor-Ortsgruppe 1285 sind nach Gewerkschaftsangaben seit der Stilllegung des Werks im Dezember 2023 ohne reguläre Beschäftigung am Standort. Ursprünglich sollte die Fabrik umfassend umgerüstet werden, um künftig eine neue Generation des Jeep Compass zu produzieren. Im Februar 2025 stoppte Stellantis jedoch die laufenden Umbauarbeiten vorübergehend. Im Oktober desselben Jahres folgte dann die Entscheidung, die für Brampton vorgesehene Compass-Produktion in die USA zu verlagern.
Statt in Ontario soll der Jeep Compass künftig im Stellantis-Werk in Belvidere im US-Bundesstaat Illinois gebaut werden. Im Oktober 2025 kündigte der Konzern ein Investitionsprogramm von insgesamt 13 Milliarden US-Dollar für seine US-Aktivitäten an. Mehr als 600 Millionen US-Dollar davon sollen in die Wiedereröffnung des Werks in Belvidere fließen. Dort sollen zwei Jeep-Modelle gefertigt werden, darunter der Compass. Stellantis erwartet im Zusammenhang mit dem Standort rund 3.300 neue Arbeitsplätze. Der Produktionsstart ist für 2027 vorgesehen.
Stellantis gegen Ottawa: Fördergelder werden zum Streitfall
Die Entscheidung führte in Kanada zu erheblicher Kritik. Ottawa hatte Stellantis zuvor finanziell bei der Transformation seiner kanadischen Werke unterstützt. Im Jahr 2022 sagte die kanadische Bundesregierung bis zu 529 Millionen kanadische Dollar zu, um ein insgesamt rund 3,6 Milliarden Dollar schweres Investitionsprogramm zur Umstellung der Werke in Brampton und Windsor auf elektrifizierte Fahrzeuge zu unterstützen. Die Provinz Ontario stellte zusätzlich bis zu 513 Millionen Dollar in Aussicht. Nach Angaben der kanadischen Regierung waren bis Ende des Fiskaljahres 2024/25 rund 222,4 Millionen Dollar aus dem Bundesprogramm ausgezahlt worden. Nach der Verlagerung des Compass nach Illinois setzte Ottawa weitere Zahlungen aus und leitete ein Streitbeilegungsverfahren ein.
Auch handelspolitisch hat Kanada reagiert. Die Regierung reduzierte 2025 die Zollbefreiungsquote von Stellantis für aus den USA eingeführte Fahrzeuge um 50 Prozent. Hintergrund war ausdrücklich die Entscheidung des Konzerns, seine ursprünglichen Produktionspläne für Brampton aufzugeben. Das kanadische System ermöglicht Autoherstellern unter bestimmten Voraussetzungen, eine festgelegte Zahl US-amerikanischer Fahrzeuge ohne kanadische Gegenzölle einzuführen. Voraussetzung dafür sind unter anderem zugesagte Produktions- und Investitionsaktivitäten in Kanada.
US-Zölle setzen Stellantis unter Druck – und Brampton wartet weiter
Gleichzeitig belasten die US-Importzölle das Geschäftsmodell der Autohersteller. Für kanadische Fahrzeugimporte in die Vereinigten Staaten gelten derzeit Zölle von bis zu 25 Prozent, wobei die konkrete Belastung unter anderem vom Anteil der in den USA produzierten Komponenten abhängt. Kanada und die USA verhandeln aktuell über eine mögliche Entschärfung des Konflikts. Nach Reuters-Informationen wurde zuletzt über eine Reduzierung des US-Autozolls von 25 auf 15 Prozent gesprochen. Kanada strebt demnach eine noch niedrigere Belastung an. Eine endgültige Vereinbarung war bis zum 20. August jedoch nicht erzielt.
Für Stellantis sind die Folgen der Handelspolitik inzwischen auch finanziell deutlich sichtbar. Bei Vorlage seiner Ergebnisse für das zweite Quartal 2026 bezifferte das Unternehmen die erwartete Netto-Belastung durch Zölle für das Gesamtjahr auf rund 1,0 bis 1,2 Milliarden Euro. Allein im ersten Halbjahr beliefen sich die Netto-Zollkosten nach Unternehmensangaben auf rund 300 Millionen Euro, wobei darin bereits eine Rückerstattung von etwa 400 Millionen Euro berücksichtigt war.
Parallel dazu wurden weitere mögliche Zukunftsmodelle für Brampton diskutiert. Stellantis hatte Gespräche über eine mögliche Produktion von Elektrofahrzeugen in Kanada gemeinsam mit dem chinesischen Hersteller Zhejiang Leapmotor Technology geführt, an dem der Konzern beteiligt ist. Unifor äußerte jedoch Bedenken gegen ein solches Modell. Ob Brampton im Rahmen einer Partnerschaft mit Leapmotor tatsächlich wieder Fahrzeugproduktion erhalten könnte, ist derzeit nicht entschieden.
Brampton bleibt offen: Warum Stellantis noch keine Entscheidung trifft
Stellantis erklärte gegenüber Reuters, man prüfe nachhaltige beziehungsweise langfristig tragfähige Optionen für den Standort. Parallel stehen neue Tarifverhandlungen mit Unifor bevor. Der bestehende Tarifvertrag, der neben Brampton auch das Montagewerk Windsor und das Gusswerk Etobicoke umfasst, läuft am 20. September 2026 aus. Damit dürfte die Zukunft von Brampton zu einem wichtigen Thema in den anstehenden Gesprächen zwischen Unternehmen und Arbeitnehmervertretung werden.
Für Brampton bleibt damit vorerst ein entscheidender Unterschied bestehen: Das Werk ist zwar seit Jahren stillgelegt und Stellantis prüft nachweislich einen Verkauf sowie möglicherweise eine Schließung, doch ein endgültiges Aus ist bislang nicht beschlossen. Wie es weitergeht, hängt nicht nur von den Gesprächen mit potenziellen Käufern und der Gewerkschaft ab. Auch der Ausgang der derzeitigen Handelsverhandlungen zwischen Kanada und den USA könnte maßgeblichen Einfluss darauf haben, ob Fahrzeugproduktion in Kanada für Stellantis wieder wirtschaftlich attraktiver wird.