Mahle Stellenabbau 2026 : Mahle: Der Autozulieferer erfindet die Zukunft – und schließt trotzdem Werke
Beschäftigte vor einem Mahle-Werk: Der Autozulieferer steht exemplarisch für den schwierigen Umbau der europäischen Zulieferindustrie.
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Mühlacker, nördlich von Stuttgart, steht für die Hoffnung der deutschen Autozulieferer: Aus einem klassischen Motoren- und Komponentenhersteller der Verbrenner-Ära soll ein Unternehmen für Elektromobilität, Thermomanagement und neue Antriebstechnologien werden. Doch die Stimmung in den Werken ist angespannt. Die Frage, die viele Beschäftigte umtreibt, formuliert Betriebsratsvorsitzende Nektaria Christidou zugespitzt: „Wenn in Stuttgart nichts entwickelt wird, was soll dann hier gebaut werden?“
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Die Sorge ist nicht abstrakt. Am 12. Mai 2026 kündigte Mahle an, den Standort Neustadt an der Donau mit rund 350 Beschäftigten zu schließen. Das Werk besteht seit 1987 und produziert vor allem Klimageräte für Premium-Pkw. Die Produktion soll ab Ende 2026 schrittweise heruntergefahren werden, die vollständige Schließung ist für das erste Halbjahr 2027 geplant. Mahle begründet den Schritt mit auslaufenden Kundenaufträgen, rückläufigen Märkten und wachsendem Kostendruck asiatischer Wettbewerber.
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Mahle investiert in Zukunft – und muss trotzdem sparen
Damit wird ein Grundkonflikt sichtbar: Mahle verfügt über Zukunftstechnologien, aber der Übergang in profitable neue Geschäfte gelingt nicht schnell genug. Der Konzern will ab 2026 zusätzlich 150 Millionen Euro pro Jahr einsparen. Nach Angaben von SWR Aktuell sollen weltweit rund 1.000 Stellen in indirekten Bereichen wegfallen – also in Verwaltung, aber auch in Forschung und Entwicklung. Zwei Drittel der Einsparungen sollen demnach über Personalkosten kommen.
Gerade das macht die Lage so heikel. Denn an Innovationskraft fehlt es Mahle nicht. 2025 gab der Konzern 607 Millionen Euro für Forschung und Entwicklung aus. Rund 4.500 Ingenieurinnen und Ingenieure arbeiteten an Produkten für effizientere und klimafreundlichere Mobilität. Mahle meldete 361 Patente und 497 Erfindungen an; etwa 70 Prozent der Patentanmeldungen entfielen auf Elektrifizierung.
Mahle baut E-Motoren ohne Seltene Erden
Zu den zentralen Projekten gehört ein Elektromotor ohne Permanentmagnete und damit ohne Seltene Erden. Gemeinsam mit Valeo entwickelt Mahle eine magnetfreie E-Achse für Elektrofahrzeuge im oberen Segment mit 220 bis 350 Kilowatt Spitzenleistung. Die Partner stellen dabei nicht nur die technische Leistung in den Vordergrund, sondern auch eine geringere Abhängigkeit von kritischen Rohstoffen.
Auch bei Wasserstofftechnologien bleibt Mahle aktiv. Der Konzern liefert Komponenten für den Wasserstoff-Lkw MAN hTGX, darunter Kolben, Kolbenringe, Kolbenbolzen, Zylinderlaufbuchsen und Ventiltriebteile. MAN plant rund 200 Fahrzeuge für ausgewählte Märkte ab 2025. Mahle testet solche Anwendungen unter anderem in seinem Wasserstoff-Testzentrum in Stuttgart.
Mahle ist in der E-Mobilität angekommen – aber nicht sorgenfrei
Im Geschäft mit Elektromobilität ist Mahle ebenfalls bereits in Serienanwendungen vertreten. Ein Beispiel ist das dreiphasige 11-kW-Bordladegerät vom Typ Mahle CAOBC1, das laut Krafthand seit etwa 2019 in rund zwanzig Pkw- und Nutzfahrzeugmodellen von Stellantis-Marken eingesetzt wurde, darunter Peugeot, Citroën und Opel. Gleichzeitig zeigt dieser Fall, dass neue Technologien nicht automatisch problemloses Geschäft bedeuten: Das Bauteil wurde in Werkstattkreisen mit Ladeproblemen in Verbindung gebracht.
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Finanziell ist Mahle nicht akut kollabiert, aber die Rendite bleibt niedrig. 2025 verbesserte der Konzern sein operatives Ergebnis. Die Nettoverschuldung sank um 136 Millionen Euro auf 1,03 Milliarden Euro, die Eigenkapitalquote stieg auf 21,9 Prozent. Gleichzeitig verweist Mahle selbst auf weiter hohen Anpassungsdruck: In Europa und Nordamerika wurden Standorte geschlossen, verkauft oder Schließungsprozesse eingeleitet; Ende 2025 beschäftigte der Konzern weltweit 64.242 Menschen und damit 3.466 weniger als ein Jahr zuvor.
Mahle steckt zwischen Verbrenner und Elektroauto fest
Das Unternehmen steckt damit in der gefährlichsten Phase jeder industriellen Transformation. Die alte Welt des Verbrennungsmotors trägt noch große Teile des Geschäfts. Die neue Welt der Elektromobilität soll Wachstum bringen, entwickelt sich aber langsamer und margenschwächer als erhofft. Mahle erklärte für 2025, der Auftragseingang im Bereich Elektrifizierung sei hinter den Erwartungen geblieben – unter anderem wegen schwächerer Verkaufszahlen batterieelektrischer Fahrzeuge, besonders in Europa, wegen intensiven Wettbewerbs und politischer Entscheidungen in den USA.
Eine Brücke zwischen alter und neuer Welt könnte ausgerechnet eine Technologie sein, die lange als Zwischenlösung galt: der Range Extender. Dabei lädt ein kleiner Verbrennungsmotor während der Fahrt die Batterie, treibt die Räder aber nicht direkt an. Mahle setzt strategisch wieder stärker auf diese Technik und erwartet, dass der Markt für Elektrofahrzeuge mit Range Extender bis 2030 jährlich um 15 Prozent wächst. Besonders in China sei die Nachfrage bereits deutlich sichtbar.
Mahle: Der Range Extender wird zur riskanten Brücke
Für Mahle ist das attraktiv, weil Range-Extender-Fahrzeuge Komponenten benötigen, die in reinen Elektroautos kaum noch gebraucht werden: Verbrennungsmotorenteile, Generatoren, Kühlsysteme, Ventiltriebkomponenten. Die Technologie könnte dem Konzern Zeit verschaffen, um den Übergang wirtschaftlich abzufedern. Gleichzeitig bleibt sie ein Risiko: Wenn Range Extender nur eine Übergangslösung bleiben, entsteht daraus kein dauerhaftes neues Kerngeschäft.
Auch das Thermomanagement, lange als große Zukunftschance der Zulieferer gesehen, ist kein Selbstläufer. Im Elektroauto müssen Batterie, Leistungselektronik, Elektromotor und Innenraum präzise temperiert werden. Mahle stellte 2025 unter anderem ein Thermomanagement-Modul mit integrierter Wärmepumpe vor und verweist auf Anwendungen auch außerhalb des Autos, etwa für stationäre Batteriespeicher, Rechenzentrumskühlung und Megawatt-Laden. Doch genau in diesen Zukunftsfeldern ist der Wettbewerb hart, die Preissensibilität hoch und der Kostendruck international.
Mahle Neustadt: Der Umbau wird zum Arbeitskampf
Die Schließung in Neustadt zeigt, wie konkret diese Transformation Beschäftigte trifft. Nach der Ankündigung kam es zu einem unbefristeten Streik. Ende Mai 2026 einigten sich IG Metall und Mahle auf soziale Absicherungen für die Belegschaft. Die Werksschließung selbst wurde dadurch jedoch nicht verhindert. Die IG Metall sprach von rund 400 Beschäftigten und von verbesserten Abfindungsregelungen; die bayerische Staatsregierung bezeichnete die geplante Schließung als schweren Schlag für die Region.
Am Kapitalmarkt wurde Mahle zuletzt etwas stabiler eingeschätzt. Moody’s bestätigte Anfang Juni 2026 das Ba2-Rating und änderte den Ausblick von negativ auf stabil. Das ist ein positives Signal, aber kein Befreiungsschlag. Es zeigt eher: Mahle hat finanziellen Spielraum, steht aber weiter unter strukturellem Druck.
Mahle zeigt das Dilemma Europas Autozulieferer
Der Fall Mahle ist deshalb mehr als eine Unternehmensgeschichte. Er steht für ein Dilemma der gesamten europäischen Zulieferindustrie. Viele Unternehmen tun genau das, was Politik und Branchenexperten seit Jahren fordern: Sie investieren in Elektrifizierung, Wasserstoff, Thermomanagement, Software, Effizienz und neue Geschäftsmodelle. Trotzdem geraten Werke unter Druck, weil neue Technologien häufig noch nicht die Margen liefern, die frühere Verbrennerkomponenten ermöglichten.
Mahle ist damit nicht zwingend das Symbol einer gescheiterten Transformation. Treffender ist: Der Konzern zeigt eine Transformation, die technisch vorankommt – wirtschaftlich aber noch nicht trägt. Die entscheidende Frage lautet nicht, ob Mahle Innovation kann. Die entscheidende Frage lautet, ob aus dieser Innovation schnell genug wieder ein tragfähiges industrielles Geschäftsmodell entsteht.