Autozulieferer : Hirschmann Automotive baut Werk im laufenden Betrieb um – und gewinnt Fabrik2026
Die Sieger des Awards Fabrik2026 sowie des Kategoriesieges Efficient Factory kommen aus Rankweil. Im Bild: Thomas Janc, Director Production & Technology (links oben), Peter Spalt, Director Logistics (rechts oben), Philipp Enzenhofer, Head of Logistics Rankweil (links unten), sowie Ralph Wittmann, Head of Production Rankweil (rechts unten), alle Hirschmann Automotive.
- © Matthias HeschlEffizienz, Digitalisierung, Nachhaltigkeit und die Fähigkeit, Produktion unter hohem Kostendruck weiterzuentwickeln: Vier Unternehmen aus Österreich schafften es heuer ins Finale von Fabrik2026. Hirschmann Automotive, Fill Maschinenbau, hollu Systemhygiene und Zotter Schokolade zeigten dabei, wie unterschiedlich industrielle Spitzenleistung aussehen kann.
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Der von Fraunhofer Austria und INDUSTRIEMAGAZIN ausgetragene Wettbewerb sucht keine Hochglanzfabriken, sondern Standorte, die messbar besser werden: effizienter, digitaler, resilienter und nachhaltiger. Genau das wurde bei den stundenlagen Vor-Ort-Evaluierungen sichtbar.
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Da wird eine Fabrik bei laufender Produktion grundlegend uamgebaut, eine Großanlage virtuell in Betrieb genommen, der Materialfluss automatisiert oder eine Produktion mit hunderten Artikeln beherrscht. Bewertet wurde in den Kategorien Efficient Factory, Smart Factory und Sustainable Factory.
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Im Finale mussten die vier Unternehmen dann noch einmal verdichten, was ihre Produktion besonders macht – zehn Minuten Präsentation, zehn Minuten Fragen der Jury. Heraus kam kein einheitliches Rezept für die Fabrik der Zukunft. Sondern sehr konkrete Beweise dafür, wie breit industrielle Exzellenz 2026 definiert werden muss.
Ziemlich starker Auftritt: Gesamtsieger von Fabrik2026 und Kategoriesieger Efficient Factory: Die Rankweiler Hirschmann-Automotive-Produktionsmannschaft um Head of Production Ralph Wittmann (Mitte) mit Martin Riester und Nikolaus Kremslehner, beide Fraunhofer Austria (außen links) sowie Beatrice Schmidt, FM FORUM Industriemedien
- © Matthias Heschl
- © Matthias HeschlDie Siegerkonzepte von Hirschmann Automotive: Erst Prozesse stabilisieren, dann automatisieren
Seit 2019 treibt Hirschmann Automotive die Transformation seines Produktions- und Entwicklungsstandorts voran. Was als „Industrie-4.0-Strategie“ begann, wurde zu einem umfassenden Umbau von Prozessen, Technologien, Gebäuden und Infrastruktur. Das Ziel: nachhaltiges Wachstum und langfristige Wettbewerbsfähigkeit. Die Besonderheit: Die Veränderung zur vollautomatisierten und integrierten Intralogistik mit direkter Maschinenanbindung erfolgte im Brownfield und bei laufender Produktion.
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Head of Production Ralph Wittmann sagt: „Eine Transformation bei 100 Prozent Kundenbelieferung ist keine normale Veränderung, sondern eine Operation am offenen Herzen.“ Und recht hat er. Optimiert wurde im 24/7-Betrieb, während unterschiedliche Stakeholder-Interessen auszubalancieren waren. Dazu kamen Risikobewertungen, Fallback-Szenarien, Testphasen und präzise Cutover- Pläne. Parallel mussten die Mitarbeiter für neue Aufgaben qualifiziert und in die Veränderung eingebunden werden.
Drei Leitlinien galten: End-to- End-Material- und Informationsflüsse im Blick behalten, digitale Transparenz schaffen und Verschwendung zu eliminieren. Das Ergebnis ist nun eine hochverfügbare, verzahnte Produktions- und Logistiklandschaft.
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Ein Schwerpunkt ist Operational Excellence: Die technologische Breite des Standorts ist Stärke und Komplexität zugleich. Der Ansatz: Wertströme sichtbar machen, Ressourcen optimieren, Standards definieren, Prozesse auf Robustheit prüfen und erst danach digitalisieren oder automatisieren. Nach den Prinzipien Qualität, Liefertreue, Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit seien die operativen Kennzahlen verbessert worden. Digitalisierung und Automatisierung sind dabei kein Selbstzweck. Der operative Vorteil entsteht für Wittmann erst, wenn „Daten durchgängig genutzt“ werden. Deshalb hat Hirschmann Automotive eigene Applikationen entwickelt.
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In der Produktion arbeitet das Unternehmen mit einem Drei-Ebenen-Modell: Ein sogenannter Adjuster- POT (Production Operation Device) stellt Mitarbeitern operative Informationen bereit. Auf Segmentebene werden Maschinen und Arbeitsplatzgruppen zusammengeführt, um Prozesse zu überwachen und Optimierungspotenziale zu erkennen. Auf Bereichsebene werden dieselben Daten für Gesamtperformance und strategische Entscheidungen verdichtet.
Hirschmann Automotive in Rankweil: KI soll die Autonomie der Maschinen erhöhen
Der nächste Schritt ist KI. Nachdem Daten verfügbar gemacht wurden, laufen erste Projekte zur Nutzung von Prozessparametern in der Produktion. Im Fokus stehen Smart Monitoring, ereignisorientierte Reaktionen, automatisierte Parameteranpassungen und smarte Instandhaltung. Langfristig soll die Autonomie der Maschinen steigen. Pilotprojekte starten bewusst klein und sollen bei Erfolg in bestehende Strukturen integriert werden.
Insellösungen will man vermeiden. „Klein anfangen, die Mitarbeiter mitnehmen und dann groß skalieren“ lautet die Strategie. Auch der CEO des Unternehmens, Angelo Holzknecht, treibt KI-Anwendungen stark voran, Mitarbeiter-Use-Cases werden teils mit Agenten und strukturierten Workflows getestet. Für Wittmann und seine Mannschaft gilt daher: Digitalisierung, Automatisierung oder KI nur dort, „wo sie technisch sinnvoll und wirtschaftlich begründbar sind“. Bei der Automatisierung setzt Rankweil den stärksten Fokus.
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An Standorten mit anderem Lohnniveau geht es stärker um einzelne automatisierte Arbeitsplätze oder Teilbereiche. Automatische Lager- und Shuttle-Lösungen sind bereits in Tschechien und Rumänien im Einsatz.
Net Zero 2039 als Zielmarke
Der zweite große Transformationsstrang ist Nachhaltigkeit. Das Ziel lautet Net Zero 2039. Ein Meilenstein 2026: An allen Standorten soll 100 Prozent Ökostrom eingesetzt werden. Hebel sind grüne Energie, eigene Photovoltaik, Recycling- und Wiederverwendungsstrategien, weniger Verschwendung in der Produktion und Dekarbonisierung auf Basis der CO2-Fußabdrücke. Auch Automatisierung und die Mensch- Maschine-Symbiose sollen helfen, Energie effizienter einzusetzen. Hinzu kommen Forschungsprojekte und Maßnahmen an der Energieinfrastruktur. Nachhaltigkeit beginnt auch beim Produkt.
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Da viele Produkte aus Kunststoff bestehen, prüft Hirschmann Automotive recycelte Materialien mit geringerem CO2-Fußabdruck und bietet Kunden neue Werkstoffe zum Test an. Wie schnell solche Lösungen eingesetzt werden können, hängt stark von den Automotive- Kunden ab. Prozessbedingte Kunststoffabfälle werden über Recycling wieder in den Wertschöpfungsprozess zurückgeführt. Zudem arbeitet das Unternehmen mit einem namhaften OEM an einem Projekt, das untersucht, welche Materialien aus zurückgenommenen Fahrzeugen wiederverwendet oder recycelt werden können - mit Bezug zu Scope 3.
Qualifizierung als Teil der Transformation
Mitarbeiterentwicklung bleibt zentral: mit interner Akademie, eigener Schule für Produktionsmitarbeiter, Benefits, Sportangeboten und E-Bikes. Wittmann betont auch Führung und Personalentwicklung. Besonders wichtig ist die Lehre: Mehr als 70 Lehrlinge sind im Unternehmen tätig. Das sei ein „ganz, ganz zentraler Baustein“ für den Standort. Strategisch will Hirschmann Automotive trotz früherer Ausflüge in andere Geschäftsfelder beim Kerngeschäft bleiben. Das Unternehmen beschäftigte sich unter anderem mit Photovoltaik und E-Bikes. Beide Märkte entwickelten sich später schwieriger: Beim E-Bike brach die Nachfrage ein, bei Photovoltaik belasteten Überkapazitäten den europäischen Markt. Die Konsequenz: neue Produkte innerhalb von Automotive beziehungsweise Mobilität zu platzieren.