Industriemetalle : Konfliktmaterial
Der Produktionschef winkt ab. Der Dodd-Frank Act ein Reizwort? Eine Drohkulisse? Nein, mit solchen Geschichten könne er „nicht dienen“, sagt der Experte eines heimischen Industriebetriebs bestimmt. Der einfache Grund: Als ein ziemlich versierter Kenner der betrieblichen Warenflüsse im eigenen Konzern hat er mit Offenlegungspflichten entlang der gesamten Lieferkette schon viel zu lange zu tun, als jetzt durch ein bei Verbänden für Unruhe sorgendes Übergangsdatum (31. Mai) aufgescheucht zu werden.
„Seit mehr als einem Jahr sind wir am Thema Berichtspflicht dran“, schildert er. Seit 2010 rechtsverbindlich, weist der Dodd-Frank Act US-börsenotierte Betriebe dazu an, ihre Produkte bezüglich der Verwendung sogenannter Konfliktmineralien – Tantal, Zinn, Gold und Wolfram – zu prüfen. Zum 31. Mai 2014 muss die Offenlegung nun erstmalig für alle Produkte erfolgen, die im Vorjahr – also 2013 – hergestellt wurden. Der Produktionsprofi erzählt, dass auch nicht an US-Börsen notierte Kunden – etwa aus Asien – eine derartige Berichtspflicht vom Konzern immer häufiger einfordern. Lieferanten wären dann angehalten, den Offenlegungs- und Berichtspflichten nachzukommen. „Unser konzernweit zentralisierter Einkauf erleichtert uns diese Aufgabe natürlich“, sagt der Produktionschef. Bei einem jährlichen Einkaufsvolumen von 18 bis 20 Milliarden Dollar vor allem eins: beruhigend.
Kein Geld für Kriege
Damit ist er einer der „Aufgeklärten“ in den Produktions- und Einkaufsabteilungen europäischer Betriebe – denn trotz kursierender Merkblätter – etwa jenem des Deutschen Industrie- und Handelskammertags – weiß noch längst nicht jeder Lieferant, was auf ihn zukommt. Ursprünglich war der Dodd-Frank Act (eigentlich: Dodd-Frank Wall Street Reform and Consumer Protection Act) in erster Linie als Reform des US-Finanzmarktrechts gedacht. Er beinhaltete dann aber auch Offenlegungspflichten bezüglich der Verwendung bestimmter Rohstoffe, die aus der Demokratischen Republik Kongo oder ihren Nachbarstaaten stammen. Das Hauptziel: „Die Finanzierung bewaffneter Gruppen in der Volksrepublik durch Rohstoffausbeutung zu unterbinden“, heißt es beim DIHK.
Ist ein Inhaltsstoff des Produkts tatsächlich ein Konfliktrohstoff aus einer Quelle der genannten Länder, ist laut DIHK Folgendes zu tun: „Das Unternehmen muss eine ‚Due Diligence‘ in Bezug auf die Quelle und die Lieferquelle durchführen.“ Dann ist der Bericht „im Internet zu veröffentlichen“. Ein Produktionschef will sich nicht ausmalen, welche administrativen Schwierigkeiten eine Prüfung – etwa chemische Analysen – für kleinere Betriebe bringen muss: „Ohne Synergien wird das, glaube ich, schwer“, sagt er.
Und trotzdem reagieren viele in der Industrie – die teils auch weiter vorn in der Lieferkette hängen – gelassen. Ein Unternehmer gibt etwa zu Protokoll, der Betrieb lasse sich schon seit Jahr und Tag die Herkunft des – ausschließlich in Europa bezogenen – Rohstoffs bestätigen. „Wir fordern Ursprungszeugnisse ein“, berichtet er. Allerdings: Die Frage, woher wiederum die chemischen Stoffe, aus dem der Werkstoff zusammengesetzt sei, stammen, löse das nicht auf. Beim Autozulieferer Bosch spielt man das Thema Dodd-Frank Act eher herunter. „Wir sind nur indirekt betroffen“, heißt es im Bosch-Werk Hallein. Deutsche Zulieferer würden gefragt, „woher sie diese Minerale beziehen“.
EU-Regelwerk kommt. Das Thema könnte aber auch in Europa schneller als erwartet hochkochen – selbst in den nachgelagerten Zulieferindustrien. Denn bereits am 13. Juni des Vorjahrs richtete das Europäische Parlament mit der sogenannten Accounting Directive ein Quasi-Pendant zum Dodd-Frank Act ein. Von März bis Juni führte die Kommission eine Online-Konsultation betreffend Sorgfaltspflichten europäischer Akteure in der Rohstofflieferkette durch. Auf der Basis dessen erarbeitete die Generaldirektion Handel einen Gesetzesentwurf zu Konfliktrohstoffen.
In Brüssel bestätigen EU- Parlamentarier die Pläne. „In zwei Jahren werden verpflichtende Herkunftsnachweise wohl auf nationaler Ebene spruchreif sein“, heißt es informell. Nicht jeder sieht den Vorgaben mit Freude entgegen. Der Bundesverband der Deutschen Industrie positionierte sich als einer der ersten klar gegen einen solchen „Ansatz am Ende der Wertschöpfungskette“. Acht Milliarden Dollar sollen die Implementierungskosten des Dodd-Frank Acts für die Unternehmen laut einer vom Bundesverband zitierten Studie ausgemacht haben.