KBA-Mödling : Abgebaut
Und plötzlich waren sie da. Seit Wochen tummeln sich im Mödlinger Druckmaschinenwerk Mitarbeiter aus dem deutschen Koenig & Bauer-Werk Radebeul. Ihre Aufgabe: „Sich in Schulungen das Mödlinger Know-how anzueignen“, erzählt ein Mitarbeiter. Denn der Bogenoffsetbereich wird zur Gänze nach Deutschland verlagert. Nach dreitägigem Arbeitskampf Mitte Februar korrigierte der deutsche Druckmaschinenbauer Koenig & Bauer die Sparpläne bei seiner Österreich-Tochter nur minimal: 385 statt der „bis zu 460“ Stellen fallen weg, so das Verhandlungsergebnis der Sozialpartner im Februar. Die komplette Montage der Bogenoffsetaggregate – Unterbau, Anleger und Greifer – wird ins sächsische Radebeul verlagert, um dort für höhere Auslastung zu sorgen.
Ganz dichtgemacht wird der Standort Ternitz mit der Zylinderbeschichtung. Die ersten Kündigungen soll es, in mehreren Stufen ausgesprochen, ab Anfang Juli geben, der Sozialplan steht. Für die Belegschaft harte Wochen. Zumal die Mitarbeiter vor Ostern immer noch im Unklaren waren, welche Abteilungen in welchem Umfang von den Kürzungen betroffen sein werden. Zumindest wurde es „nicht im Detail“ kommuniziert, wie Koenig & Bauer gegenüber dem INDUSTRIEMAGAZIN bestätigt. Dies erfolge in Abhängigkeit von den Verlag rungen. Eine Situation, die an der Subs- tanz zehrt: „Wie soll es einem Mitarbeiter gehen, der jemanden anlernt, der bald in einem anderen Land dessen Job macht“, so ein KBA-Mödling-Mitarbeiter resigniert.
Marktanpassung
Rückläufige Bestellungen bei Bogenoffsetdruckmaschinen, dazu der dahindümpelnde Markt für Rollen- und Akzidenzdruck: Druckmaschinenhersteller plagen sich mit strukturellen und personellen Überkapazitäten. Auch der Würzburger Hersteller Koenig & Bauer ist davon nicht ausgenommen. 2013 sank der Umsatz um 15 Prozent auf 1,1 Milliarden Euro. In seinen vier deutschen Werken strich der Konzern seit 2009 an die 2000 Stellen. Auch im Werk Mödling waren schon im Vorjahr leichte kapazitive Anpassungen angekündigt – denn der Wertpapierbereich und Bogenoffsetanteil ist rückläufig. Die Härte, mit der in Österreich nun ein rigider Rationalisierungskurs durchgezogen wird, stößt immer noch auf Unverständnis in der künftig mehr als halbierten Belegschaft. Dass es zur nachhaltigen Konzernrettung beitrage, „funktionierende Supply Chain des Mödlinger Standorts zu zerstören“ und „krampfhaft dort Arbeit hinzuschaufeln“, wo es schlechtere Auslastung gebe, „glaube ich einfach nicht“, so ein Mitarbeiter.
Trotzdem geht jetzt alles Schlag auf Schlag. Zuletzt berief der Koenig & Bauer-Aufsichtsrat einen 53-jährigen Restrukturierungsexperten in den Vorstand. Sein Mandat ist bis Ende Oktober 2015 befristet – mit Verlängerungsoption. Noch im Mai dürften die ersten Maschinen und Anlagen das Mödlinger und Ternitzer Werk in Richtung Radebeul verlassen. Spätestens im dritten Quartal 2015 soll der Abzug der Kapazitäten aus Mödling abgeschlossen sein. „Wenn es zwei Maschinen gleichen Typs gibt, bleibt die alte da und die neue wird nach Deutschland verlagert“, glaubt ein Mitarbeiter. Ist eine erforderliche Maschine in Deutschland nicht „technologisch vorhanden“, werde sie ebenfalls verlagert.
Einschnitte, die das Mödlinger Werk hart treffen könnten: Wichtige Komponenten wie Anleger und Unterbauten von Bogenoffsetmaschinen fertigte die Österreich-Tochter bisher teils auf den genau gleichen Maschinen wie jene Teile für den Wertpapierdruck. Wie ein hoher Auslastungsgrad bei den in Mödling verbleibenden Produktions- und Montagemaschinen im Wertpapiersegment angesichts des Abzugs von Kapazitäten künftig sicherzustellen sei? „Das wird schwierig“, meint ein KBA-Mödling-Mitarbeiter. Jene Baureihen, die Maschinen zu 90 Prozent auslasten, „würden ja unter Umständen abgezogen“, fürchtet er. Das Montagepersonal werde „an den Bedarf angepasst“, sagt indes Koenig & Bauer-Konzernsprecher Klaus Schmidt. „Nicht mehr benötigte Maschinenkapazitäten im Bereich der Fertigung werden verlagert beziehungsweise verkauft“, so Schmidt.
„Schon länger Arbeitsteilung“
Mehrere Dutzend Mitarbeiter der deutschen Standorte werden bis Ende des Jahres bei den Mödlingern Schulungen erhalten. Zumindest die bisher in Mödling „montierten Wertpapiermaschinen“ sollen laut Koenig & Bauer im österreichischen Werk verbleiben. Die vorgesehene Umstrukturierung, heißt es aber auch, beinhalte „eine Reduzierung der Wertschöpfungstiefe an den einzelnen Standorten“. Ein Szenario, das in Mödling für zusätzliche Unruhe sorgt: Dass das Mödlinger Produktionswerk über kurz oder lang in einen reinen Assemblierungsbetrieb umgewandelt werden könnte. Dafür bräuchte man dann weder planende oder organisatorische Einheiten in der Supply Chain – „nur Monteure und Staplerfahrer, die die Ware auf- und abladen“, meint ein Mitarbeiter.
Ob es Konzernpläne gebe, im Wertpapierbereich künftig stärker arbeitsteilig mit Mödling zu arbeiten, beantwortet Koenig & Bauer-Konzernsprecher Klaus Schmidt: „Mit Ausnahme der Verlagerung der Anleger in das Werk Radebeul erfolgt die Arbeitsteilung im Wertpapierbereich zwischen KBA Würzburg, KBA-NotaSys in der Schweiz und KBA-Mödling im wesentlichen weiter in der bisherigen Form.“ Eine Arbeitsteilung im Einkauf, also der Supply Chain, gebe es „schon länger“, sagt Schmidt.
Gesamtstruktur erhalten
Und so klammern sich die Mödlinger an eine Hoffnung: Das Segment Wertpapier „als Gesamtstruktur“ so weit wie möglich „aufrechterhalten zu können“, erzählt ein KBA-Mödling-Mitarbeiter. In den nächsten Jahren rechnen die Deutschen bestenfalls mit stagnierenden Umsätzen – die Befürchtung in Mödling ist groß, früher oder später ganz dem Rationalisierungsdruck der deutschen Mutter zum Opfer zu fallen. Deshalb läuft bereits die Suche nach neuen Standbeinen. Das Projekt Staudruckmaschine – eine Konstruktion für Wasserkraftwerke – weist nur wenig Fertigungstiefe auf. Verlockender scheint den Mödlingern die Lohnfertigung. „Wir holen uns schon testweise Aufträge herein“, erzählt ein Mitarbeiter.
Dank des Qualitäts- und Präzisionsanspruchs im Druckmaschinenbereich – es kommt auf höchste Rundlaufgenauigkeit sowie genaueste Toleranzfelder an – sei das Know-how des Mödlinger Werks „für viele am Markt interessant“. Auch für die deutsche Mutter? „KBA-Mödling steht es frei, am Markt Fertigungsaufträge zur Verbesserung der Auslastungssituation zu akquirieren“, sagt Koenig & Bauer-Konzernsprecher Klaus Schmidt. Sofern diese, so Schmidt weiter, „kostendeckend abgewickelt werden können und das in Mödling erzielte Ergebnis verbessern“. Mit einem EGT von 4,75 Millonen Euro (2012) wirtschafteten die Mödlinger freilich schon bisher nicht schlecht.