Lada auf Talfahrt: Russlands Autoindustrie vor dem Aus
Dieser Artikel ist Teil einer dreiteiligen Serie zum russischen Automarkt
- Teil 1 beleuchtet die Lage von Lada und den Absturz des Marktes – von Boomjahren über den Einbruch 2022 bis hin zur heutigen Krise.
- Teil 2 zeigt den Exodus westlicher Autobauer, ihre symbolischen 1-Rubel-Deals und was aus den einst milliardenschweren Fabriken geworden ist.
- Teil 3 widmet sich dem Aufstieg der chinesischen Hersteller, die das Vakuum gefüllt und den Markt in kürzester Zeit dominiert haben.
Vom Boom zum Absturz: Wie aus „Detroit an der Moskwa“ ein Sanierungsfall wurde
Die Montagelinie läuft noch, doch in Toljatti ist die Stimmung frostig. Lada-Mutter AvtoVAZ schickt ihre Belegschaft ab Ende September in die Vier-Tage-Woche – offiziell wegen „Marktherausforderungen“, in Wahrheit wegen schrumpfender Nachfrage, teurer Kredite und billiger Importe. Der Serienstart des Hoffnungsträgers „Iskra“ wurde auf 2026 verschoben, weil Elektronik fehlt. Auch Gaz, Kamaz und Liaz kürzen Arbeitszeiten – eine ganze Branche steht unter Druck. Dabei war Russland noch vor gut zehn Jahren auf dem Weg, Europas wichtigster Automarkt zu werden: 2012 erreichte der Absatz fast drei Millionen Neuwagen, Analysten sprachen vom „Detroit an der Moskwa“. Internationale Konzerne investierten Milliarden, Fachkräfte kehrten zurück. Doch mit der Rubelkrise 2014 und den Sanktionen nach der Krim-Annexion platzte der Traum: Absatz, Produktion und Investitionen brachen ein. Der Angriff auf die Ukraine 2022 besiegelte den Absturz – westliche Hersteller zogen ab, Lieferketten rissen, die Produktion fiel auf 687.000 Fahrzeuge. Seither dominiert der Stillstand. Sicherheitskomponenten fehlen, neue Modelle verzögern sich, und chinesische Hersteller füllen die Lücke – nicht als Partner, sondern als neue Platzhirsche im russischen Markt.
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Gebraucht statt neu: Wie Lada zum Symbol des Niedergangs wurde
Nach einem kurzen staatlich gestützten Zwischenhoch 2023 ist der Markt erneut eingebrochen: 2025 wurden in den ersten sieben Monaten nur 646.000 Neuwagen verkauft, ein Minus von 24 Prozent. Stattdessen boomt der Gebrauchtwagenmarkt – über 3,3 Millionen Fahrzeuge wechselten in diesem Zeitraum den Besitzer. Hohe Zinsen, sinkende Kaufkraft und teure Importe machen neue Autos für viele unbezahlbar. Selbst chinesische Modelle verteuern sich durch den schwachen Rubel. Auf den Straßen dominieren ältere VW, Renault und Hyundai – Marken, die längst abgezogen sind. Lada, einst Stolz der russischen Industrie, steht exemplarisch für den Absturz: Kurzarbeit, gestrichene Projekte, improvisierte Fertigung ohne Airbags oder ABS. Was bleibt, ist Symbolpolitik – neue Modellankündigungen ohne Substanz, während AvtoVAZ um sein Überleben kämpft. Russland hat den Status als Autonation verloren. Aus einem Boommarkt wurde ein Sanierungsfall, aus dem „Volksauto“ ein Sorgenkind. Der Blick auf Russlands Straßen zeigt heute keine Zukunft – sondern das bleierne Echo einer Vergangenheit, in der die Autoindustrie noch Motor des Landes war.