Welche Rolle spielte der Ukraine-Krieg bei der Konferenz?
Puglierin: Die Ukraine war weiterhin ein zentrales Thema, aber weniger dominant als in den Jahren zuvor. Präsident Selenskyj erhielt viel Aufmerksamkeit und starken Applaus, und die meisten europäischen Reden griffen den Krieg auf. Dennoch hatte man das Gefühl, dass die Dringlichkeit der Lage nicht mehr im selben Ausmaß empfunden wird wie zu Beginn der Invasion.
Das ist insofern paradox, als sich der Krieg gerade in einer entscheidenden Phase befindet. Die Front verläuft weitgehend stabil, gleichzeitig steigen die Verluste, und die strategische Zukunft des Landes bleibt ungewiss. Trotz dieser Situation war die Ukraine nicht mehr das alleinige Zentrum der Diskussionen. Hinzu kommt, dass in wichtigen amerikanischen Wortmeldungen Russland kaum thematisiert wurde. Auch zentrale Sicherheitsgarantien wie der NATO-Beistandsartikel wurden nicht ausdrücklich hervorgehoben. Stattdessen stand die Erwartung im Raum, dass Verbündete stärker selbst für ihre Sicherheit sorgen sollen.
Wie beurteilen Sie die globale strategische Lage, insbesondere im Verhältnis zu China und Russland?
Puglierin: In den letzten Jahren wurde häufig von einer engen Kooperation zwischen China, Russland, Iran und Nordkorea gesprochen. Tatsächlich zeigt sich jedoch, dass diese Zusammenarbeit nicht immer so stabil ist, wie sie auf den ersten Blick erscheint. Russland war beispielsweise nicht in der Lage, wichtige Partner wie Iran oder Syrien entscheidend zu stützen. Auch in seiner unmittelbaren Nachbarschaft hat Moskau an Einfluss verloren.
Gleichzeitig eröffnet die amerikanische Politik China neue Möglichkeiten. Wenn die USA die regelbasierte internationale Ordnung infrage stellen oder multilaterale Institutionen relativieren, kann sich China als Verteidiger eben dieser Ordnung präsentieren. Das wurde auf der Konferenz sehr deutlich: Während Washington Skepsis gegenüber internationalen Organisationen äußerte, betonte Peking deren Bedeutung und sprach von globaler Zusammenarbeit. Für viele Staaten im globalen Süden kann diese Position attraktiv erscheinen, unabhängig davon, wie China tatsächlich handelt. Die strategische Wirkung ist jedenfalls spürbar.
Wie ist die militärische Lage in der Ukraine derzeit einzuschätzen?
Puglierin: Ein klares Bild zu zeichnen, ist schwierig. Russland hat seine ursprünglichen Kriegsziele nicht erreicht und musste enorme Verluste hinnehmen – militärisch, wirtschaftlich und demografisch. Gleichzeitig ist es der Ukraine nicht gelungen, die besetzten Gebiete zurückzuerobern oder den Krieg zu ihren Gunsten zu entscheiden. Die humanitären Kosten sind immens. Große Teile der Infrastruktur sind zerstört, Millionen Menschen sind vertrieben, und die wirtschaftliche Basis des Landes ist schwer beschädigt.
In der Bevölkerung wächst daher der Wunsch nach einer Pause der Kampfhandlungen, allerdings nicht um den Preis eines erzwungenen Friedens, der die staatliche Souveränität untergraben würde. Auf westlicher Seite ist die Unterstützung weiterhin vorhanden, aber sie konzentriert sich auf einige wenige Länder. Staaten wie Deutschland, die nordischen Länder oder die Niederlande tragen einen großen Teil der materiellen Hilfe, während andere europäische Länder deutlich zurückhaltender sind. Letztlich wird entscheidend sein, welche Seite länger durchhält – militärisch, wirtschaftlich und politisch. Eine zentrale Unbekannte bleibt Russland. Moskau hält offiziell an seinen ursprünglichen Zielen fest und spricht weiterhin von den „Grundursachen“ des Konflikts. Ob sich daran etwas ändert, hängt stark davon ab, wie sich die Kosten des Krieges im Inneren entwickeln.