Europas Verteidigung : Europa gegen sich selbst: Warum der Kontinent beim industriellen Nachrüsten auf seine eigenen Regeln prallt
Brigadier Stefan Lampl, Jasmin Zehic, Peter Koren und Robert Ottel diskutierten beim Industriekongress 2026 über Europas Sicherheit, industrielle Resilienz und die Rolle österreichischer Unternehmen im Defence-Bereich.
- © Matthias HeschlEuropa sucht nach einem neuen industriepolitischen Selbstverständnis. Der globale Wettbewerb verschärft sich, sicherheitspolitische Bedrohungen rücken näher, Lieferketten gelten nicht mehr als bloße Effizienzfrage, sondern als strategische Verwundbarkeit. Gleichzeitig steht der Kontinent vor einem Widerspruch: Er will wettbewerbsfähig bleiben, nachhaltiger werden und seine Sicherheit stärken, hält aber zugleich an einem Regulierungsmodell fest, das Geschwindigkeit oft eher bremst als ermöglicht.
Auf der Bühne des Industriekongress 2026 mit Brigadier Stefan Lampl, Jasmin Zehic, Peter Koren und Robert Ottel wurde deutlich: Die Frage europäischer Industriepolitik ist längst keine abstrakte Debatte über Subventionen oder Standortförderung mehr. Sie berührt den Kern europäischer Souveränität. Wer produziert? Wer entscheidet? Wer kann im Krisenfall liefern? Und wie viel Regulierung verträgt ein Kontinent, der in einer Welt bestehen muss, in der andere Akteure längst nach anderen Regeln handeln?
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Rosenbauer zeigt, warum Zivilschutz zur Sicherheitsfrage wird
Robert Ottel brachte eine Perspektive ein, die über Österreich hinausweist. Rosenbauer, erklärte er, sei zwar seit 160 Jahren im Zivilschutz tätig, erwirtschafte aber „92 % des Umsatzes außerhalb Österreichs“ und „mehr als die Hälfte außerhalb Europas“. Daraus folge ein Blick auf Entwicklungen, die in anderen Weltregionen schon länger sichtbar seien. Sicherheit werde dort oft breiter verstanden als in Europa. In militärischen Konflikten würden immer häufiger nicht primär militärische Ziele angegriffen: Energieinfrastruktur, Raffinerien, Öllager. „Meistens brennt es dann“, sagte Ottel. Für ein Unternehmen wie Rosenbauer bedeute das steigende Nachfrage nach industrieller Brandbekämpfung. Zugleich wachse die Erkenntnis, dass Investitionen in Zivilschutz auch militärische Resilienz bedeuten.
Der Begriff Sicherheit hat sich damit verschoben. Es geht nicht mehr nur um Kasernen, Panzer und Soldaten, sondern um Stromnetze, Brücken, Häfen, Feuerwehren, Logistik, Daten und Produktionskapazitäten. Ottel beschrieb ein europäisches Erwachen bei Fragen nach „Lieferketten, Resilienz, nationaler Sicherheit, nationalen Lieferketten“. Doch dieses Erwachen sei noch unvollständig. Europa sei mit der Grundannahme groß geworden, Demokratie, Marktwirtschaft, Wohlstand und Frieden seien untrennbar verbunden. „Das stimmt einfach nicht mehr“, sagte Ottel. Undemokratische Staaten könnten wirtschaftlich erfolgreich sein und diesen Wohlstand machtpolitisch oder militärisch einsetzen.
Military Mobility: Europas Milliardenplan für den Ernstfall
Genau hier beginnt die industriepolitische Schlüsselfrage. Wenn Europa strategische Autonomie will, reicht es nicht, große Summen bereitzustellen. Brigadier Stefan Lampl formulierte es aus militärischer Sicht so: „Wir rüsten nicht auf, wir rüsten nach.“ Entscheidend sei, dieses Nachrüsten intelligent zu gestalten und das zu nutzen, „was in Europa vorhanden ist“. Strategische Autonomie sei nicht nur für die Rüstungsindustrie wichtig, sondern „auch für unsere Wirtschaft im Allgemeinen“.
Lampl verwies auf das europäische Projekt Military Mobility. Dabei geht es um die Fähigkeit, Truppen und Ressourcen rasch durch Europa verlegen zu können. Heute dauere es ungefähr eineinhalb Monate, bis Ressourcen und Truppen durch Europa fahren dürften. Ziel sei es, dies „innerhalb von drei Tagen“ zu schaffen. Lampl sprach von „militärisch Schengen“: einem Raum, in dem militärische Mobilität nicht an administrativen Hürden scheitert. Österreich habe sich am ersten Programm nicht beteiligt, nun aber Projekte eingebracht – bei Eisenbahn, Straße und Binnenschifffahrt. Insgesamt hätten die Nationen 2.800 Projekte eingebracht, aus denen eine Hotspot-Liste von 500 Projekten entstehen solle. Der Gesamtbedarf liege bei 130 Milliarden Euro, für einzelne Projekte seien Förderquoten zwischen 30 und 50 Prozent möglich.
Die ganze Welt rüstet auf. Das wünschen wir uns nicht, aber es ist eine Tatsache.Peter Koren
Österreichs Defence-Chance scheitert an alten Regeln
Subventionen erscheinen in dieser Diskussion nicht als Selbstzweck, sondern als Werkzeug. Doch Geld allein löst das Problem nicht. Peter Koren, der eine Security-und-Defence-Task-Force mit rund 70 Industriebetrieben koordiniert, formulierte die Ausgangslage drastisch: „Die ganze Welt rüstet auf. Das wünschen wir uns nicht, aber es ist eine Tatsache.“ Wenn große europäische und nationale Pakete aufgelegt würden, müsse Österreich diese Entwicklung industriepolitisch nutzen. Zugleich verwies Koren auf massive Hürden: Neutralität, Exportregeln, Dual-Use-Güter, Kriegsmaterialrecht. „Wenn wir es nicht schaffen, die rechtlichen und politischen Rahmenbedingungen zu ändern, ist alles Schall und Rauch, was wir hier reden.“
Koren nannte konkrete Beispiele: Vier Mustergewehre eines oberösterreichischen Herstellers hätten nicht zu einer tunesischen Ausschreibung gebracht werden können. Ein anderes Unternehmen habe Motoren für einen polnischen Drohnenfertiger liefern wollen, auch das sei nicht gegangen. Für Koren steht daher nicht die industrielle Fähigkeit im Vordergrund, sondern der rechtliche Rahmen. Die Neutralität wolle er nicht grundsätzlich „wegdiskutieren“, sondern modern interpretieren. Notwendig seien Änderungen in mehreren Gesetzen, darunter Kriegsmaterialgesetz, Außenwirtschaftsgesetz, Bundesvergabegesetz und Strafgesetzbuch.
Ukraine-Krieg zeigt, wie schnell Industrie heute sein muss
Damit wird der Strukturwandel politisch. Unternehmen können Produkte anpassen, neue Märkte erschließen und sich vernetzen. Aber ohne klare Regeln, Exportmöglichkeiten und Finanzierung wird industrielle Transformation blockiert. Koren warnte auch davor, dass Unternehmen sonst den Standort verlassen könnten: Dann werde die Produktion nach Slowenien, Tschechien oder Ungarn verlegt. Für die Betriebe sei das vielleicht einfacher, „aber für den Standort der schlechtere“.
Ein zweites Hindernis ist die Geschwindigkeit. Der Krieg in der Ukraine hat gezeigt, wie kurz Innovationszyklen werden können. Lampl sprach von 45 Tagen. Jasmin Zehic ordnete diese Zahl aus industrieller Sicht ein. Von null weg sei ein solcher Zyklus kaum realistisch. Wenn aber bereits eine zehnte Generation einer Drohne existiere, könne man auf bestehenden Plattformen schnell weiterentwickeln. „Bestehenden Produkten und bestehenden Plattformen halt schneller zu werden, das ist glaube ich möglich“, sagte Zehic. Auch aus dem Automotive-Bereich kenne man Entwicklungszyklen von 45 Tagen, zumindest in bestimmten Bereichen.
Europas Regulierung wird zur Bremse für Innovation
Ottel widersprach nicht der technischen Möglichkeit, sondern der Übertragbarkeit auf normale europäische Unternehmensrealität. Es sei ein Unterschied, ob ein Unternehmen unter Gesetzen, Normen, Konsumentenschutz und Lieferkettengesetz arbeite oder in einer Kriegswirtschaft. Er bezweifle, dass sich in der ukrainischen Drohnenproduktion jemand im gleichen Maß Gedanken darüber mache, ob ein Bauteil aus legaler Quelle stamme, ausreichend getestet worden sei oder ein CE-Zeichen trage. Der zentrale Satz lautete: „Regulierungsintensität und Innovationsgeschwindigkeit widersprechen sich.“ Europa könne nicht gleichzeitig maximale Regulierung, niedrige Kosten, hohe Resilienz und militärische Schlagkraft erwarten.
Dennoch zeigte Zehic, dass Geschwindigkeit auch in Europa möglich ist, wenn Klarheit herrscht. Er verwies auf ein positives Beispiel im Rheinmetall-Konzern: Wenn Aufträge und Prioritäten klar seien, könne sehr viel bewegt werden. „Wenn die Klarheit da ist, dann geht es“, sagte er. Für Zulieferer bedeute das auch Chancen. Zehic riet potenziellen Partnern, wenig Scheu zu haben, sich zu melden und vorhandene Plattformen zu nutzen. Viele mittelständische Unternehmen aus Automotive und Industrie lieferten bereits Komponenten, die auch im Defence-Bereich relevant seien.
Approved in Ukraine: Wenn Krieg zum Technologietest wird
Die Ukraine wurde in der Diskussion mehrfach als Labor der Gegenwart beschrieben. „Approved in Ukraine“ entwickle sich zu einem Qualitätssiegel, weil Technologien dort unter realen Bedingungen getestet würden. Doch auch hier bleibt die Frage, wie europäische Unternehmen von dieser Innovationsdynamik profitieren können, ohne an Zertifizierungen, Exportrecht und Neutralitätsfragen zu scheitern. Lampl unterschied zwischen Drohnen, die nahe am Gefechtsfeld in Kellern mit 3D-Druckern und handwerklicher Improvisation entstehen, und komplexeren Systemen, die tiefer wirken sollen und industrielle Fertigung brauchen. Bei ersteren zähle vor allem Effektivität und Schnelligkeit: „Zeit ist ein dominierender Faktor.“
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Am Ende steht für Österreich und Europa eine unbequeme Einsicht. Sicherheit ist kein Nischenthema mehr, sondern ein industriepolitischer Leitbegriff. Zivilschutz, Infrastruktur, Logistik, Künstliche Intelligenz, Rüstung, Forschung und Mittelstand greifen ineinander. Europa braucht Förderungen, aber auch klare Prioritäten. Es braucht strategische Autonomie, aber nicht als Schlagwort, sondern als Fähigkeit, in Krisen selbst handeln zu können. Und es braucht Strukturwandel, der nicht nur mit neuen Programmen beginnt, sondern mit einer realistischen Neubewertung von Regulierung, Geschwindigkeit und Standortinteressen.
Österreichs Hidden Champions vor der Defence-Wette
Koren fasste die Lage mit Blick auf österreichische Unternehmen knapp zusammen: „Das Thema wird uns leider nicht verlassen.“ Lampl sah für Österreich als Land der Hidden Champions eine „große Chance“. Zehic antwortete auf die Frage, ob Defence ein relevanter Markt der nächsten zehn Jahre sei: „Na klar.“ Ottel blieb skeptischer, verwies auf Aufwand und mögliche Hypes. Genau darin liegt die Spannung: Der Markt wächst, die sicherheitspolitische Notwendigkeit ist da, aber der Einstieg ist komplex.
Europa sucht also nicht nur seinen Weg zwischen Subvention, Souveränität und Strukturwandel. Es muss entscheiden, ob es seine industriepolitischen Instrumente weiterhin vor allem zur Regulierung eines Binnenmarktes nutzt – oder ob es sie auch als Mittel strategischer Handlungsfähigkeit begreift.