Huthi-Angriffe Rotes Meer Auswirkungen : Explosive Lage im Schiffsverkehr: Huthi-Konflikt zwingt Reedereien zu radikalen Umwegen
Trügerische Stille im Roten Meer: Huthi-Miliz greift weiter gezielt Handelsschiffe an
- © Sergey Fedoskin - stock.adobe.comSeit Ende 2023 erschüttern wiederholte Angriffe der jemenitischen Huthi-Miliz den internationalen Schiffsverkehr im Roten Meer. Was als regionale Sicherheitslage begann, entwickelte sich binnen weniger Monate zu einer handfesten weltwirtschaftlichen Krise. Bis heute – über ein Jahr nach den ersten Angriffen – dauern die Auswirkungen an: Umgeleitete Handelsrouten, steigende Transportkosten, Verzögerungen bei Konsum- und Industriegütern sowie politische Unsicherheiten prägen die Realität in den Häfen Europas, Asiens und Afrikas.
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Vom Bürgerkrieg zur globalen Bedrohung: Wie die Huthis den Schiffsverkehr ins Visier nahmen
Die Huthis, offiziell als „Ansar Allah“ bekannt, sind eine schiitisch-zainitische Miliz mit starkem Rückhalt im Norden des Jemen. Bereits seit dem Arabischen Frühling im Jahr 2011 und verstärkt seit dem saudisch-geführten Eingriff 2015 ist die Gruppe in einen bewaffneten Konflikt mit der jemenitischen Regierung und der von Saudi-Arabien angeführten Koalition verwickelt.
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Mit dem Ausbruch des Israel-Hamas-Krieges im Oktober 2023 begannen die Huthis, ihre militärische Agenda über die Grenzen des Jemen hinaus auszudehnen. Unter dem Vorwand, palästinensische Interessen zu unterstützen, griffen sie vermehrt internationale Handelsschiffe im Roten Meer an – teils mit Drohnen, teils mit Raketen oder bewaffneten Schnellbooten.
Die Route durch das Rote Meer, einschließlich des Suezkanals, zählt zu den wichtigsten globalen Seehandelsrouten: Über 12 % des Welthandels läuft durch diese Region, darunter Öl, Getreide, Industrieprodukte und Konsumgüter. Die Bedrohung dieses Seewegs hat daher unmittelbare Folgen für internationale Märkte.
Angriffswelle im Zeitraffer: Die Eskalation der Huthi-Attacken seit 2023
Dezember 2023 bis März 2024: Erste schwere Angriffe, unter anderem auf Schiffe von Maersk und MSC. US- und britische Kriegsschiffe greifen ein.
April 2024: Zahlreiche Reedereien meiden den Suezkanal. Der Frachter Rubymar wird beschädigt und droht zu sinken.
Juni 2024: Die Huthis versenken das Frachtschiff TUTOR, weitere Schiffe werden angegriffen.
August–September 2024: Neue Angriffswelle, unter anderem gegen zwei Tanker.
Oktober 2024: Ein Containerschiff und ein Öltanker werden gleichzeitig angegriffen.
Januar 2025: Tesla muss die Produktion zurückfahren, da Zulieferteile aus Asien nicht rechtzeitig eintreffen.
März 2025: Drei Viertel aller US-Schiffe weichen auf Umwege über das Kap der Guten Hoffnung aus.
Juni 2025: Huthi-Angriffe nehmen erneut zu, trotz diplomatischer Bemühungen. Ein weiteres Schiff wird versenkt.
November 2025: Reedereien bestätigen, dass der Suezkanal weiterhin als "No-Go-Area" gilt, trotz Feuerpausen.
Handelsroute im Ausnahmezustand: Wie die Huthi-Angriffe die Weltwirtschaft durchrütteln
3.1 Kostenexplosion im Seehandel
Der Umweg rund um das Kap der Guten Hoffnung verlängert die Transportdauer zwischen Asien und Europa um etwa 10 bis 14 Tage – bei gleichzeitig massiv gestiegenen Betriebskosten. Laut DISPO benötigen Reedereien wie Maersk und Hapag-Lloyd inzwischen etwa 40 % mehr Schiffe, um dieselben Transportvolumina auf den längeren Routen abzuwickeln.
Hinzu kommen höhere Treibstoffkosten, Ausgaben für Sicherheitsausrüstung und eine drastische Erhöhung der Versicherungsprämien. Die London Marine Insurance Market Association hatte die betroffene Region frühzeitig zur „Hochrisikozone“ erklärt. Prämien stiegen zwischenzeitlich um bis zu 300 %.
3.2 Produktionsverzögerungen in der Industrie
Insbesondere global agierende Produktionsunternehmen, die auf Just-in-Time-Lieferungen angewiesen sind, spüren die Auswirkungen massiv. Tesla etwa musste im Januar 2025 Produktionslinien drosseln, weil Zulieferteile aus China und Südkorea verspätet eintrafen. Auch europäische Autobauer wie Renault, BMW und Volkswagen meldeten Engpässe in der Lieferkette. Neben der Automobilbranche sind auch:
- die Chemieindustrie,
- der Maschinenbau,
- der Lebensmittelgroßhandel
- und der Einzelhandel
betroffen. Verzögerte Rohstofflieferungen führen zu Produktionsausfällen, verspäteten Markteinführungen und steigenden Endverbraucherpreisen.
3.3 Preisanstieg und Inflationseffekte
Während Ökonomen zunächst nur mit moderaten inflationären Effekten rechneten, zeigt sich seit dem zweiten Halbjahr 2025 ein deutlicher Trend: Preise für importierte Konsumgüter und Halbfabrikate sind vielerorts gestiegen – insbesondere in Ländern mit stark importorientierten Volkswirtschaften.
Afrikanische Staaten, die auf Getreideimporte über das Rote Meer angewiesen sind, kämpfen zudem mit Preissteigerungen im zweistelligen Bereich. Auch in Europa steigt der Druck auf Logistikketten und Supermärkte, etwa bei Elektronik, Textilien und Möbeln.
3.4 Hafeninfrastruktur und Engpässe
Mit der Umleitung des Schiffsverkehrs nach Südafrika, Westafrika und zu alternativen Mittelmeerhäfen sind dort neue Probleme entstanden:
- Häfen wie Durban, Tanger und Algier arbeiten über Kapazitätsgrenzen.
- Container stauen sich auf Schiffen und an Terminals.
- Rücktransporte und Leercontainerlogistik geraten ins Stocken.
- Es entstehen Kosten für Liegezeiten, Lagerung und Umladung.
Diese Folgeeffekte führen zu einer weiteren Belastung der Logistikketten – zusätzlich zu den Sicherheitsrisiken auf See.
Globale Reaktionen auf die Huthi-Angriffe: Zwischen Militärmacht und Diplomatie
4.1 Marineeinsätze und Sicherheitskooperationen
In Reaktion auf die Angriffe entsandten die USA, Großbritannien, Frankreich, Deutschland und weitere NATO-Partner Marineeinheiten ins Rote Meer. Das Ziel: Schutz ziviler Handelsschiffe und Eindämmung der Huthi-Angriffe. Die Operationen blieben jedoch schwierig, da die Huthis mit kleineren, schwer zu ortenden Einheiten agieren. Raketen aus dem Landesinneren, Seedrohnen und sogenannte „Loitering Munition“ erschweren eine effektive Abwehr. Ein UN-Resolution (Nr. 2722 vom Januar 2024) verurteilte die Angriffe scharf, blieb aber wirkungslos, da keine verbindlichen Sanktionen folgten. China und Russland hielten sich bei Abstimmungen zurück.
4.2 Diplomatische Initiativen und Feuerpausen
Zwischenzeitlich versuchten internationale Vermittler, eine Waffenruhe auszuhandeln. Im November 2025 wurde eine sogenannte „Feuerpause mit Vorbehalt“ gemeldet. Die Huthis erklärten sich bereit, keine Schiffe mehr anzugreifen – unter der Bedingung, dass diese nicht in Verbindung zu Israel stehen.
Die Reedereien reagierten skeptisch. Maersk, Hapag-Lloyd und andere bestätigten, dass sie weiterhin auf Umwege setzen. Die Unsicherheit sei zu hoch, und eine gezielte Selektion von „nicht-israelischen“ Zielen sei operativ nicht praktikabel.
Strategiewechsel in der globalen Logistik: Langfristige Folgen der Huthi-Krise
5.1 Wandel in der Risikoplanung
Die anhaltenden Angriffe der Huthis im Roten Meer haben einen grundlegenden Wandel in der Risikoplanung international tätiger Unternehmen und Logistikdienstleister ausgelöst. Die bisherigen, stark auf Effizienz ausgerichteten Modelle – allen voran das Just-in-Time-Prinzip – geraten unter Druck. Statt knapper Lagerbestände und hochoptimierter Abläufe setzen viele Unternehmen mittlerweile auf „Just-in-Case“-Strategien. Dabei werden wieder größere Pufferlager aufgebaut, um plötzliche Störungen in der Lieferkette besser abfangen zu können.
Zudem steigt das Interesse an alternativen Transportwegen, wie Bahnverbindungen zwischen China und Europa über Zentralasien (z. B. Neue Seidenstraße), Luftfrachtlösungen für kritische Güter sowie an der langfristigen Erschließung neuer Schifffahrtsrouten, etwa durch das Nordpolarmeer. Auch die Diversifikation von Lieferanten und Produktionsstandorten rückt stärker in den Fokus – weg von einseitiger Asienabhängigkeit.
Parallel dazu investieren Unternehmen vermehrt in digitale Lösungen für Tracking, Risikomanagement und Frühwarnsysteme. Mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz, Satellitenüberwachung und Blockchain-Technologie sollen Unsicherheiten minimiert und Engpässe schneller erkannt werden. Logistikexperten sprechen bereits von einem „Paradigmenwechsel in der maritimen Risikobewertung“, der nicht nur temporäre Anpassung, sondern eine dauerhafte strategische Neuausrichtung bedeutet.
5.2 Entwicklung neuer See- und Landrouten
Die Umgehung des Roten Meeres durch viele Reedereien hat neue Impulse für die Entwicklung alternativer See- und Landverbindungen geschaffen. Insbesondere Länder mit geopolitischen Ambitionen und zentraler Lage entlang bestehender Korridore treiben Investitionen massiv voran. China etwa setzt verstärkt auf den China-Pakistan Economic Corridor (CPEC), der die chinesische Provinz Xinjiang mit dem Hafen Gwadar in Pakistan verbindet. Dieser Landkorridor ermöglicht es, Waren auf dem Landweg zum Arabischen Meer zu bringen und dort auf alternative Schifffahrtsrouten umzuleiten – ein strategischer Gewinn im Rahmen von Chinas Belt-and-Road-Initiative.
Russland bewirbt verstärkt die Nutzung der Nördlichen Seeroute (NSR) entlang der arktischen Küste. Durch den Klimawandel wird diese Route zunehmend befahrbar – insbesondere im Sommer. Für Russland eröffnet dies die Möglichkeit, sich als neue Drehscheibe für Handel zwischen Europa und Asien zu positionieren, auch wenn Infrastruktur und Umweltrisiken noch Herausforderungen darstellen.
Auch der International North-South Transport Corridor (INSTC), ein Projekt unter Beteiligung von Indien, dem Iran und Russland, gewinnt an Bedeutung. Ziel ist es, eine Handelsroute vom Indischen Ozean über den Iran und das Kaspische Meer bis nach Europa zu etablieren – als strategisches Gegengewicht zum Suezkanal. Diese Verschiebungen deuten auf tiefgreifende geopolitische Veränderungen im Welthandel hin.
5.3 Regionale Machtverschiebungen
Die Huthi-Angriffe und die damit einhergehenden Sicherheitsrisiken im Roten Meer haben eine Neubewertung der geopolitischen Rollen wichtiger Regionalakteure erzwungen. Staaten wie Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate, Israel und auch der Iran treten zunehmend als eigenständige sicherheitspolitische Akteure auf – mit jeweils unterschiedlichen Interessen. Während Saudi-Arabien und die Emirate versuchen, durch militärische Kooperationen mit westlichen Staaten ihre Handelswege abzusichern, setzt der Iran weiterhin auf indirekte Einflussnahme über Gruppen wie die Huthis.
Die wiederholten Angriffe haben zudem zu einer stärkeren regionalen Vernetzung geführt. So suchen Israel und einige arabische Golfstaaten – trotz Spannungen – den sicherheitspolitischen Dialog, um Handelsrouten gemeinsam zu sichern. Diese pragmatische Annäherung zeigt, wie wirtschaftliche Notwendigkeiten traditionelle Feindbilder überwinden können.
Gleichzeitig versuchen die Golfstaaten, ihre Abhängigkeit vom maritimen Transit durch das Rote Meer zu verringern. Investitionen in Infrastruktur, Häfen am Arabischen Golf sowie alternative Lieferketten gewinnen an Bedeutung. Die Reaktion auf die Krise zeigt, wie stark wirtschaftliche Interessen heute die regionale Sicherheitsarchitektur beeinflussen – und wie fragile Allianzen durch externe Bedrohungen neu geformt werden.
5.4 Umweltfolgen
Neben den wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Aspekten hat die Krise im Roten Meer auch erhebliche Umweltfolgen nach sich gezogen. Durch gezielte Angriffe auf Öltanker und Frachtschiffe mit gefährlicher Ladung kam es wiederholt zu Austritten von Öl und Chemikalien ins Meer. Besonders gravierend war der Fall im August 2024, als laut UN-Angaben ein beschädigter Tanker im südlichen Roten Meer mehrere hundert Tonnen Schweröl verlor. Die UNO und Umweltorganisationen warnten vor einer drohenden Katastrophe für das empfindliche Ökosystem der Region, das Heimat für Korallenriffe, Seegraswiesen und bedrohte Arten ist.
Zudem hat der großflächige Umweg über das Kap der Guten Hoffnung negative Auswirkungen auf die globale Klimabilanz. Ein typisches Containerschiff, das diese Route fährt, stößt auf der rund 7.000 Kilometer längeren Strecke etwa 15 bis 20 % mehr CO₂ aus. Multipliziert mit Hunderten Schiffen pro Monat ergibt sich ein erheblicher Mehrausstoß, der im direkten Widerspruch zu den Nachhaltigkeitszielen der Logistikbranche steht.
Hinzu kommen erhöhte Risiken durch potenzielle Havarien in sturmreichen Gewässern rund um Südafrika. Die Umweltfolgen der Krise sind damit nicht nur lokal begrenzt, sondern haben auch globale Relevanz – ein Aspekt, der in politischen und wirtschaftlichen Diskussionen oft unterrepräsentiert ist.
Keine Entspannung in Sicht: Reedereien meiden Suezkanal bis mindestens 2026
Die Lage im Roten Meer bleibt angespannt. Trotz temporärer Feuerpausen, diplomatischer Bemühungen und militärischer Präsenz lässt sich keine nachhaltige Lösung erkennen. Die Angriffe dauern an – mittlerweile im 15. Monat. Im Zeitraum von November 2023 bis April 2025 waren über 80 Handelsschiffe direkt betroffen, darunter auch Schiffe unter europäischer Flagge. Zwei Schiffe wurden komplett versenkt.
Die meisten Reedereien planen weiterhin mit Umwegen – mindestens bis Mitte 2026. Der Schiffsverkehr im Suezkanal lag im Herbst 2025 laut einem Update um 68 % unter dem Vorjahr.