EU-Mercosur-Freihandelsabkommen 2026 : EU-Mercosur-Abkommen: Durchbruch beim Milliarden-Deal steht kurz bevor

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Nach Zugeständnissen der EU-Kommission an Italien ist einem Insider zufolge nun auch die Regierung in Rom bereit, das umstrittene Freihandelsabkommen Mercosur mit südamerikanischen Staaten zu unterzeichnen.

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Das geplante Freihandelsabkommen zwischen der Europäischen Union (EU) und dem südamerikanischen Staatenbündnis Mercosur steht vor einem historischen Moment: Nach mehr als 25 Jahren Verhandlungen könnte der Vertrag, der die größte Freihandelszone der Welt schaffen würde, in der kommenden Woche doch noch unterzeichnet werden. Entscheidend dafür ist die Haltung einzelner EU‑Mitgliedstaaten, allen voran Italiens, das zuletzt Vorbehalte hatte, aber nun laut aktuellen Berichten seine Zustimmung signalisiert hat.

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Größte Freihandelszone der Welt? Das steckt hinter dem EU‑Mercosur‑Abkommen

Das EU‑Mercosur‑Freihandelsabkommen ist ein umfassendes Handels- und Assoziierungsabkommen zwischen der Europäischen Union und dem Mercosur‑Block, zu dem Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay gehören. Das Abkommen sieht vor, rund 91–92 % aller Zölle zwischen den beiden Wirtschaftsblöcken über einen Zeitraum von 15 Jahren abzubauen und den Zugang zu Märkten in den jeweiligen Regionen deutlich zu erleichtern. Damit wäre es eines der größten Handelsabkommen der Welt in Bezug auf den Umfang der Zollsenkungen und die beteiligten Bevölkerungszahlen. Obwohl ein geschlossenes Abkommen bereits 2019 vereinbart wurde, ist es noch nicht unterzeichnet oder ratifiziert worden und erfordert dafür die Zustimmung der Mitgliedstaaten der EU.

Mercosur-Staaten: Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay

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Italien kippt Blockade: Mercosur-Abkommen vor entscheidender Mehrheit

Für die Zustimmung muss im Rat der EU‑Mitgliedstaaten eine sogenannte qualifizierte Mehrheit erreicht werden: Mindestens 15 der 27 EU‑Staaten, die gemeinsam 65 % der EU‑Bevölkerung vertreten, müssen dem Abkommen zustimmen. Dieser Punkt ist entscheidend: Ohne die Unterstützung großer EU‑Länder wie Italien oder Frankreich würde diese Mehrheit nicht zustande kommen. Frankreich zeigte sich lange skeptisch, und Polen und Ungarn lehnen das Abkommen ebenfalls ab, was den Druck auf Italien zusätzlich erhöhte. 

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Italien war in den vergangenen Wochen einer der wichtigsten Bremser des Deals. Die Regierung um Ministerpräsidentin Giorgia Meloni hatte ihre Zustimmung davon abhängig gemacht, dass die EU ausreichende Garantien und finanzielle Unterstützung für die eigene Agrarwirtschaft liefert. Diese Haltung resultierte daraus, dass viele italienische Landwirte ähnlich wie ihre Kollegen in anderen EU‑Mitgliedstaaten erhebliche Nachteile durch billigere Importe aus Südamerika fürchten. 

Doch nach jüngsten Zugeständnissen aus Brüssel deutet sich ein Stimmungswandel in Rom an: Laut EU‑Kreisen plant Italien, dem Abkommen zuzustimmen, was den Weg für eine qualifizierte Mehrheit öffnen könnte. Italiens Regierungschefin bezeichnete es als "positiven und bedeutenden Schritt nach vorne", dass darin eine Beschleunigung der 45 Milliarden Euro schweren Unterstützung für Landwirte vorgeschlagen werde. Der italienische Landwirtschaftsminister Francesco Lollobrigida sagte, die Europäische Union schlage nun vor, die Ausgaben für die italienische Landwirtschaft im Zeitraum 2028 bis 2034 zu erhöhen, anstatt sie zu kürzen.

Die von Ländern wie Deutschland und Spanien unterstützte Kommission benötigt eine Mehrheit von 15 EU-Mitgliedern, die 65 Prozent der EU-Bevölkerung vertreten. Das wäre mit einer Zustimmung Italiens erreicht. Das Abkommen könnte daher am 12. Jänner unterzeichnet werden.

Die italienische Ministerpräsidentin Giorgia Meloni hatte die Bemühungen der EU begrüßt, die Unterstützung für Landwirte im Vorfeld der EU-Verhandlungen zu verstärken.

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Agrar-Zoff um Mercosur: EU lockt mit Milliarden, doch Kritik bleibt laut

Ein Hauptargument der Gegner des Abkommens – darunter Landwirte in Frankreich, Polen, Italien und Österreich – ist die Furcht vor einem massiven Zustrom günstiger Agrarprodukte aus den Mercosur‑Ländern, insbesondere von Rindfleisch, Zucker oder Getreide. Kritiker sagen, dass dies zu einem Preisdruck auf EU‑Erzeugnisse führen könne, unter dem viele Betriebe nicht konkurrenzfähig wären. 

Die EU‑Kommission hat darauf reagiert, indem sie finanzielle Unterstützungsmaßnahmen für Landwirte und Krisenfonds zugesagt hat, um die Übergangsphase abzufedern und Risiken für die Agrarwirtschaft zu reduzieren. 

Am 6. Januar 2026 schlug EU‑Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen vor, frühen Zugang zu bis zu 45 Milliarden Euro aus dem Mehrjährigen Finanzrahmen der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) 2028–2034 zu gewähren, um die Bedenken der Landwirte zu adressieren. Dieser Vorschlag könnte besonders wichtig sein, um Länder wie Italien und Frankreich von einer Zustimmung zu überzeugen.  Die Idee lautet, einen Großteil dieser Mittel bereits vor dem regulären Zeitplan verfügbar zu machen (so genannter „Front‑Loading“ der Gelder), um in den betroffenen Regionen unmittelbar Abhilfe zu schaffen. 

Allerdings betonen Kritiker, dass diese Mittel nicht neu geschaffen, sondern lediglich frühzeitig freigegeben werden. Das bedeutet, dass sie später im regulären Haushalt fehlen könnten, etwa bei der Förderung strukturschwacher Regionen oder der kohäsionspolitischen Maßnahmen.

Widerstand wächst: Bauernproteste gegen Mercosur-Abkommen in ganz Europa

Frankreich bleibt trotz der finanziellen Zusagen weiterhin skeptisch. Die französische Regierung hat zusätzliche Importkontrollen und strengere Hygiene- und Pestizidstandards gefordert, insbesondere im Hinblick auf Produkte, die in der EU verboten sind oder bei denen es erhebliche Bedenken hinsichtlich Gesundheits- und Umweltstandards gibt. Die französische Agrarlobby hatte in den vergangenen Monaten auch zu Protesten aufgerufen und Druck auf die Regierung ausgeübt, Härte zu zeigen – was die innergemeinschaftliche Debatte weiter verkomplizierte. 

Auch in anderen EU‑Ländern regt sich Widerstand gegen das Abkommen. In Deutschland formieren sich Bauernproteste, etwa in Mecklenburg‑Vorpommern, wo Landwirte gegen die geplanten Handelsöffnungen demonstrieren und auf mögliche negative Auswirkungen auf lokale Betriebe hinweisen. Solche Proteste spiegeln eine tieferliegende Sorge innerhalb der europäischen Landwirtschaft wider, die sich seit 2024 bereits gegen mehrere EU‑Politiken wie Änderungen in der GAP oder andere Freihandelsabkommen formiert hat. 
 

Uneinigkeit in Wien: Warum Österreich beim Mercosur-Abkommen gespalten ist

In Österreich ist die Haltung ebenfalls gespalten: Während die Bundesregierung formell gegen das Abkommen Stellung bezieht, sprechen sich Vertreter aus verschiedenen politischen Lagern, darunter auch der Wirtschaftsminister und Teile der Außenpolitik, für eine Zustimmung aus. Österreichs Landwirtschaftsminister Norbert Totschnig (ÖVP) wird an den vorbereitenden Gesprächen in Brüssel teilnehmen, in denen Kommissionsvertreter den Mitgliedstaaten die jüngsten Zusagen erklären wollen.

Handelsgigant im Entstehen: Was EU und Mercosur vom Milliarden-Pakt erwarten

Würde der Vertrag unterzeichnet und später ratifiziert, entstünde eine Freihandelszone mit über 720 bis 780 Millionen Menschen, was fast ein Fünftel der globalen Wirtschaftsleistung abdecken würde. Für die EU bedeutet das potenziell:

  • Erweiterter Marktzugang für europäische Güter in Südamerika,
  • reduzierte Zölle auf Industriegüter wie Autos, Maschinen oder Chemieprodukte,
  • langfristige Stärkung der EU‑Exportmärkte angesichts globaler Handelskonflikte, etwa mit den USA. 

Für Mercosur‑Staaten öffnen sich vor allem die europäischen Märkte für Agrarprodukte wie Rindfleisch, Zucker oder Ethanol, die bislang meist hohen Zöllen unterlagen.

Befürworter argumentieren, das Abkommen sei von entscheidender Bedeutung. Es solle die von US-Importzöllen betroffenen Exporte ankurbeln und die Abhängigkeit von China durch den Zugang zu wichtigen Rohstoffen verringern.

Finale Phase: EU bereitet Unterzeichnung des Mercosur-Pakts vor

Die aktuelle Woche gilt als entscheidend für das weitere Verfahren. Bereits am Mittwoch tagten die EU‑Landwirtschaftsminister zu Beratungen über die jüngsten Vorschläge zu finanziellen Unterstützungen und Kontrollmechanismen. Am Freitag sollen die Botschafter der EU‑Mitgliedstaaten in Brüssel über das Abkommen abstimmen, was den Weg zu einer Unterzeichnung bereiten könnte. 

Die Kommission peilt derzeit den 12. Januar 2026 als Termin für die feierliche Unterzeichnung des Abkommens an – vorausgesetzt, eine qualifizierte Mehrheit ist erreicht worden. Nach der Unterzeichnung müsste der Vertrag noch vom Europäischen Parlament ratifiziert werden, was als wahrscheinlich gilt, da dort die Befürworter in der Mehrheit sind.