BayWa-Sanierungskonzept steht : Diese 5 Management-Fehler haben die BayWa in die Krise gestürzt
Inhalt
- BayWa plant umfassende Sanierung: Stellenabbau angekündigt
- Zu schnelle Expansion stürzte BayWa in die Krise
- Stellenabbau und Standortschließungen im Fokus
- Österreichische Raiffeisen Agrar Invest will BayWa unterstützen
- Die 5 Management-Fehler der BayWa-Führung
- Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht prüft BayWa-Konzernabschlusses
- Finanzvorstand muss BayWa Ende März verlassen
Der in Milliardenhöhe verschuldete BayWa-Konzern, der in Österreich wiederum maßgeblich an der Lagerhaus-Mutter RWA beteiligt ist, bekam den Eigentümerkredit heuer unter anderem von der österreichischen Raiffeisen Agrar Invest gewährt.
- © Ronny BecherBayWa plant umfassende Sanierung: Stellenabbau angekündigt
Der deutsche Mischkonzern BayWa steht vor einer tiefgreifenden Restrukturierung, um eine schwere finanzielle Krise zu bewältigen. Das Unternehmen hat ein umfassendes Sanierungsprogramm vorgestellt, das bis Ende 2027 umgesetzt werden soll. Im Rahmen dieser Maßnahmen sollen 1.300 Stellen abgebaut und 26 Standorte geschlossen werden. Besonders betroffen ist die zentrale Verwaltung, die rund 40 Prozent ihrer Arbeitsplätze einbüßen wird, wie die BayWa bekanntgab.
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Die Restrukturierung ist Teil eines größeren Plans, der darauf abzielt, die finanzielle Stabilität wiederherzustellen. Ein zentraler Fokus liegt auf der Verkleinerung des Auslandsgeschäfts durch den Verkauf wesentlicher internationaler Beteiligungen. Diese Maßnahme soll erhebliche Mittel zur Schuldentilgung generieren. Der Konzern hat Schulden von über 5 Milliarden Euro, die infolge einer kreditfinanzierten Expansion in den letzten Jahren angehäuft wurden.
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Zu schnelle Expansion stürzte BayWa in die Krise
Die BayWa AG hat sich mit ihren Hauptaktionären und Gläubigerbanken auf einen Sanierungsplan bis 2027 verständigt, um die finanzielle Stabilität des hochverschuldeten Münchner Agrar- und Baustoffkonzerns wiederherzustellen. Im Rahmen dieses Plans werden die Bayerische Raiffeisen-Beteiligungs-AG (BRB) und die österreichische Raiffeisen Agrar Invest eine Barkapitalerhöhung von 150 Millionen Euro durchführen. Die genauen Details dieser Maßnahme sollen bis Ende März 2025 festgelegt werden.
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Die BayWa plant, ihre Schuldenlast von über fünf Milliarden Euro zu restrukturieren. Die finalen Verträge zur Verlängerung dieser Verbindlichkeiten sollen bis Ende April 2025 abgeschlossen werden. Bis dahin haben die Gläubiger einem Stillhalteabkommen zugestimmt, das ursprünglich zum Jahresende ausgelaufen wäre.
Aufgrund akuter Liquiditätsengpässe beabsichtigt die BayWa, ihren Expansionskurs umzukehren und zahlreiche Auslandsbeteiligungen zu veräußern. Dieses Desinvestitionsprogramm zielt darauf ab, rund vier Milliarden Euro zu generieren, die hauptsächlich zur Schuldentilgung verwendet werden sollen.
Die finanzielle Schieflage der BayWa resultiert aus einer schnellen, kreditfinanzierten Expansion im vergangenen Jahrzehnt, die zu einer erheblichen Schuldenlast führte. Die Schuldenlast der BayWa, die sich auf über 5 Milliarden Euro beläuft, ist eine Folge der kreditfinanzierten Expansion unter der Führung des langjährigen Vorstandschefs Klaus Josef Lutz (2008–2023). Der Fokus lag dabei auf internationalen Beteiligungen, insbesondere in den Bereichen erneuerbare Energien, Agrarhandel und Obstproduktion. Beispiele hierfür sind der Erwerb von Cefetra, einem niederländischen Agrarhändler, und Turners & Growers, einem neuseeländischen Apfelproduzenten.
Diese Expansion wurde jedoch größtenteils kreditfinanziert, was die Schulden des Unternehmens auf über 5 Milliarden Euro anwachsen ließ. Steigende Zinsen und wirtschaftliche Herausforderungen verschärften die Situation. Die Zinszahlungen an die Banken haben sich von 2021 bis 2023 verdreifacht und beliefen sich zuletzt auf 362 Millionen Euro. In den ersten neun Monaten des Jahres 2024 verzeichnete die BayWa einen Nettoverlust von 640 Millionen Euro, was die Notwendigkeit drastischer Einschnitte unterstreicht.
Stellenabbau und Standortschließungen im Fokus
Von den 8.000 Vollzeitstellen in der Muttergesellschaft BayWa AG sollen 6.700 erhalten bleiben, was einem Abbau von rund 16 Prozent entspricht. Die Gespräche mit dem Gesamtbetriebsrat haben begonnen, eine Einigung soll bis Ende März 2025 erzielt werden. Zudem sollen 26 von über 400 Standorten geschlossen werden.
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Ein erster Schritt in diesem Prozess ist der geplante Verkauf des 47,5-prozentigen Anteils an der österreichischen RWA Raiffeisen Ware Austria (RWA AG) für 176 Millionen Euro an die RWA-Genossenschaft, die bereits 49,99 Prozent der RWA hält. Dieser Verkauf soll bis Ende März 2025 abgeschlossen sein, vorbehaltlich der kartellrechtlichen Genehmigung.
Weitere geplante Verkäufe umfassen den niederländischen Getreide- und Sojahändler Cefetra sowie den neuseeländischen Obsterzeuger T&G Global (Turners & Growers). Der Verkauf der restlichen Anteile an der Wind- und Solarprojekt-Tochter BayWa r.e. ist bis 2027 vorgesehen, wobei eine frühere Mehrheitsübernahme durch den Miteigentümer EIP möglich ist.
Zu den bedeutenden Beteiligungen, die als mögliche Verkaufsobjekte gelten, gehören:
- BayWa r.e.: Spezialisiert auf Planung und Bau von Ökostromkraftwerken.
- Turners & Growers (T&G Global): Neuseeländischer Apfelproduzent.
- Cefetra: Niederländische Agrarhandelsgesellschaft.
- Raiffeisen Ware Austria (RWA): BayWa hält aktuell einen bedeutenden Anteil an diesem Unternehmen.
Die BayWa plant, durch den Verkauf von „wesentlichen internationalen Beteiligungen“ ihr Auslandsgeschäft deutlich zu verkleinern. Aktuell ist das Unternehmen in knapp 60 Ländern vertreten und beschäftigt weltweit mehr als 23.000 Mitarbeitende. Der Stellenabbau betrifft nicht nur die zentrale Verwaltung, sondern auch internationale Standorte, die durch die geplanten Verkäufe ebenfalls Personal verlieren werden. Mit dem vereinbarten Sanierungsplan und den geplanten Maßnahmen strebt die BayWa an, ihre finanzielle Situation zu stabilisieren und die Weichen für eine nachhaltige Zukunft zu stellen.
Die geplanten Verkäufe sollen nicht nur den Schuldenberg reduzieren, sondern auch den finanziellen Spielraum des Unternehmens erhöhen, um das tägliche Geschäft zu stabilisieren und zukunftsfähig auszurichten. Ein Teil der Erlöse wird voraussichtlich in die Stärkung des Kerngeschäfts, insbesondere in den Agrarhandel und erneuerbare Energien, fließen.
Österreichische Raiffeisen Agrar Invest will BayWa unterstützen
Das Sanierungsprogramm markiert eine deutliche Wende für das Unternehmen, das aus der Genossenschaftsbewegung hervorgegangen ist. Während Klaus Josef Lutz die BayWa erfolgreich in den Markt für erneuerbare Energien führte, zeigt sich nun die Kehrseite der Expansion auf Kreditbasis: hohe Verbindlichkeiten und eine Belastung durch externe Faktoren wie die Weltkonjunktur.
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Die größten Anteilseigner der BayWa sind die Bayerische Raiffeisen-Beteiligungs AG mit 33,8 Prozent und die österreichische Raiffeisen Agrar Invest (RAI) mit 28,3 Prozent. Beide haben bereits signalisiert, den Konzern bei seiner Sanierung zu unterstützen. Hinter der RAI stehen unter anderem der Lagerhauskonzern RWA und die Leipnik-Lundenburger Invest (LLI).
Angesichts der finanziellen Schieflage der BayWa, die durch eine hohe Verschuldung und gestiegene Zinslasten geprägt ist, hat die RAI gemeinsam mit der Bayerischen Raiffeisen-Beteiligungs-AG (BRB) Maßnahmen ergriffen, um die Liquidität des Konzerns zu sichern. So gewährte die RAI der BayWa ein Eigentümerdarlehen, dessen genaue Höhe nicht öffentlich bekannt ist. Zudem beteiligt sich die RAI an einer geplanten Kapitalerhöhung über 150 Millionen Euro, die Teil des Sanierungskonzepts der BayWa ist. Die Details dieser Kapitalmaßnahme sollen bis Ende März 2025 feststehen.
Kritisiert wird zunehmend die Rolle der RAI in diesem Kontext. Einerseits wird die Unterstützung der BayWa als Ausdruck von Solidarität und Verantwortungsbewusstsein gewertet. Andererseits wird diskutiert, ob die enge Verflechtung zwischen der BayWa und ihren Hauptaktionären, einschließlich der RAI, zur aktuellen Krise beigetragen hat. Die kreditfinanzierte Expansion der BayWa in den vergangenen Jahren, die von den Hauptaktionären mitgetragen wurde, führte zu der erheblichen Schuldenlast von über 5 Milliarden Euro. Mit dem Anstieg der Zinsen geriet der Konzern zunehmend unter Druck, was letztlich zu der aktuellen finanziellen Schieflage führte.
Die 5 Management-Fehler der BayWa-Führung
Die Schieflage der BayWa AG ist das Ergebnis mehrerer strategischer und operativer Fehlentscheidungen, die über Jahre hinweg getroffen wurden. Wesentliche Faktoren, die zur aktuellen Krise führten, lassen sich auf folgende Management-Fehler zurückführen:
1. Überambitionierte Expansion auf Pump
Unter der Leitung des langjährigen Vorstandsvorsitzenden Klaus Josef Lutz (2008–2023) verfolgte die BayWa eine aggressive Expansionsstrategie. Der Fokus lag dabei auf internationalen Beteiligungen, insbesondere in den Bereichen erneuerbare Energien, Agrarhandel und Obstproduktion. Beispiele hierfür sind der Erwerb von Cefetra, einem niederländischen Agrarhändler, und Turners & Growers, einem neuseeländischen Apfelproduzenten. Diese Expansion wurde jedoch größtenteils kreditfinanziert, was die Schulden des Unternehmens auf über 5 Milliarden Euro anwachsen ließ.
2. Unterschätzung des Zinsrisikos
Das Management kalkulierte das Risiko steigender Zinsen offenbar unzureichend ein. Die Zinsbelastungen des Konzerns haben sich zwischen 2021 und 2023 nahezu verdreifacht und beliefen sich zuletzt auf 362 Millionen Euro jährlich. Damit wurden nicht nur operative Gewinne geschmälert, sondern auch die finanzielle Flexibilität erheblich eingeschränkt.
3. Mangelnde Krisenresilienz
Die BayWa zeigte sich schlecht auf externe Krisen vorbereitet. Die schwächelnde Weltkonjunktur, unterbrochene Lieferketten und steigende Rohstoffkosten trafen das Unternehmen hart, was den Druck auf die ohnehin angespannte finanzielle Lage verstärkte. Auch die Abhängigkeit von volatilen Märkten wie Agrarrohstoffen und erneuerbaren Energien trug zur Instabilität bei.
4. Fokus auf Diversifikation statt Kerngeschäft
Die Expansion führte dazu, dass sich die BayWa von ihrem Kerngeschäft, dem Agrarhandel in Deutschland, zunehmend entfernte. Dies wird heute als strategischer Fehler gewertet, da das Kerngeschäft als stabiler Ertragsbringer galt, während die neuen Geschäftsfelder wie erneuerbare Energien von hohen Investitionen und schwankenden Margen geprägt sind.
5. Unzureichende Kontrolle und Risikoanalyse
Die Vielzahl an internationalen Beteiligungen führte zu einer Komplexität, die das Management offenbar nicht ausreichend im Griff hatte. Risikobewertungen und langfristige Folgen der Akquisitionen wurden offenbar nicht sorgfältig genug geprüft. Dies zeigt sich insbesondere daran, dass die schnelle Expansion zwar Umsatzwachstum brachte, die Profitabilität jedoch nicht entsprechend stieg.
Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht prüft BayWa-Konzernabschlusses
Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) hat eine Prüfung des Konzernabschlusses der BayWa AG für das Geschäftsjahr 2023 eingeleitet. Laut BaFin bestehen "konkrete Anhaltspunkte" für Verstöße gegen Rechnungslegungsvorschriften, insbesondere in Bezug auf die Darstellung der Finanzlage und der Risiken aus der Finanzierung des Konzerns.
Im testierten Geschäftsbericht 2023, abgeschlossen im März und geprüft von PwC, wurde das Liquiditätsrisiko als "gering" eingestuft, jedoch höher als im Vorjahr. Dennoch musste die BayWa bereits im Juli 2024 Liquiditätsengpässe einräumen und erhielt seitdem Finanzspritzen ihrer Eigentümer und Gläubiger über insgesamt mehr als eine Milliarde Euro, um ihren Verpflichtungen nachkommen zu können.
Die BaFin vermutet, dass diese finanziellen Schwierigkeiten bereits früher absehbar waren und die Darstellung der finanziellen Lage im Geschäftsbericht 2023 möglicherweise fehlerhaft ist. Ein Sprecher der BayWa erklärte: "Wir kooperieren vollumfänglich mit der BaFin." Der langjährige Finanzvorstand Andreas Helber soll sein Amt Ende März 2025 niederlegen, jedoch noch den Geschäftsbericht für das laufende Jahr verantworten.
Die BaFin-Prüfung konzentriert sich auf das Risikomanagement und die Liquiditätssteuerung des Konzerns. Es wird untersucht, ob die Risiken im Zusammenhang mit der Finanzierung und Liquidität des Unternehmens im Konzernabschluss und -lagebericht korrekt dargestellt wurden. Die Ergebnisse dieser Prüfung könnten erhebliche Auswirkungen auf die finanzielle Bewertung und das Vertrauen der Investoren in die BayWa AG haben. Eine fehlerhafte Darstellung der Finanzlage könnte zu rechtlichen Konsequenzen und weiteren finanziellen Belastungen führen.
Finanzvorstand muss BayWa Ende März verlassen
Andreas Helber, seit 2010 Finanzvorstand der BayWa AG, wird das Unternehmen zum 31. März 2025 verlassen. Diese Entscheidung erfolgt vor dem Hintergrund erheblicher finanzieller Herausforderungen, mit denen der Münchner Mischkonzern konfrontiert ist. Die BayWa AG sieht sich mit einem Schuldenberg von über fünf Milliarden Eurokonfrontiert, der maßgeblich auf eine aggressive, kreditfinanzierte Expansion in den vergangenen Jahren zurückzuführen ist.
Die finanzielle Schieflage des Unternehmens führte zu hohen Verlusten, darunter ein Minus von 290 Millionen Euro im ersten Halbjahr 2024. Infolge dieser Entwicklungen hat der Aufsichtsrat der BayWa AG personelle Konsequenzen gezogen. Neben Helber wird auch Vorstandschef Marcus Pöllinger das Unternehmen verlassen; sein Ausscheiden ist für den 31. Oktober 2024 geplant.
Die Trennung von Helber erfolgt einvernehmlich. Er wird noch den Jahresabschluss für das Geschäftsjahr 2024 verantworten, bevor er seine Position niederlegt. Ein Nachfolger für die Position des Finanzvorstands wurde bislang nicht benannt; die Suche nach geeigneten Kandidaten läuft.
Um die finanzielle und operative Restrukturierung des Unternehmens voranzutreiben, wurde Michael Baur, bisher Chief Restructuring Officer (CRO) und Generalbevollmächtigter, in den Vorstand berufen. Baur ist Experte für Unternehmenssanierungen und soll die Neuausrichtung der BayWa AG maßgeblich gestalten. Der Aufsichtsratsvorsitzende Gregor Scheller betonte die Notwendigkeit einer personellen Neuausrichtung, um das Vertrauen in die BayWa AG zurückzugewinnen und die erforderliche Restrukturierung erfolgreich umzusetzen.