FMTI : Industriestrategie im Praxistest: Was Österreichs Metallindustrie jetzt fordert
Der Fachverband der Metalltechnischen Industrie (FMTI) stellte seinen Industrie-Talk unter das Motto „145 Tage Industriestrategie Österreich – Zukunftsvision, Transformationsplan und industrielle Realität“. Von links: Martin Blum, CEO Blum, Joachim Schönbeck, Vorstandsvorsitzender Andritz, Moderatorin Gundula Geiginger, PULS 24, Wirtschafts-, Energie- und Tourismusminister Wolfgang Hattmannsdorfer, Claudia Huber, Leiterin der Abteilung Wirtschaftspolitik in der WKÖ, Sabine Hesse, Geschäftsführerin Fachverband der Metalltechnischen Industrie und Christian Knill, Obmann des Fachverbands der Metalltechnischen Industrie und CEO Knill Energy Holding
- © http://familienfotos.atDer Fachverband der Metalltechnischen Industrie stellte seinen Industrie-Talk unter das Motto „145 Tage Industriestrategie Österreich – Zukunftsvision, Transformationsplan und industrielle Realität“. Im Zentrum stand die Frage, wie weit die vorgelegte Industriestrategie bereits in der industriellen Realität angekommen ist und ob sie angesichts einer angespannten wirtschaftlichen Lage aus Sicht der Unternehmen ausreichend rasch Wirkung entfalten kann. Grundlage des Abends war damit nicht allein die Bewertung eines politischen Strategiepapiers, sondern ein breiterer Blick auf Wettbewerbsfähigkeit, Standortkosten und die Handlungsfähigkeit des Industriestandorts Österreich. Durch den Abend führte Gundula Geiginger von PULS 24.
Christian Knill, Obmann des Fachverbands der Metalltechnischen Industrie, und Geschäftsführerin Sabine Hesse eröffneten den Abend. Knill verwies dabei auf die Bedeutung der metalltechnischen Industrie als größte Industriebranche Österreichs: Produktionswert von 47 Milliarden Euro, rund 1.100 Unternehmen, 131.000 Beschäftigte zählt die Branche. Auch die starke Exportorientierung wurde hervorgehoben: Acht von zehn Euro würden im Export erwirtschaftet. Gerade deshalb treffe die aktuelle Schwächephase die Branche besonders hart.
Nie mehr die wichtigsten News aus Österreichs Industrie verpassen? Abonnieren Sie unser Daily Briefing: Was in der Industrie wichtig wird. Täglich um 7 Uhr in ihrer Inbox. Hier geht’s zur Anmeldung!
Knill zeichnete ein deutliches Bild der Lage. Der „Motor“ der Industrie sei ins Stottern geraten, die Branche befinde sich nach drei Jahren Rezession unter erheblichem Druck. Als zentrale Belastungsfaktoren nannte er hohe Arbeitskosten infolge der Inflation, den Wettbewerbsnachteil bei Energiekosten und die zunehmende Bürokratie. Besonders kritisch sah er die anstehenden Vorgaben im Zusammenhang mit der Entgelttransparenzrichtlinie. Die Idee sei zwar richtig, die Umsetzung drohe aber zu einem „wahren Monster“ an Bürokratie zu werden. Ob tatsächlich bürokratische Hürden abgebaut würden, sei aus Sicht der Unternehmen fraglich.
Sabine Hesse verwies darauf, dass der Fachverband mit dem Format des Industrie-Talk den industriepolitischen Dialog zwischen den relevanten Stakeholdern der Branche anregt. Zuletzt habe man etwa vor der Europawahl mit EU-Parlamentariern diskutiert. Diesmal sollte die Industriestrategie im direkten Austausch mit der Bundesregierung und mit führenden Industrievertretern einem Praxistest unterzogen werden.
Hattmannsdorfer: „Ohne Wirtschaft ist alles nichts“.
Wirtschafts-, Energie- und Tourismusminister Wolfgang Hattmannsdorfer stellte in seinem Impuls die wirtschaftspolitische Stoßrichtung der Bundesregierung dar. Österreich sei in mancher Hinsicht in einer glücklichen Lage, sagte er: sozialer Frieden, ein funktionierender Sozialstaat und eine hohe Lebensqualität seien wichtige Grundlagen. Gleichzeitig müsse man gemeinsam daran arbeiten, die wirtschaftliche Basis zu sichern. Hattmannsdorfer griff dabei auf Deutschlands früheren Kanzler Ludwig Erhard zurück: „Wirtschaft ist nicht alles, aber ohne Wirtschaft ist alles nichts“.
Sichere Arbeitsplätze gebe es nur durch Unternehmen, so der Minister. Zu Jahresbeginn habe es erste Anzeichen eines Aufschwungs gegeben, durch die geopolitischen Entwicklungen - der „Irankrieg“ ein Dämpfer – habe sich die Lage jedoch wieder eingetrübt. Das zentrale Handlungsthema habe sich dadurch nicht verändert, sondern sei nur deutlicher geworden: Österreich habe Wettbewerbsfähigkeit eingebüßt.
Hattmannsdorfer verwies auf die Entwicklung der Lohnstückkosten: Plus 20 Prozent hätten diese gegenüber dem EU-Schnitt von elf Prozent zuletzt zugelegt. Auch der internationale Vergleich mit Indien und China wurde herangezogen. Der Befund des Ministers: Österreich müsse sich anstrengen, wenn es seinen Anteil am globalen industriellen Wettbewerb behaupten wolle.
Die Industriestrategie verfolge deshalb eine klare Ambition. Österreich solle bis 2035 wieder zu den Top-10-Industrieländern zählen. Der Industrieanteil am Bruttoinlandsprodukt solle steigen, das Ziel liege bei über 20 Prozent. Hattmannsdorfer verwies zudem auf das am selben Tag präsentierte Doppelbudget. Trotz Konsolidierung werde das Wirtschafts- und Energiebudget bis 2028 um 25 Prozent erhöht. „Wenn wir jetzt sparen, kostet es Arbeitsplätze“, argumentierte der Minister. Das Budget sei daher ein „Wettbewerbsbudget“.
Ein zentrales Element sei die Senkung der Lohnnebenkosten. Hattmannsdorfer sprach von einem Prozentpunkt beziehungsweise von rund zwei Milliarden Euro, die der Wettbewerbsfähigkeit zurückgegeben würden. Außerdem kündigte er einen Industriestrompreis nach deutschem Vorbild an. „Es kann nicht sein, dass wir über Abwanderung nach Deutschland diskutieren müssen, weil dort bessere Bedingungen herrschen“, sagte Hattmannsdorfer. Zudem skizzierte der Minister einen Paradigmenwechsel bei Arbeitsanreizen: Längeres Arbeiten solle attraktiver werden.
Auch Schlüsseltechnologien, Förderpolitik und Energiepolitik wurden angesprochen. Hattmannsdorfer nannte 2,6 Milliarden Euro für Schlüsseltechnologien sowie eine Neuausrichtung von FFG-Förderprogrammen: weniger Gießkanne, mehr Fokus. In der Energiepolitik verwies er auf den Ausbau erneuerbarer Energien und auf Beschleunigungen bei Genehmigungen. Kraftwerke dürften nicht jahrelang in Verfahren hängen bleiben. Auch in der Rüstungs- und Sicherheitsindustrie brauche es raschere und rechtssichere Umsetzung, etwa bei Gegengeschäften.
Wirtschafts-, Energie- und Tourismusminister Wolfgang Hattmannsdorfer stellte in seinem Impuls die wirtschaftspolitische Stoßrichtung der Bundesregierung dar. Österreich sei in mancher Hinsicht in einer glücklichen Lage, sagte er: sozialer Frieden, ein funktionierender Sozialstaat und eine hohe Lebensqualität seien wichtige Grundlagen. Gleichzeitig müsse man gemeinsam daran arbeiten, die wirtschaftliche Basis zu sichern. Hattmannsdorfer griff dabei auf Deutschlands früheren Kanzler Ludwig Erhard zurück: „Wirtschaft ist nicht alles, aber ohne Wirtschaft ist alles nichts“.
Exportindustrie unter Kostendruck
In der anschließenden Podiumsdiskussion diskutierten Christian Knill, CEO Knill Energy Holding, Martin Blum, CEO des Beschlägeherstellers Blum, Joachim Schönbeck, Vorstandsvorsitzender des Anlagenbauunternehmens Andritz, sowie Claudia Huber, Leiterin der Abteilung Wirtschaftspolitik in der WKÖ, die Frage, wo die Industriestrategie bereits spürbar ist und wo die größten Herausforderungen liegen. Martin Blum machte deutlich, wie stark ein Unternehmen wie Blum vom Export abhängt. Das Unternehmen erwirtschaftet 97 Prozent außerhalb Österreichs, zwei Drittel der Beschäftigten seien in Vorarlberg tätig. Die Strategie, von Österreich aus die Welt zu beliefern, stoße jedoch zunehmend an Grenzen, wenn sich die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts verschlechtere.
Blum nannte Energie, Rohmaterial und Arbeitskosten als wesentliche Faktoren. Europa habe bei Energiequellen strukturelle Nachteile, zugleich wirkten selbst auferlegte Kosten, etwa durch CO₂-Bepreisung. Stahl und Kunststoff seien stark mit Energiekosten verbunden. Hinzu kämen Nachteile durch Zollbeschränkungen in den USA und hohe Rohstoffkosten, insbesondere bei Stahl im Vergleich zu China. Auch bei Arbeitskosten sehe Europa Nachteile. „Europa ist keine gemähte Wiese“, sagte Blum. Wenn Unternehmen aus Österreich und Europa heraus Weltmärkte bedienen wollten, müsse die Wettbewerbsfähigkeit wieder hergestellt werden.
Joachim Schönbeck betonte die internationale Aufstellung von Andritz. 85 Prozent der Mitarbeitenden seien in 80 Ländern der Welt tätig. Zugleich bekannte sich Schönbeck zum Standort Österreich. Man liebe das Land und hoffe, auch in vielen Jahren noch hier tätig zu sein. Dafür brauche es jedoch ein politisches Umfeld, das industrielle Tätigkeit ermögliche. Offene Märkte seien entscheidend, und viel Know-how sitze weiterhin in Europa.
Schönbeck würdigte, dass die Bundesregierung mit der Industriestrategie eine Agenda setze und sich ein konkretes Ziel vornehme. Es sei mutig, einen Tabellenplatz anzustreben, ob Österreich am Ende auf Platz neun oder elf lande, sei weniger entscheidend als die Richtung. Die größte Hürde sah Schönbeck jedoch in der Bürokratie. Der Bürokratieaufbau sei in Brüssel orchestriert und werde in den Hauptstädten multipliziert. „Wenn ich kiloweise Nachhaltigkeitsberichte schreibe, hat davon keiner etwas“, sagte Schönbeck. Wichtiger sei, dass Unternehmen handlungsfähig blieben. Seine Kritik brachte er auf den Punkt: „Bürokratieabbau findet in Reden statt, der Aufbau findet in Wirklichkeit statt“.
Knill sagte, positiv sei, dass die Industriestrategie Ziele formuliere. Entscheidend sei aber, die österreichische Strategie mit einer europäischen industriepolitischen Linie abzustimmen. Viele Probleme seien nicht rein österreichisch. Im globalen Wettbewerb mit China und den USA denke Europa zu oft noch in nationalstaatlichen Kategorien. Österreich allein sei zu klein, um diese Fragen isoliert zu lösen.
Strukturelle Schwäche statt Konjunkturdelle
Claudia Huber ordnete die Debatte aus makroökonomischer Perspektive ein. Die bisherigen Befunde bestätigten, dass es sich nicht bloß um eine konjunkturelle Schwäche handle, sondern um strukturelle Probleme. Ein wesentlicher Faktor seien die Lohnstückkosten, die Produktivität habe mit der Kostenentwicklung nicht Schritt gehalten. Hinzu komme eine neue globale Normalität.
Protektionismus, strategische Industriepolitik und massive staatliche Eingriffe prägten zunehmend den Wettbewerb. China agiere nicht nur als Billigproduzent, sondern gehe mit Fünfjahresplänen gezielt in Endmärkte. Diese Entwicklungen seien in der Realwirtschaft bereits spürbar. Aus Hubers Sicht braucht es daher mehr Planungssicherheit für Unternehmen, aber zugleich auch die Fähigkeit, politisch agil nachzusteuern. Eine Strategie dürfe nicht einzementiert werden, nur weil sie einmal beschlossen wurde. Sie müsse laufend an die Realität angepasst werden.
In der Fortdauer der Diskussion rückte der Fachkräftemangel in den Fokus. Martin Blum relativierte zunächst: „Ich könnte zynisch sagen: Fachkräftemangel ist ein Luxusproblem, das ich mir zurückwünschen würde.“ Denn dort, wo die Wirtschaft gut laufe, gebe es diesen Mangel weiterhin. Die Antwort könne nur lauten: ausbilden. Blum verwies auf die Notwendigkeit, nicht nur Jugendliche am Beginn ihres Berufswegs zu betrachten, sondern stärker auf Um- und Höherqualifizierung sowie auf Modularisierung der Ausbildung zu setzen. Das Berufsbild, das man mit 14 oder 15 Jahren ergreife und bis zur Pension unverändert ausübe, entspreche immer weniger der Realität. Bei Mangelberufen brauche es mehr Beweglichkeit im Ausbildungssystem.
Schönbeck lenkte den Blick erneut auf Energie. Für ihn sei entscheidend, wie sich die Energiekosten am Standort Österreich entwickeln. Wenn Kunden abwanderten, verliere auch die Industrie Wertschöpfung. „Der Industriestrompreis kann nur eine Brücke sein“, sagte Schönbeck. Nachhaltig niedrige Energiekosten entstünden nur durch Wettbewerb. Gerade angesichts des wachsenden Energiebedarfs durch Künstliche Intelligenz sei das Thema zentral. Wer KI in einem Land mit vielfach höheren Energiekosten aufbauen müsse, habe einen erheblichen Standortnachteil. Schönbeck sprach von einem notwendigen Paradigmenwechsel: Österreich und Europa müssten über dauerhaft wettbewerbsfähige Energiepreise sprechen.
Knill bewertete die angekündigte Senkung der Lohnnebenkosten als wichtigen Schritt, auch wenn dieser aus seiner Sicht spät komme. „Wir haben in unserer stärksten Branche 10.000 Mitarbeiter abgebaut“, hielt er fest. Für manche Unternehmen komme Entlastung zu spät. Österreich habe über drei Jahre gegenüber europäischen Mitbewerbern deutlich schlechter abgeschnitten, Deutschland sei lange Benchmark gewesen. Investitionen würden zurückgehalten. Knill sprach davon, dass sich Nettoanlageninvestitionen zwischen 2021 und 2025 halbiert hätten.
Blum bezeichnete die Entlastungen ebenfalls als Errungenschaft, zugleich aber als „Tropfen auf den heißen Stein“, wenn es darum gehe, wieder in Regionen echter Wettbewerbsfähigkeit zu kommen. Internationale Konkurrenz, etwa chinesische Unternehmen mit hochautomatisierten Produktionsstrukturen und KI-Einsatz, erhöhe den Druck zusätzlich. Der Einsatz neuer Technologien allein reiche nicht, wenn ihn alle Wettbewerber ebenfalls vorantreiben.
Bürokratie, Resilienz und europäische Handlungsfähigkeit
Ein wiederkehrendes Thema des Abends war die Bürokratie. Knill kritisierte etwa das Lieferkettengesetz und die Entgelttransparenzrichtlinie. Selbst wenn neue Vergütungsklassen geschaffen werden müssten, stelle sich aus Sicht der Unternehmen die Frage, wozu umfangreiche Berichte erstellt werden müssten, die am Ende niemand lese.
Huber griff das Thema Resilienz auf. Europa müsse sich stärker diversifizieren, sagte sie. Die liberale Wirtschaftsordnung werde zunehmend von geoökonomischer Logik überlagert, wirtschaftliche Instrumente würden machtpolitisch eingesetzt. Bei Seltenen Erden etwa dominiere China. Resilienz sei daher stärker als europäische Aufgabe zu verstehen. Nur im Binnenmarkt verfüge Europa über einen geopolitischen Puffer und über Hebel, ohne in Protektionismus zu verfallen. Offene Märkte und Welthandel blieben wichtig.
Mit Blick auf neue industriepolitische Instrumente wie einen Industrial Accelerator Act sah Huber zwar ein neues Verständnis dafür, europäische Wertschöpfung zu sichern. Zugleich warnte sie vor einer erneuten Bürokratiefalle. Entscheidend werde die konkrete Ausgestaltung sein.
In der Abschlussrunde fassten die Podiumsteilnehmer ihre zentralen Anliegen zusammen. Huber nannte die Lohnnebenkosten als einen ihrer Favoriten und plädierte dafür, an diesem Thema weiter dranzubleiben. Blum formulierte seinen Wunsch so: „Politik darf nicht für Weitsicht bestraft werden.“ Schönbeck forderte einen beherzten Bürokratieabbau. Knill sprach den Wunsch nach Frieden aus, weil dieser Planungssicherheit bringen würde.
Hattmannsdorfer griff zum Abschluss noch einmal die europäische Regulierung auf. Bei Entwaldungsverordnung und Lieferkettengesetz zeigte er sich nicht überzeugt. „Es wird kein Gold Plating geben“, sagte der Minister mit Blick auf eine überschießende nationale Umsetzung. Zugleich verwies er auf die Notwendigkeit, nationale Interessen in Brüssel stärker einzubringen.
Frühlingsempfang als industriepolitischer Treffpunkt
Im Anschluss an den Industrie-Talk lud der Fachverband der Metalltechnischen Industrie zum traditionellen Frühlingsempfang. Begrüßt wurden die Gäste von Christian Knill, Sabine Hesse und Adolf Kerbl aus der Geschäftsführung des FMTI.
Der Frühlingsempfang setzte damit den Rahmen des Abends fort: auf den industriepolitischen Praxistest folgte der informelle Austausch der Branche. Die Themen des Talks - Kosten, Energie, Bürokratie, Fachkräfte, Resilienz und europäische Wettbewerbsfähigkeit - blieben dabei die Leitlinien. Die Botschaft aus Sicht der metalltechnischen Industrie war deutlich: Die Industriestrategie wird begrüßt, weil sie Ziele formuliert und den Standort wieder stärker in den Blick nimmt. Entscheidend wird nun aber sein, ob aus den angekündigten Maßnahmen rasch spürbare Entlastungen entstehen.
Dieser Artikel entstand in Kooperation mit Fachverband Metalltechnische Industrie.