Metalltechnische Industrie Österreich : Christian Knill über Österreichs Industrie: Warum das kleine Plus trügerisch ist
Christian Knill, Obmann des Fachverbandes Metalltechnische Industrie, warnt vor wachsendem Druck auf den Industriestandort Österreich.
- © APA/EVA MANHARTÖsterreichs Metall- und Maschinenbau gilt als Rückgrat der heimischen Industrie. Die Branche steht für mehr als 20 Prozent der Exporte, jeden dritten Industriearbeitsplatz und mehr als fünf Prozent der Wirtschaftsleistung des Landes. Sie ist damit eine Schlüsselbranche für den Standort Österreich.
Nach zwei schwierigen Jahren gibt es nun erstmals wieder ein positives Signal: Die Produktion der metalltechnischen Industrie ist 2025 um 2,7 Prozent gewachsen. Doch dieses Wachstum folgt auf einen massiven Einbruch. In den beiden Jahren zuvor war die Produktion um fast 16 Prozent zurückgegangen. Das aktuelle Plus wirkt daher weniger wie ein kräftiger Aufschwung, sondern eher wie ein kurzes Luftholen.
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Metallindustrie unter Druck: Warum das kleine Plus kaum Entwarnung bringt
Die Branche hat zuletzt ein tiefes Tal durchschritten. Nach einem Minus von acht Prozent im Jahr 2023 folgte 2024 ein weiterer Rückgang um 7,8 Prozent. Im Durchschnitt ist die metalltechnische Industrie seit 2015 sogar leicht geschrumpft. Das jüngste Wachstum ist also real, reicht aber bei weitem nicht aus, um die Verluste der vergangenen Jahre auszugleichen.
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Auch bei den Aufträgen zeigt sich kaum Dynamik. Besonders deutlich wird das im Exportgeschäft, von dem die Branche stark abhängig ist. Rund 79 Prozent der Metallkomponenten, Maschinen und Anlagen gehen ins Ausland. Genau dort liegen derzeit aber die größten Probleme.
Die Exporte gingen im Vorjahr um fast zwei Prozent zurück. Besonders stark betroffen waren die USA, der zweitgrößte Auslandsmarkt der Branche: Die Ausfuhren dorthin brachen um rund 23 Prozent ein. Auch Deutschland, der wichtigste Exportmarkt, lag im Minus. China, der drittgrößte Markt, verzeichnete zwar ein zweistelliges Wachstum. Mit einem Anteil von nur rund sechs Prozent reicht dieses Plus jedoch nicht aus, um die Rückgänge in anderen Märkten auszugleichen.
Ernüchternde Umfrage: Viele Betriebe rechnen mit weiterem Rückgang
Die schwache globale Nachfrage und geopolitische Spannungen treffen die metalltechnische Industrie unmittelbar. Zuletzt haben sich die wirtschaftlichen Aussichten weiter eingetrübt, nicht zuletzt durch die Folgen der Nahostkrise. Das schlägt auch auf die Stimmung in den Unternehmen durch.
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Eine aktuelle Umfrage des Fachverbandes der metalltechnischen Industrie zeigt ein ernüchterndes Bild: Mehr als die Hälfte der Unternehmen rechnet für heuer mit einem Rückgang der Produktion. Zwei Drittel erwarten in den kommenden sechs Monaten keine Erholung. Fast 40 Prozent gehen davon aus, 2026 ein negatives Betriebsergebnis zu schreiben.
Besonders hart ist die Entwicklung am Arbeitsmarkt. In den vergangenen zwei Jahren wurden in der Branche rund 10.000 Vollzeitstellen abgebaut. Dazu kommen etwa 3.000 bis 4.000 Leiharbeitskräfte. Allein 2025 sank die Beschäftigung um 4,2 Prozent. Und auch hier ist noch keine Entspannung in Sicht: 41 Prozent der Unternehmen erwarten weiter sinkende Beschäftigtenzahlen, nur 15 Prozent rechnen mit einem Aufbau.
Standort Österreich wackelt: Warum die Krise tiefer geht als gedacht
Damit wird deutlich: Die Branche befindet sich nicht nur in einem zyklischen Tief. Vielmehr geht es um eine strukturelle Unsicherheit, die den Industriestandort insgesamt betrifft. Die metalltechnische Industrie hat in ihrer Geschichte bereits mehrere schwierige Phasen erlebt und sich immer wieder neu aufgestellt. Ihre technologische Kompetenz, die Mischung aus großen Leitbetrieben und international erfolgreichen Hidden Champions sowie ihre starke Exportorientierung machen sie weiterhin zu einem zentralen Pfeiler der österreichischen Wirtschaft.
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Wohin die Reise geht, hängt allerdings nicht nur von geopolitischen Risiken ab. Entscheidend werden auch die Standortbedingungen in Europa und Österreich sein: Arbeitskosten, Energiepreise, Bürokratie und Investitionsklima. Genau darüber sprach Christian Knill, Geschäftsführer der Knill Gruppe und Obmann des Fachverbandes Metalltechnische Industrie, im Interview.
Christian Knill im Interview: Warum die Metallbranche noch lange nicht zurück ist
Herr Knill, die Produktion der Metall- und Maschinenbauindustrie ist 2025 leicht gestiegen, nach einem Rückgang von rund 16 Prozent in den beiden Jahren davor. Das Plus von 2,7 Prozent wirkt da relativ klein. Wie weit ist die Branche tatsächlich noch von ihrer früheren Stärke entfernt?
Prozentuell könnte man sich das natürlich ausrechnen. Entscheidend ist aber: Wir haben in den Jahren davor schon einiges an Produktionswert verloren. Im vergangenen Jahr konnten wir Gott sei Dank wieder ein bisschen aufholen. Wir erwarten aber nicht, dass wir im heurigen Jahr die vorherigen 16 Prozent Rückgang wieder wettmachen können.
Wir sind also noch weit entfernt von den Höchstwerten, die wir früher beim Produktionswert und bei den Umsätzen in unserer Branche hatten.
Die Exporte in die USA sind im vergangenen Jahr massiv eingebrochen. Was sind die Hauptgründe? Ist das Konjunktur, Politik oder eine strukturelle Veränderung am Markt?
Wir sehen primär zwei Ursachen. Einerseits sind es die Zölle, die seit April 2025 immer wieder geändert wurden, aber seither im Raum stehen oder tatsächlich zu zahlen sind. Andererseits sind es die Währungsdifferenzen zwischen Euro und Dollar. Der Wechselkurs hat sich um rund zwölf Prozent bewegt.
Diese beiden Faktoren machen es schwieriger, in die USA zu exportieren. Wobei man sagen muss: Besonders schlecht war das erste Halbjahr 2025. Dort lag der Rückgang noch deutlich über den 22 Prozent, zeitweise fast bei 30 Prozent. Im zweiten Halbjahr hat sich die Lage etwas beruhigt. Im Gesamtjahr bleibt mit rund 22 Prozent Minus aber ein deutlicher Rückgang.
Die Exporte nach China wachsen hingegen zweistellig. Ist China ein Hoffnungsträger für die Branche?
Vielleicht noch eine Ergänzung zu den USA: In den Jahren davor sind wir dort fast 50 Prozent gewachsen. Jetzt gibt es zwar einen Rückgang, aber zuvor haben wir deutlich zugelegt. Das muss man dazusagen.
China ist ein eigener Markt. Da müsste man genauer anschauen, wer die großen Gewinner sind. Im Verhältnis zu Deutschland, unserem wichtigsten Exportmarkt, ist China zwar bereits die Nummer drei, aber noch nicht so relevant.
Ich glaube, dass wir mit unseren Nischenprodukten in China Chancen haben. In vielen Bereichen ist unsere Branche mit hochwertigen Produkten nach wie vor sehr stark. Die Chinesen kaufen bekanntlich auch Hightech ein, kopieren es teilweise und produzieren es später selbst. Aber es gibt Produkte und Services, bei denen die Stückzahlen nicht so groß sind. Für China sind stark skalierbare Produkte mit hohen Stückzahlen besonders interessant. Wenn es eher um kleinere Stückzahlen und spezialisierte Lösungen geht, können auch österreichische Unternehmen in China erfolgreich sein.
Knill warnt: „Unser Industriestandort ist gefährdet“
Eine Konjunkturbefragung Ihrer Mitglieder zeigt, dass mehr als die Hälfte der Unternehmen einen Rückgang der Produktion befürchtet. Fast 40 Prozent erwarten ein negatives Betriebsergebnis. Was bedeutet das für die Branche?
Das bedeutet vor allem, dass unser Industriestandort gefährdet ist. Wir sehen das sehr deutlich am Beschäftigungsrückgang. In den vergangenen zwei Jahren wurden in unserer Branche rund 10.000 Vollzeitstellen abgebaut, dazu kommen noch 3.000 bis 4.000 Leiharbeitskräfte.
Wenn ein Unternehmen ein negatives Ergebnis erwartet oder schreibt, muss es überlegen, wo Kosten reduziert werden können oder ob an einem anderen Standort produziert werden muss. Dass so viele Unternehmen mit einem negativen Ergebnis rechnen, schockiert uns. Im vergangenen Jahr war die Situation auch nicht viel besser, aber 40 Prozent mit negativem Betriebsergebnis sind natürlich eine Katastrophe.
Was müsste passieren, damit sich die Stimmung in der Branche kurzfristig dreht?
Die Rahmenbedingungen, also die Standortbedingungen, müssten sich deutlich ändern. Dem Trend aus Beschäftigungsabbau und negativen Ergebnissen muss entgegengewirkt werden.
Wir haben ein großes Thema bei den Personalkosten. Dazu kommt die Unsicherheit. Der Nahostkonflikt trägt sicher nicht dazu bei, dass Ruhe einkehrt. Es gibt viele Unsicherheiten und Unplanbarkeiten. Bei Arbeitskosten und Energiekosten haben wir Nachteile. Und wir haben in Europa Bürokratiemonster, die andere Länder in dieser Form nicht haben. All das hilft uns nicht, eine Trendwende zu schaffen.
Sie sprechen niedrigere Lohnnebenkosten, stabilere Energiepreise und weniger Bürokratie an. Welche Maßnahme hätte aus Ihrer Sicht sofort einen Effekt?
Der Abbau von Bürokratie wäre sicher eine der wichtigsten Maßnahmen. Ich brauche kein Lieferkettengesetz in dieser Form, und ich brauche auch keine Entgelttransparenzrichtlinie in dieser überbordenden Umsetzung.
Natürlich steht außer Frage, dass es um geschlechtsneutrale und diskriminierungsfreie Bezahlung gehen muss. Das Problem ist aber, wie solche grundsätzlich guten Ideen umgesetzt werden. Von den Unternehmen wird ein enormer bürokratischer Aufwand verlangt. Teilweise hat das auch kritische Auswirkungen, etwa auf Kollektivverträge. Und natürlich sind die Personalkosten ein großes Thema. Gerade bei den Lohnnebenkosten könnte man deutlich etwas tun.
Was macht Ihnen aktuell mehr Sorgen: die geopolitische Lage oder die Standortbedingungen in Europa?
Ganz ehrlich: Die Standortbedingungen machen mir mehr Sorgen. Ich bin viel im Ausland unterwegs, auch außerhalb Europas. Wenn man sieht, welcher Spirit und welche Motivation dort vorhanden sind, mehr zu machen, zu wachsen und zu investieren, dann ist das ein ganz anderes Mindset als in Europa.
Dieses Mindset fehlt uns. Europa wird nicht umsonst manchmal als Museum der Welt gesehen. Viele kommen hierher und schauen sich die alten Bauwerke an. Aber als Innovationstreiber werden wir nicht wirklich wahrgenommen. Wirtschaftlich ist das eine schlechte Entwicklung, die wir unbedingt drehen müssen.
Wir müssen wieder sehen, wie stark wir wirklich sind. Wir haben hervorragende Unternehmer, sehr gute Beschäftigte und kluge Köpfe im Land. Jetzt geht es darum, wieder einen Spirit zu entwickeln, mit dem wir etwas erreichen wollen. Wir dürfen nicht satt werden.
Fachverband Metalltechnische Industrie
Der Fachverband Metalltechnische Industrie vertritt Österreichs Unternehmen aus Maschinenbau, Metallwaren, Anlagenbau, Stahlbau und Gießereiindustrie innerhalb der Wirtschaftskammer Österreich. Die Branche zählt zu den wichtigsten Industriezweigen des Landes und steht für rund 1.200 Betriebe, etwa 135.000 Beschäftigte und eine Exportquote von rund 78 Prozent.
Besonders wichtig ist die Branche für den Außenhandel: Metalltechnische Unternehmen liefern Maschinen, Anlagen und Komponenten in zentrale Märkte wie Deutschland, die USA und China. 2025 geriet vor allem das US-Geschäft unter Druck – die Exporte dorthin gingen laut Fachverband um 22,8 Prozent zurück.
Der Fachverband ist damit nicht nur Interessenvertretung, sondern auch eine wichtige Stimme in Debatten über Industriestandort, Arbeitskosten, Energiepreise, Bürokratie und Wettbewerbsfähigkeit. Aktueller Obmann ist Christian Knill, der vor wachsendem Druck auf Österreichs Industrie warnt.