Michael Mertin, CEO des steirischen Technologiekonzerns AT&S, beschreibt einen Punkt, an dem das Unternehmen aus einer schwierigen Branchenphase heraus in eine neue Form der Zusammenarbeit mit seinen Kunden hineinwächst. Vor gut einem Jahr habe AT&S noch unter einer hohen Bilanzsumme, nicht voll ausgelasteten Werken und einem nicht fertiggestellten Standort Kulim gelitten. Nun aber habe sich vieles verändert.
Entscheidend dabei: AT&S will nicht mehr nur Lieferant sein. „Weg von einem reinen Lieferanten und Auftragsfertiger hin zu einem Partner“, sagt Mertin. Es gehe darum, gemeinsam mit Kunden Wert zu generieren und zu innovieren. Die nächsten Produktgenerationen seien technologisch so anspruchsvoll, dass sie nicht mehr in klassischen Lieferantenbeziehungen entstehen könnten. „Wir haben festgestellt, dass wir viel tiefer zusammenarbeiten müssen, um die zukünftigen Produkte herstellen zu können“, sagt Mertin.
Aus dieser Erkenntnis ist ein neuer Kooperationsansatz entstanden. Mertin besuchte Kunden, sprach über Markt, Technologie und künftige Zusammenarbeit und lud sie nach Österreich ein. Dort, so seine Argumentation, verfügt AT&S über eine besondere Ausgangslage: „Das einzige Substratwerk in der freien westlichen Hemisphäre.“ Dazu komme eine Entwicklungs- und Produktionslinie für Technologien wie Glaskerne, Optik, Advanced Packaging und Embedding.
Kulim als Wachstumsmotor
Die neue Vertrauensbasis schlägt sich nun auch finanziell nieder. AT&S habe erkannt, technisch stark, zuverlässig und vertrauenswürdig zu sein, aber einen zu geringen Eigenkapitalanteil zu haben. Langfristige Partnerschaft müsse daher auch gemeinsame Finanzierung bedeuten. Lösungen seien zunächst mit zwei großen Partnern – einer ist AMD – gefunden worden.
Kulim, der Standort in Malaysia, wird zum zentralen Baustein. Auf Dauer will AT&S dort laut Mertin vier bis fünf Kunden bedienen. Genannt wurden milliardenschwere Investitionen. Auch die Kapazitätsstrukturen in China sollen weiter ausgebaut werden. Damit kann AT&S deutlich optimistischer planen als noch vor einem Jahr.
Österreich als Innovationsanker
Österreich sieht Mertin als Standort für besondere Kernkompetenzen. AT&S arbeite hier etwa mit einem europäischen Partner an der Energieversorgung von Artificial-Intelligence-Computersystemen. Hintergrund ist der stark steigende Energiebedarf, moderner Prozessoren.. AT&S will mit eingebetteten Hochleistungstransistoren auf Siliziumkarbidbasis kleine Leiterplattenelemente entwickeln, die nahe an den Chip gebracht werden können, um Transportverluste zu minimieren.
Mertin betont die europäische Dimension: „Wir bauen Kernkompetenzen auf, die ein Asset im weltweiten Technologiewettlauf sind“, sagt er. Bei den Standortbedingungen bleibt Mertin dennoch klar. Österreich habe hohe Steuern, eine hohe Staatsquote, hohe Energiekosten und hohe Lohnstückkosten. Für viele Industriebetriebe sei das Umfeld belastend. Es passierten viele Dinge in die richtige Richtung, sagt Mertin, doch der Weg sei lang. „Auch beim Marathon fängt die Strecke mit dem ersten Schritt an.“