Österreichs Industriestrategie 2035 : Christoph Neumayer: Warum 117 Maßnahmen den Industriestandort nicht automatisch retten
Christoph Neumayer von der Industriellenvereinigung sieht Österreichs neue Industriestrategie als wichtiges Signal – warnt aber vor einem strukturellen Wettbewerbsproblem des Standorts.
- © Matthias HeschlÖsterreich hat eine Industriestrategie. Allein das ist, aus Sicht von Christoph Neumayer, bereits eine Nachricht. „Das ist grundsätzlich einmal positiv“, sagt der Generalsekretär der Industriellenvereinigung beim Industriekongress 2026. Denn es habe Zeiten gegeben, „da ist das Wort Industrie kaum vorgekommen“ – und man habe nicht sicher sein können, ob wirklich verstanden wurde, „was eigentlich Industrie für den Standort bedeutet“.
Heute ist die Lage eine andere. Und sie ist ernster. Der Produktionsstandort Österreich steht unter wachsendem Druck, ebenso Deutschland und Europa. Was lange funktionierte – offene Märkte, internationale Arbeitsteilung, starke Exporte – wird brüchiger. Neumayer formuliert es nüchtern: Das Erfolgsmodell der vergangenen Jahrzehnte „steht zur Disposition“.
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Wirtschaftsstandort Österreich: Der verlorene Kostenvorteil trifft die Industrie
Im Kern geht es um Wettbewerbsfähigkeit. Österreich habe „vor allem ein Wettbewerbsproblem“, sagt Neumayer. Und dieses Problem sei „oft weniger ein konjunkturelles als ein strukturelles“. Das ist die schärfere Diagnose: Nicht nur die schlechte Stimmung belastet die Industrie, sondern die Architektur des Standorts selbst.
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Die Liste der Schwachstellen ist lang: steigende Lohnstückkosten, hohe Energiepreise, schwache Nachfrage, Konkurrenz aus China, Finanzierungsfragen, Fachkräftemangel und ein Staat, dessen Rolle nach den Krisenjahren „eine absolut übergeordnete geworden ist“. Österreich, so Neumayer, sei bei den Staatsausgaben im EU-Vergleich „Top 3“. Sein Befund: „Das muss zurückgetreten werden, unternehmerische Freiheit muss wieder geschaffen werden.“
Besonders deutlich wird der Druck bei den Kosten. Österreich war lange günstiger als Deutschland. Dieser Vorteil ist weg. Durch hohe Lohnabschlüsse habe man sich „in den Wertschöpfungsketten teilweise aus dem Marktkreis“ bewegt. Neumayers knapper Satz dazu: „Das ist vorbei.“
Export, China, Wettbewerb: Warum Österreichs Industriemodell wackelt
Auch beim Export, traditionell der Motor der österreichischen Wirtschaft, sieht er Warnsignale. Die Exportquote lag einst bei rund 60 Prozent, mittlerweile bei 54 Prozent. „Wir verlieren Exportanteile“, sagt Neumayer. Das ist mehr als eine Kennzahl. Denn „jeder Aufschwung seit 1945 in Österreich war exportgetrieben“. Wenn die Industrie nicht mehr wettbewerbsfähig sei und nicht mehr exportieren könne, „dann steht schlicht und einfach auch die Volkswirtschaft unter Druck“.
Dazu kommt die neue geopolitische Realität. China baut gezielt Schlüsselindustrien aus. „Made in China 2025“ sei nicht nur eine Strategie auf Papier. Sie bedeute auch, Unternehmen zu kaufen, „die diese Technologien verfügbar haben“, und international zu expandieren. Neumayers Einschätzung: Das passiere „durchaus erfolgreich“.
Vor diesem Hintergrund wird die österreichische Industriestrategie zum Prüfstein. Sie sei Ergebnis einer Dreierkoalition und monatelanger Verhandlungen. Die Ambition sei „wichtig und gut“. Aber Neumayer stellt die entscheidende Frage: Ist sie erreichbar?
Bürokratie-Tsunami: Warum Österreichs Industrie auf echte Umsetzung wartet
Denn auf dem Papier steht viel. 117 Maßnahmen enthält die Strategie. Viele davon seien sinnvoll, manche „schlau“. Doch das Papier allein wird den Standort nicht retten. „Das große Thema ist die Umsetzung“, sagt Neumayer. Österreich müsse „in die Struktur hineingehen“, „mehr Freiheit schaffen“, „mehr unternehmerische Freiheit schaffen“ und beim Bürokratiedruck herunterkommen.
Besonders scharf fällt seine Kritik an der europäischen Regulierung aus. Lieferketten, Lohntransparenz und andere Vorgaben aus Brüssel hätten in der Umsetzung enorme Belastungen erzeugt. Neumayer nennt es einen „Bürokratie-Tsunami“. Dieser müsse zurückgefahren oder zumindest so umgesetzt werden, „dass er gangbar ist“.
Ganz ohne Hoffnung endet seine Analyse nicht. Die schlechte Nachricht: „Dieses Land und Europa stehen massiv unter Druck.“ Die gute Nachricht: „Ich glaube, wir haben es noch in der Hand.“ Österreichs Industrie braucht keine weitere Selbstbeschreibung, sondern eine Standortpolitik, die aus Strategie wieder Stärke macht.
Industriestrategie 2035: Was Österreichs Industrie jetzt verändern soll
Zielbild
Die Bundesregierung will Österreich bis 2035 unter die Top 10 der OECD-Länder bei der Industrieproduktion bringen. Zusätzlich soll der Wertschöpfungsanteil der Industrie an der Wirtschaftsleistung auf 20 Prozent steigen; 2024 lag er laut Ministerium bei 16,9 Prozent.
Umfang
Die Strategie umfasst in der aktuellen Darstellung 117 Maßnahmen in sieben Handlungsfeldern. Sie soll Innovation fördern, Resilienz stärken und die internationale Wettbewerbsfähigkeit des Industriestandorts verbessern.
Die sechs strategischen Ziele
- Internationale Wettbewerbsfähigkeit stärken
- Wirtschaftliche Handlungsfähigkeit in und mit Europa weiterentwickeln
- Leistungsfähigkeit und Innovationskraft erhöhen
- Wirtschaftliche Resilienz ausbauen
- Nachhaltige und zirkuläre Produktion stärken
- Fachkräftepotenzial entwickeln
Die sieben Handlungsfelder
Die Maßnahmen verteilen sich auf Forschung, Technologie & Innovation; Energie; Bildung, Fachkräfte & Arbeitsmarkt; Kreislaufwirtschaft, Bioökonomie & Transformation; Infrastruktur, Mobilität & wirtschaftliche Resilienz; Europa & geopolitische Herausforderungen; sowie Entbürokratisierung & Finanzierung.
Herzstück: Schlüsseltechnologie-Offensive
Erstmals definiert die Bundesregierung neun Schlüsseltechnologien und Stärkefelder. Dafür sollen bis 2029 rund 2,6 Milliarden Euro im FTI-Pakt bereitgestellt werden. Ziel ist, Technologien schneller von Forschung und Entwicklung in industrielle Anwendung, Skalierung und Produktion zu bringen.
Die neun Schlüsseltechnologien
Künstliche Intelligenz und Dateninnovation; Chips, elektronische Komponenten und Systeme; fortgeschrittene Produktionstechnologien und Robotik; Quantentechnologie und Photonik; fortgeschrittene Werkstoffe; Life Sciences & Biotech; Energie- und Umwelttechnologien; Mobilitätstechnologien; Weltraum- und Luftfahrttechnologien.
Wichtige Instrumente
Geplant sind unter anderem ein Schlüsseltechnologie-Beschleunigungsgesetz, neue bzw. neu ausgerichtete Förderprogramme, Standort- und Transformationsfonds, Investitionsanreize, ein Investitionsbooster für F&E-Personal, Qualifizierungsoffensiven, erleichterter Arbeitsmarktzugang für Fachkräfte sowie Regulatory Sandboxes als Testräume für Innovationen.
Kontrolle der Umsetzung
Der Produktivitätsrat soll die Fortschritte über ein Wettbewerbsfähigkeitsradar messen. Zusätzlich sind eine Task Force Industrie und ein jährlicher Bericht der Bundesregierung vorgesehen.
Stand der Umsetzung
Laut Ministerium waren rund sechs Monate nach Start mehr als 35 Prozent der 117 Maßnahmen umgesetzt oder konkret in Umsetzung; eine BMIMI-Infothek nennt 42 Maßnahmen als umgesetzt oder in Umsetzung.