Interview

Die Methode Hesoun

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© Photo Simonis Wien - Austria

Wenn das öffentliche Leben innehält und die Straßen Wiens zur Serengeti werden, Österreich also neuerlich wochenlang im Lockdown ist, dann kann Wolfgang Hesoun schon einmal der Rappel packen. Denn mit der Pandemie hatte sich der Spitzenmanager eigentlich arrangiert, erzählt er wenige Tage vor Beginn des vierten landesweiten Lockdowns beim Interview-Termin im Café Imperial, wo Hesoun zu Wochenbeginn gern die internationalen Zeitungen durchforstet. Im Unternehmen schuf man einen Cordon sanitaire, mit Maßnahmen wie Impfen und Testen hält man das Virus recht erfolgreich aus der Organisation heraus.

Das schuf Möglichkeiten – etwa die, dem neuen Konzernboss Roland Busch, der soeben seine Gewinnprognose übertraf, aus Österreich und der CEE-Region tüchtig Neugeschäft beizusteuern. "Wir überschritten unsere Budgets im Auftragseingang spürbar und um das Industriegeschäft ist mir weiterhin nicht bang", sagt Hesoun. Genausogut konnte Hesoun – mittlerweile dreifach geimpft und einmal genesen – mit Gattin Brigitte im Juni ohne ungutem Gefühl dem Sommernachtskonzert der Wiener Philharmoniker beiwohnen. Freiheiten, mit denen es abrupt wieder vorbei ist. Lauschte Hesoun im Schlosspark Schönbrunn Verdis Vorspiel zur Sizilianischen Vesper, einem 750 Jahre alten Stoff, der den Freiheitskampf gegen ein autoritäres Herrschaftsmodell behandelt, wollen Impfgegner gerade solches in der liberalen, regelbasierten Ordnung erkennen können. Eine zynische, bittere Farce, die ihren Ursprung dort hat, wo "in ihrer Substanz radikale Parteien Meinungen lenken", sagt Hesoun.

Damit tritt der gebürtige Mödlinger, Neffe des früheren SPÖ-Sozialministers Josef "Jolly" Hesoun, in aller Deutlichkeit gegen die Angstbewirtschaftung und das Rationalisieren von Unmenschlichkeit auf. Beharrte die Politik beim Impfthema lange auf dem Mantra Eigenverantwortung, sieht Hesoun, der im rund 8.800-Mitarbeiter-Stab eine Durchimpfungsrate von über 92 Prozent vorweisen kann, die Industrie in der Pflicht. "Der Erfolg in der Pandemiebekämpfung, aber auch der Steuerbarkeit von Unternehmen ist ein Verdienst, das auf die Vernunft der Mitarbeiter zurückzuführen ist", sagt Hesoun. Ebenso aber auf die Überzeugung, im Leadership Leitplanken vorzugeben, sprich: entschieden gegen alternative Fakten und die Agenda von Gruppierungen des extremistischen Rands aufzutreten. Durch, wie es in der Siemens-Organisation der Fall ist, Plakatkampagnen, die Vergabe von betrieblichen Impfslots oder Rundschreiben von Hesoun höchstpersönlich, die Mitarbeiter in den vergangenen Monaten erreichten. Keine Katzbuckelei vor Positionen also, die sich aus überschaubarer Realitätsanbindung nähren.

Eine Linie, für die Hesoun im 300.000-Mitarbeiter-Konzern Flankendeckung erhält. Mit CEO Roland Busch, dem "Physiker, Frauenförderer und Gitarrenspieler", ist neuerdings einer am Werk, der auf weniger Hierarchie in der Führungsarbeit setzt. Der große Shift in der österreichischen Organisation wird freilich dennoch ausbleiben. "Unsere Hierarchie ist bisher schon nicht sonderlich aufgebläht", sagt Hesoun, der 2022 in sein zwölftes Jahr als Siemens-General geht. Und dem der ihm innewohnende Pragmatismus auch bei einer Aufgabe, die wohl ersprießlicher sein könnte, zupass kommt: Von der Rückkehr von "Ruhe und Planbarkeit" sprach Hesoun bei seinem Antritt als Chefaufseher der teilstaatlichen Casinos Austria vor einem Jahr. Dieses Ziel scheint mit der Bestellung des früheren Musicalmanagers Erwin van Lambaart als CASAG-Vorstandschef erreicht.

INDUSTRIEMAGAZIN: Herr Hesoun, Ihrem Chef, Roland Busch, gelang ein Bilderbuchstart: In seinem ersten Geschäftsjahr übertraf er die Gewinnprognose, das Konzernergebnis nach Steuern stieg um 59 Prozent. Wie ist ihm denn das gelungen?

Wolfgang Hesoun: Die strategische Neuausrichtung des Konzerns lässt diese Ergebnisse zu. Und Roland Busch nutzt diese Dynamik. In unseren Kernsegmenten der digitalisierten Industrie und der smarten Infrastruktur. Das macht stolz.

Und ich dachte, es reicht schon, einfach das digitale Lösungsportfolio von Siemens im eigenen Konzern einzusetzen – so ähnlich wie bei Kunden.

Hesoun: Das ist ein Irrtum (lacht). Natürlich sind wir die ersten Anwender unserer eigenen Lösungen und Technologien. Da lassen wir keinen Innovationssprung aus. Wichtiger aber ist die Vertrauensfrage, die unsere Kunden in schöner Regelmäßigkeit stellen: Ist Siemens immer noch das Unternehmen, das man an die Kernprozesse heranlassen will? Die Frage können wir in unserer Region sehr klar beantworten: Im Konzern erzielen wir die mit Abstand größte Durchdringung des Markts.

"All das ist ein hochgefährlicher Nährboden für in ihrer Substanz radikale Parteien."

Das Ergebnis – und zum Beitrag aus Österreich und der CEE-Region kommen wir gleich – ist auch insofern beachtlich, als es trotz der Verwerfungen in der Lieferkette von Elektronikbauteilen gelang. Aber die Feierlaune ist getrübt, es braucht wieder Wellenbrecher-Lockdowns in Österreich. Überrascht?

Hesoun: Leider nicht wirklich überrascht. Über die Geschwindigkeit des Anstiegs vielleicht doch, da ich hoffte, dass die Zahl der Geimpften den Effekt doch stärker dämpft. Aber es war unweigerlich klar, dass bei einer Durchimpfungsrate von etwas über 60 Prozent eine Herdenimmunität außer Reichweite ist. Und die braucht es nun mal, da sind sich alle einig.

"Unsere Hierarchie ist bisher schon nicht sonderlich aufgeblasen."

"Es kann nicht die Hauptaufgabe der Unternehmen sein, ihre Beschäftigten von der Dringlichkeit der Covid-Schutzimpfung zu überzeugen", sagt IV-NÖ-Präsident Thomas Salzer. Jetzt wird ein Gesetzgebungsverfahren für die Impflicht eingeleitet, die mit Februar in Kraft treten soll. Der richtige Weg?

Hesoun: Ich bin Befürworter der Impfpflicht. Alleine deshalb, weil es sich dabei eben nicht um reine Eigenschutzaktionen handelt. Warum sollte es anders sein als im Straßenverkehr. Dort gibt es auch gesetzliche Regeln für Gefährder. Wobei ich die Industrie durchaus – anders als vielleicht Tom Salzer – in der Pflicht sehe. Bei Siemens Österreich haben wir eine Durchimpfungsrate von 92 Prozent. Das ist ein Verdienst, der auf die Vernunft der Mitarbeiter zurückzuführen ist. Aber auch auf die Überzeugung, als Unternehmen alles erdenkliche tun zu müssen, um die Mitarbeiter zu schützen, indem wir die Notwendigkeit von Impfschutz in den Vordergrund gerückt haben.

Lange beharrte die Regierung beim Thema Impfen auf dem Mantra Eigenverantwortung und Überzeugung. Offenbar reichte das nicht.

Hesoun: Die Politik hat eine natürliche Scheu vor unpopulären Ansagen. Da nimmt man auf Befindlichkeiten Rücksicht, die einen genau dorthin manövrieren, wo wir jetzt stehen.

Siemens sei ja kein Internet-Shop, es brauche die Nähe zum Kunden, sagten Sie in einem Interview. Das geht jetzt nur eingeschränkt, weil Rechtsradikale, Naturapostel, Esoteriker und religiöse Fundamentalisten einen Kampf gegen das Impfen führen. Was sagt man da zu seinen Mitarbeitern?

Hesoun: Wir können Sicherheit vermitteln. Durch den Erhalt der Jobs - wir konnten Kurzarbeit in allen Produktionswerken abwenden, ließen keinen Tag kurzarbeiten. Darin haben wir massive Zustimmung vom ersten Tag an erlebt. Und es braucht – stärker noch, wenn es die öffentliche Hand verabsäumt – eine klare Informationspolitik in der Führung. Informationsportale, die alternative Fakten streuen, regionale Gruppen, die ihre eigene radikale Agenda verfolgen - das ist alles Unsinn. Das muss man klar zum Ausdruck bringen. Wir haben das volle Programm ausgeschöpft: Von der Plakatkampagne über Impfslots bis zum Rundschreiben von Kollegen aus dem Management und mir.

Hesoun: Ist das nicht einigermaßen skurril: Da hat sich Europa über Jahrzehnte eine liberale, regelbasierte Ordnung erschaffen. Und ein Teil der Gesellschaft deutet dies als autoritäres Herrschaftsmodell.

Hesoun: Das ist schlicht verrückt. Oder ist es etwa illiberal, seinen Mitmenschen vor einer gefährlichen Kranheit zu schützen? Ist das der Fall, dann nehmen wir ein Demokratieverständnis als gegeben an, mit dem einhergeht, dass jeder tun und lassen kann, wie er will. Dann würde ich das aber nicht mehr Demokratie nennen.

"Wenn Natürschützer jetzt gegen Windkraft mobil machen, sind das Selbstblockaden, die wir bis in die Regierungsspitze sehen."

Hat man die Rechnung also ohne die Impfgegner gemacht?

Hesoun: Man hat die Unvernunft unterschätzt. Und was nicht zu übersehen ist: All das ist ein hochgefährlicher Nährboden für in ihrer Substanz radikale Parteien. Trump-Amerika ist da nur die Blaupause für etwas, das sich leider auch bei uns herausgebildet hat.

Man vernimmt ja zuweilen, Siemens sei mit Abnehmern wie der Bahn oder Kommunen vergleichsweise privilegiert. Graut Ihnen da eigentlich schon vor der Zeit, wenn nach der Pandemiebewältigung - also irgendwann in ein paar Jahren – von den Kommunen die Schuldenbremse angezogen wird?

Hesoun: Die privilegierte Situation liegt darin, dass wir Ausschreibungen durch die Qualität unserer Produkte gewinnen. Ich sehe im öffentlichen Verkehr auch weiterhin keinen Rückgang. Vielmehr ist der Nachholbedarf der letzten Jahrzehnte evident. Die ÖBB investiert massiv. Aber eigentlich immer noch, um ihren Fuhrpark auf das 21. Jahrhundert auszurichten. Das schafft für uns unendlich viele Möglichkeiten.

Heuer machten Aufholeffekte in vielen Unternehmen ein schwaches Vorjahr wett. Ein Bounce-back-Effekt, den auch Siemens Österreich gut verdienen ließ?

Hesoun: Wir konnten unsere Budgets im Autragseingang spürbar überschreiten. Die Engpässe in den Lieferketten freilich sind evident. Auch Siemens ist nicht unverwundbar.

Wenn Sie in die Orderbücher schauen: Können Sie das schon mit dem beruhigenden Gefühl tun, dass der Fertigungsindustrie 2022 nicht die Lust am Investieren vergeht?

Hesoun: Gerade in den Bereichen der digitalisierten Industrie und der smarten Infrastruktur haben wir kurzläufige Zyklen. Entsprechend bedarfsorientiert sind wir in der Prognosegestaltung. Bei der Erneuerung der Produktionsprozesse zur Steigerung der Produktiviät wird mir aber nicht bang. Dazu sind die Bedarfe zu hoch. Und sie werden auch nicht so schnell abreißen.

"Informationsportale, die alternative Fakten streuen, regionale Gruppen, die eine radikale Agenda verfolgen – das ist alles Unsinn."

Die Fertigungsindustrie befindet sich im Totalumbau. Für BMW in Steyr liefert Siemens etwa eine neue Generation von CNC-Steuerungen für die Herstellung von E-Antriebsgehäusen, also ein wunderbar nachhaltiges, disruptives Produkt. Wie sieht das auf der Siemens-Seite aus: Ist Ihre Steuerung da noch das Ergebnis klassischer inkrementeller Innovation – oder schon ebenso disruptiv?

Hesoun: Ohne Ihre Buzzwords zu strapazieren: Es ist eine Kombination aus beidem. Und der Kunde ist, wenn Sie so wollen, immer Teil der Lösung.

Siemens lancierte heuer den ersten industriellen 5G-Router, mit dem sich lokale Industrieanwendungen mit öffentlichen Mobilfunknetzen verbinden lassen können. Ein Gamechanger?

Hesoun: In Österreich gibt es zu meinem Bedauern immer noch keine industriexklusive 5G-Frequenz. In Deutschland hat sich die Industrie schon viel früher von den Providern freigespielt. 5G genießt dort eine ähnlich hohe Relevanz wie Energieautarkie.

Früher war die Bereitschaft in der Ingenieurswelt, für eine disruptive Idee seinen Jahresbonus zu riskieren, enden wollend. Mit CEO Roland Busch ist einer am Werk, der auf weniger Hierarchie in der Führung setzt. Wieviel ist davon in der österreichischen Organisation zu spüren?

Hesoun: Unsere Hierarchie ist bisher schon nicht sonderlich aufgeblasen. Unsere Leute agieren fachkundig - und darüber gibt es nur eine koordinierende Rolle sowie die Supportfunktionen. Das ist gelebte Praxis – und funktioniert.

Stichwort Dekarbonisierung. Kaum wo auf der Welt wird so wenig klimaschädlich produziert wie in Österreich. Das könnte im Umkehrschluss heißen, dass sich hierzulande besonders großer Unmut über die CO2-Bepreisung regen wird. Teilen Sie die Sorge?

Hesoun: Wenn eine vernünftige CO2-Bepreisung dazu führt, dass Schieflagen im Markt korrigiert werden, ist das begrüßenswert. Was ich an manchen dieser Ideen bemängle, sind definierte Ziele, deren Realisierbarkeit hochgradig im Zweifel stehen.

Wie das Vorpreschen Österreichs, die Netto-Null in punkto Klimaneutralität bis 2040 erreichen zu wollen, ein Vorhaben, das Sie in Ihrer Funktion als Fachverbandsobmann der Elektro- und Elektronikindustrie scharf kritisierten?

Hesoun: Das ist ein Beispiel, aber gar nicht das vordringlichste. Schauen Sie ins EAG. Der Gesetzgeber fordert bis 2030 die Steigerung der jährlichen Stromerzeugung aus Wasserkraft um fünf Terawattstunden. Wenn man weiß, wie viel Zeit die Umsetzung von Wasserkraftprojekten in Anspruch nimmt, dann fehlt einem der Glaube an die Realisierbarkeit.

"Unsere liberale, regelbasierte Ordnung als autoritäres Herrschaftsmodell zu deuten, ist schlicht verrückt."

Was sagen Sie eigentlich dazu, dass Naturschützer, die früher gegen den Abbau von Braunkohle auf die Barrikaden gingen, jetzt gegen Windkraftprojekte mobil machen?

Hesoun: Das sind Selbstblockaden, die ja bis in die Regierungsspitze zu sehen sind. Eine Ministerin, die sich redlich abmüht, die Dingen in die Umsetzung zu bringen – und die parteinternen Kräfte, die dagegen opponieren. Auch wir erleben das in der Praxis. Wir realisieren in Linz eine Wasserstoffpilotanlage als Demonstrator für die CO2-freie Stahlproduktion. Und was fehlt für die Folgeanlage, die dann im nächsten Schritt im großen Maßstab zeitnah folgen sollte: die 220-KV-Leitungen.

Der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell – eigentlich nicht zu Zuspitzungen neigend – sieht eine Welt von Thomas Hobbes auf uns zukommen: Anarchisch, nicht aus der Vernunft abgeleitet, sondern einen Kampf alle gegen alle als neue Normalität. Mit Cyberangriffen, Privatarmeen und Blackout-Szenarien. Zu letzteren gab es gerade in Tirol eine Krisenübung. Unterschätzt man da nicht die Kraft der Symbolik in einer ohnehin viel zu aufgewühlten Zeit?

Hesoun: Eine Übung einzig aus dem Grund nicht zu machen, um niemanden zu verschrecken, wäre, wie Covid-Maßnahmen aus selbigen Gründen abzulehnen. Das muss man schon in Relation zum Nutzen einer solchen Übung sehen.

Bräuchte es nicht mehr Gegenwärtigkeitssinn und weniger Zukunftsangstgemälde?

Hesoun: Ich sehe das durchaus von Pragmatismus geleitet. Denn Fakt ist, die Ausfallswahrscheinlichkeit in dynamischen Netzen steigt aufgrund der fehlenden Reserven. Darauf vorbereitet zu sein ist kein Fehler.

Wie gehen Sie generell mit dem Tempozuwachs dieser Zeit um?

Hesoun: Das ist ein Prozess, mit dem man mitwächst. Und den man als Unternehmer auch annehmen muss. Ein Großteil unseres Wohlstands basiert nun mal auf Produktivitätszuwachs. Wir sind alle Nutznießer. Damit umzugehen, ist Normalbetrieb.

Sie sind seit Dezember 2020 Chefaufseher der teilstaatlichen Casinos Austria. Dort wollen Sie sich der Zukunft widmen und nicht der Vergangenheit – Stichwort Sidlo-Bestellung. Kann man sich von der Vergangenheit lösen, solange noch die Ermittlungen laufen?

Hesoun: Davon bin ich überzeugt. Was gerichtsanhängig ist, geht seinen Weg. Es hat aber mit der laufenden wirtschaftlichen Situation und Personalpolitik nichts zu tun. Die Casinos funktionieren gut im Rahmen ihrer Möglichkeiten.

Bringt – neben dem designierten Vorstand Erwin van Lambaart – das nun laufende größte Optimierungsprogramm der Geschichte die "Ruhe und Planbarkeit", die Sie sich erhoffen, in die CASAG zurück?

Hesoun: Man hat natürlich die gleichen Einschränkungen wie Tourismusbetriebe oder die Gastronomie. Das ist eine Herausforderung, die bisher jedoch gut gemeistert wurde.

In einem Interview im Frühjahr nannten Sie die Aufregung, dass in staatlichen oder teilstaatlichen Unternehmen Personen mit Vertrauensverhältnis zum Eigentümer bestellt werden, "verlogen". Nach Publikwerden seiner Besetzungspolitik war Kanzler Kurz angezählt. Bleiben Sie bei Ihrer Meinung?

Hesoun: Wir reden immerhin von einem Vermögen von rund 30 Milliarden Euro, das es zu bewahren gilt. Da kann ich mich als Politiker nicht einfach absentieren und aus der Verantwortung ziehen. Dem Grunde nach zu sagen, dass sich der Eigentümer nicht ums Eigentum kümmern soll, halte ich für ebenso falsch. Er sollte dafür sorgen, dass jene Leute das Eigentum managen, die das können und zu denen eine Vertrauensbasis besteht. So wie das auch in Unternehmen ist. Warum sollte sich daran etwas ändern, nur weil zufällig der Staat in Form von Repräsentanten, die nunmal Politiker sind, diese Tätigkeiten ausübt?

Ist die Diskussion, ob der Staat ein guter Eigentümer ist, also müßig?

Hesoun: Ich erachte diese Diskussion als sinnlos. Es ist nicht entscheidend, wer der Eigentümer ist, sondern, wie er mit dem Eigentum umgeht. Zu glauben, dass zwangsläufig privates Eigentum besser bewirtschaftet wird, ist ebenso undifferenziert. Sonst müssten wir ja pleitefrei sein.

Sie galten als heißer Kandidat für den Chefposten der Staatsholding Öbag. Nachdem die Bestellung der Top-Juristin Edith Hlawati publik wurde, erklärten Sie in einer Aussendung sinngemäß, der Job sei nicht mehr interessant. Wenn sich Herr Hesoun ärgert, greift er in die Tasten?

Hesoun: Das war nicht Verärgerung. Sondern die sehr nüchterne Klarstellung, dass sich die ursprünglich kolportierte Aufgabenstellung, im Zuge einer Neubestellung des Vorstandsvorsitzes mehr industrielle Führungsqualität zu schaffen, im Prozess gedreht hat. Nachdem die Verwaltung des Portfolios in den Vordergrund gerückt war, hat sich die Bewerbung für manche Leute mit industriellem Hintergrund erledigt gehabt.

Die Meldung, dass Sie und Ex-Kanzler Gusenbauer im Konsortium des Linzer Unternehmers Karl Egger an einem Zukunftsplan für MAN-Steyr schraubten, dementierten Sie umgehend. Deshalb die Möglichkeitsform: Wie reizvoll wäre es gewesen, Investor Wolf – der bis 2014 bei Siemens Österreich immerhin ein Aufsichtsratsmandat innenhatte – die Show zu stehlen?

Hesoun: Gar nicht. Ich kenne Siegfried Wolf lange genug, um sagen zu können, dass er die nötige Kompetenz hat, ein solches Großprojekt zu stemmen. Und ich wünsche ihm dabei alles erdenklich Gute.

ZUR PERSON

Wolfgang Hesoun, 61,

ist seit 2010 Vorstandsvorsitzender der Siemens AG Österreich. Hesoun, ein ausgebildeter Feinwerktechniker, startete seine Siemens-Karriere 1982 beim AEG-Joint-Venture Kraftwerk Union in Deutschland. Nach unterschiedlichen Stationen zog er 1995 in den Vorstand der Porr-Umwelttechnik, 2003 in den Vorstand der Porr AG ein. 2019 wurde Hesouns Siemens-Vorstandsmandat verlängert. Er übt Aufsichtsratsmandate bei Atos und Casinos Austria aus und ist Obmann des Fachverbands der Elektro- und Elektronikindustrie. Hesoun ist verheiratet und Vater eines erwachsenen Sohnes.