Rohstoffmangel in der deutschen Industrie : Rohstoffmangel in der Elektrobranche: Volle Auftragsbücher, fehlende Bauteile
Der Rohstoffmangel trifft die deutsche Elektroindustrie in einer heiklen Phase: Die Nachfrage durch KI, Digitalisierung und Automatisierung steigt, doch fehlende Bauteile könnten den Aufschwung bremsen.
- © Adobe/H_KoDie Materialversorgung in der deutschen Industrie hat sich im September 2026 wieder leicht verschlechtert. Nach einer am Montag, dem 12. Oktober, veröffentlichten Umfrage des Münchner Ifo-Instituts berichteten 14,6 Prozent der Industrieunternehmen über Schwierigkeiten bei der Beschaffung von Vorprodukten. Im August hatte dieser Anteil noch bei 13,3 Prozent gelegen. Damit nimmt der Materialmangel nach einer zwischenzeitlichen Entspannung wieder zu. Allerdings sind die einzelnen Wirtschaftszweige unterschiedlich stark betroffen.
Von einer allgemeinen Versorgungskrise kann nach Einschätzung der Wirtschaftsforscher bislang nicht gesprochen werden. „Von einem flächendeckenden Anstieg der Lieferengpässe in der Industrie kann noch keine Rede sein“, erklärte Ifo-Umfragechef Klaus Wohlrabe. In bestimmten Branchen entwickle sich die Verfügbarkeit wichtiger Materialien und Bauteile jedoch zunehmend zu einem Problem. Besonders kritisch sei die Situation dort, wo eine kräftige Nachfrage auf begrenzte Liefermöglichkeiten treffe.
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Elektroindustrie unter Druck: Bauteilemangel gefährdet volle Auftragsbücher
Am deutlichsten zeigen sich die Schwierigkeiten bei den Herstellern von Datenverarbeitungsgeräten sowie elektronischen und optischen Erzeugnissen. In diesem Industriezweig meldeten im September 37,8 Prozent der Unternehmen Materialengpässe. Einen Monat zuvor waren es noch 33,2 Prozent gewesen. Damit ist inzwischen deutlich mehr als jeder dritte Betrieb von Beschaffungsproblemen betroffen.
Diese Entwicklung ist wirtschaftlich besonders bedeutsam, weil die Elektroindustrie derzeit zu den dynamischeren Bereichen des deutschen Verarbeitenden Gewerbes zählt. Nach Angaben des Ifo-Instituts verbesserte sich das Geschäftsklima in diesem Sektor im September erheblich. Der entsprechende Index kletterte von 16,5 Punkten im August auf 24,8 Punkte. Noch stärker entwickelte sich die Beurteilung der aktuellen Geschäftslage, deren Index von 15,0 auf 29,0 Punkte stieg.
Die Unternehmen verzeichneten zugleich einen deutlichen Zuwachs bei den Neuaufträgen und bewerteten ihren Auftragsbestand erstmals seit längerer Zeit wieder positiv. Entsprechend planen zahlreiche Betriebe, ihre Produktion in den kommenden Monaten auszuweiten. Auch vom Auslandsgeschäft erhoffen sie sich zusätzliche Impulse.
Doch gerade dieser Aufschwung könnte durch fehlende Komponenten gefährdet werden. Wenn wichtige elektronische Bauteile nicht rechtzeitig verfügbar sind, lassen sich selbst gut gefüllte Auftragsbücher nicht ohne Weiteres in zusätzliche Produktion umsetzen. Materialengpässe können damit zu einem entscheidenden Hindernis für die weitere Geschäftsentwicklung werden.
KI-Boom in der Industrie: Warum Elektronik jetzt noch gefragter wird
Eine wesentliche Ursache für die positive Entwicklung in der Elektroindustrie liegt in den zunehmenden Investitionen in digitale Technologien. Besonders der Ausbau von Rechenzentren, Anwendungen der Künstlichen Intelligenz und die fortschreitende Automatisierung industrieller Prozesse sorgen für zusätzliche Nachfrage.
Bereits Anfang September hatte das Ifo-Institut auf diese Entwicklung hingewiesen. Wohlrabe erklärte damals, dass Investitionen in Digitalisierung, KI und Automatisierung unmittelbar die Auftragsbücher der Unternehmen füllten. Dabei handele es sich nicht lediglich um einen kurzfristigen Nachfrageschub, sondern um längerfristige Investitionen, von denen die Branche über einen längeren Zeitraum profitieren könnte.
Auch die Kapazitätsauslastung deutete auf eine Belebung hin. Sie stieg in der Elektroindustrie von 79,7 Prozent im April auf 81,2 Prozent im Juli. Während viele andere Industrieunternehmen weiterhin einen Beschäftigungsabbau planten, wollten Betriebe der Elektroindustrie nach der damaligen Ifo-Erhebung zusätzliche Mitarbeiter einstellen.
Chipmangel oder Komponentenkrise? Halbleiter werden zum Nadelöhr
Eine zentrale Rolle spielen dabei Halbleiter und andere elektronische Komponenten. Sie werden unter anderem für Computer, industrielle Steuerungen, Kommunikationsgeräte und leistungsfähige Rechensysteme benötigt. Gerade bei Anwendungen der Künstlichen Intelligenz sind spezialisierte Chips von großer Bedeutung.
Die steigende Nachfrage nach solchen Technologien erhöht die Anforderungen an die internationalen Lieferketten. Allerdings lässt sich aus den aktuellen Ifo-Zahlen nicht unmittelbar ableiten, welche einzelnen Bauteile besonders knapp sind oder wie stark sich deren Preise verändert haben. Die Erhebung zeigt vor allem, dass ein wachsender Anteil der Unternehmen Schwierigkeiten bei der Materialbeschaffung meldet.
Materialmangel im Maschinenbau: Auch Chemieunternehmen spüren neue Engpässe
Nicht nur die Elektroindustrie kämpft mit zunehmenden Beschaffungsproblemen. Auch in der chemischen Industrie hat sich die Versorgungslage im September spürbar verschlechtert. Hier stieg der Anteil der Unternehmen mit Materialengpässen von 12,5 Prozent im August auf 18,0 Prozent.
Allerdings zeigt ein Blick auf die vergangenen Monate, dass die Situation zwischenzeitlich bereits erheblich angespannter war. Im Juni hatten noch 29,5 Prozent der Chemieunternehmen über entsprechende Schwierigkeiten berichtet. Damals verwies das Ifo-Institut auf die Nachwirkungen von Störungen internationaler Lieferketten im Zusammenhang mit der Straße von Hormus. Die vollständige Normalisierung der Transport- und Lieferbeziehungen könne einige Zeit beanspruchen, hatte Wohlrabe im Juli erklärt.
Auch im deutschen Maschinenbau zeichnet sich erneut eine leichte Verschärfung ab. Dort stieg der Anteil der Unternehmen mit Materialmangel von 14,9 auf 16,3 Prozent. Für Maschinenbauer können Verzögerungen bei einzelnen Komponenten besonders problematisch sein, da komplexe Anlagen häufig zahlreiche aufeinander abgestimmte Teile benötigen. Fehlen entscheidende Bauteile, kann sich die Fertigstellung ganzer Maschinen verzögern.
Autoindustrie bleibt stabil, Metallindustrie meldet Entspannung bei Rohstoffen
Trotz der insgesamt leicht gestiegenen Materialengpässe gibt es auch positive Entwicklungen. Besonders deutlich entspannte sich die Situation in der Metallerzeugung und -bearbeitung. Während im August noch 21,1 Prozent der Unternehmen über Materialmangel klagten, waren es im September nur noch 14,2 Prozent.
Eine leichte Verbesserung gab es außerdem bei Herstellern elektrischer Ausrüstungen. Dort sank der Anteil betroffener Unternehmen von 29,5 auf 27,4 Prozent. Allerdings liegt dieser Wert weiterhin deutlich über dem Durchschnitt des Verarbeitenden Gewerbes. Die Versorgung mit Vorprodukten bleibt somit auch in diesem Bereich ein relevantes Thema.
Vergleichsweise stabil präsentiert sich dagegen die Automobilindustrie. Dort berichteten im September 8,9 Prozent der Betriebe von Materialengpässen. Die Situation blieb damit gegenüber dem Vormonat nahezu unverändert.
Der Vergleich mit dem Juni verdeutlicht die zwischenzeitliche Verbesserung: Damals hatten noch 15,7 Prozent der Automobilunternehmen Schwierigkeiten bei der Materialbeschaffung gemeldet.
Lieferkettenprobleme bleiben Risiko für den Industrieaufschwung
Die jüngsten Umfrageergebnisse verdeutlichen, dass sich die Materialversorgung in der deutschen Industrie keineswegs einheitlich entwickelt. Während einige Branchen weiterhin von einer relativ stabilen Beschaffungssituation profitieren, entstehen in anderen Wirtschaftszweigen neue Engpässe.
Bemerkenswert ist dabei, dass die Schwierigkeiten gerade in einem Industriebereich zunehmen, der aktuell von einer starken Nachfrage profitiert. Für die Elektroindustrie könnte die Verfügbarkeit wichtiger Vorprodukte deshalb zu einer entscheidenden Voraussetzung werden, um den wirtschaftlichen Aufschwung fortzusetzen.
Wie schnell die Unternehmen ihre Produktionspläne verwirklichen können, hängt nicht allein von der Nachfrage, sondern auch von funktionierenden Lieferketten und einer ausreichenden Versorgung mit Komponenten ab. Die September-Zahlen liefern allerdings noch keinen Beleg dafür, dass die Engpässe bereits zu größeren Produktionsausfällen geführt haben.
Für die kommenden Monate bleibt deshalb entscheidend, ob die Materialversorgung mit der wachsenden Nachfrage Schritt halten kann. Die Elektroindustrie verfügt nach den jüngsten Ifo-Erhebungen über eine vergleichsweise günstige Ausgangslage bei Aufträgen und Geschäftserwartungen. Ob sie dieses Potenzial vollständig ausschöpfen kann, dürfte jedoch auch davon abhängen, wie schnell sich die Beschaffungsprobleme lösen lassen.
Die aktuelle Entwicklung zeigt damit ein zweigeteiltes Bild: Während der Materialmangel für die deutsche Industrie insgesamt noch begrenzt bleibt, wächst ausgerechnet in einem wichtigen Wachstumstreiber das Risiko neuer Produktionshemmnisse.