Varta Insolvenz 2026 : Varta verliert die Kontrolle: Jetzt entscheidet der Sanierer über den Batteriepionier
Varta steht vor einer tiefen Neuordnung: Der Batteriekonzern sucht in der Insolvenz Investoren — und könnte künftig nur noch in Teilen weiterbestehen.
- © VartaBei Varta beginnt eine neue Phase der Krise. Seit dem 28. Juli 2026 führt der Rechtsanwalt Tobias Wahl als vorläufiger Insolvenzverwalter die Verfahren über das Vermögen der Varta AG und der Tochtergesellschaft Varta Microbattery. Das Unternehmen hatte zunächst eine Insolvenz in Eigenverwaltung angestrebt, bei der der Vorstand um Michael Ostermann die Sanierung unter Aufsicht eines Sachwalters selbst gesteuert hätte. Nur wenige Tage später wechselten jedoch auch diese Gesellschaften in klassische Insolvenzverfahren.
Varta begründet den Schritt mit den engen finanziellen und operativen Verflechtungen innerhalb des Konzerns. Die Muttergesellschaft, Varta Microbattery, Varta Storage und Varta Micro Production sollen nun unter möglichst einheitlichen insolvenzrechtlichen Bedingungen saniert werden. Das soll Entscheidungen beschleunigen und bürokratische Hürden verringern. Ostermann und die bisherigen Geschäftsführungen bleiben zwar an Bord, die entscheidende Verantwortung liegt nun jedoch beim vorläufigen Insolvenzverwalter. Der Geschäftsbetrieb läuft nach Unternehmensangaben zunächst weiter; für die Beschäftigten wird die Vorfinanzierung des Insolvenzgeldes vorbereitet.
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Varta Sanierung: Warum der Investorenprozess jetzt entscheidet
Wahl hat einen strukturierten Verkaufs- und Investorenprozess angekündigt. Gesucht wird eine langfristig tragfähige Lösung, die nicht nur kurzfristig Liquidität bereitstellt, sondern auch die Finanzierung der operativen Geschäfte und notwendiger Investitionen absichert. Damit ist eine vollständige Stilllegung des Konzerns keineswegs beschlossen. Ebenso wenig ist allerdings garantiert, dass Varta in seiner bisherigen Form erhalten bleibt.
>>> Varta und Tojner: Österreichs Spur in der zerlegten Batteriehoffnung
Die zentrale Frage lautet, welche Unternehmensteile wirtschaftlich eigenständig überlebensfähig sind und für welche Sparten Investoren bereitstehen. Dabei haben sich die Ausgangsbedingungen bereits deutlich verändert: Der Geschäftsbereich Varta Consumer Batteries, zu dem die bekannten Haushalts- und Gerätebatterien gehören, hat selbst keinen Insolvenzantrag gestellt. Er ist rechtlich und finanziell weitgehend von den insolventen Gesellschaften getrennt.
Varta Consumer Batteries: Die profitable Sparte steht vor der Abspaltung
Eine Gruppe wichtiger Finanzierungsgläubiger um die Deutsche Bank sowie die Finanzinvestoren RBC BlueBay, Blantyre und Whitebox hatte bereits vor den Insolvenzanträgen angekündigt, ihre vertraglichen Rechte an der Consumer-Sparte ausüben zu wollen. Nach Darstellung der Gläubiger soll das Haushaltsbatteriegeschäft aus der bisherigen Konzernstruktur herausgelöst und unter einer neuen Eigentümerstruktur stabilisiert werden. Die Umsetzung ist noch von behördlichen und weiteren Genehmigungen abhängig.
Damit könnte ausgerechnet der Bereich, der Varta kontinuierliche Erträge und eine hohe Markenbekanntheit verschafft, künftig außerhalb des verbleibenden Konzerns weitergeführt werden. Für die Haushaltsbatterien wäre das möglicherweise eine Überlebensgarantie. Für die insolventen Sparten birgt die Trennung jedoch ein erhebliches Risiko: Ohne Erträge aus dem Consumer-Geschäft wird es schwieriger, Forschung, neue Produkte und den Aufbau industrieller Fertigungskapazitäten zu finanzieren.
Varta Restrukturierung: Warum die Rettung von 2024 nicht gereicht hat
Die Insolvenz kommt nur gut ein Jahr nach dem Abschluss eines umfangreichen Restrukturierungsverfahrens. 2024 hatten Porsche und der österreichische Investor Michael Tojner insgesamt 60 Millionen Euro für die Sanierung zugesagt. Hinzu kam eine kurzfristige Brückenfinanzierung über 30 Millionen Euro. Der damalige Restrukturierungsplan sah zudem eine Verringerung der Schulden um nahezu 300 Millionen Euro vor. Die bisherigen Aktionäre verloren durch die Herabsetzung des Grundkapitals ihre Beteiligungen.
Diese finanzielle Neuordnung beseitigte jedoch nicht die operativen Risiken. Varta nennt als Ursachen der erneuten Krise eine schwächere Nachfrage, verschlechterte Marktbedingungen, negative Währungseffekte und den Wegfall eines wichtigen Kunden. Aus der aktualisierten Unternehmensplanung habe sich insbesondere ab 2027 erneut eine strukturelle Finanzierungslücke ergeben.
Varta und Apple: Der verlorene Großkunde trifft das Werk Nördlingen
Besonders schwer wiegt der Verlust des Großkunden Apple. Varta produzierte in Nördlingen wiederaufladbare CoinPower-Knopfzellen, die unter anderem für kabellose Kopfhörer eingesetzt wurden. Der betreffende Großkunde stand nach Angaben aus dem Unternehmensumfeld für rund 98 Prozent der Auslastung des betroffenen Werks. Nachdem Apple die Zellen für künftige Produktgenerationen aus China beziehen will, soll die Produktion in Nördlingen im Herbst 2026 eingestellt werden. Rund 350 Arbeitsplätze sind betroffen.
Die Entwicklung zeigt das strategische Grundproblem des früheren Varta-Wachstumsmodells: Das Unternehmen verfügte über technologisch hochwertige Produkte, machte sich bei einzelnen Fertigungslinien aber von sehr wenigen Großkunden abhängig. Varta-Chef Ostermann bezeichnete die Konzentration auf einen einzigen Abnehmer rückblickend selbst als möglichen strategischen Fehler.
Varta Zukunft: Drei Szenarien zwischen Investor, Verkauf und Zerschlagung
Für den verbleibenden Konzern zeichnen sich drei grundsätzliche Szenarien ab. Die günstigste Variante wäre der Einstieg eines Investors, der mehrere Sparten gemeinsam übernimmt, den laufenden Finanzbedarf deckt und zusätzlich Geld für Forschung und Produktion bereitstellt. Genau darauf zielt der von Wahl gestartete M&A-Prozess.
Ein zweites Szenario wäre die getrennte Veräußerung einzelner Geschäftsbereiche. Michael Tojner hat öffentlich erklärt, sich um eine Fortführung der Bereiche Microbattery und Solutions bemühen zu wollen. Gleichzeitig räumte er ein, dass dies nur durch einen weiteren Sanierungsschritt und erhebliche Einschnitte möglich sei. Welche Standorte, Produkte und Arbeitsplätze ein solches Modell umfassen würde, ist bislang offen.
Das dritte und für die Beschäftigten riskanteste Szenario wäre eine weitgehende Zerschlagung. In diesem Fall würden wirtschaftlich attraktive Produktlinien verkauft, während nicht finanzierbare Aktivitäten eingestellt würden. Eine vollständige Liquidation ist derzeit zwar nicht das erklärte Ziel des Insolvenzverwalters. Ohne ausreichend kapitalstarke Käufer kann sie für einzelne Gesellschaften oder Geschäftsbereiche aber nicht ausgeschlossen werden.
Als alternativer Interessent war bereits vor der Insolvenz die Schweizer Allswiss AG aufgetreten. Das Unternehmen hatte öffentlich erklärt, Forderungen der bisherigen Gläubiger in einer Größenordnung von knapp 300 Millionen Euro übernehmen und damit eine Zerschlagung verhindern zu wollen. Das Interesse war jedoch zunächst unverbindlich. Zudem bestanden öffentlich Fragen zur Finanzierungsstruktur und zur wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit des Interessenten. Bis zur Stellung der Insolvenzanträge war daraus erkennbar keine abschließend finanzierte Gesamtlösung entstanden.
Varta und Porsche: Warum V4Smart dem Konzern kaum noch hilft
Bei der Bewertung von Vartas Zukunft muss außerdem berücksichtigt werden, dass ein technologisch bedeutender Bereich schon vor der aktuellen Insolvenz weitgehend aus dem Konzern herausgelöst wurde. Porsche übernahm am 4. März 2025 die Mehrheit an der früheren V4Drive-Gesellschaft, die anschließend in V4Smart umbenannt wurde. Varta behielt lediglich eine Minderheitsbeteiligung ohne operativen Einfluss.
V4Smart entwickelt und produziert leistungsstarke Lithium-Ionen-Rundzellen, die unter anderem als sogenannte Booster-Zellen in Hybridmodellen des Porsche 911 eingesetzt werden. Die Übernahme zeigt, dass Varta-Technologie weiterhin industriell gefragt ist. Sie bedeutet aber auch, dass dieser Bereich für eine Sanierung des restlichen Konzerns nur noch begrenzt zur Verfügung steht.
Natrium-Ionen-Batterien: Vartas Hoffnung auf die nächste Zelltechnologie
Die größte technologische Hoffnung des verbleibenden Konzerns könnte in der Natrium-Ionen-Technologie liegen. Varta ist Initiator und Koordinator des Forschungsprojekts ENTISE, an dem 15 Arbeitsgruppen aus 13 Unternehmen und Hochschulen beteiligt sind. Das Projekt wird mit rund 7,5 Millionen Euro durch den Bund gefördert. Ziel ist die Entwicklung industriell skalierbarer Natrium-Ionen-Rundzellen – von Laborzellen über Prototypen bis zu einer Kleinserie für realistische Tests in Elektrofahrzeugen und stationären Speichern.
Natrium-Ionen-Batterien benötigen kein Lithium und können auf besser verfügbare Rohstoffe zurückgreifen. Fraunhofer-Institute sehen Vorteile bei Nachhaltigkeit, Sicherheit und Temperaturbeständigkeit. Zudem ähneln die Produktionsprozesse denen herkömmlicher Lithium-Ionen-Zellen, weshalb vorhandene Fertigungstechnik teilweise angepasst werden könnte.
Varta Technologie: Warum Natrium-Ionen-Zellen kein schneller Rettungsanker sind
Die Technologie ist allerdings kein sofortiger Rettungsanker. Natrium-Ionen-Zellen weisen derzeit häufig eine geringere Energiedichte als etablierte Lithium-Ionen-Batterien auf. Besonders interessant sind sie deshalb zunächst für stationäre Speicher oder Anwendungen, bei denen Gewicht und Platz weniger entscheidend sind. Eine Fraunhofer-Studie kommt dennoch zu dem Ergebnis, dass die Technik an der Schwelle zur industriellen Massenproduktion steht und sich die Leistungsunterschiede durch Materialverbesserungen verringern könnten.
Für Varta liegt darin eine strategische Chance: Das Unternehmen verfügt über Erfahrung in der Zellchemie, in der Produktion von Rundzellen und bei stationären Speichersystemen. Um daraus jedoch ein wettbewerbsfähiges Industriegeschäft zu machen, wären hohe Investitionen, belastbare Abnahmeverträge und eine schrittweise Skalierung notwendig. Ein Prototyp oder ein Forschungserfolg allein garantiert noch keine profitable Serienproduktion.
Deutsche Batterieindustrie: Warum Vartas Insolvenz über den Konzern hinausweist
Die kommenden Monate werden zeigen, ob Varta als verkleinerter Batteriekonzern weiterbesteht oder in mehrere voneinander unabhängige Unternehmen zerfällt. Ein Fortbestand unter einem einzigen Eigentümer wäre industriell attraktiv, ist angesichts der unterschiedlichen wirtschaftlichen Lage der Sparten aber schwer zu finanzieren. Wahrscheinlicher erscheint derzeit eine Lösung, bei der einzelne Bereiche unterschiedliche Eigentümer erhalten.
Für die Beschäftigten geht es dabei um Tausende Arbeitsplätze und um die Zukunft traditionsreicher Standorte. Für die deutsche Industrie steht zugleich die Frage im Raum, ob sich wettbewerbsfähige Batterietechnologie in Europa dauerhaft entwickeln und produzieren lässt. Batterieexperten warnen, dass eine Zerschlagung Vartas einen weiteren Rückschlag für die deutsche Batterieindustrie bedeuten könnte – vor allem dann, wenn profitable Bereiche von Forschungs- und Entwicklungseinheiten getrennt werden.
Vartas Zukunft hängt deshalb nicht nur davon ab, ob ein Käufer die bestehenden Geschäfte übernimmt. Entscheidend ist, ob ein Investor bereit ist, aus den verbliebenen Technologien ein neues, weniger abhängiges Geschäftsmodell aufzubauen. Die Marke, das Fachwissen und die Forschungsprojekte besitzen weiterhin einen Wert. Doch erst Kapital, Kunden und eine realistische industrielle Strategie können daraus wieder ein tragfähiges Unternehmen machen.
Der Insolvenzverwalter hat sich den Erhalt möglichst vieler Arbeitsplätze und den Verkauf an einen Investor zum Ziel gesetzt. Ob daraus ein Neustart entsteht oder lediglich eine geordnete Aufteilung des Konzerns, ist am 29. Juli 2026 offen. Sicher ist bislang nur: Varta wird nach diesem Verfahren nicht mehr dasselbe Unternehmen sein wie zuvor.