Halbleiter Lieferkette : KI bringt Elektronik-Lieferketten aus dem Takt
Der Ausbau von KI-Rechenzentren, geopolitische Konflikte und neue Handelsbeschränkungen erhöhen laut Everstream Analytics den Druck auf die globalen Lieferketten der Elektronikindustrie.
- © hit1912 - stock.adobe.comDie Versorgung mit elektronischen Komponenten gerät nach Einschätzung von Everstream Analytics zunehmend unter Druck. Während die Nachfrage nach Speicherchips, Leiterplatten und weiteren Komponenten durch den Ausbau der Infrastruktur für Künstliche Intelligenz stark steigt, beeinträchtigen geopolitische Konflikte und neue Handelsbeschränkungen gleichzeitig die Versorgung mit wichtigen Rohstoffen und Vorprodukten. Betroffen sind laut der Analyse unter anderem die Automobilindustrie, die Unterhaltungselektronik sowie die Industrieelektronik.
Nach Angaben von Everstream sichern sich große Cloud-Service-Anbieter und Entwickler von KI-Infrastruktur benötigte Komponenten inzwischen langfristig und bezahlen dafür teilweise höhere Preise als Hersteller aus anderen Industriezweigen. Unternehmen, die dieselben Komponenten üblicherweise beziehen, sehen sich dadurch mit längeren Lieferzeiten und steigenden Preisen für elektronische Zwischenprodukte konfrontiert.
KI-Nachfrage bindet Produktionskapazitäten
Trotz erheblicher Investitionen in zusätzliche Fertigungskapazitäten übersteigt die Nachfrage nach Komponenten für KI-Anwendungen laut Everstream weiterhin das verfügbare Angebot. Neue Halbleiterkapazitäten werden voraussichtlich frühestens in den kommenden zwei Jahren verfügbar sein. Marktbeobachter rechnen deshalb damit, dass die weltweite Knappheit bei Speicherchips mindestens bis Ende 2026 und möglicherweise bis 2027 anhält.
Gleichzeitig verlagern Halbleiterhersteller ihre Produktionskapazitäten zunehmend auf High-Bandwidth-Memory (HBM), das in KI-Beschleunigern eingesetzt wird. Dadurch entstehen Engpässe bei konventionellen DRAM-Speichern. Darüber hinaus werden ältere Speichertechnologien wie DDR4 und LPDDR4 schrittweise aus der Produktion genommen, obwohl sie weiterhin in Anwendungen der Automobilindustrie und der Industrieelektronik eingesetzt werden.
Auch Leiterplatten und Basismaterialien werden knapper
Neben Halbleitern identifiziert Everstream auch Leiterplatten (Printed Circuit Boards, PCB) und deren Basismaterialien als Engpass. KI-Systeme benötigen Leiterplatten mit hoher Schichtzahl, die größere Mengen spezialisierter Materialien verbrauchen als herkömmliche Leiterplatten.
Nach Angaben der Analyse führt dies zu Engpässen bei verschiedenen Basismaterialien, darunter verlustarme Laminate, Spezialglasgewebe und kupferkaschierte Laminate. Unternehmen müssten Bestellungen deshalb deutlich früher platzieren als bisher. Für Standard-FR-4-Substrate nennt Everstream Lieferzeiten von vier bis sechs Wochen. Für hochwertige Laminate und kupferkaschierte Basismaterialien werden Lieferzeiten von rund 20 Wochen angegeben.
Als besonders kritischer Engpass wird sogenanntes T-Glass beschrieben. Nach Angaben von Everstream liefert der japanische Hersteller Nitto Boseki rund 90 Prozent des weltweit eingesetzten Spezialglasgewebes mit niedrigem thermischen Ausdehnungskoeffizienten für Leiterplatten. Aufgrund der hohen Nachfrage kommt es dort zu Produktionsengpässen. Gleichzeitig wird T-Glass auch für ABF-Substrate verwendet, die in KI-Prozessoren eingesetzt werden. Dadurch steht weniger Material für andere Anwendungen, darunter BT-Substrate für die Automobil- und Unterhaltungselektronik, zur Verfügung.
Nahostkonflikt belastet Rohstoffversorgung
Als weiteren Belastungsfaktor nennt Everstream die Auswirkungen des Nahostkonflikts auf die Elektronik-Lieferketten. Der Ausbruch des Konflikts habe Produktion und Transport wichtiger Rohstoffe beeinträchtigt, insbesondere für Produktionsstandorte in Ostasien. Gleichzeitig seien die Luftfrachtkosten für Elektronikhersteller seit der Schließung der Straße von Hormus um 40 bis 50 Prozent gestiegen.
Besonders kritisch bewertet die Analyse die Versorgung mit Helium. Nach einem iranischen Raketenangriff auf den Industriekomplex Ras Laffan von QatarEnergy sei die Produktion dort weiterhin unterbrochen. Die Anlage habe zuvor rund ein Drittel der weltweiten Heliumproduktion geliefert. Helium wird in der Halbleiterfertigung zum Spülen von Prozessgasen eingesetzt. Laut Everstream führen die Versorgungsprobleme bereits zu Rationierungen in Halbleiterwerken in Südkorea und Taiwan. Gleichzeitig kündigte Nippon Sanso Preissteigerungen von durchschnittlich mehr als 30 Prozent für Heliumprodukte in Japan an und schließt Anpassungen bei Liefermengen sowie längere Lieferzeiten nicht aus.
Auch Brom zählt Everstream zu den potenziellen Risikofaktoren. Brom wird zur Herstellung von Halbleitergasen verwendet. Israel und Jordanien produzieren zusammen rund zwei Drittel der weltweiten Brommenge. Ein länger andauernder regionaler Konflikt könnte nach Einschätzung der Analyse Produktionsstandorte oder Transportwege beeinträchtigen.
Darüber hinaus verweist Everstream auf Versorgungsprobleme bei Epoxidharzen und weiteren Vorprodukten für Leiterplatten. Diese hätten sich nach einem Angriff auf eine Produktionsanlage des Chemiekonzerns SABIC zusätzlich verschärft. Nach einer in der Analyse zitierten Schätzung lieferte die betroffene Anlage zuvor rund 70 Prozent des weltweit verfügbaren hochreinen PPE-Harzes. Eine vollständige Wiederaufnahme der Produktion werde nicht vor Ende 2026 erwartet.
Handelsbeschränkungen erhöhen den Druck
Neben den geopolitischen Entwicklungen verweist Everstream auf handelspolitische Risiken. Potenzielle US-Zölle auf Kupfer könnten einen bereits angespannten Markt zusätzlich belasten. Kupferpreise hätten in diesem Jahr Rekordwerte erreicht. Als Gründe nennt die Analyse die hohe Nachfrage, bestehende Lieferunterbrechungen sowie Erwartungen weiterer Handelsbeschränkungen. Gleichzeitig hätten Händler ihre Lieferungen in die USA vorgezogen, wodurch das Angebot für Hersteller in anderen Ländern sinke.
Zusätzliche Risiken sieht Everstream bei der Versorgung mit Wolfram. China produziere rund 80 Prozent des weltweiten Wolframs und habe seit Beginn des Jahres 2026 Exportkontrollen ausgeweitet. Dadurch mussten nach Angaben der Analyse mehrere japanische Chemieunternehmen die Produktion von Wolframhexafluorid einstellen, das bei der Halbleiterfertigung benötigt wird. Darüber hinaus werden Hartmetallwerkzeuge aus Wolframkarbid in der Leiterplattenproduktion eingesetzt. Neue Bergbauprojekte außerhalb Chinas befänden sich zwar in Entwicklung, dürften jedoch erst in mehreren Jahren zusätzliche Produktionsmengen liefern.