Elektronik : Bestückungsautomaten und Gummibärchen: Was Endress+Hauser in Maulburg anders macht
Endress+Hauser-Werk Maulburg: Bestückungsautomaten verarbeiten jährlich 473 Millionen Komponenten
- © Endress+Hauser
Aktive Mitgliedschaft erforderlich
Das PRIME Digital-Jahresabo gewährt Ihnen exklusive Vorteile. Jetzt PRIME-Mitglied werden!
Sie haben bereits eine PRIME Mitgliedschaft?
Bitte melden Sie sich hier an.
Maulburg ist kein Ort, der sich aufdrängt. 4.300 Einwohner, Schwarzwaldidylle, eher dörfliche Strukturen. Und doch sitzt hier eines der globalen Zentren der industriellen Messtechnik. Der Standort der Endress+Hauser-Gruppe ist weltweites Product Center für Füllstands- und Druckmesstechnik – und damit ein neuralgischer Punkt für ein Unternehmen, dessen Technologien in Prozessindustrien rund um den Globus im Einsatz sind.
Nie mehr die wichtigsten News aus Österreichs Industrie verpassen? Abonnieren Sie unser Daily Briefing: Was in der Industrie wichtig wird. Täglich um 7 Uhr in ihrer Inbox. Hier geht’s zur Anmeldung!
Mehr als 2.000 Mitarbeitende hat das Werk in Maulburg, unweit des Konzernhauptsitzes im schweizerischen Reinach. Das Familienunternehmen legt großen Wert darauf, dass sich auch die Mitarbeitenden als Teil einer großen Familie fühlen. Unter dem Dach von „Blue Lifeline“ bündelt das Familienunternehmen seine sozialen Initiativen: von Ferienbetreuung für Grundschüler bis hin zu Angeboten wie einem kostenlosen Camper für Auszubildende. Über digitale Plattformen vernetzen sich Mitarbeitende in eigenen Gruppen – auch Pensionisten bleiben so angebunden.
Und doch bleibt ein strukturelles Problem: Fachkräfte lassen sich nur schwer in die Schwarzwaldgemeinde locken. Maulburg ist kein urbaner Magnet. Die ländliche Lage wird zur strategischen Herausforderung im Wettbewerb um Arbeitskräfte.
Start-up-Atmosphäre in der Industrie
Doch die Schweizer stehen fest zu Maulburg. Im Juli 2024 startete Endress+Hauser mit „Campus 2030+“ das größte Investitionsprojekt seiner 70-jährigen Geschichte. Fast 120 Millionen Euro fließen in den Ausbau und die Modernisierung des Standorts. Allein 2025 wurden 46,9 Millionen Euro investiert, 2026 sollen es bereits 75,3 Millionen Euro sein. Ziel ist es, die Fertigung und Entwicklung von Füllstands- und Druckmesstechnik auf eine neue Grundlage zu stellen und sie effizienter, nachhaltiger und damit zukunftsfähiger zu machen.
Bemerkenswert: Die Investitionen werden vollständig aus eigenen Mitteln finanziert. In den vergangenen fünf Jahren summierten sich diese auf 1,4 Milliarden Euro. „Unsere gesunde finanzielle Lage ermöglicht es uns, diese Summen aus eigener Kraft aufzubringen“, betont Noch-CFO Luc Schultheiss, der Mitte des Jahres von Christian Mäder abgelöst werden soll.
Wer durch das Werk schlendert, glaubt bisweilen, bei einem Start-up gelandet zu sein: Offene Arbeitsbereiche in der Entwicklung, lichtdurchflutete Räume, bewusst informell gehalteneKonferenzzonen mit Gummibärchen und Lampen im Ikea-Stil.
Gleichzeitig läuft die industrielle Realität auf Hochtouren. In den Produktionshallen arbeiten Bestückungsautomaten, die jährlich 473 Millionen Komponenten verarbeiten. Bemerkenswert leise und ruhig geht es dort zu.
Ein zentraler Bestandteil ist die konsequente Erprobung: Sämtliche Produkte werden vor Ort unter realen Bedingungen getestet. Für die Ingenieure ist das mehr als Qualitätssicherung – es ist unmittelbares Feedback aus der Praxis.
Nachhaltigkeit als Entwicklungsprinzip
Die strategische Klammer liefert das Programm „Driving sustainable transformation together“. Es adressiert einen zentralen Hebel: Mehr als 97 Prozent der CO₂-Emissionen entstehen bei Endress+Hauser im Scope 3 – also in der Nutzung der Produkte und entlang der Lieferketten.
Die Konsequenz: Nachhaltigkeit wird in die Entwicklung verlagert. Neue Produkte müssen nicht nur funktional, sondern auch ökologisch optimiert sein.
Ein Beispiel ist der Drucktransmitter Cerabar PMC43. Durch ein überarbeitetes Sensorkonzept und eine kompaktere Bauweise reduziert sich der CO₂-Ausstoß in der Produktion um rund 122 Tonnen jährlich. Gleichzeitig verbessert der weitgehende Verzicht auf Elektronikverguss die Recyclingfähigkeit deutlich.
Endress+Hauser hat nun auch den ersten Radar-Füllstandsmesser mit 180 GHz im Angebot.Gegenüber dem Vorgänger konnte das Gerät deutlich verkleinert und der CO₂-Fußabdruck etwa halbiert werden.
Besonders stolz ist man auch auf eine neue Sensorgeneration: Hier wurde der Energiebedarf so stark gesenkt, dass die Stromversorgung über die Datenleitung erfolgen kann, zusätzliche Anschlüsse entfallen.