Lidl Kaufland Cloud : Lidl, Kaufland, Cloud: Wie Dieter Schwarz sein Imperium neu erfindet
Lidl und Kaufland stehen für Supermärkte – doch ihre Muttergesellschaft Schwarz-Gruppe investiert Milliarden in Cloud, Rechenzentren und digitale Infrastruktur.
- © FM Forum Industriemedien (KI-generiert)Wer an die Schwarz-Gruppe denkt, denkt zunächst an volle Einkaufswagen, Lidl-Filialen und Kaufland-Märkte. Doch wenige Kilometer von der Konzernzentrale in Neckarsulm zeigt sich inzwischen ein anderes Bild: Serverhallen, Cloud-Plattformen und ein neuer Technologiecampus gehören ebenso zum Imperium von Dieter Schwarz wie Supermärkte und Logistikzentren.
Die Geschichte hinter diesem Wandel beginnt 2018. Damals startete die Schwarz-Gruppe mit dem Aufbau einer eigenen Cloud-Plattform. Auslöser war zunächst ein sehr praktisches Problem: Der Handelskonzern wollte seine wachsenden Datenmengen und digitalen Anwendungen auf einer Infrastruktur betreiben, über die er möglichst weitgehend selbst bestimmen konnte. Seit 2019 wird STACKIT innerhalb der Gruppe eingesetzt, 2022 öffnete Schwarz die Plattform auch für Unternehmen und öffentliche Verwaltungen. Damit wurde aus einer internen IT-Lösung ein neues Geschäftsmodell.
2023 ging der Konzern noch einen Schritt weiter und bündelte seine IT- und Digitalaktivitäten unter der neuen Sparte Schwarz Digits. Cloud Computing, Cybersicherheit, künstliche Intelligenz, E-Commerce und weitere digitale Angebote sollten zu einem europäischen Technologie-Ökosystem zusammenwachsen. Die Botschaft war groß: Europas Wirtschaft brauche mehr Kontrolle über ihre digitale Infrastruktur.
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Schwarz Digits investiert Milliarden: Der neue Campus und das Rechenzentrum Lübbenau
An mangelnder Investitionsbereitschaft scheitert dieses Vorhaben jedenfalls nicht. Im Juli 2026 eröffnete Schwarz Digits in Bad Friedrichshall seinen neuen Campus. Auf 15,5 Hektar verteilen sich fünf Gebäude; langfristig können dort einschließlich flexibler Arbeitsmodelle bis zu 5.500 Beschäftigte angebunden sein. Die ursprünglich kursierende Zahl von mehr als 8.000 Arbeitsplätzen für diesen Standort lässt sich dagegen nicht bestätigen.
Noch eindrucksvoller sind die Investitionen in Rechenzentren. In Lübbenau im Spreewald baut Schwarz Digits auf dem Gelände eines ehemaligen Kraftwerks ein neues Datacenter. Das Investitionsvolumen beziffert das Unternehmen auf elf Milliarden Euro – nach eigenen Angaben die größte Einzelinvestition in seiner Geschichte. Der erste Bauabschnitt mit einer Anschlussleistung von 200 Megawatt soll bis Ende 2027 fertiggestellt werden. Ab 2028 soll zudem Serverabwärme in das örtliche Fernwärmenetz eingespeist werden.
Rechenzentrum Dummerstorf und KI-Campus Heilbronn: Die nächste Ausbaustufe der Schwarz-Gruppe
Ende August folgte die nächste Ankündigung: In Dummerstorf bei Rostock plant die Schwarz-Gruppe ein weiteres riesiges Rechenzentrum. Die Landesregierung Mecklenburg-Vorpommerns nennt dafür eine Investition von bis zu 5,6 Milliarden Euro bis 2033. Medien hatten zuvor über deutlich höhere Summen für mögliche Servertechnik und Ausbaustufen berichtet. Als bestätigtes Projektvolumen gelten derzeit jedoch die 5,6 Milliarden Euro.
Hinzu kommt das KI-Ökosystem rund um Heilbronn. Beim Innovation Park Artificial Intelligence, kurz IPAI, sollen auf einem rund 30 Hektar großen Campus mehr als 5.000 Menschen arbeiten. Offizielle Angaben zu den gesamten Baukosten gibt es nicht; ARD und SWR gehen nach eigenen Recherchen von etwa drei Milliarden Euro aus. Der Standort wird unter anderem von der Dieter Schwarz Stiftung, der Schwarz-Gruppe und dem Land Baden-Württemberg getragen. Schwarz baut also eine Infrastruktur, deren Dimension weit über die Anforderungen eines klassischen Handelskonzerns hinausgeht.
STACKIT gegen AWS: Warum die Cloud-Wette der Schwarz-Gruppe noch klein wirkt
Genau hier setzt allerdings die Kritik an. Denn die Größe der Investitionen steht bislang in einem auffälligen Verhältnis zum Geschäft, das STACKIT außerhalb des eigenen Konzerns tatsächlich macht.
Offiziell meldete die Schwarz-Gruppe für ihre gesamte Digitalsparte im Geschäftsjahr 2025 einen Umsatz von 2,2 Milliarden Euro – 15,8 Prozent mehr als im Vorjahr. Diese Zahl umfasst allerdings Schwarz Digits insgesamt und ist nicht mit externen STACKIT-Erlösen gleichzusetzen.
Nach einer Recherche des Manager Magazins, die sich auf interne Unterlagen und Unternehmensquellen stützt und von weiteren Medien aufgegriffen wurde, setzte STACKIT im Geschäftsjahr 2025/26 mit seinem Cloud-Geschäft lediglich 46,5 Millionen Euro um; für das laufende Jahr seien 177,3 Millionen Euro geplant. Mehr als 90 Prozent der Erlöse von Schwarz Digits kämen demnach weiterhin aus der eigenen Unternehmensgruppe. Schwarz selbst veröffentlicht diese Detailzahlen nicht.
Der Abstand zur globalen Konkurrenz bleibt damit enorm. Amazon Web Services erzielte 2025 einen Umsatz von 128,7 Milliarden US-Dollar und steigerte seine Erlöse gegenüber dem Vorjahr um 20 Prozent. STACKIT muss also nicht nur technisch wachsen, sondern vor allem externe Kunden in einer völlig anderen Größenordnung gewinnen, wenn aus dem Projekt tatsächlich ein europäischer Hyperscaler werden soll.
Das heißt allerdings nicht, dass STACKIT am Markt keine Fortschritte macht.
STACKIT bei Bund, Ländern und Kommunen: Warum der Staat für Schwarz Digits wichtig wird
Gerade bei öffentlichen Auftraggebern hat sich STACKIT inzwischen Zugang zu wichtigen Beschaffungssystemen verschafft. Im Mai 2026 erhielt Bechtle einen Rahmenvertrag von GovTech Deutschland mit einem maximalen Volumen von 250 Millionen Euro. Über die Plattform können Bund, Länder und Kommunen Leistungen verschiedener Anbieter beziehen. Zum Portfolio gehören AWS, Microsoft Azure und Google Cloud – aber eben auch die europäischen Anbieter STACKIT, T-Cloud Public, Exoscale und Bechtle Open Cloud Services.
Das Volumen von 250 Millionen Euro ist keine Umsatzgarantie für STACKIT. Die Behörden entscheiden selbst, welche Angebote sie tatsächlich abrufen. Strategisch ist der Zugang dennoch bedeutend: Der Handelskonzern sitzt bei staatlichen Cloud-Beschaffungen inzwischen am selben Tisch wie die größten US-Anbieter.
Auch über andere Brokerstrukturen ist STACKIT erreichbar. Seit 2024 können etwa Mitglieder von govdigital Leistungen von STACKIT gemeinsam mit AWS, Google Cloud, IONOS und Microsoft Azure beziehen. Ein weiterer Rahmenvertrag von Bundesagentur für Arbeit, Deutscher Rentenversicherung und Deutscher Gesetzlicher Unfallversicherung umfasst ebenfalls STACKIT sowie mehrere internationale und europäische Anbieter.
Wie konkret daraus Projekte entstehen können, zeigt eine erst am 7. September 2026 bekanntgegebene Kooperation mit Mecklenburg-Vorpommern. Das Land und Schwarz Digits wollen eine gemeinsame hybride Cloud-Infrastruktur aufbauen. Zudem ist auf Basis der Open-Source-Plattform openDesk ein digitaler Arbeitsplatz für rund 16.000 Lehrkräfte und Schulbeschäftigte geplant. Für STACKIT ist das genau jener Markt, auf dem das Souveränitätsversprechen einen kommerziellen Vorteil haben kann: Behörden, Gesundheitswesen, kritische Infrastruktur und stark regulierte Unternehmen.
Lidl Plus, SAP und Azure: Wo STACKIT im eigenen Konzern noch kämpfen muss
Gleichzeitig zeigen gerade interne Projekte, wie schwierig der Aufbau einer konkurrenzfähigen Cloud ist. Beim neuen Lidl-Warenwirtschaftssystem Wawi Nexus berichtete die Lebensmittel Zeitung bereits 2024, dass das Projekt anfangs auf Microsoft Azure betrieben wurde. Schwarz erklärte zwar, die neue Lösung werde auf Basis der eigenen STACKIT-Cloud entwickelt; Branchenberichte zufolge konnte STACKIT jedoch zumindest zu Projektbeginn noch nicht sämtliche Anforderungen abdecken.
Ähnlich ist das Bild bei Lidl Plus. Die Kundenbindungs-App wird von mehr als 100 Millionen Menschen genutzt. Die Schwarz-Gruppe betont inzwischen, dass die App den STACKIT-Tech-Stack europaweit nutzt. Nach der jüngsten Manager-Magazin-Recherche sollen Teile der Anwendung allerdings weiterhin bei Azure oder Google Cloud liegen. Beide Aussagen schließen einander nicht zwingend aus: Eine komplexe Anwendung kann gleichzeitig Komponenten auf mehreren Cloud-Plattformen betreiben. Öffentlich nachprüfbar ist jedenfalls keine vollständige Migration sämtlicher Bestandteile zu STACKIT.
Auch die lange angekündigte Integration mit SAP zeigt, dass zwischen einer Partnerschaft und einem produktionsreifen Angebot Jahre liegen können. Ende 2024 wurde „RISE with SAP on STACKIT“ angekündigt. Erst am 2. September 2026 meldete STACKIT die kommerzielle Verfügbarkeit. Kunden können das Angebot nun bestellen; die technische Bereitstellung der Systeme soll nach Angaben des Unternehmens ab November 2026 beginnen. Der Rückstand ist damit nicht verschwunden. Aber das Projekt ist eben auch nicht stehen geblieben.
Google, Zscaler, STACKIT: Warum Schwarz Digits nicht mehr alles selbst bauen will
Am deutlichsten verändert hat sich in den vergangenen Jahren die Vorstellung davon, was „digitale Souveränität“ überhaupt bedeuten soll. Zu Beginn klang die Schwarz-Offensive häufig nach einem möglichst vollständigen europäischen Gegenmodell zu den großen US-Plattformen. Inzwischen setzt der Konzern offensiv auf internationale Technologiepartner.
Ein Beispiel ist Google. Seit 2024 arbeiten beide Unternehmen an einem digitalen Arbeitsplatz, bei dem Google Workspace mit Diensten von STACKIT kombiniert wird. Google liefert Anwendungen wie Gmail oder Docs, während lokale Datenspeicherung und clientseitige Verschlüsselung über STACKIT realisiert werden sollen. Die Schwarz-Gruppe selbst kündigte zugleich an, ihre Mitarbeiter auf Google Workspace zu migrieren.
Auch mit dem US-Cybersicherheitskonzern Zscaler besteht seit Juli eine Partnerschaft. Dessen Zero Trust Exchange wird für das gemeinsame europäische Angebot auf der STACKIT-Infrastruktur in deutschen Rechenzentren betrieben.
Die Strategie lautet damit zunehmend: Die Software muss nicht zwingend aus Europa stammen – entscheidend sei, unter welcher Rechtsordnung Daten liegen, wie sie verschlüsselt werden und ob Unternehmen den Anbieter wechseln können. Das ist weniger radikal als die Idee, nahezu jeden Baustein selbst aufzubauen. Es ist allerdings auch realistischer.
Aleph Alpha und Cohere: Warum Schwarz bei KI auf eine transatlantische Allianz setzt
Besonders deutlich wird dieser Strategiewechsel bei künstlicher Intelligenz. 2023 gehörte Schwarz zu den Investoren einer Finanzierungsrunde von mehr als 500 Millionen US-Dollar für Aleph Alpha. Das Heidelberger Unternehmen galt damals als einer der großen europäischen Hoffnungsträger im Rennen um generative KI.
Inzwischen hat sich die Lage verändert. Im April 2026 kündigten Aleph Alpha und der kanadische KI-Anbieter Cohere ihren geplanten Zusammenschluss an. Die Schwarz-Gruppe stellt dafür 500 Millionen Euro strukturierte Finanzierung bereit. Die Unternehmen sprechen selbst von einer deutsch-kanadischen beziehungsweise transatlantischen Allianz für „souveräne KI“.
Aus dem ursprünglich stark europäischen Projekt wird damit ein internationaler Zusammenschluss. Das kann man als Eingeständnis interpretieren, dass ein deutscher KI-Anbieter allein nicht genügend Skalierung erreicht hat. Man kann es aber ebenso als Versuch verstehen, Kapital, Forschung und Rechenleistung zu bündeln, ohne sich vollständig an die größten US-Plattformen anzulehnen.
Souveränität bedeutet bei Schwarz inzwischen offensichtlich nicht mehr zwingend europäisches Eigentum.
XM Cyber und CrowdStrike: Warum der Deal kein kompletter Verkauf ist
Auch der Umgang mit dem israelischen Cybersicherheitsunternehmen XM Cyber zeigt, wie wichtig die genaue Betrachtung ist. Schwarz hatte XM Cyber 2021 übernommen. Im Juli 2026 vereinbarte das Unternehmen eine erweiterte Partnerschaft mit CrowdStrike.
Dabei übernimmt CrowdStrike ausdrücklich nicht XM Cyber als Unternehmen. Verkauft werden geistiges Eigentum und Technologie-Assets, darunter mehr als 45 Patente und proprietärer Quellcode. Kunden und Umsätze werden nicht übernommen; XM Cyber soll als eigenständiges Unternehmen weiterarbeiten und die Technologie künftig lizenzieren.
Die finanzielle Dimension ist inzwischen ebenfalls öffentlich dokumentiert: In seinem Bericht an die US-Börsenaufsicht SEC nennt CrowdStrike 145 Millionen US-Dollar in bar und Aktien als Gegenleistung beim Abschluss, zuzüglich weiterer Aktien, deren Umfang erst beim Closing bestimmt werden soll. Von einem vollständigen Exit von Schwarz aus XM Cyber kann auf Basis dieser Dokumente daher keine Rede sein.
Schwarz Digits ist nicht gescheitert – aber die Cloud-Wette wird teurer und pragmatischer
Ist Schwarz Digits also gescheitert? Für dieses Urteil ist es zu früh. Die Probleme sind real. Der Umsatz mit externen Cloud-Kunden liegt offenbar weit unter den ursprünglichen Ambitionen. Zentrale Anwendungen des eigenen Konzerns sind nicht vollständig von amerikanischen Clouds verschwunden. Der SAP-Anschluss hat deutlich länger gedauert als zunächst suggeriert. Und bei KI und Cybersicherheit ist die Schwarz-Gruppe inzwischen auf Partner aus Kanada und den USA angewiesen.
Gleichzeitig entsteht in Deutschland eine Rechenzentrumsinfrastruktur im zweistelligen Milliardenbereich. STACKIT hat sich Zugang zu großen öffentlichen Beschaffungssystemen verschafft. Neue Projekte mit Behörden und dem Gesundheitswesen kommen hinzu. Und statt die Zusammenarbeit mit den globalen Technologiekonzernen grundsätzlich auszuschließen, versucht Schwarz zunehmend, deren Software auf eine Infrastruktur zu setzen, deren Datenhaltung und Betrieb stärker unter europäischer Kontrolle stehen.
Damit verändert sich die Wette. Die entscheidende Frage lautet nicht mehr, ob Lidl und Kaufland eines Tages Amazon, Microsoft oder Google vollständig nachbauen können. Das werden sie kaum müssen. Entscheidend ist, ob Schwarz aus eigener Cloud-Infrastruktur, branchenspezifischem Know-how und gezielt eingekaufter Technologie ein Angebot formen kann, für das Unternehmen und Behörden tatsächlich dauerhaft bezahlen wollen.
Genau hier steht Schwarz Digits noch am Anfang. Milliardeninvestitionen und große Rechenzentren sind sichtbar. Ein mit AWS vergleichbares Geschäft ist es noch lange nicht. Aber die Geschichte ist auch nicht beendet. Sollte es Schwarz gelingen, die enorme Nachfrage des eigenen Handelsimperiums als technologische Referenz zu nutzen und daraus ein profitables Geschäft mit externen Kunden zu machen, wäre ausgerechnet aus einem Lebensmittelkonzern einer der ungewöhnlichsten europäischen Technologieanbieter entstanden.
Die große Wette ist deshalb weder gewonnen noch verloren. Sie ist vor allem teurer, komplizierter – und deutlich pragmatischer geworden.