Renault Einstieg Rüstungsindustrie : Renault baut jetzt Militärdrohnen: Vom Kleinwagen zur Waffe

Renault und die Drohne „Aarok“: Partnerschaft mit Turgis Gaillard markiert den Einstieg in die Rüstungsindustrie.

Renault und die Drohne „Aarok“: Partnerschaft mit Turgis Gaillard markiert den Einstieg in die Rüstungsindustrie.

- © Renault / Turgis Gaillard

Renault baut Autos. Kleinwagen. Elektroautos. Transporter. Doch bald baut der französische Konzern auch etwas anderes: Militärdrohnen – für Frankreichs Militär. Was zunächst wie ein ungewöhnlicher Schritt wirkt, ist in Wahrheit Teil einer größeren industriepolitischen Strategie. Denn der Einstieg in die Verteidigungsindustrie erfolgt nicht aus eigener Initiative allein: Das französische Verteidigungsministerium hat Renault offiziell darum gebeten, sein technisches Know-how in den Aufbau einer nationalen Drohnenindustrie einzubringen. Ziel ist es, die technologische Souveränität Frankreichs im Bereich unbemannter Systeme zu stärken.

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Renault wird Teil der Militärstrategie Frankreichs

Gemeinsam mit dem Rüstungsunternehmen Turgis Gaillard arbeitet Renault am Projekt „Chorus“. Koordiniert wird es unter Aufsicht der französischen Rüstungsbeschaffungsbehörde DGA. In Le Mans, wo Renault bislang Fahrzeugtechnik und Fahrgestelle produziert, sollen künftig auch unbemannte Systeme montiert werden. Renault liefert dabei nicht die militärische Ausrüstung. Sondern das, was der Konzern seit Jahrzehnten beherrscht: Industrialisierung und Serienproduktion. Die militärische Technologie kommt von Turgis Gaillard und dem Militär selbst.

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Doch das Projekt geht deutlich weiter, als zunächst angenommen. Wie die französische Wirtschaftszeitung „Les Échos“ berichtet, handelt es sich um die Entwicklung sogenannter „ferngesteuerter Langstreckenmunition“. Systeme also, die sowohl offensiv eingesetzt werden können als auch für Aufklärungs- und Beobachtungsmissionen geeignet sind. Damit bewegt sich Renault direkt in einem der dynamischsten Bereiche moderner Kriegsführung.

Renault-Werk in Le Mans: Hier sollen künftig auch Militärdrohnen produziert werden.

- © Renault

600 Drohnen pro Monat: Renault setzt auf Massenproduktion

Und das ist kein symbolischer Einstieg. Geplant ist eine Produktion von rund 600 Einheiten pro Monat – ein Volumen, das nur mit hochautomatisierter und skalierbarer Fertigung erreichbar ist. Genau hier liegt Renaults Rolle: industrielle Exzellenz, effiziente Prozesse und Serienfähigkeit.

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Details zur konkreten Ausgestaltung hält der Konzern zwar noch zurück. Doch Renault betont ausdrücklich seine Erfahrung in der Konzeption, Industrialisierung und Serienfertigung komplexer technologischer Produkte – unter strengen Anforderungen an Qualität, Kosten und Zeit. Ein Autobauer, der plötzlich Drohnen in Serie denkt.

Ein Milliardenmarkt: Warum Drohnen für Renault so wichtig werden

Finanziell beginnt das Projekt vergleichsweise überschaubar: Der Einstieg liegt bei rund 35 Millionen Euro. Doch die Perspektive ist deutlich größer. Über einen Zeitraum von zehn Jahren könnte das Gesamtvolumen auf bis zu eine Milliarde Euro anwachsen.

Für Renault ist das mehr als ein Zusatzgeschäft. Es ist ein Schritt zur Diversifizierung – in einer Phase, in der sich die Automobilindustrie grundlegend verändert: Elektromobilität, neue Mobilitätskonzepte und steigender Wettbewerbsdruck setzen klassische Geschäftsmodelle unter Druck. Die Verteidigungsindustrie bietet hier etwas, das die Autoindustrie zunehmend vermissen lässt: planbare Nachfrage, staatliche Aufträge und langfristige Programme.

Der Drohnen-Partner hinter Renaults Einstieg

Turgis Gaillard bringt die militärische Expertise in die Partnerschaft ein. Das Unternehmen ist unter anderem für die Entwicklung der Drohne „Aarok“ bekannt, die 2023 auf der Rüstungsmesse Eurosatory vorgestellt wurde. Die „Aarok“ steht exemplarisch für die technologische Richtung des Projekts: ein unbemanntes Luftfahrtsystem mit über 20 Metern Spannweite, einer Flugdauer von bis zu 24 Stunden und der Fähigkeit, verschiedenste Sensoren und Nutzlasten zu tragen. Solche Systeme können sowohl militärisch als auch zivil eingesetzt werden – etwa zur Grenzüberwachung, Katastrophenhilfe oder Gefechtsaufklärung.

Vom Autobauer in die Rüstungsindustrie: begehrtes Know-how zur Konzeption, Industrialisierung und Serienfertigung hochtechnologischer Objekte

- © Geneva International Motor Show

Warum Frankreich jetzt auf eigene Drohnen setzt

Renaults Einstieg ist Teil einer größeren geopolitischen Entwicklung. Frankreich treibt den Aufbau einer eigenen Drohnenindustrie gezielt voran, um Abhängigkeiten von ausländischen Technologien zu reduzieren – insbesondere aus den USA, Israel oder China. Im Rahmen der 2024 gestarteten „Loi de programmation militaire“ investiert das Land massiv in die Modernisierung seiner Streitkräfte und in Schlüsseltechnologien.

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Renault wird dabei ausdrücklich als industrieller Partner gesehen. Der Konzern selbst formuliert seine Rolle entsprechend deutlich: „Wir stellen unser industrielles und technologisches Know-how in den Dienst der Verteidigungsfähigkeit unseres Landes.“

Stark im Geschäft: So steht Renault wirtschaftlich da

Parallel dazu steht Renault wirtschaftlich stabil da – zumindest operativ. Zwischen 2023 und 2025 stieg der Umsatz von 52,4 auf 57,9 Milliarden Euro. Der Absatz wuchs von 2,24 auf 2,34 Millionen Fahrzeuge. Die operative Marge lag 2025 bei 6,3 Prozent – deutlich über vielen europäischen Wettbewerbern. Volkswagen etwa kam im selben Zeitraum auf 2,8 Prozent. Renault verdient also pro Auto mehr als viele größere Konkurrenten – und das im Massenmarkt, nicht im Premiumsegment.

Milliardenverlust – aber die Zahlen täuschen

Trotzdem wies Renault zuletzt einen Nettoverlust von fast 11 Milliarden Euro aus. Das klingt nach Absturz. Ist aber nur die halbe Wahrheit. Der Hauptgrund liegt in der Neubewertung der Nissan-Beteiligung, die allein 9,3 Milliarden Euro ausmachte. Bereinigt lag das Nettoergebnis bei 715 Millionen Euro.

Operativ ist Renault also deutlich stabiler, als es die Bilanz vermuten lässt. Nissan bleibt dabei ein zweischneidiges Schwert: Belastung in der Bilanz – aber gleichzeitig ein zentraler Partner für Skalierung, Auslastung und internationale Präsenz.

Renault setzt auf Effizienz statt Größe

Seit Sommer 2025 führt CEO François Provost den Konzern – mit einem klaren Fokus: Geschwindigkeit, Effizienz und Kostenkontrolle. Bis 2030 will Renault 36 neue Modelle auf den Markt bringen, darunter 16 vollelektrische. Gleichzeitig sollen:

  • Produktionskosten um 20 Prozent sinken
  • Bauteile pro Fahrzeug um 30 Prozent reduziert werden
  • 350 humanoide Roboter eingesetzt werden
  • KI die Stillstandszeiten halbieren

Der Ansatz ist klar: Wenn Renault nicht die Größe der globalen Giganten hat, muss es beweglicher sein.

Diese Partner treiben Renaults Strategie voran

Renault setzt deshalb konsequent auf Kooperationen: Mit Geely im Joint Venture „Horse“ für Antriebstechnologien. Mit Ford für zusätzliche Stückzahlen auf bestehenden Plattformen. Mit Google und Qualcomm für Software, KI und digitale Systeme. Die Strategie dahinter: Nicht alles selbst machen. Nicht überall gewinnen wollen. Sondern gezielt skalieren, wo es möglich ist.

Warum Renault jetzt auf Drohnen setzt

Vor diesem Hintergrund wird auch der Einstieg in die Drohnenproduktion logisch. Renault will nicht nur Autos effizienter bauen. Der Konzern will seine industrielle Kompetenz neu definieren – unabhängig vom Produkt. Ob Fahrzeug oder Drohne spielt dabei eine untergeordnete Rolle. Entscheidend ist die Fähigkeit, komplexe Technologie schnell, kosteneffizient und in großen Stückzahlen zu produzieren.

Und genau das ist Renaults eigentliche Stärke. Vielleicht ist genau das der Kern der Transformation:
Nicht mehr nur Autobauer zu sein. Sondern ein Industriekonzern, der Serienproduktion neu denkt.