Mercedes-Benz Sparkurs : Mercedes-Benz: Führt die 40-Stunden-Woche durch die Hintertür zum Stellenabbau?

Montage des Mercedes Sterns in einer Werkshalle

Mercedes-Benz will die Kosten in Deutschland senken – doch die Debatte um die 40-Stunden-Woche wird zur Jobfrage.

- © Mercedes Benz

Bei Mercedes-Benz zeichnet sich ein harter Konflikt um Arbeitszeit und Arbeitskosten in Deutschland ab. Der Vorstand hat angekündigt, dass Beschäftigte künftig mehr leisten sollen, ohne entsprechend mehr zu verdienen. In einem Schreiben an die deutsche Belegschaft formulierte die Konzernführung Ende Juni unmissverständlich: „Wir sollten in allen Bereichen für das gleiche Geld mehr arbeiten.“ Zugleich erklärte Mercedes, die Arbeitsstunde in Deutschland müsse günstiger werden. Im Zentrum der Debatte steht damit die tarifliche 35-Stunden-Woche und die Forderung nach einer Rückkehr zu 40 Wochenstunden ohne Lohnausgleich.

Allerdings ist wichtig: Eine flächendeckende 40-Stunden-Woche ist bei Mercedes bislang nicht beschlossen. Die rund 108.000 Beschäftigten, die Ende 2025 für Mercedes in Deutschland arbeiteten, sind zudem nicht sämtlich in identischen Arbeitszeitmodellen beschäftigt. Für tarifgebundene Beschäftigte der Metall- und Elektroindustrie gilt grundsätzlich die 35-Stunden-Woche. Der Konzern kann diesen Tarifstandard nicht einfach per Vorstandsbeschluss für alle abschaffen.

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Mehr Arbeit, gleicher Lohn: Was die 40-Stunden-Woche für Mercedes-Beschäftigte bedeuten würde

Rechnerisch wäre der Einschnitt erheblich. Eine Erhöhung von 35 auf 40 Stunden bedeutet rund 14,3 Prozent mehr Wochenarbeitszeit. Bleibt das Monatsentgelt unverändert, sinkt die Vergütung je Arbeitsstunde rechnerisch um 12,5 Prozent. Besonders brisant wird die Arbeitszeitdebatte durch eine Vereinbarung, die Mercedes-Benz und Gesamtbetriebsrat erst 2025 geschlossen haben. Damals wurde die Beschäftigungssicherung verlängert. Betriebsbedingte Kündigungen sind grundsätzlich bis Ende 2034 ausgeschlossen. Mercedes bezeichnet diese Regelung als wichtigen Teil einer sozialverträglichen Transformation.

Für den Konzern entsteht dadurch jedoch eine besondere Situation: Soll die Zahl der Beschäftigten reduziert werden, stehen klassische betriebsbedingte Kündigungen als Instrument weitgehend nicht zur Verfügung.
Stattdessen setzte Mercedes im Rahmen seines Sparprogramms auf freiwillige Abfindungen. Dabei galt die sogenannte doppelte Freiwilligkeit: Ein Beschäftigter konnte nicht gegen seinen Willen zum Ausscheiden gezwungen werden. Umgekehrt musste aber auch Mercedes einer Trennung zustimmen. Wollte beispielsweise ein Spezialist mit wichtigem Know-how das Unternehmen verlassen, konnte der Konzern das Abfindungsangebot verweigern.

Mercedes-Benz will die Arbeitsstunde in Deutschland günstiger machen – Betriebsrat und IG Metall warnen vor Druck auf Beschäftigte und Standorte.

- © Mercedes Benz

Mercedes-Abfindungen: Warum freiwilliger Stellenabbau an Grenzen stößt

Das Programm richtete sich vor allem an Beschäftigte außerhalb der direkten Produktion, etwa in Verwaltung, Entwicklung und IT. Rund 40.000 Beschäftigte sollen ein Angebot erhalten haben. Zwischen April 2025 und Ende März 2026 verließen etwa 5.500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Mercedes mit einer Abfindung. Die Zahl war zunächst aus Konzernkreisen bekannt geworden und wurde später auch von Mercedes gegenüber der dpa genannt. Das Programm lief Ende März 2026 aus.

Teilweise waren die angebotenen Summen außergewöhnlich hoch. Das Handelsblatt berichtete bereits 2025 über mögliche Abfindungen von mehr als 500.000 Euro für langjährig Beschäftigte mit entsprechend hohem Gehalt und langer Betriebszugehörigkeit. Mercedes selbst veröffentlichte die individuellen Konditionen nicht.

Mercedes-Sparkurs: Fünf Milliarden Euro Druck auf Kosten, Jobs und Standorte

Hinter den Maßnahmen steht das Programm „Next Level Performance“. Mercedes will bis Ende 2027 seine Kosten dauerhaft um rund fünf Milliarden Euro reduzieren. Noch im Dezember 2025 bestätigte der Konzern, an diesem Zeitplan festzuhalten. Nach Informationen des Handelsblatts soll rund eine Milliarde Euro durch niedrigere Personalausgaben eingespart werden.

Dass der Vorstand auf die Kosten drängt, lässt sich auch mit den Geschäftszahlen erklären. Das Konzernergebnis sank 2025 von 10,4 Milliarden Euro auf 5,33 Milliarden Euro und damit um knapp 49 Prozent. Der Umsatz ging von 145,6 auf 132,2 Milliarden Euro zurück. Mercedes nennt unter anderem den intensiven Wettbewerb in China, Zölle, Wechselkurseffekte und niedrigere Verkaufszahlen als Belastungsfaktoren.

Die jüngsten Zahlen zeigen allerdings ein differenzierteres Bild. Im zweiten Quartal 2026 stieg das Konzernergebnis gegenüber dem Vorjahresquartal um 13,5 Prozent auf knapp 1,09 Milliarden Euro. Im gesamten ersten Halbjahr lag der Gewinn mit 2,52 Milliarden Euro dagegen weiterhin 6,3 Prozent unter dem Vorjahreswert. Besonders unter Druck steht das Pkw-Geschäft: Das berichtete EBIT von Mercedes-Benz Cars brach im zweiten Quartal auf lediglich 49 Millionen Euro ein. Gleichzeitig legte der Absatz vollelektrischer Pkw deutlich zu. Mercedes erwartet wegen des schwierigen Marktumfelds in China inzwischen für 2026 einen Pkw-Absatz leicht unter dem Vorjahresniveau.

Verdeckter Stellenabbau bei Mercedes-Benz? Warum die 40-Stunden-Woche diese Frage auslöst

Genau hier beginnt die umstrittene Frage: Dient die Verlängerung der Arbeitszeit ausschließlich dazu, die Kosten je Arbeitsstunde zu senken – oder könnte sie zugleich dazu beitragen, Beschäftigte freiwillig zum Verlassen des Konzerns zu bewegen?

Für Letzteres gibt es keinen Beleg aus Unternehmensunterlagen und keine entsprechende Aussage des Mercedes-Vorstands. Es wäre deshalb falsch, einen gezielten Verdrängungsplan als Tatsache darzustellen.
Die Vermutung entsteht allerdings aus der Kombination mehrerer Entwicklungen. Mercedes will seine Personalkosten reduzieren, betriebsbedingte Kündigungen sind bis Ende 2034 grundsätzlich ausgeschlossen, das große Abfindungsprogramm ist beendet und die Konzernführung fordert nun deutlich längere Arbeitszeiten für das gleiche Entgelt.

Auch die IG Metall bringt diesen Zusammenhang ausdrücklich ins Spiel. Die IG Metall Baden-Württemberg vertritt in einer aktuellen Stellungnahme zur Lage der Autoindustrie die Auffassung, Forderungen nach Abschaffung der 35-Stunden-Woche könnten auch dazu dienen, Beschäftigte zu Eigenkündigungen zu bewegen und gleichzeitig Druck auf Tarifverhandlungen auszuüben. Das ist allerdings die Bewertung der Gewerkschaft – kein nachgewiesenes Motiv von Mercedes-Benz.

Offiziell argumentiert Mercedes mit der internationalen Wettbewerbsfähigkeit. Unterstützung erhält der Vorstand dabei von Aufsichtsratschef Martin Brudermüller. Der frühere BASF-Chef erklärte im Juni, Deutschland habe gegenüber wichtigen Wettbewerbern keinen ausreichenden Produktivitätsvorteil mehr. Es gebe letztlich zwei Stellschrauben: niedrigere Gehälter oder längere Arbeitszeiten bei gleichem Gehalt. Gehaltskürzungen halte er praktisch für nicht zumutbar, weshalb er sich dafür aussprach, eine Rückkehr zur 40-Stunden-Woche ernsthaft zu diskutieren.

Martin Brudermüller hält eine Rückkehr zur 40-Stunden-Woche bei Mercedes-Benz für diskussionswürdig – als Alternative zu niedrigeren Gehältern.

- © Mercedes Benz

IG Metall gegen Mercedes-Benz: Zehntausende protestieren gegen die 40-Stunden-Woche

Der Widerstand gegen die Arbeitszeitpläne ist inzwischen erheblich. Am 3. Juli 2026 fanden an zahlreichen Mercedes-Standorten Protestaktionen statt. Nach Angaben der IG Metall beteiligten sich bundesweit mehr als 33.000 Beschäftigte. Mercedes selbst nannte eine deutlich niedrigere Zahl von rund 16.000 Teilnehmern. Allein in Sindelfingen sprach die IG Metall von etwa 20.000 Demonstrierenden.

Die Gewerkschaft lehnt insbesondere eine Verlängerung der Arbeitszeit ohne finanziellen Ausgleich ab. Der Gesamtbetriebsrat argumentiert zudem, längere Arbeitszeiten seien angesichts teilweise geringer Auslastung deutscher Standorte kein überzeugendes Zukunftskonzept.

Zusätzlichen Unmut verursachte die Entscheidung von Mercedes, eine für Juli 2026 vorgesehene tarifliche Sonderzahlung für etwa 90.000 der rund 108.000 Beschäftigten in Deutschland auf das kommende Jahr zu verschieben. Dabei handelt es sich um den sogenannten Transformationsbaustein in Höhe von 18,4 Prozent eines individuellen Monatsentgelts.

Protest bei Mercedes-Benz: Beschäftigte wehren sich gegen längere Arbeitszeiten ohne Lohnausgleich und den Sparkurs des Autobauers.

- © IG Metall Stuttgart

Tarifrunde 2026: Warum Mercedes-Benz jetzt vor der großen Machtprobe steht

Der Zeitpunkt des Konflikts ist besonders sensibel. Im Herbst 2026 beginnt die nächste Tarifrunde der Metall- und Elektroindustrie. Die IG Metall will ihre endgültigen Forderungen am 22. September beschließen; die Verhandlungen sollen im Oktober beginnen. Beschäftigungs- und Standortsicherung gehören ausdrücklich zu den Themen, die derzeit diskutiert werden.

Damit ist die 40-Stunden-Woche bei Mercedes noch längst keine beschlossene Sache. Der Konzern will die Kosten je Arbeitsstunde deutlich senken und sieht längere Arbeitszeiten als möglichen Weg. Betriebsrat und IG Metall stellen sich dagegen.

Ob hinter dem Vorstoß zusätzlich die Hoffnung steht, dass schlechtere Arbeitsbedingungen die freiwillige Fluktuation erhöhen und damit weiteren Personalabbau erleichtern, kann derzeit nicht belegt werden. Der Zusammenhang ist angesichts von Beschäftigungsgarantie, beendetem Abfindungsprogramm und milliardenschwerem Sparziel nachvollziehbar Gegenstand der Debatte – er bleibt aber eine Interpretation.

Fest steht dagegen: Mercedes-Benz will seine Kostenbasis in Deutschland grundlegend verändern. Und nach dem Ende des großen Abfindungsprogramms dürfte die Frage, wie ein Unternehmen mit Kündigungsschutz bis 2034 gleichzeitig seine Personalkosten dauerhaft senkt, zu einem der zentralen Konfliktpunkte der kommenden Monate werden.

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