BYD Werk in Europa : BYD: Ein altes Buswerk könnte zum nächsten Pfeiler der Europa-Strategie werden
BYD baut seine Produktion in Europa aus. Nun hat Spitzenmanagerin Stella Li ein bestehendes Buswerk im italienischen Flumeri besichtigt – der Standort könnte in die Pläne des chinesischen Autobauers für weitere europäische Produktionskapazitäten passen.
- © FM Forum Industriemedien (KI-generiert)Der chinesische Fahrzeughersteller BYD intensiviert seine Suche nach weiteren Produktionskapazitäten in Europa. Dabei rückt nun auch Italien stärker in den Fokus. Nach Informationen der italienischen Wirtschaftszeitung MF-Milano Finanza besuchte BYD-Executive-Vice-President Stella Li zuletzt das Menarini-Werk in Flumeri in der Provinz Avellino. Dem Bericht zufolge befindet sich die Prüfung noch in einem frühen Stadium. BYD selbst wollte sich gegenüber der Zeitung nicht zu einem möglichen Engagement am Standort äußern.
Dass der Besuch dennoch von größerer strategischer Bedeutung sein könnte, zeigen weitere Aussagen aus dem BYD-Management. Alfredo Altavilla, Sonderberater des Konzerns für Europa, erklärte am 16. September 2026 laut Reuters, dass BYD langfristig drei Fahrzeugmontagewerke und zusätzlich eine Batteriefabrik in Europa benötigen werde. Über den Standort eines zweiten Werks soll demnach bis Ende 2026 entschieden werden. Besonders interessant: BYD möchte hierfür nach Möglichkeit keine komplett neue Fabrik errichten, sondern eine bestehende Produktionsanlage übernehmen und modernisieren. Damit passt Flumeri grundsätzlich in das von BYD beschriebene Suchprofil.
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BYD in Flumeri: Warum das Menarini-Werk interessant ist
Das Werk in Flumeri gehört zu Menarini, dem traditionsreichen italienischen Hersteller von Stadt- und Überlandbussen. Das Unternehmen firmierte zuvor als Industria Italiana Autobus. Im Juli 2024 übernahm der Industriekonzern Seri Industrial 98 Prozent der Gesellschaft; zwei Prozent verblieben bei der staatlichen Investitionsagentur Invitalia. Seri Industrial bezeichnet Menarini heute als wichtigen Bestandteil seiner Strategie rund um elektrische Mobilität und Batteriesysteme.
Menarini produziert Fahrzeuge mit unterschiedlichen Antriebstechnologien, darunter vollelektrische Busse sowie Modelle mit LNG- und CNG-Antrieb. Neben dem Standort Bologna verfügt das Unternehmen über die Produktionsstätte in Flumeri. Für einen möglichen Investor wie BYD liegt der Vorteil damit auf der Hand: Der Standort verfügt bereits über industrielle Infrastruktur und Erfahrung im Fahrzeugbau, insbesondere bei größeren Nutzfahrzeugen.
BYD in Italien: Welche Vorteile Flumeri als Standort bietet
Zusätzlich liegt Flumeri in Kampanien und damit innerhalb der italienischen Sonderwirtschaftszone „ZES Unica“. Diese umfasst seit Anfang 2024 mehrere Regionen im Süden Italiens, darunter Kampanien, Apulien, Kalabrien, Sizilien und Sardinien. Ziel der Regelung ist es, Unternehmensinvestitionen unter anderem durch vereinfachte Verwaltungsverfahren und wirtschaftliche Anreize zu erleichtern.
MF-Milano Finanza berichtet zudem von Kontakten zwischen BYD und der italienischen Regierung beziehungsweise dem Ministerium für Unternehmen und Made in Italy. Das Ministerium sei über Lis Besuch informiert gewesen. Eine Vereinbarung über eine Übernahme oder Investition wurde bislang jedoch nicht bekannt gegeben.
BYD Produktion in Europa: EU-Zölle beschleunigen den Ausbau
Die Standortsuche ist Teil einer wesentlich größeren Strategie. BYD möchte deutlich mehr Fahrzeuge direkt in oder nahe seinen europäischen Absatzmärkten produzieren. Ein wesentlicher Grund dafür sind neben kürzeren Lieferketten und dem Aufbau lokaler Strukturen auch die europäischen Handelsbarrieren für in China produzierte Elektroautos.
Auf batterieelektrische Pkw der BYD-Gruppe, die aus China in die Europäische Union eingeführt werden, gilt derzeit ein definitiver EU-Ausgleichszoll von 17 Prozent. Die entsprechende Regelung wurde Ende 2024 eingeführt und ist auch in der konsolidierten Fassung von Februar 2026 weiterhin enthalten.
BYD baut deshalb bereits eine Pkw-Produktion im ungarischen Szeged auf. Der Produktionsanlauf dort hat begonnen; nach Angaben von Stella Li soll die Massenproduktion 2027 erreicht werden. Das Werk bildet damit den ersten zentralen Pfeiler der europäischen Pkw-Produktion des Konzerns.
BYD-Werk in der Türkei auf Eis – Europa wird wichtiger
Ein ursprünglich ebenfalls wichtiger Bestandteil der europäischen Produktionsstrategie ist dagegen vorerst ins Stocken geraten. BYD hatte 2024 angekündigt, rund eine Milliarde US-Dollar in ein Werk im türkischen Manisa zu investieren. Geplant waren eine Kapazität von 150.000 Elektro- und Plug-in-Hybridfahrzeugen jährlich sowie bis zu 5.000 direkte Arbeitsplätze. Im Juni 2026 bestätigte Li jedoch, dass das Projekt vorerst auf Eis liegt und der Bau noch nicht begonnen habe. Das türkische Industrieministerium erklärte anschließend, die zugrunde liegende Investitionsvereinbarung und die Verpflichtungen des Unternehmens bestünden weiterhin.
Damit gewinnt die Suche nach einem zweiten Standort innerhalb Europas zusätzlich an Bedeutung.
BYD sucht neues Europa-Werk: Spanien, Frankreich, Deutschland und Italien im Rennen
Welche Länder am Ende tatsächlich in die engere Auswahl kommen, ist bislang nicht abschließend geklärt. MF-Milano Finanza nennt neben Italien auch Spanien und Deutschland als Kandidaten. Einen Tag später erklärte Altavilla laut Reuters dagegen, Spanien und Frankreich gehörten zu den bevorzugten Standorten für die Übernahme eines bestehenden Werks. Die unterschiedlichen Angaben zeigen, dass der Auswahlprozess offenbar noch nicht abgeschlossen ist.
Flumeri könnte dabei noch aus einem weiteren Grund interessant sein: BYD will seine europäischen Aktivitäten nicht auf Pkw beschränken. Auf der Nutzfahrzeugmesse IAA Transportation in Hannover kündigte Stella Li an, dass der Hersteller 2027 seinen ersten schweren Lkw auf den europäischen Markt bringen wolle. Langfristig strebe BYD auch in diesem Segment eine lokale Produktion an. Li formulierte dabei das Ziel, BYD zunehmend zu einem in Europa produzierenden Unternehmen zu machen.
Die bestehende Nutzfahrzeugkompetenz des Menarini-Standorts könnte deshalb grundsätzlich zu mehreren Geschäftsbereichen des chinesischen Konzerns passen. Ob dort tatsächlich Pkw, Nutzfahrzeuge oder Lkw von BYD gefertigt werden könnten, ist derzeit jedoch offen.
BYD wächst außerhalb Chinas – und verlagert Produktion nach Europa
Hinter der europäischen Expansion steht auch eine deutliche Verschiebung im Geschäft von BYD. Während der Wettbewerb auf dem chinesischen Heimatmarkt hoch bleibt, wächst der Absatz außerhalb Chinas schnell. Im August 2026 verkaufte der Konzern weltweit 440.293 Fahrzeuge, 17,8 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Besonders stark entwickelten sich die Auslandsauslieferungen: Sie stiegen nach Reuters-Angaben um 134,5 Prozent auf 189.466 Fahrzeuge. Im ersten Halbjahr 2026 erwirtschaftete BYD erstmals mehr Umsatz auf internationalen Märkten als in China.
Eine stärkere Lokalisierung der Produktion ist vor diesem Hintergrund ein logischer nächster Schritt. Sie könnte BYD nicht nur dabei helfen, Handelsbarrieren zu reduzieren, sondern auch Transportwege zu verkürzen, europäische Lieferketten aufzubauen und näher an seinen wachsenden Absatzmärkten zu produzieren.
Ob Flumeri tatsächlich Teil dieses Netzes wird, ist noch offen. Der Besuch von Stella Li allein ist keine Bestätigung einer Investitionsentscheidung. Zusammen mit der Suche nach einem bestehenden Werk, den Plänen für mehrere europäische Produktionsstandorte und BYDs wachsendem Nutzfahrzeuggeschäft zeigt er jedoch, dass Italien bei der nächsten Phase der Europa-Expansion zumindest ernsthaft geprüft wird. Die endgültige Entscheidung über den nächsten Produktionsstandort soll nach aktuellem Stand noch 2026 fallen.