Temu Shein AliExpress Umsatzrückgang : Temu, Shein und AliExpress: Der plötzliche Einbruch der China-Billigplattformen
Temu, Shein und AliExpress verlieren in Deutschland deutlich an Schwung: Neue Zollregeln setzen das Billigmodell der China-Plattformen unter Druck.
- © Bendix - stock.adobe.comDer Siegeszug chinesischer Billigplattformen schien lange unaufhaltsam. Mit extrem niedrigen Preisen, aggressiven Werbekampagnen und riesigen Produktsortimenten gewannen Temu, Shein und AliExpress Millionen Kunden. Doch inzwischen zeichnet sich eine überraschende Trendwende ab. Erstmals seit ihrem rasanten Aufstieg müssen die Anbieter in Deutschland erhebliche Umsatzverluste hinnehmen.
Nach aktuellen Zahlen des Bundesverbands E-Commerce und Versandhandel Deutschland (BEVH) erwirtschafteten die drei Plattformen im dritten Quartal 2026 zusammen nur noch 566 Millionen Euro. Das entspricht einem Rückgang von 35,5 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Ihr gemeinsamer Marktanteil schrumpfte von 5,3 Prozent im zweiten Quartal auf 3,1 Prozent.
Der Einbruch fällt besonders auf, weil der deutsche Onlinehandel insgesamt weiter wächst. Zwischen Juli und September stiegen die Umsätze nominal um 2,9 Prozent auf rund 18,5 Milliarden Euro. Allerdings bleibt das Wachstum hinter der Inflation zurück. Von einer nachhaltigen Erholung der gesamten Branche kann daher kaum gesprochen werden.
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3-Euro-Zoll auf China-Pakete: Warum Temu und Shein ihr Modell umbauen müssen
Als wesentlichen Grund für die Schwäche chinesischer Anbieter nennt der BEVH die verschärften europäischen Zollbestimmungen. Seit dem 1. Juli 2026 gilt die bisherige Zollbefreiung für Warenlieferungen aus Nicht-EU-Staaten mit einem Wert von höchstens 150 Euro nicht mehr.
Stattdessen wird für betroffene Kleinsendungen eine pauschale Abgabe von drei Euro je Warenkategorie beziehungsweise Zollposition erhoben. Die Regelung soll Wettbewerbsverzerrungen reduzieren und europäische Händler entlasten, die bislang mit besonders günstigen Direktimporten konkurrieren mussten.
Gerade bei Produkten, die nur wenige Euro kosten, können zusätzliche Abgaben erheblich ins Gewicht fallen. Das bisherige Geschäftsmodell vieler asiatischer Plattformen beruhte wesentlich darauf, günstige Artikel direkt aus China an europäische Verbraucher zu verschicken.
Die neuen Kosten erhöhen den Druck, Lieferketten anzupassen. Europäische Lagerstandorte und regionale Versandstrukturen könnten deshalb für chinesische Händler an Bedeutung gewinnen. Allerdings profitieren deutsche Wettbewerber bislang nicht automatisch von dieser Entwicklung. Wie der BEVH berichtet, schwächt der Rückgang asiatischer Billigimporte auch das Wachstum des Gesamtmarktes.
Österreich: Chinesische Billigplattformen weiterhin auf Erfolgskurs
In Österreich zeigt sich bislang ein anderes Bild als in Deutschland. Nach der aktuellen E-Commerce-Studie 2026 des Handelsverbands und der KMU Forschung Austria geben österreichische Konsumenten jährlich rund 1,3 Milliarden Euro bei chinesischen Onlineplattformen wie Temu, Shein und AliExpress aus. Das entspricht mehr als zehn Prozent der gesamten österreichischen Onlinehandelsausgaben, die 2026 auf 12,3 Milliarden Euro steigen sollen. Insgesamt fließen 47 Prozent der Onlineausgaben an ausländische Anbieter. Besonders bemerkenswert: Laut einer im September 2026 veröffentlichten Studie der Wirtschaftskammer Österreich erreichte Temu bereits 2025 einen Marktanteil von 5,6 Prozent und lag damit hinter Amazon (29,6 Prozent) auf Platz zwei der größten Onlinehändler des Landes – noch vor Zalando mit 5,5 Prozent.
Der Handelsverband warnt vor den wirtschaftlichen Folgen: Einer im August veröffentlichten Analyse zufolge entgehen dem österreichischen Handel durch die chinesischen Billigplattformen jährlich rund 570 Millionen Euro an Bruttoumsatz. Ob die seit Juli geltenden europäischen Zollverschärfungen auch in Österreich zu einem deutlichen Umsatzrückgang führen, lässt sich aus den bisher veröffentlichten Zahlen allerdings noch nicht ablesen.
Shein nach dem Börsengang: Warum der Fast-Fashion-Riese plötzlich schwächelt
Besonders schwierig gestaltet sich die Situation für den Modehändler Shein. Das Unternehmen, das am 1. September 2026 an die Hongkonger Börse ging, veröffentlichte Ende September enttäuschende Geschäftszahlen.
Im ersten Halbjahr sank das operative Ergebnis um 52,9 Prozent. Gleichzeitig wuchs der Umsatz lediglich um ein Prozent. Nach der Veröffentlichung fielen die Aktien auf ein Rekordtief. Steigende Kosten und eine nachlassende Nachfrage belasten damit nicht nur das Wachstum, sondern auch die Rentabilität des Unternehmens.
Die Entwicklung zeigt, wie anfällig Geschäftsmodelle sein können, die auf niedrigen Preisen und internationalem Direktversand beruhen. Bereits die Verschärfung der amerikanischen Einfuhrbestimmungen hatte den Druck auf chinesische Anbieter erhöht.
Dennoch wäre es voreilig, daraus einen dauerhaften Niedergang abzuleiten. Die Unternehmen verfügen weiterhin über internationale Lieferantennetzwerke, umfangreiche Kundendaten und erhebliche Erfahrung im digitalen Marketing. Entscheidend wird sein, wie schnell sie ihre Logistik und Preisgestaltung anpassen können.
TikTok Shop greift Temu und Shein an: Wie Social Commerce den Onlinehandel verändert
Während die etablierten Billigplattformen Marktanteile verlieren, wächst mit TikTok Shop ein neuer Wettbewerber heran. Seit dem 31. März 2025 können deutsche Nutzer Produkte direkt innerhalb der Video-App kaufen.
Das Konzept unterscheidet sich vom klassischen Onlinehandel: Produkte werden in Kurzvideos, Livestreams oder Beiträgen von Influencern präsentiert. Der Kauf erfolgt unmittelbar innerhalb der Anwendung. TikTok bezeichnet dieses Zusammenspiel von Unterhaltung und Einkaufen als „Discovery Commerce“.
Die bisherigen Ergebnisse deuten auf erhebliches Wachstum hin. Nach Angaben des Marktforschungsunternehmens NielsenIQ hatten bis Anfang März 2026 bereits mehr als 15 Prozent der erfassten deutschen Onlinekäufer mindestens einmal bei TikTok Shop bestellt. Im Umsatzranking erreichte die Plattform damals Platz 15.
Auch das Händlernetzwerk wächst. TikTok meldete im März mehr als 25.000 aktive Verkäufer in Deutschland. Nach Unternehmensangaben entstehen durchschnittlich 60 Prozent ihrer Umsätze durch Einkaufsvideos und Livestreams.
Allerdings zeigen die Daten zunächst vor allem eine zunehmende Nutzung. Ob sich daraus langfristig hohe Gewinne und eine führende Marktposition entwickeln, bleibt offen.
Nach dem Billigboom: Wie Zoll, Marktplätze und TikTok Shop den Onlinehandel verändern
Trotz des Rückschlags chinesischer Billiganbieter verändert sich die Wettbewerbslandschaft weiter. Besonders Online-Marktplätze bleiben erfolgreich: Laut BEVH steigerten sie ihre Umsätze im dritten Quartal um fünf Prozent. Klassische reine Onlineshops verzeichneten dagegen einen Rückgang von 0,8 Prozent.
Auch einzelne Produktbereiche entwickeln sich unterschiedlich. Während der Onlinehandel mit Medikamenten um 15,4 Prozent und mit Drogerieartikeln um 14,3 Prozent zulegte, gingen die Umsätze mit Elektronik und Telekommunikationsprodukten um 4,6 Prozent zurück.
Die Zahlen machen deutlich, dass der deutsche Onlinehandel keineswegs einheitlich wächst. Gleichzeitig zeigt der Einbruch bei Temu, Shein und AliExpress, wie stark politische Entscheidungen etablierte Geschäftsmodelle verändern können.
Für europäische Händler eröffnet das neue Chancen, garantiert ihnen aber noch keine zusätzlichen Kunden. Denn der Wettbewerb verschwindet nicht – er verändert lediglich seine Form. Während extrem günstige Direktimporte schwieriger werden, gewinnen neue Vertriebswege über soziale Netzwerke an Bedeutung.
Der Boom chinesischer Onlineplattformen ist damit nicht zwangsläufig beendet. Doch die Phase nahezu ungebremsten Wachstums scheint vorerst vorbei zu sein.