E-Commerce Fulfillment Supply Chain : EU gegen Temu: So reagiert der Billigriese auf die neuen Regeln

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Ab 1. Juli 2026 entfällt die Zollfreigrenze für Online-Bestellungen aus Drittländern in der Europäischen Union. Gleichzeitig führt die EU eine Paketabgabe für Sendungen aus Nicht-EU-Staaten ein und verschärft die Haftung von Onlineplattformen. Ziel ist es, den stark wachsenden Direktimport günstiger Waren aus Drittstaaten, vor allem aus China, stärker zu kontrollieren und gleiche Wettbewerbsbedingungen für europäische Händler zu schaffen.

Wie relevant diese Entwicklung inzwischen auch für Österreich ist, zeigen aktuelle Marktdaten. Nach Unternehmensangaben zählt Temu hierzulande rund 2,3 Millionen aktive Nutzer (Stand: Februar 2026). Laut aktueller E-Commerce-Studie des Handelsverbands entfallen bereits 1,3 Milliarden Euro der heimischen Online-Ausgaben auf chinesische Plattformen wie Temu, Shein und AliExpress. Insgesamt fließen 47 Prozent der österreichischen E-Commerce-Ausgaben an ausländische Anbieter.

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Temu setzt auf Partner statt auf eine eigene Logistik

Temu hat seinen Marktplatz nach eigenen Angaben bereits vor rund zwei Jahren für lokale Händler geöffnet. Ziel des sogenannten Local Seller Program sei es, regionale Verkäufer stärker einzubinden und sie mit lokalen Konsumentinnen und Konsumenten zu verbinden.

„Wir haben vor etwa zwei Jahren unseren Marktplatz geöffnet, um lokale Händler auf die Plattform zu holen und sie mit lokalen Konsumentinnen und Konsumenten zu verbinden“, erklärt ein Unternehmensvertreter gegenüber Dispo. Das Programm soll lokale Händler stärker einbinden und regionale Warenbestände ausbauen.

Nach Angaben des Unternehmens geht es dabei nicht nur um kürzere Lieferzeiten. Temu sieht das Local Seller Program auch als Möglichkeit, die Produktauswahl auf dem Marktplatz zu erweitern. Bestimmte Warengruppen ließen sich über klassische Direktversandmodelle nur eingeschränkt bedienen. „Es gibt Produkte, die stark von einer lokalen Abwicklung profitieren.“ Dazu zählen etwa größere Möbelstücke, Produkte mit regionaler Herkunft oder Warengruppen, bei denen Lieferzeit und Verfügbarkeit eine größere Rolle spielen. „Lokale Verkäufer bringen eine breitere Auswahl an Produkten auf die Plattform.“

Temu verfolgt dabei ein klares Ziel: „Wir haben das langfristige Ziel, innerhalb der EU auf 80 Prozent Fulfillment zu kommen.“

So verändert Temu seine Lieferkette

Bisher

  • Direktversand einzelner Pakete aus China
  • Zollabwicklung bei jeder einzelnen Sendung
  • Lange Transportwege
  • Hohe Zahl an Kleinsendungen

Künftig

  • Regionale Lager und Fulfillment-Center in Europa
  • Bündelung größerer Warenmengen vor dem Import
  • Distribution innerhalb Europas
  • Zusammenarbeit mit lokalen Logistikpartnern
  • Stärkere Einbindung europäischer Händler über das Local Seller Program

Partnernetzwerk statt eigener Logistik

Unter dem auf der Plattform ausgewiesenen „Local“-Tag fasst Temu unterschiedliche Modelle zusammen. Dazu gehören sowohl europäische Händler als auch Unternehmen außerhalb der EU, die ihre Waren über Lager oder Fulfillment-Center innerhalb Europas versenden. „Hier geht es auch um Nicht-EU-Händler, die ein Versandzentrum oder Fulfillment-Center in Europa haben und von dort versenden.“

Dabei setzt das Unternehmen nicht auf den Aufbau einer eigenen Logistik-Infrastruktur. „In Europa planen wir die Einführung einer von Temu unterstützten Logistik-Infrastruktur, die auch Partner-Fulfillment-Center umfassen kann, um unser Local-to-Local-Programm zu unterstützen.“ Der Ansatz sei partnerschaftlich angelegt. „Wir bauen ein Partnersystem auf.“

Nach Angaben des Unternehmens umfasst dieses Modell Lagerhaltung, Transport und Zustellung gleichermaßen. Temu greife dabei auf bestehende Dienstleister zurück und organisiere deren Einbindung entlang der Lieferkette. „Wir wollen nicht, dass lokale Logistikpartner aus dieser Wertschöpfungskette herausgeschnitten werden.“

Wie dieses Modell in der Praxis funktioniert, beschreibt Temu anhand eines Beispiels: Bestellt ein Kunde in Frankreich bei einem Händler in Deutschland, übernimmt ein nationaler Logistikdienstleister die Abholung, ein weiterer Partner den grenzüberschreitenden Transport und ein lokaler Anbieter die Zustellung im Zielland. „Dann sind in dem Fall drei verschiedene Logistikanbieter involviert. Temu arbeitet eng mit den verschiedenen Partnern zusammen, um die Logistikströme zu koordinieren und zu optimieren.“

Nach Angaben des Unternehmens wurden in den vergangenen Monaten bereits mehrere Memorandums of Understanding (MoUs) mit europäischen Logistikunternehmen geschlossen. Der Vorteil liege darin, auf bestehende Infrastruktur zurückzugreifen, anstatt parallele Strukturen aufzubauen. „Das ist eine existierende Infrastruktur, die so gewachsen ist und in den lokalen Märkten hervorragend funktioniert.“

Der Wettbewerb entscheidet sich in der Lieferkette

Für Rico Back, ehemaliger CEO der GLS Group und der Royal Mail und heutiger Managing Partner des Beraters SKR, werden die neuen EU-Regeln den Wettbewerb mit chinesischen Plattformen nicht grundsätzlich verändern und erklärt auch Temus neuen Zugang.

„Die zusätzlichen Zollabgaben und Gebühren verändern nicht den grundsätzlichen Preisunterschied zwischen Direktimporten aus China und europäischer Ware“, sagt Back. „Einzelversand wird aber unattraktiver, während gebündelte Warenströme – etwa über den Import größerer Mengen in EU-Lager mit anschließender Distribution innerhalb Europas – an Bedeutung gewinnen.“

Entscheidend sei deshalb weniger die Regulierung selbst als die Fähigkeit, Lieferketten rasch an neue Rahmenbedingungen anzupassen. Große Plattformen könnten ihre Netzwerke flexibler steuern und schneller auf neue Vorgaben reagieren. Kleinere Anbieter stünden zwar vor denselben regulatorischen Anforderungen, verfügten aber oft nicht über dieselben finanziellen und logistischen Möglichkeiten.

„Die Hoffnung, den Wettbewerb aus Fernost auszubremsen, wird sich nicht erfüllen“, sagt Back. „Die Warenströme verschwinden nicht, sie organisieren sich neu.“

Nach Einschätzung des Logistikexperten wird sich die Verlagerung von Direktimporten hin zu europäischen Distributionszentren in den kommenden Monaten weiter beschleunigen. „Die Verlagerung hin zu EU-naher Distribution wird sich ab Sommer noch deutlich beschleunigen“, so Back. „Warenströme folgen immer der effizientesten Logistikstruktur – und diese Struktur verschiebt sich gerade.“

Für Plattformen und Händler verändern die neuen Regelungen damit vor allem die Kosten- und Prozessstruktur. Zoll- und Steuerprozesse müssten künftig deutlich früher in die Lieferkette integriert werden, um Geschwindigkeit und Planbarkeit aufrechtzuerhalten. Versandmodelle mit direkter Zustellung aus China gerieten dadurch insbesondere bei Produkten mit geringen Margen unter Druck. Anbieter, die ihre Waren frühzeitig in europäische Lager bringen, könnten dagegen Skaleneffekte nutzen und ihre Logistik effizienter organisieren.

„Der Wettbewerb wird nicht durch Regulierung entschieden, sondern durch die Fähigkeit, Lieferketten schnell und effizient neu zu konfigurieren“, resümiert Back. „Wer seine Strukturen im Griff hat, bleibt wettbewerbsfähig – auch unter neuen Rahmenbedingungen.“