Urbaner Güterverkehr Straßenbahn : Güter-Bim Wien: Diese geniale Logistik-Vision war ihrer Zeit zu weit voraus
Die Güter-Bim im Mai 2005 am Hernalser Bahnhof: ein visionäres Pilotprojekt für emissionsarme City-Logistik auf Schienen.
- © Pressefoto VotavaIm Mai 2005 ratterte sie durch Wien – unter dem neugierigen Blick von Medien und Fachleuten: die Güter‑Bim. Was für viele Wienerinnen und Wiener anfangs wie eine nostalgische Reminiszenz an vergangene Zeiten wirkte, war tatsächlich Teil eines wissenschaftlich‑praktischen Pilotprojekts mit dem ambitionierten Ziel, den Güterverkehr im Stadtgebiet wieder auf die Straßenbahn zu bringen. Jahrzehnte nachdem dieser Verkehr aus der Stadt praktisch verschwunden war, sollte nun das bestehende Straßenbahnnetz der Bundeshauptstadt als emissionsarme, effiziente Verkehrs‑ und Lieferlösung für urbane Warenströme dienen.
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Stadtlogistik früher und heute: Als Straßenbahnen noch Waren lieferten
Gütertransport auf der Schiene war vor dem zweiten Weltkrieg in vielen europäischen Städten keine Seltenheit. Straßenbahnen dienten nicht nur dem Personentransport, sondern waren in zahlreichen Städten bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts auch als Güterbahnen im innerstädtischen Verkehr verbreitet. Sie lieferten Waren, Baumaterialien und Postsendungen aus und trugen so erheblich zur urbanen Wirtschaftsleistung bei.
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In Wien endete dieser gemischte Verkehr schon lange vor der zweiten Jahrtausendwende. Die zunehmende Dominanz des Lkw‑Verkehrs verdrängte schienengebundene Güterfahrten aus dem Straßenbild. Doch Anfang der 2000er‑Jahre rückten ökologische Verkehrsfragen und urbane Logistik neu in den Fokus wissenschaftlicher und politischer Diskussionen. Aus diesen Überlegungen heraus entstand im Bundesministerium für Verkehr, Innovation und Technologie (BMVIT) die Idee, den innerstädtischen Güterverkehr wieder auf die Schiene – konkret auf das Straßenbahnnetz – zu verlagern.
Straßenbahn statt Lieferwagen: Wie Wien City-Logistik neu erfinden wollte
Unter dem offiziellen Titel „Güterbeförderung im Stadtgebiet auf bestehender ÖPNV‑Infrastruktur“ wurde das Vorhaben im Rahmen der Programmschiene „Intelligente Infrastruktur“ gefördert. Ziel war es, technische, logistische und organisatorische Voraussetzungen zu untersuchen, die nötig wären, um einen schienengebundenen Güterverkehr im urbanen Umfeld mit dem regulären öffentlichen Personennahverkehr zu kombinieren. Dabei standen insbesondere zwei Aspekte im Mittelpunkt:
- Die technische und organisatorische Machbarkeit im gemischten Betrieb: Wie lässt sich der Gütertransport so integrieren, dass er nicht den laufenden Straßenbahn‑ und Autoverkehr behindert?
- Potenzielle Effizienz‑ und Umweltvorteile: Kann eine solche Lösung dazu beitragen, den Lastwagenverkehr in dicht besiedelten Innenstadtbereichen zu reduzieren und damit Emissionen und Verkehrsbelastung zu senken?
Die Grundidee war, städtische Logistik nachhaltiger zu gestalten: weniger Lkw‑Verkehr, geringere CO₂‑Emissionen und eine neue Dimension im urbanen Verkehrssystem, ohne hierfür ein komplett neues Schienennetz bauen zu müssen.
Öffentlichkeitswirksamer Testlauf: Als die Güter-Bim durch Wien rollte
Der Startschuss für das Projekt fiel im Sommer 2004. In einer ersten Phase wurde das ganze Straßenbahnnetz Wiens auf seine Tauglichkeit für Gütertransporte geprüft. Es galt herauszufinden, wie die vorhandene Infrastruktur – Schienen, Weichen, Fahrzeuge – auf die zusätzlichen Lasten durch Gütertransporte reagieren würde. Dabei wurde auch die Frage untersucht, ob eine direkte Verknüpfung zwischen Straßenbahnnetz und dem größeren Eisenbahnnetz der ÖBB möglich wäre.
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Im Mai 2005 begann dann der Demonstrationsbetrieb. Die erste Güter‑Bim fuhr öffentlichkeitswirksam über den Ring – ein Ereignis, das über die Fachwelt hinaus mediales Interesse weckte. Die Projektpartner, darunter die Wiener Linien, TINA Vienna, Vienna Consult und die Wiener Lokalbahnen AG, demonstrierten, wie innerstädtische Gütertransporte auf der Schiene möglich wären.
Praxistest Güter-Bim: Zwischen Fahrersitzen, Radreifen und Telematik
Für die Versuche wurde bestehendes Straßenbahnmaterial adaptiert: Ein Hilfstriebwagen vom Typ LH wurde zusammen mit einem speziell angepassten Anhänger des Typs sl1 eingesetzt. Dieser Anhänger wurde innerbetrieblich mit einer Plane versehen, um Waren transportieren zu können. Mit dieser Einheit wurden Bedarfsgüter wie Fahrersitze, Radreifen oder Batterien zwischen verschiedenen Betriebsbahnhöfen der Wiener Linien transportiert. Diese internen Transporte dienten als erste praktische Erprobung eines möglichen zukünftigen Stadtlogistiksystems.
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Parallel zu diesen Tests wurde auch das Zusammenspiel von Personen‑ und Güterverkehr im Straßenraum untersucht. Wie reagierte der Verkehr, wenn Güterzüge im gleichen Netz wie Personenzüge unterwegs waren? Welche Auswirkungen hatte das auf Streckenkapazitäten und auf die Sicherheit an Haltestellen? Diese Fragen waren zentral, da die meisten Gleise der Wiener Straßenbahn mitten durch den urbanen Straßenraum verlaufen und dort mit dem Autoverkehr um Raum konkurrieren.
Ein wichtiger weiterer Projektbestandteil war ab 1. Januar 2006 das Teilprojekt „GüterBim‑Telematik“. Hier ging es darum, die operative Vernetzung von Logistik‑, Bestell‑ und Betriebsleitsystemen zu untersuchen: Welche Systeme wären nötig, um Bestellungen, Tourenplanung und Einsatzsteuerung effizient zu koordinieren? Solche telematikgestützten Systeme gelten heute als zentral für moderne urbane Logistiklösungen.
Technisch machbar, wirtschaftlich gescheitert: Warum die Güter-Bim nicht blieb
Am 30. Juni 2007 endete das Projekt planmäßig. Die wissenschaftlich‑technischen Untersuchungen hatten wertvolle Erkenntnisse geliefert: Es zeigte sich, dass die technische Machbarkeit grundsätzlich gegeben ist, und es wurden wichtige Daten zu logistischen Prozessen im gemischten Betrieb gewonnen. Allerdings erwiesen sich die wirtschaftlichen Einsatzmöglichkeiten als nicht ausreichend überzeugend, um einen regulären oder kommerziellen Güterverkehr über das Straßenbahnnetz dauerhaft zu etablieren.
Insbesondere die Wettbewerbsfähigkeit im Vergleich zum klassischen Lkw‑Transport stellte sich als Herausforderung heraus. Während die technischen Hindernisse weitgehend lösbar waren, blieben wirtschaftliche, organisatorische und infrastrukturelle Hürden, die einen breiten Einsatz verhinderten. Zuladestationen beispielsweise könnten nicht flächendeckend und funktionell sinnvoll in den urbanen Raum integriert werden. Das erforderte zusätzliche Umschläge und logistische Komplexitäten, die Kosten und Zeitaufwand in die Höhe trieben.
In Fachkreisen wird die Güter‑Bim trotz ihres vergleichsweise kurzen Lebens als wertvolle Studie im Bereich urbane Logistik angesehen. Die gewonnenen Daten und Erfahrungen fließen in heutige Diskussionen über umweltfreundliche Lieferkonzepte ein. Konzepte wie City‑Logistik, urbane Verteilsysteme oder gar moderne Last‑Mile‑Strategien greifen vielfach auf ähnliche Ideen zurück: die Nutzung bestehender Schienennetze, ergänzt durch digitale Vernetzung und intelligente Verkehrsplanung.
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In anderen europäischen Städten werden ähnliche Ansätze weiterhin verfolgt – etwa die sogenannte CargoTram in Dresden oder ähnliche Projekte in Zürich, die ebenfalls Gütertransporte über Straßenbahnschienen testen oder im Einsatz haben. Diese Entwicklungen zeigen, dass das Thema auch über Wien hinaus relevant bleibt.
Lehrstück für morgen: Was wir aus der Güter-Bim lernen können
Die Geschichte der Wiener Güter‑Bim ist ein Beispiel dafür, wie visionäre Verkehrsideen praktisch erprobt werden – und wie komplex die Umsetzung solcher Ideen in einem realen urbanen Umfeld sein kann. Obwohl das Projekt nicht in einen dauerhaften Betrieb mündete, hat es wichtige Fragen aufgeworfen und Lösungsansätze beleuchtet, die für zukünftige urbane Logistikstrategien von Bedeutung sind. Gerade in Zeiten, in denen Städte verstärkt auf nachhaltige Verkehrskonzepte setzen, bleibt die Diskussion um emissionsarme, schienengebundene Gütertransportlösungen aktuell und inspirierend.