Kompakte Atomreaktoren für Industrie : Atomreaktoren für die Industrie: Hochtief setzt auf Mini-Meiler für Rolls-Royce
Die Small Modular Reactors (SMR), Mini-Reaktoren, sollen in Fabriken vormontiert und daher schneller und günstiger gebaut werden als herkömmliche Atomkraftwerke.
- © AA+W - stock.adobe.comDeutschlands größter Baukonzern Hochtief will gemeinsam mit dem US-Ingenieurdienstleister Amentum kleine Atomreaktoren für den britischen Industriekonzern Rolls-Royce errichten. Wie das Unternehmen aus Essen am Dienstag mitteilte, ist die Partnerschaft für Hochtief ein wichtiger Schritt, um seine Führungsrolle im internationalen Kernenergiemarkt auszubauen.
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Gemeinsam mit Amentum wird Hochtief das Baumanagement für sogenannte Small Modular Reactors (SMR) übernehmen. Die ersten Projekte sollen in Großbritannien und Tschechien umgesetzt werden. Ziel ist es, die Reaktoren in Fabriken vorzufertigen, um Bauzeiten zu verkürzen und die Kosten zu senken – ein Vorteil gegenüber klassischen Atomkraftwerken.
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Warum KI, Google und geopolitische Allianzen den Atomtrend antreiben
Großbritannien setzt bei der Entwicklung der SMR-Technologie auf enge Zusammenarbeit mit den USA. Ein zusätzlicher Treiber ist der steigende Strombedarf durch Rechenzentren für Künstliche Intelligenz. Unternehmen wie Google, eine Tochter des Alphabet-Konzerns, suchen verstärkt nach CO₂-freien Energiequellen – und entdecken dabei die Kernkraft neu für sich. SMR gelten aus Sicht der US-Regierung und der Atomindustrie als Schlüsseltechnologie, um den wachsenden Strombedarf in den USA zu decken – der erste Anstieg seit zwei Jahrzehnten.
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Die US-Regierung fördert die Entwicklung kleiner modularer Atomreaktoren (SMR) mit insgesamt bis zu 800 Millionen Dollar. Wie das Energieministerium im Dezember mitteilte, sollen der staatliche Energieversorger Tennessee Valley Authority (TVA) und das private Unternehmen Holtec jeweils bis zu 400 Millionen Dollar erhalten.
TVA plant, die Fördermittel für die Entwicklung eines Reaktors vom Typ BWRX-300 von GE Vernova Hitachi zu nutzen. Dieser soll am Standort Clinch River im Bundesstaat Tennessee entstehen. Holtec will mit der Förderung zwei SMR am eigenen Standort in Palisades, Michigan, realisieren.
Energie der Zukunft? Warum SMR weltweit Interesse wecken – und Proteste auch
Small Modular Reactors (SMR) sind kompakte Atomreaktoren, die im Vergleich zu herkömmlichen Kernkraftwerken deutlich kleiner und flexibler einsetzbar sind. Sie werden modular in Fabriken vorgefertigt und anschließend am Einsatzort montiert, was Bauzeit und Kosten reduziert. SMR sollen eine sichere, CO₂-freie Stromerzeugung ermöglichen und gelten als Ergänzung zu erneuerbaren Energien. Durch passive Sicherheitssysteme und geringere Leistung pro Einheit (typisch unter 300 Megawatt) wird ein höheres Sicherheitsniveau angestrebt. Der modulare Aufbau erlaubt zudem eine bedarfsgerechte Skalierung. Weltweit wecken sie Interesse – besonders für entlegene Regionen, industrielle Anwendungen oder als Ersatz alternder fossiler Kraftwerke.
Kritiker hinterfragen jedoch die Wirtschaftlichkeit von SMR, da trotz geringerer Baukosten pro Einheit der Strompreis oft höher ausfällt als bei großen Atomkraftwerken oder erneuerbaren Energien. Zudem ist die Entsorgungsfrage ungelöst: Auch kleine Reaktoren produzieren hochradioaktiven Abfall, dessen sichere Lagerung über Jahrtausende hinweg nicht abschließend geklärt ist. Einige Experten befürchten zudem, dass die weltweite Verbreitung vieler kleiner Reaktoren neue sicherheitspolitische Risiken birgt – etwa durch eine erhöhte Gefahr von Unfällen oder Proliferation. Schließlich warnen Umweltschutzorganisationen davor, dass der Fokus auf SMR von dringend notwendigen Investitionen in nachhaltige Energiequellen ablenken und die Energiewende verzögern könnte.
Nuklear-Comeback mit Geschichte: Hochtief bringt jahrzehntelange Atom-Expertise ins SMR-Projekt ein
„Das Rolls-Royce SMR-Programm ist ein Meilenstein für die globale Energiewende und ein prägender Moment für Hochtief“, erklärte Hochtief-Chef Juan Santamaría. Auch der spanische Mutterkonzern ACS wolle seine Position in der nuklearen Wertschöpfungskette und in der Energieinfrastruktur weiter ausbauen, hieß es.
Hochtief verfügt über langjährige Erfahrung im Nuklearsektor. In Deutschland war der Konzern am Bau von 13 Atomkraftwerken beteiligt. Heute übernimmt er auch Rückbauarbeiten, etwa am Standort Biblis in Hessen. Parallel dazu ist Hochtief weiterhin am Bau neuer Reaktoren beteiligt – unter anderem im tschechischen Temelin.