Welser Profile : Thomas Welser: „Es gibt Frontrunner für grünen Stahl“
Thomas Welser, CEO Welser Profile: „Das Thema Industriestrom ist eines der ganz großen.“
- © Welser ProfileINDUSTRIEMAGAZIN: Herr Welser, die europäische Stahlindustrie soll dekarbonisieren und zugleich international wettbewerbsfähig bleiben. Wie löst man diesen Widerspruch auf?
Thomas Welser: Die Transformation ist notwendig, aber die Rahmenbedingungen sind schwierig. Wir wollen in Europa Vorreiter sein, gleichzeitig ist der Markt vielfach noch nicht bereit, die Mehrkosten zu tragen.
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Dazu kommen hohe Stromkosten und infrastrukturelle Fragen. Deshalb greift die reine Förderdiskussion zu kurz. Wir haben vor allem ein Struktur- und Planbarkeitsthema.
Sie sprechen den Strompreis an. Wäre ein wettbewerbsfähiger Industriestrompreis derzeit einer der wichtigsten Hebel für Europas Industrie?
Welser: Das Thema Industriestrom ist aus meiner Sicht eines der ganz großen. Wenn es gelingt, hier in Europa mehr Planbarkeit und Sicherheit herzustellen, wäre viel gewonnen. Diskutiert wird auch über eine europäische Strom- beziehungsweise Energieunion. Das halte ich für einen sehr spannenden Ansatz.
CO2-reduzierter Stahl ist verfügbar kostet aber mehr. Wie groß ist die Bereitschaft Ihrer Kunden, diesen Aufpreis zu bezahlen?
Welser: Wir können sehr transparent zeigen, welcher Stahl wo verfügbar ist, welchen CO2-Fußabdruck er hat und was er kostet. Der Umstieg auf Grünen Stahl lässt sich damit effizient darstellen.
Von Grünem Stahl bis KI: Wie Welser Profile den Wandel aktiv mitgestaltet
Der Reality-Check ist aber: Grüner Stahl ist teuer, und der Markt ist derzeit nur in wenigen Fällen bereit, den Mehrpreis zu bezahlen. Es gibt Frontrunner, etwa in Teilen der Möbel-, Fenster- und Fassadenindustrie, aber das sind noch kleine Mengen.
Wie viel Gestaltungsmacht hat Welser Profile, wenn ein großer Teil des CO2-Fußabdrucks aus dem zugekauften Stahl kommt?
Welser: Wir sind ein Stück weit Beifahrer zwischen Stahlindustrie und Markt. Gestalten können wir trotzdem. Der größte Hebel liegt oft im Engineering: Produkte so zu designen, dass möglichst wenig Material eingesetzt wird und mehrere Funktionen in einem Profil zusammengeführt werden. Dazu kommen die Wahl des Stahls und die Kreislauffähigkeit. Stahl ist grundsätzlich sehr gut wiederverwertbar.
Mit dem Product-Carbon-Footprint-Kalkulator und den EPDs schaffen Sie mehr Transparenz. Was bringt das dem Kunden?
Welser: Transparenz ist für uns zentral. Wir können nachvollziehbar machen, welcher Stahl eingesetzt wurde und welche CO2-Informationen mit dem Produkt verbunden sind.
Mit CBAM, ESG-Vorgaben und weiteren Regeln steigt der regulatorische Aufwand ...
Welser: Wir versuchen, mit den Rahmenbedingungen bestmöglich umzugehen und unsere Interessen gemeinsam mit Kunden auch in Brüssel einzubringen. Problematisch wird es, wenn Schutzmechanismen nur einen Teil der Wertschöpfungskette erfassen. Wird Stahl in Europa geschützt, während Verarbeiter weiter mit fertigen Importprodukten konkurrieren, kann eine Schieflage entstehen: Der europäische Stahl wird teurer, Wettbewerbsprodukte kommen aber weiterhin in den Markt.
Wie konkret spürt die verarbeitende Industrie diesen Druck?
Welser: Wir sehen Anwendungen wie in der Solartechnik, bei denen ein fertiges Profil aus Asien am europäischen Hafen preislich ungefähr auf dem Niveau unserer Vormaterialkosten liegt. Unter solchen Bedingungen wird Wettbewerbsfähigkeit schwierig. Was für die Stahlhersteller eine Verbesserung sein kann, hilft den Verarbeitern nicht automatisch.
Reagieren Sie darauf mit stärkerer Internationalisierung?
Welser: Viele Kunden denken heute stärker „local for local“. Europa war lange sehr exportorientiert. Inzwischen wird intensiver diskutiert, welche Produkte auf welchem Kontinent hergestellt werden. Auch wir begleiten Kunden etwa in China oder Indien und unterstützen dort Produktionslösungen. Sie haben Transformation als „Dauerlauf“ bezeichnet.
Was mussten Sie als CEO anders machen, damit Veränderung tatsächlich stattfindet?
Welser: Transformation funktioniert nicht nur über Vorgaben. Wir beschäftigen uns intensiv mit der Haltung in der Organisation. Mit unseren Führungskräften arbeiten wir an Nachhaltigkeit, Veränderung und Verantwortung. Wenn die Grundhaltung stimmt, entstehen viele Initiativen aus der Organisation selbst, nicht weil die Geschäftsführung sie anordnet.
Springen wir zur KI: Wo schafft diese bei Welser Profile heute den größten Mehrwert?
Welser: Wir sprechen bewusst von „Mensch und KI“. Mit Lehrlingen genauso wie mit Führungskräften beschäftigen wir uns damit, wie integratives Arbeiten mit KI aussehen kann. Wer ausschließlich auf Effizienz schaut, riskiert, dass Fähigkeiten verloren gehen. Deshalb müssen wir die Möglichkeiten der Technologie und die Kompetenz des Menschen gemeinsam entwickeln.
Wo muss die Branche bis zum Steel Community Day 2027 entscheidend weiter sein?
Welser: Entscheidend ist mehr Planbarkeit – bei Energie, Transformation und regulatorischen Rahmenbedingungen. Eine europäische Energie- beziehungsweise Stromlösung könnte ein wichtiger Ansatz sein. Ohne wettbewerbsfähige und planbare Energiepreise wird die industrielle Transformation in Europa sehr schwer.
IN KOOPERATION MIT WELSER PROFILE
Steel Community Day 2027
Wann? 23. Juni 2027
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