Siemens, Lenze, Rittal, SMC : Konfigurieren gegen Programmieren: Der Machtwechsel in der Automatisierung
Nur ein Beispiel aus der Welt der Einfachautomation: RiLineX, die Systemplattform für 60-mm-Sammelschienen, wurde von Rittal herstellerneutral und offen ausgelegt. Sie lässt sich flexibel integrieren und erweitern.
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Die industrielle Automatisierung steht vor einem scheinbaren Widerspruch: Maschinen und Produktionsanlagen werden komplexer, gleichzeitig sollen Planung, Integration und Inbetriebnahme einfacher werden. Der Schlüssel liegt zunehmend darin, Komplexität nicht abzuschaffen, sondern sie durch Standards, Software und vorkonfigurierte Lösungen für den Anwender beherrschbar zu machen.
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Für Peter Sürig, Senior Vice President Corporate Portfolio & Industry Management bei Lenze, gewinnen dabei vor allem offene Kommunikationsstandards an Gewicht. OPC UA, EtherCAT, PROFINET oder EtherNet/IP erleichterten die Verbindung von Komponenten unterschiedlicher Hersteller und ermöglichten es, vorhandene Steuerungs- und Netzwerkstrukturen weiterzuverwenden. Gleichzeitig bleibe Flexibilität notwendig: „Moderne Antriebstechnik muss deshalb unterschiedliche Maschinen- und Anlagenkonzepte unterstützen.“ Modulare Feldbus- und Feedbacksysteme sollen Maschinenbauern ermöglichen, ihre Architektur an die jeweilige Anwendung anzupassen.
Ein wesentlicher Hebel liegt für Sürig im Engineering. Durchgängige Werkzeuge und vorbereitete Softwarebausteine sollen aus Programmieraufwand zunehmend Parametrierarbeit machen. Beim Drive-Based-Motion-Konzept von Lenze lasse sich die Inbetriebnahme von Regalbediengeräten nach Unternehmensangaben um bis zu 30 Prozent verkürzen, die FAST-Applikationssoftware könne den Engineering-Aufwand je nach Anwendung um bis zu 80 Prozent reduzieren. „Den größten Hebel bietet aus unserer Sicht das Zusammenspiel aus offenen Kommunikationsstandards, abgestimmten Systemarchitekturen und durchgängigen Engineering-Werkzeugen“, sagt Sürig.
Auch Siemens sieht Standardisierung nicht als Gegenmodell zur Individualisierung. „Standardisierung in der Technologie ermöglicht Individualisierung im Produkt“, sagt Heimo Heininger, Sales Specialist bei Siemens Österreich. Wiederverwendbare Softwarebausteine, einheitliche Datenmodelle und modulare Architekturen sollen die technische Basis schaffen, während die Differenzierung im Prozess-Know-how, in der Applikation und in der Software stattfindet. „Standardisierung bedeutet deshalb für mich nicht weniger Flexibilität. Richtig gemacht ist Standardisierung der Schlüssel zu mehr Flexibilität."
Engineering wird zur Konfiguration
Parallel dazu wandert Komplexität zunehmend in digitale Werkzeuge. Heininger verweist auf integriertes Engineering, digitale Zwillinge, virtuelle Inbetriebnahme und softwarebasierte Automatisierung. „Automatisierung ist deutlich einfacher geworden – obwohl die Aufgaben dahinter komplexer geworden sind.“ Mit Industrial AI komme nun ein weiterer Beschleuniger hinzu. Die Stoßrichtung: Anwender sollen künftig stärker beschreiben können, welches Ergebnis sie erreichen wollen, anstatt jedes technische Detail selbst beherrschen zu müssen. „Wir ersetzen nicht das Wissen des Ingenieurs – wir machen dieses Wissen skalierbar“, sagt Heininger.
Dass Einfachautomation weit über Steuerungssoftware hinausgeht, zeigt der Schaltschrank- und Infrastrukturbereich. Peter Hoffmann, Produktmanager Mechanik, Klimatisierung und Rittal Automation Systems bei Rittal, sieht den Markt „klar in Richtung Standardisierung mit hoher Flexibilität“. Modulare Systemplattformen und offene Architekturen sollen dafür sorgen, dass Unternehmen nicht für jede Anwendung bei null beginnen müssen. „Standardisierung ist kein Gegensatz zur Individualisierung, vielmehr schafft sie die Grundlage dafür, individuelle Lösungen wirtschaftlich und in hoher Qualität umzusetzen.“
Entscheidend ist dabei der durchgängige Datenfluss vom Engineering bis in die Fertigung. Hoffmann nennt die Verbindung von Eplan Engineering, Rittal Systemtechnik und automatisierter Fertigung als Beispiel. Besonders bei der Verdrahtung, die laut Rittal rund die Hälfte der Arbeitszeit im Schaltschrankbau beansprucht, liege erhebliches Automatisierungspotenzial. Mit dem Wire Terminal könne die Drahtverarbeitung je nach Modell um das 11- bis 15-Fache beschleunigt werden. Für die Qualifikation der Anwender formuliert Hoffmann ein pragmatisches Ziel: „So wenig wie möglich, soviel wie notwendig.“ Ganz ohne Fachwissen werde Automatisierung auch künftig nicht auskommen, digitale Werkzeuge und standardisierte Plattformen könnten den Einstieg jedoch deutlich vereinfachen.
Weniger Aufwand, mehr Transparenz
Einen ähnlichen Ansatz verfolgt SMC. Claudia Hödl, National Sales Director SMC Austria, sieht die Zukunft ebenfalls in einer Verbindung von Standards und kundenspezifischer Anpassung. „Je mehr sich wiederkehrende Aufgaben standardisieren lassen, desto mehr Engineering-Ressourcen bleiben für die Anwendungen, bei denen individuelle Lösungen wirklich gefragt sind.“ Dazu kommen digitale Konfiguratoren und Wireless-Technologien, die Verkabelungs- und Integrationsaufwand reduzieren können. Die in Korneuburg entwickelten eTools-Konfiguratoren führen Anwender etwa Schritt für Schritt zur passenden Wartungseinheit oder Ventilinsel und können die fertige Konfiguration direkt an das ERP-System übergeben.
Für Hödl muss Einfachautomation zugleich den wirtschaftlichen Betrieb berücksichtigen. Mit dem 4BAR-Factory-Konzept verweist SMC auf die Druckluftversorgung: Eine Reduktion des Systemdrucks von sechs auf vier bar könne nach Unternehmensangaben den Energieverbrauch um bis zu 16 Prozent senken. „Die Technologie soll Komplexität im Hintergrund beherrschen, nicht den Anwender damit belasten“, sagt Hödl. Einfacher werde Automatisierung daher nicht durch eine einzelne Technologie, sondern durch das Zusammenspiel von Standardisierung, Digitalisierung, Modularität und Energieeffizienz.
Plug & Produce als nächster Schritt
Auch Plug & Produce folgt dieser Logik. Wo Funktionen, Schnittstellen und Module klar definiert sind, lassen sich Einheiten bereits heute schneller integrieren oder austauschen. Der nächste Schritt führt von der bloßen Verbindung zur Selbstbeschreibung von Komponenten und Modulen: Systeme sollen zunehmend erkennen können, welche Funktion ein angeschlossenes Modul besitzt, welche Daten es liefert und wie es parametriert werden muss. Damit verschiebt sich das Engineering Schritt für Schritt von individueller Integrationsarbeit in Richtung Konfiguration. Einfachautomation bedeutet damit nicht weniger Technik – sondern mehr Technik, die dem Anwender ihre Komplexität abnimmt.