Humanoide Roboter : Humanoide Roboter: Der Kampf um die Arbeitskraft der Zukunft beginnt
Christian Tauber spricht beim Industriekongress 2026 über humanoide Robotik, physische AI und Europas Rolle in der nächsten Stufe der Automatisierung.
- © Matthias HeschlHumanoide Robotik rückt zunehmend aus Forschungslaboren und Messehallen in Richtung industrieller Praxis. Während klassische Automatisierung seit Jahrzehnten klar definierte Aufgaben übernimmt, versprechen humanoide Systeme mehr Flexibilität in Umgebungen, die ursprünglich für Menschen gestaltet wurden. Gerade dort, wo starre Anlagen wirtschaftlich oder technisch an Grenzen stoßen, eröffnen sich neue Möglichkeiten. Noch stehen viele Anwendungen am Anfang, doch die Dynamik ist hoch: sinkende Hardwarekosten, Fortschritte bei künstlicher Intelligenz und wachsendes Interesse der Industrie treiben die Entwicklung voran. Entscheidend wird sein, wie gut sich diese Systeme sicher, verlässlich und sinnvoll in bestehende Prozesse integrieren lassen.
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Humanoide Roboter: Europas Chance im KI-Wettlauf der Industrie
Rudolf Loidl:
Herr Tauber, wird humanoide Robotik klassische Automatisierungslösungen verdrängen?
Christian Tauber:
Nein, ganz im Gegenteil. Humanoide Robotik wird klassische Automatisierungslösungen ergänzen. Dort, wo industrielle Automatisierung heute eingesetzt wird, macht sie extrem viel Sinn und ist sehr gut erprobt.
Gleichzeitig sehen wir, dass etwa im AMR-Bereich bereits autonomere Lösungen Einzug gehalten haben. Es gibt aber weiterhin Bereiche, in denen sich klassische Automatisierung ab einem bestimmten Punkt nicht mehr lohnt. Genau dort setzt physische AI – in ihrer generalisiertesten Form die humanoide Robotik – an. Sie kann diese Lücke schließen und einen höheren Automatisierungsgrad ermöglichen.
Der Einsatz beginnt derzeit vor allem in Industrie, Logistik und kritischer Infrastruktur. Humanoide Robotik wird aber auch in viele andere Bereiche Einzug halten. Bis 2030 sollen weltweit mehr als 500.000 humanoide Roboter im Einsatz sein. Bis 2040 spricht die Marktforschung von 200 bis 300 Millionen humanoiden Robotern. Neben digitaler AI und physischer AI ist humanoide Robotik eines der disruptivsten Themen dieses Jahrhunderts.
Rudolf Loidl:
Was können solche Systeme heute nachweislich schon? Und wo liegen die Limitationen?
Christian Tauber:
Was wir aktuell mit Industriekunden pilotieren, sind erste repetitive, auch gröber mechanische Tätigkeiten. Klassische Beispiele sind Maschinenbestückung oder Pick-and-Place-Anwendungen.
Aktuell gibt es sehr viel Entwicklung – sowohl in der Robotik selbst als auch bei den Händen. Dadurch werden feinmotorischere Tätigkeiten in den nächsten Jahren stärker zur Realität werden.
Man muss hier unterscheiden: Kurzfristig befinden wir uns bei humanoider Robotik noch stark in der innovativen Einführung und Pilotierung. Da ist der ROI nicht immer sofort der zentrale Punkt. Mittel- und langfristig wird er aber sehr wohl relevant.
Spannend ist, dass die Stückkosten drastisch sinken. Aktuell liegen viele Roboter noch bei rund 100.000 Euro aufwärts. Die Preise gehen aber rasant nach unten, auch deutlich unter 50.000 Euro für eine Maschine. Diese Maschine muss dann natürlich – wie jede Maschine – entsprechend ausgelastet werden. Sie kann aber de facto rund um die Uhr tätig sein, was gerade im Dreischichtbetrieb sehr spannend ist.
Die Erwartung ist, dass man im Vollkostenbereich bei etwa 10 Euro pro Stunde landen wird. Roland Berger hat vor zwei Monaten sogar die Zahl von 2 Euro genannt. Das halte ich für ein sportliches Unterfangen. Aber selbst 10 bis 15 Euro pro Stunde wären eine sehr interessante Möglichkeit für die Finanzierung solcher Anwendungen.
Rudolf Loidl:
Wo steht Europa bei diesem Thema?
Christian Tauber:
Ich war Anfang der Woche in Chicago auf der Automate Show. Dort konnte man sehr gut sehen, wie die Leistungsschau rund um humanoide Robotik derzeit aussieht – mit amerikanischen und chinesischen Anbietern.
Man muss grundsätzlich zwischen zwei Ebenen unterscheiden. Die eine ist die Hardware-Schicht. Diese wird derzeit sehr stark von China getrieben. Auch die Amerikaner sind stark, und glücklicherweise gibt es auch einige europäische Unternehmen, die Hardware entwickeln.
Das zweite Thema ist AI. Die braucht es, um dem Roboter ein Verständnis der Welt mitzugeben. Auch hier sind die Amerikaner sehr stark.
Der Punkt, an dem Europa besonders spannend ist, liegt im Prozess- und Sicherheitsverständnis. Es geht darum, wo und wie wir humanoide Robotik tatsächlich in die Umsetzung bekommen. Genau dort liegt ein Sweet Spot für Europa.
Automatisierung mit KI: Warum klassische Roboter nicht alles lösen
Rudolf Loidl:
Was kann Neoalp besser als andere Anbieter oder Konkurrenten?
Christian Tauber:
Wir bei Neoalp bauen keinen eigenen humanoiden Roboter. Wir sagen vielmehr: Die Frage, welcher Roboter der beste ist, ist aktuell eigentlich die falsche Frage.
Es gibt derzeit weltweit über 250 Unternehmen, die humanoide Roboter entwickeln. Die spannende Frage ist daher nicht nur, welcher Roboter sich durchsetzt, sondern wie man sich jetzt mit dem Einsatz beschäftigt und die Prozesse vorbereitet, damit man solche Roboter künftig sinnvoll integrieren kann.
Genau daran arbeiten wir: an Software und an der Fähigkeit, verschiedene humanoide Roboter in Zukunft souverän betreiben zu können. Der humanoide Roboter ist am Ende der Worker, der eine Aufgabe ausführt. Darüber braucht es aber eine Art Supervisor-Ebene, auf der festgelegt wird, was der Roboter darf, wie er sicher arbeitet und wie er an Drittsysteme angebunden wird.
Dieses Prozessverständnis und dieses Know-how haben wir in Europa.
Rudolf Loidl:
Wenn wir uns in fünf Jahren wieder treffen: Werden dann in Österreich schon humanoide Roboter in Unternehmen ausprobiert oder sogar betrieben?
Christian Tauber:
Ich habe es schon ein Stück weit skizziert: Das ist ein exponentieller Markt, der jetzt sehr stark wächst. Wir werden in fünf Jahren sicher nicht in jeder Anwendung humanoide Roboter sehen.
Ich bin aber überzeugt, dass wir – auch aufgrund der Aktivitäten, die derzeit bei vielen Industrieunternehmen rund um die Einführung laufen – Hunderte bis erste Tausende operative Ausrollungen sehen werden. Diese werden die Basis für eine breitere Verbreitung bilden, sowohl in der Industrie als auch in anderen Bereichen.
Mit größeren Stückzahlen, mehr Erfahrung und stärkerer Standardisierung wird die Technologie dann zunehmend in die Breite gehen – so, wie wir es auch bei anderen Technologieeinführungen gesehen haben.