ASML wurde nicht über Nacht zur Schlüsselfigur der Chipindustrie. Sie ist das Endprodukt einer Geschichte, die Jahrzehnte zurückreicht – voller Umwege, Fehleinschätzungen und Menschen, die jahrelang an etwas festhielten, das fast alle anderen längst abgeschrieben hatten.
Die Grundidee hinter dieser Technologie ist älter als ASML selbst. Sie entstand nicht in Konzernzentralen oder modernen Halbleiterwerken, sondern in japanischen Forschungslaboren der 1980er-Jahre – in einer Zeit, in der der Kalte Krieg noch die Richtung der Wissenschaft bestimmte.
Damals stellte sich der japanische Wissenschaftler Hiroo Kinoshita eine scheinbar absurde Frage: Was wäre, wenn man für die Chipherstellung Licht verwenden könnte, das so kurzwelllig ist, dass es von fast allem geschluckt wird?
Licht, das nicht durch Glas geht. Nicht durch Luft. Nicht einmal durch normale Linsen. Extreme Ultraviolette Strahlung – EUV. Der Gedanke dahinter war simpel: Je kürzer die Wellenlänge, desto kleiner lassen sich Strukturen abbilden – und desto leistungsfähiger werden Chips.
Die Idee war theoretisch brillant – praktisch jedoch ein Albtraum. Dieses Licht existiert auf der Erde kaum. Es lässt sich nicht bündeln wie Laserlicht. Es funktioniert nur im Vakuum. Und selbst dann braucht man Spiegel, deren Oberflächen so perfekt sein müssen, dass Abweichungen im Bereich einzelner Atome liegen.
Viele hielten das für eine akademische Spielerei. Andere für physikalisch unmöglich. Dennoch wurde geforscht. Vor allem in staatlichen Laboren in den USA, finanziert durch Militärbudgets des Kalten Krieges. Dort lernte man, wie man extrem energiereiches Licht erzeugt – und warum es fast unmöglich ist, es zu kontrollieren.
Doch mit dem Ende des Kalten Krieges änderte sich alles. Fördergelder versiegten. Programme wurden gestrichen. Projekte eingestellt.
Genau in dieser Phase entstand ein ungewöhnliches Bündnis: Der US-Staat ermutigte nationale Labore, mit privaten Unternehmen zusammenzuarbeiten – um die Forschung zu retten und wirtschaftlich nutzbar zu machen. Chipkonzerne wie Intel, AMD und Motorola investierten hunderte Millionen Dollar, um die Entwicklung weiterzuführen.
Im Jahr 2000 entstand daraus der erste funktionierende EUV-Prototyp: der sogenannte Engineering Test Stand. Doch wirtschaftlich war die Maschine noch immer unbrauchbar. Sie schaffte nur wenige Wafer pro Stunde. Für die Industrie war das viel zu langsam.
Nach und nach zogen sich die meisten amerikanischen Unternehmen aus dem EUV-Konsortium zurück. Die technischen Herausforderungen galten als zu groß, die Kosten als zu hoch. Übrig blieb schließlich nur ein einziges Unternehmen, das bereit war, weiterzugehen. Dieses Unternehmen war ASML.
>>> China-Exporte: Chipausrüster ASML unter politischem Druck